Hands-On: Eine Fliese ist eine Fliese ist keine Fliese

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Wer an einem neuen Produkt arbeitet, braucht Feedback aus seiner Zielgruppe. Topgres aus Minden und Classen Holz Kontor GmbH aus Kaisersesch lancieren eine neuartige Polymerfliese, die ihrer Schwester aus Keramik in nichts nachsteht – ganz im Gegenteil. Der Verbundstoff Ceramin Vario ist leichter zu verarbeiten; er ist robust, wasserfest, PVC-frei und hat eine geringere Dichte: Das spart Lagerfläche. Wir haben drei Berliner Architekten gefragt, was Ceramin kann.

Charlottenburg

Kurfürstendamm 67: Wer das Büro von CollignonArchitektur im Dorette-Haus (1954–56 von Heinrich Sobotka und Gustav Müller erbaut) betritt, wird erleuchtet: Ein ausgetüfteltes Lichtsystem bestimmt die innere Uhr der Mitarbeiter – es ist in Zusammenarbeit mit Licht Kunst Licht und dem Somnologen Dieter Kunz, Forscher für Schlaf- und Chronomedizin, entwickelt worden. Weil es überall hell und schneeweiß strahlt, fühlt man sich eher wie in einem Labor als in einem Architekturbüro. „Alles ist schwarz oder weiß – die Farbe kommt durch unsere Arbeit“, erklärt der Hausherr. Umso interessanter wird so Collignons Meinung zu dem Verbundstoff Ceramin. Hierbei handelt es sich um Polypropylen mit einem mineralischen Füller – also ein thermoplastischer Kunststoff, der aber nichts mehr mit PVC zu tun hat. Der Verbundstoff wird in Deutschland produziert, per Digitaldruck kann das Dekor für die Oberfläche gestaltet werden: Alles ist also möglich, wenn es das Budget hergibt, kann Ceramin Vario Marmor, Beton, Holz oder Linoleumflächen imitieren. „Also geht es bei dem Produkt eigentlich um das Material, und nicht darum, dass es so aussieht wie eine Fliese“, meint der Architekt und zeigt auf den Bodenbelag in seinem Büro aus warmgrauem, sanftglänzendem Linoleum – ob so etwas auch denkbar sei?

„Wir leben in einer Zeit, in der Holz aussieht wie Plastik – und Plastik sieht aus wie Holz“, sagt Collignon lächelnd – aber nicht ohne diesen durchdringenden Architekten-Blick, der über 20 Jahre Berufserfahrung für sich sprechen lässt. Der Einzelhandel sieht Ceramin als „spannende Alternative zur Fliese“, weil sich das Produkt relativ leicht auf vorhandene Fliesen kleben lässt. Ceramin ist kratzfester als Laminatboden, aber ebenso fußbodengeeignet – besonders in Bereichen, die eine hohe Frequenz an Mieterwechseln vorweisen. Die Optik ist variabel, Haptik und Glanzgrad der Oberfläche aktuell noch nicht veränderbar. Daran arbeite man aber. Für Architekten hingegen scheint ein ganz anderer Parameter wichtig zu sein: die Plattengröße. Drei Meter in der Länge müssen sein und nicht nur 2,50 Meter, diese Deckenhöhe, an der sich auch viele Fensterhersteller orientieren, ist Oliver Collignon eindeutig zu niedrig. Nicht nur im Berliner Altbau, auch im Neubau seien viele andere Produkte auf 2.50 abgestimmt, berichtet er: „Viel zu wenig!“ Im Wohnungsbau seien 2.60 Meter ein Minimum – „2.70 Meter sind besser, drei Meter optimal“, denn da habe man auch noch ein wenig Luft. Am Ende dieses Gesprächs steht also eine Zahl: Damit lässt sich weiterarbeiten.

Das Team von Eike Becker arbeitet in der 15. Etage des Tour Total. Foto: Anikka Bauer

Mitte

Jean-Monnet-Straße 2: Das Team von Eike Becker arbeitet hoch über Berlin. Die Architekten sind nach den langen Jahren in der 16. Etage des GSW-Hochhauses 2015 in den 15. Stock des Tour Total gezogen – also quasi aus einem „Sauerbruch Hutton“ in einen „Barkow Leibinger“. Von hier blicken Eike Becker_Architekten auf den BND, den Hamburger Bahnhof und das 50 Hertz, über den Hauptbahnhof zum Regierungsviertel bis zum Potsdamer Platz und die wachsende Europacity rund um das Gebiet Heidestraße.

Im Büro freut man sich bei Ceramin vor allem über die minimale Wandstärke der Verbundfliese, die sich übrigens komplett recyceln lässt – dafür wurde das Produkt mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. Der Innenarchitektin Gesa Miltner geht es bei eingesetzten Materialien aber auch stets um ihre „Wahrhaftigkeit“. Damit gemeint ist die Materialgerechtigkeit, die aufgrund der Hochwertigkeit und Strapazierfähigkeit eines Produkts immer eine entscheidende Rolle spielt. So würde sie den Verbundstoff Ceramin eher für den Ausbau von Hotelzimmern einsetzen, nicht aber in der Lobby.

„Wir arbeiten oft mit großen Hotelbetreibern wie Holiday Inn oder anderen“, sagt Eun Ji Cho, Wettbewerbsarchitektin im Team von Eike Becker. „Und die haben eigentlich schon alle Materialien ausgesucht. Wir als Architekten dürfen dann auch nur diese einsetzen – da gibt es ein festes Portfolio.“ Bei privaten Bauherren sei das natürlich anders. „Aktuell haben wir ein Projekt für studentisches Wohnen, bei dem gerade die Bemusterung stattfindet“, berichtet die Innenarchitektin Gesa Miltner. „Angesichts der hohen Frequenz von Ein- und Auszug sehe ich in diesem Fall solche Materialien klar im Vorteil.“ „So oder so“, meint Cho.  „Für uns ist es gut zu wissen, dass es Materialien gibt, die so einen minimalen Aufbau erlauben. Architekten müssen knapp planen.“

Kinzo sitzen seit diesem Jahr in einer Galerie in der ehemaligen Kochstraße 60. Nebenan kocht Tim Raue. Foto: Anikka Bauer

Kreuzberg

Rudi-Dutschke-Straße 26: Kinzo wächst und wächst, die Architekten brauchten neue Räume: Ihr aktuelles Zuhause haben die drei eng befreundeten Partner Karim El-Ishmawi, Martin Jacobs und Chris Middleton zum Jahreswechsel in einer Galerie in der einstigen Kochstraße 60 gefunden – jene Straße, die 2008 zu Ehren Rudi Dutschkes umbenannt wurde. Schon im Schaufenster zu sehen: die Kinzo-Materialbibliothek mit tausenden Mustern und Materialproben, mittendrin ein Konferenztisch, am hinteren Rand ein großer Screen. Die Werkstatt für Stahl- und Holzbearbeitung im Keller ergänzt die langgezogene Bürofläche im Erdgeschoss. Nebenan kocht Tim Raue.

Mit einem klaren Fokus auf das Interieur eines Gebäudes interessiert man sich bei Kinzo neben der geringen Aufbauhöhe und der Elastizität von der Kunststofffliese auch als erstes für das Gesamtbild: Wie sieht es aus, wenn man das Material unifarben in einem Raum verlegt? Und gerade wo bei Fliesen stets die Fuge auch eine große Rolle spielt: Wie sähe das Fugenbild aus? Die Fuge wäre hier ja bereits extrem reduziert. „Unser Büro ist eine Versuchswelt, ein Testlabor“, sagt Chris Middleton. „Wir bauen hier verschiedene Materialien und Produkte ein, um sie auszuprobieren: zum Beispiel die Akustikpaneele.“

„Ein neu entwickeltes Material muss mehr können, als ein anderes zu imitieren“, weiß Chris Middleton. Man sollte ein Material suchen, das an der Grenze ist. Wenn man eben nicht versucht, dass die Fliese wie eine Holzplanke aussieht, sondern die Fliese weiterentwickelt und gemütlicher werden lässt: Mit einer textilen Oberfläche wird aus einer kalten eine flauschige Fliese. Grenzprodukte sind immer sehr interessant. „Die sprechen für sich“, sagt der Architekt. „Ceramin ist für mich auch eher so ein Grenzprodukt: Zwischen einer Keramik und Laminat. Es lässt sich schwer zuordnen. Man muss testen, wie man es ästhetisch und atmosphärisch einsetzen kann.“

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

Lissoni