Hands-On: Eine Transparente Begegnung

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Foto: Nils Koenning

Tempo, Tesa, Tupperware – was diese Markennamen für den privaten Konsumenten sind, ist Lacobel für Architekten und Innenarchitekten: eine universelle Bezeichnung für grundsätzlich gleiche Produkte verschiedener Hersteller. Dabei gibt es auch hier ein Original – in dem Fall hinterlackiertes Glas von AGC Interpane, das wir neben seinen facettenreichen Verwandten in Berlin kennenlernen. Zwei Architekturbüros liefern uns ihre jeweilige Sicht zu den Themen Individualität und Praktikabilität von Glas.

O&O Baukunst
Leibnizstraße, 9 Uhr morgens: Der Berufsverkehr rauscht als nicht abreißender Strom von Autos. Gegenüber, man hört es deutlich, wird saniert. Wir befinden uns bei Ortner & Ortner in einem für den Berliner Bezirk Charlottenburg typischen Altbau. Im großen Besprechungsraum empfängt uns Roland Duda, der seit 2011 geschäftsführender Gesellschafter bei O&O Baukunst ist. Natürlich kennt er den Hersteller AGC Interpane und auch Lacobel ist ihm bekannt. Der Name beschreibt ein industriell gefertigtes Floatglas, das rückseitig mit einem Farblack beschichtet wird. Doch Thomas Ploeger, Interior Design Consultant bei AGC Interpane Glas Deutschland, hat noch etwas anderes mitgebracht: das matte Pendant Matelac. Hier wird die Glasoberfläche säuregeätzt und erhält so eine feine Struktur.

„Das Glas ist ja durchgefärbt“, bemerkt Roland Duda beim genauen Blick. Thomas Ploeger bestätigt: „Unsere Matelac Silver-Farben erhalten ihren Farbton nicht durch farbiges Hinterlackieren, sondern durch die Verspiegelung durchgefärbten Glases in Ergänzung zum klaren Farbglasspiegel.“ Für Lacobel und Matelac gibt es jeweils 20 Standardvarianten: von drei Klassikfarben (Classics) über elf Trendfarbtöne (Trendies) bis hin zu sechs edlen Metalliclacken (Exclusives). Individuelle Farbwünsche können ab einer Auftragsgröße von 200 Quadratmetern realisiert werden. Roland Duda schaut auf die verschiedenen Materialproben in Grau: „Sie haben fast die richtigen Farben hingelegt, die uns interessieren würden. Ich finde es schön, wie klassisch Sie mit dem Material Glas umgehen, seine Eigenschaften respektieren. Grundsätzlich suchen wir ja nach Oberflächen, bei denen das Material im Mittelpunkt steht – etwa eine semitransparente, rauchige Erscheinung, bis hin zur Verspiegelung.“

Für das Projekt Boulevard Berlin, erzählt Duda, hätten sie es einmal probiert, schwarzes Glas mit einem Spiegel zu kombinieren, verzichteten jedoch letztendlich auf den Spiegel. Schade, dass sie die Kombination im Programm von AGC Interpane nicht kannten. „Für uns wäre auch das enorme Maximalmaß des Glases interessant“, sagt der Architekt. In der Herstellung beträgt das Standardmaß 3,21 mal 6 Meter. Die Stärke misst 4 bis 12 Millimeter, bei gefärbtem Glas bis 10 Millimeter.

Plajer & Franz Studio
„Der Stammsitz des japanischen Mutterkonzerns AGC liegt in Osaka“, berichtet Thomas Ploeger beim zweiten Termin bei Plajer & Franz Studio in Kreuzberg. Hier empfängt uns Carmen Tabassomi, leitende Innenarchitektin im Büro der Markenarchitekten. Der Glasproduzent beschäftigt weltweit 65.000 Mitarbeiter, in Europa (AGC Glass Europe) wird Floatglas in 18 Produktionsstätten hergestellt. Zu den Kunden zählen Unternehmen im Bausektor, in der Automobilindustrie und im Technikbereich, etwa Solarfirmen oder Smartphone-Hersteller. AGC Interpane ist vor allem auf den Bausektor und dort auf Funktionsglas spezialisiert, aber eben auch auf Designprodukte.

Wenn es schwierig wird, ist Interpane gefragt: Prominente Projekte sind beispielsweise die Elbphilharmonie, The Shard in London, Torre Isozaki in Mailand, zahlreiche Gebäude im Frankfurter Bankenviertel und der neue Apple Campus in Cupertino. „Die Produkte, die ich Ihnen heute zeige, sind für Architekten, Interiordesigner und Möbelhersteller gleichermaßen interessant“, erklärt der Berater. „Aus unserer Range können wir eine Großzahl standardmäßiger Produkte und Kombinationsmöglichkeiten anbieten.“

Wenn Carmen Tabassomi ein Projekt angeht, ist die Materialbibliothek ein wichtiger Ort: „Kein Projekt entsteht ohne Materialcollage. Wir versuchen, mit jedem Interieur ein Unikat zu erzeugen.“ Doch besonders im anspruchsvollen Retail-Bereich sei es irgendwann schwer, noch neue besondere Materialkombinationen ausfindig zu machen. Eine unkonventionelle Idee wäre es beispielsweise, mattes und hinterspiegeltes Glas punktuell freizulasern. Die Leerstellen ließen sich farbig lackieren oder effektvoll hinterleuchten. Tabassomi möchte wissen, ob es die säurebehandelte Oberfläche nur in einer Intensität gibt. „Nein, wir unterscheiden zwei Qualitäten, Matelux und Matelux Light“, erklärt Thomas Ploeger. Im Unterschied zu sandgestrahlten Produkten anderer Hersteller ist die säuregeätzte Oberfläche übrigens weniger „beschädigt“, benötigt keinen zusätzlichen Schutz und ist dadurch homogener und gar nicht anfällig für Fingerabdrücke.

Unser Besuch verlängert sich spontan, als Thomas Ploeger seinen großen Musterkoffer hinzuzieht – neue Ideen, noch mehr, auch überraschende Gestaltungsmöglichkeiten treten zutage. „Für uns ist es oft eine Herausforderung, dass wir im asiatischen Raum, wo viele unserer Projekte realisiert werden, mit dem dort verfügbaren Material umgehen müssen. Ein Transport aus Europa wäre oft zu umständlich“, erzählt die Architektin. „AGC fertigt auch in Asien unter denselben Standards“, entgegnet ihr Thomas Ploeger. Man müsse im Einzelfall sehen, ob die gewünschte Qualität dort machbar ist oder ob Alternativen infrage kämen. Grundsätzlich gibt es viele Wege, einen gewünschten Effekt zu erzeugen: „Wir finden jeweils die sinnvollste Lösung im entsprechenden Budgetrahmen“, verspricht der Berater. Bei Plajer & Franz besteht am Wiedersehen kein Zweifel.

Gut beraten, klug kalkuliert
Oft scheitert die Entscheidung für Glas am Preis – und das ohne Grund, wie Thomas Ploeger im Nachgespräch sagt. Besondere Finesse lässt sich erzielen, ohne dadurch Baukosten in die Höhe zu treiben. So sind mit Glas verblendete Wände in der Summe oft vergleichbar mit gefliesten, das Verlegen der Scheiben geht wesentlich einfacher und schneller als bei den Kacheln. Und: „Es kommt eben immer auch auf die Lieferkette an und wer am Produkt mitverdienen möchte“, erklärt Thomas Ploeger. Der Experte hilft nicht nur bei der Vermittlung geeigneter Vertriebs- und Ausführungspartner. „Zu schallharten Oberflächen wie Glas gehört das Thema Akustik, zu Transparenz auch Licht – mein Anliegen ist es, meinNetzwerk auszuschöpfen und Bereiche zu verknüpfen.“

Sicherlich gibt es etwas weniger experimentellen Spielraum bei öffentlichen Bauten – Krankenhäusern, Schulen und Verwaltungsgebäuden. Doch auch hierfür hat Thomas Ploeger Passendes im Angebot: Patientenzimmer in Kliniken ließen sich beispielsweise optimieren, indem man für Glasflächen, die nicht im routinemäßigen Reinigungsfokus liegen, eine antibakterielle Beschichtung verwendet. Eine Antikorosionsbeschichtung könnte sinnvoll sein für Flächen, die häufig Wasser ausgesetzt sind – etwa Duschen. Etwas Entscheidendes wird hier erneut deutlich: Planen und Gestalten mit Glas ist ungemein vielfältig. Wer den Überblick behalten will, sollte den Beratungsdienst von AGC Interpane in Anspruch nehmen. Es wird garantiert eine transparente Begegnung.

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.