6a architects

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Text: Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff, 02.11.2017

1998 in der Londoner Hall Street 6a gegründet, wurde die erste Adresse zum Namensgeber für das Büro. Neben Tony Fretton, David Adjaye, Adam Caruso und Peter St John sind Tom Emerson und Stephanie Macdonald von 6a architects Abgänger aus dem informellen Kreis der Smithsons. Ein Gespräch über ihr neuestes Projekt: das Studio-Wohn-Ensemble für den Fotografen Juergen Teller, das gerade für den RIBA Stirling Prize nominiert gewesen ist.

Juergen Teller zeigt in seinen Fotos oft nackte Menschen, manchmal sogar sich selbst – gibt es da eine Verbindung zu der relativ minimalen, fast nackten Architektur von 6a? 
Sein Werk ist natürlich viel breiter als Akt. Es schließt Mode, Portraits, Dokumentation und vieles mehr ein. Manchmal sind seine Bilder sehr lebendig und voller Menschen, manchmal sind sie leise und intim. Wir wollten ein Gebäude und Räume schaffen, die beides, sehr neutral oder sehr selbstbewusst, sein können. In dem Wissen, dass Juergen, seine Dinge und sein Garten eine immer wechselnde Atmosphäre schaffen werden, ist unsere Materialpalette sehr reduziert. Juergen ist sehr offen in seiner Arbeit. Er arbeitet mit dem, was da ist, nimmt sich zurück – manchmal sprichwörtlich zu der Person im Hintergrund. Er findet und intensiviert sein Gegenüber. Aber immer mit einer Kombination aus Sensibilität und Humor. Vielleicht machen wir dasselbe mit einer Baustelle oder einem Gebäude.

Wie ist der Kontakt zwischen Juergen Teller und Eurem Büro zustande gekommen? Wie kam es zu dem Auftrag und wie ist heute das Verhältnis zwischen 6a und Juergen Teller? Juergen wurde von seiner Frau, der Galeristin Sadie Coles, in unsere Arbeit eingeführt. Sie schickte ihn zu Raven Row (ein von 6a gestalteter Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst in London, Anm. d. Red.). Damit begann das Gespräch. Ein Jahr nach der Fertigstellung teilt Juergen seine Begeisterung für das Gebäude gerne. Aber auch den Ärger, den es gab und die Kinderkrankheiten – die Bäume im Hof sind fast gestorben, alle haben sich wirklich Sorgen gemacht, die Pumpe wurde falsch gesetzt und der Servicegraben überschwemmt. All diese Dinge sind gelöst, haben Juergen aber verständlicherweise mürrisch werden lassen. Andere Dinge machen ihn gleichermaßen glücklich: Das Wasserbecken kann nach der Sauna als Tauchbad dienen. Frösche, Füchse und Esel fühlen sich im Garten gleich wohl. Unsere Freundschaft steht auf einem festen Fundament. Wenn er beim Fotografieren neue Situationen entdeckt, schickt er oft ein Bild mit einer aufgeregten Notiz. Es ist etwas ganz Besonderes mitzuerleben, wie er die Räume weiter erforscht.

Studio Juergen Teller, Foto: Johan Dehlin

Wie haben Architekten und Bauherren die Immobilie in West London gefunden? Juergen lebt seit Jahrzehnten in West London und kennt die Gegend sehr gut. Wir haben mit ihm und Sadie potenzielle Orte erkundet. Einer war ein großes Wohn- und Geschäftsgebäude an einem ziemlich exponierten Platz, das sich außerordentlich schwer verändern ließ. Das, was uns am Ende begeistert hat, war eine Lücke zwischen heruntergekommenen Werkstätten: ein Gebäude, das eine außergewöhnliche Länge von 60 Metern hatte. Außer der schmalen Frontansicht hatte es kein Äußeres.

Es gibt nur ein Fenster zur Straße. Gibt es dafür einen bestimmten Grund? Es ist nur eins, aber es ist riesig! Das Gebäude entfaltet sich in seiner Länge: Gebäude, Garten, Gebäude, Garten, Gebäude, Garten. Und von der Straße zum Privaten. Es ist eine stark verinnerlichte Welt mit Licht, das von oben kommt. Der Moment, in dem das Gebäude auf die Straße trifft, ist daher sehr wichtig. Das wollten wir mit einem riesigen Fenster feiern, in dem sich Straße und Innenraum treffen können.

Eine Besonderheit des Studioneubaus ist die Fassade. Wie würdet Ihr die Schönheit von Beton beschreiben? Beton ist Struktur, Körper und Oberfläche in einem. Er behält die Spuren der Schalung wie eine Art Erinnerung. Manchmal rau, von Brettern gezeichnet oder glatt, und er hat eine innere Struktur aus der Wasser-Zement-Mischung, die ihm Tiefe und Wärme verleiht, eine natürliche Patina von Anfang an.

Studio Juergen Teller, Foto: Johan Dehlin
Dadurch, dass die Dachbalken, die direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind, Treppen und tragende Wände aus Ortbeton gegossen sind, kann man sich auf das Volumen konzentrieren. Aber jede Betonoberfläche ist in Farbe und Struktur anders als die nächste. Das bedeutet, dass jedes Bild, während es einen ruhigen Hintergrund schafft, einzigartig ist.

Wie ist die aktuelle Situation für Architekten in London? London ist eine große und abwechslungsreiche Stadt. Es gibt viel Arbeit in der kommerziellen Architektur für Büro und Wohnungen – einige Projekte sind gut, aber zu viele sehr schlecht. Es gibt auch einige erstaunlich unabhängige Klienten im öffentlichen und privaten Bereich, mit einer tiefen Wertschätzung der Architektur und ihrer Bedeutung als lebensverändernde Kunst für ihre Bewohner und die Umgebung. Für Architekten in London ist alles möglich, aber es ist schwer, eine progressive und kritische Position gegenüber dem Kommerz aufrechtzuerhalten. Zum Glück gibt es Leute wie Juergen, die aus dem Herzen heraus und vom Kopf her entscheiden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hier fotografiert Juergen Teller: Lesen Sie mehr über das Londoner Studio-Wohn-Ensemble des gebürtigen Erlangers…

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