Alberto Meda

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Text: Norman Kietzmann

Alberto Meda ist der Ingenieur des italienischen Designs. Geboren 1945 in Tremezzina in der Nähe von Como, begann er nach seinem Maschinenbaustudium in Mailand seine berufliche Laufbahn 1973 als technischer Direktor des auf Kunststoffe spezialisierten Möbelherstellers Kartell. Nach einer Zeit als freischaffender Designer, die ihn unter anderem mit Franco Raggi und Denis Santachiara zusammenführte, beriet er von 1982 bis 1986 den italienischen Automobilbauer Alfa Romeo im Umgang mit neuen Kunststoffverfahren. Was sein Design auszeichnet, ist der konsequente Einsatz neuester Technologien und Produktionsverfahren, die jedoch nie Selbstzweck werden. Selbst hoch komplexe und innovative Entwürfe wie der bekannte Meda-Chair für Vitra wirken auf den ersten Blick einfach, leicht und dennoch raffiniert. Internationale Bekanntheit erregte Meda außerdem mit seinem ultraleichten Bürostuhl "Light Light" für Alias, der Liege "Longueframe", ebenfalls für Alias, sowie mit den Leuchten "On-Off" und "Queen Titania" für Luceplan. Bei der Verleihung der diesjährigen Index Design Awards Ende August in Kopenhagen wurde Alberto Meda für einen Entwurf zur Reinigung von Trinkwasser in Entwicklungsländern ausgezeichnet. Was es damit auf sich hat, verriet er uns in einem anschließenden Gespräch.
Herr Meda, die von ihnen und Francisco Gomez Paz entworfene „Solarbottle“ ist mit dem renommierten Index Design Award ausgezeichnet worden. Können Sie uns erklären, was es mit dem Entwurf auf sich hat?
„Solarbottle“ ist eine Flasche zur Desinfektion von Trinkwasser mit einer Kapazität von vier Litern. Die Haupteigenschaft dieser Flasche besteht darin, dass sie sehr dünn ist. Das ist insofern bedeutsam, als dass man dadurch mehr Sonnenlicht sammeln kann als mit einer klassischen zylindrischen Form. Der Prozess der Solar-Desinfektion wurde nicht von uns erfunden, sondern stammt von der Schweizer Non-Profit-Organisation SODIS. Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Das Sonnenlicht ist durch die darin enthaltenen ultravioletten sowie infraroten Strahlen in der Lage, die Molekularstruktur von im Wasser befindlichen Krankheitserregern wie Cholera oder Hepatitis zu zerstören. Die Kombination aus hoher Temperatur, die aufgrund der infraroten Strahlen entsteht, und dem Einwirken der ultravioletten Strahlen des Sonnenlichtes machen dieses Verfahren besonders effizient.
Welche Eigenschaften erfüllt der Entwurf?
Wir kamen auf den Entwurf, weil wir zwei Herausforderungen zu lösen hatten: Auf der einen Seite verdrecktes Trinkwasser zu reinigen und auf der anderen Seite, es einfach zu transportieren und mit nach Hause nehmen zu können.
Die flache Form der Flasche erlaubt es, mehrere Flaschen aneinander zu stecken und gemeinsam zu tragen. Wie ein Buch kann man es in einer Box verstauen und mehrere Flaschen gleichzeitig auf einem Fahrrad transportieren. Die Flasche ist so aufgebaut, dass die eine Seite transparent ist und die andere reflektiert. Auf der reflektierenden Seite ist zudem ein Griff integriert, der es unter anderem erlaubt, zwei Flaschen zusammen zu schrauben und sie jeweils über der Schulter zu tragen. Eine weitere Eigenschaft dieses Griffs besteht darin, ihn nach außen zu drehen und wie ein Standbein zu nutzen, mit dem der Neigungswinkel der Flasche zur Sonne hin variiert werden kann. Das ist insofern wichtig, als dass der Prozess dann am besten funktioniert, wenn die Flasche in einem Winkel von 90 Grad zum Sonnenlicht geneigt ist.
Ist abzusehen, wann das Produkt auf den Markt kommen wird?
Zur Zeit wird es noch nicht hergestellt, aber wir sind auf der Suche nach einem passenden Vertrieb. Das Problem ist weniger einen Produzenten zu finden – denn das Verfahren zur Herstellung von extrusionsgeformten Kunststoffformen ist sehr einfach –, das Problem ist vielmehr, diese Flaschen nach Afrika zu den Menschen zu bringen, die sie wirklich brauchen.
Produkte wie die „Solarbottle“ werden eher selten von Designern in Angriff genommen. Was hat Sie zu dem Thema gebracht?
Der Auslöser war eine Urlaubsreise nach Äthiopien, die ich im letzten Jahr zur Weihnachtszeit mit ein paar Freunden gemacht habe. Es ist etwas ganz anderes, wenn man direkt vor Ort sieht, was dort passiert. Es berührt einen sehr. Natürlich weiß man in Europa oder Amerika, dass Wasser dort überall ein enormes Problem ist. Aber wenn man es nicht mit eigenen Augen sieht, erfasst man nicht wirklich das Ausmaß des Problems. Erst die Erfahrung vor Ort hilft, dieses Bewusstsein zu steigern. Aus diesem Grund begann ich sechs Monate nach der Reise über mögliche Lösungen nachzudenken. Als ich im Internet nach Methoden der Desinfektion recherchierte, fand ich das Solar-Desinfektionsverfahren. Es gibt ja insgesamt sehr viele Möglichkeiten, man kann das Wasser beispielsweise in einem Boiler abkochen, pasteurisieren usw. Doch so oder so braucht man immer eine Stromquelle, die in den betroffenen Regionen häufig nicht zur Verfügung steht. Daher war das Solar-Verfahren sehr interessant für uns, weil es ausschließlich die Sonne nutzt. Wir haben dann versucht, das Verfahren und den Prozess weiter zu verbessern.
Sie haben dabei mit dem argentinischen Designer Francisco Gomez Paz zusammen gearbeitet.
Ja, irgendwann habe ich Fransisco gefragt, Teil des Projektes zu werden. Er hat sehr viele intelligente Ideen, also haben wir es zusammen entwickelt. Wir arbeiten ja beide in Mailand, haben beide Büros dort. Und manchmal arbeiten wir an Projekten zusammen. Es war auf jeden Fall ein guter Weg der Annäherung an dieses Thema.
Mit ihren bisherigen Projekten sind Sie vor allem dem Möbelbereich verbunden…
Nein, ich bin niemandem verbunden, ich bin nur neugierig (lacht). Nein im Ernst, das Problem ist, dass ich in meinem Leben bisher schon sehr viele Dinge entworfen habe, bei weitem mehr als nur Möbel und Beleuchtung. Aber ich hatte das Glück, im Möbelbereich Erfolg zu haben, weswegen viele Menschen den Namen Meda in erster Linie mit Möbeln und Leuchten verbinden. Aber wenn ich zurückschaue auf die Produkte, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, sind viele davon in sehr unterschiedlichen Bereichen zu finden, auch wenn diese nicht immer den gleichen Erfolg hatten wie meine Möbel. Manche von ihnen lagern noch in meiner Schublade, existieren nur auf dem Papier oder als Prototyp. Andere gingen teilweise sogar in Produktion, wurden aber nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Sie sehen, auch für mich ist es nicht immer ganz so einfach.
Viele Ihrer Entwürfe zeichnen sich durch den Einsatz innovativer Technologien aus. So wiegt Ihr Stuhl „Light Light“ für Alias durch den Einsatz einer neuartigen Kombination aus Fiberglas und Aluminium zwei Kilogramm. Woher kommt Ihre Leidenschaft für technologische Raffinessen?
Ja, ich kenne mich mit den technischen Verfahren ganz gut aus, da ich mittlerweile auch schon sehr viele Produkte entwickelt habe. Von Haus aus bin ich ja eigentlich Ingenieur und habe in der Vergangenheit sieben Jahre als technischer Manager für Kartell gearbeitet. Das war der Beginn meiner Laufbahn, weswegen ich große Erfahrung im Umgang mit Kunststoffen hatte. Später war ich Consultant für den Automobilhersteller Alfa Romeo und habe mich ebenfalls viel mit Kunststoffen beschäftigt. So konnte ich meine Erfahrungen in der „Blow Molding“-Technologie, die normalerweise zur Herstellung von Autotanks oder Kunststoffflaschen eingesetzt wird, in den Entwurf einer besonders leichten und zugleich sehr stabilen Kofferserie für Mandarina Duck einfließen lassen.
Gibt es eine bestimmte Herangehensweise bei Ihren Projekten?
Die Herangehensweise hängt ab von den Materialien und der Technologie. Aber häufig ist das wirkliche Leben die Vorgabe, wie auch im Fall der „Solarbottle“. Es geht darum, herauszufinden, was man wirklich braucht und dann die richtige Technologie zu wählen. Sie sollte niemals Selbstzweck sein. Daran bin ich nicht interessiert. Ich benutze aktuelle Technologien, um aktuelle Probleme zu lösen. Dennoch macht Technologie Sinn, schließlich besitzt sie einige interessante Eigenschaften wie beispielsweise die Möglichkeit, Funktionen zu integrieren und über die Beziehungen zwischen den Dingen nachzudenken. Es geht darum, etwas zu machen, das dem Organischen näher ist. Etwas, bei dem jedes Bauteil mit dem anderen durch die Integration von Funktion verbunden ist. Ich denke, es gibt viel Intelligenz auf dem Feld der Technologie. Wenn man diese Technologien nutzt, nimmt man teil an der Kreativität und Intelligenz anderer Leute. Im Leben kennt man nicht immer den Weg. Man probiert Dinge aus und sieht dann, wohin sie einen führen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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