Aldo Bakker

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Text: Norman Kietzmann, 12.06.2017

Mit allen Sinnen: Der niederländische Designer Aldo Bakker kreiert weiche, fließende Formen, die nicht nur visuell, sondern auch haptisch erkundet werden wollen. Vermeintlich banale Alltagshandlungen werden von ihm in bewusste Rituale verwandelt. Ein Gespräch über hungrige Augen, geheimnisvolle Rücken und menschliche Charaktere.

Aldo Bakker, Ihre Möbel und Objekte sind keine schroffen, kantigen Gesellen, sondern kommen stets mit einer angenehmen Haptik und sinnlichen Materialität daher. Warum ist das so? Ich suche nach Dingen, die mich faszinieren, die mich verführen und die mich verblüffen. Es geht für mich darum, die Formen zum Sprechen zu bringen. 

Doch warum vermeiden Sie dabei den rechten Winkel? Ich bin Autodidakt. Natürlich gab es auch einen Moment, in dem ich mich mit geometrischen Grundformen auseinandergesetzt habe. Ich wollte herausfinden, was Rechteck, Dreieck und Kreis für mich bedeuten und wie ich mit ihnen arbeiten würde. Doch gleichzeitig wollte ich mein Spektrum nicht begrenzen lassen. Also kam ich zu organischen Konturen. Es war die ultimative Herausforderung.

In welchem Sinne? Wie kann man etwas Sinnvolles mit diesen Kurven machen, ohne sich der realen Natur zu stark anzunähern? Wenn man keinen eigenen Weg findet, landet man schnell bei einer Fake-Natur. Das ist uninteressant und bedeutungslos. Natürlich hat es eine Weile gebraucht, bis ich an den Punkt gekommen bin, diese runden Konturen kontrollieren zu können. Mit dieser gestalterischen Sprache ist man frei. Oder es scheint, als ob man frei ist. Doch die Linien auf natürliche Weise von einem Punkt zum anderen bewegen zu lassen, ist eine recht kniffelige Sache und muss genau überdacht werden. 

Silver Salt Cellar für Thomas Eyck, 2007
Worum geht es hierbei: Wollen Sie den Dingen ein Geheimnis einhauchen? Ja, Objekte sollten immer etwas für sich behalten und nicht alles sofort preisgeben. Das wäre wirklich schade. Eine Form muss faszinieren und überraschen. Darum ist es wichtig, dass es sich lohnt, um sie herum zu laufen und sie von allen Seiten zu betrachten. Wenn man schon von der Vorderseite aus erahnen kann, wie der Rücken aussieht, fehlt jeder Reiz.

Sie suchen den Charakter? Es ist wie der Versuch, die Körpersprache zu lesen. Darüber könnte man für jede Person ein dickes Buch schreiben und würde sie dennoch nie als Ganzes einfangen. Ich denke, dass es bei Objekten ähnlich ist. Auch bei ihnen gibt es einen hohen Grad an Komplexität. Und wir suchen definitiv auch bei ihnen nach eigenen Charakteren wie wir es auch bei Menschen tun.

Beschreiben Sie den Prozess, wie Sie arbeiten. Ich beginne nie mit der Frage, ob ich einen Hocker oder einen Stuhl entwerfen möchte. Bei mir fängt es immer mit den Formen an, die mir mehr oder weniger die Richtung vorgeben. Ich mag physische Dinge. Mein Job ist es, sie zu hinterfragen und aus Formen, Texturen und Farben etwas Eigenes zu machen.

Doch wie finden Sie Ihre Formen? Ich halte einfach nur die Augen offen (lacht). Ja wirklich: einfach nur schauen und beobachten. Ich habe sehr hungrige Augen. Wenn ich schließlich eine Form im Kopf habe, bin ich sehr flexibel bei den Materialien. Sie kommen in der Regel erst zum Schluss. Zunächst spiele ich mit den Formen, manipuliere sie. Dann kommt die nächste Phase, in der ich technische Entscheidungen treffen muss für jede einzelne Kontur. Wie lang muss ein Element sein, wie groß ein Winkel und welchem Schwung soll eine Kurve folgen? Ich mache viele Skizzen, um die Formen zu verstehen und ihnen den richtigen Ausdruck zu geben. 

Sie nennen den Bildhauer Brâncuși als wichtigen Einfluss. Was fasziniert Sie an seinen Arbeiten? Das hat mit der Unabhängigkeit seiner Arbeiten zu tun. Sie sind ruhig und natürlich. Gleichzeitig sind sie sehr schwer zu durchschauen. Sie bleiben immer ein wenig mysteriös, sodass man jedes Mal etwas Neues an ihnen entdeckt. Diesen Reichtum an Komplexität mag ich sehr. Doch ein anderer Künstler ist für mich genauso wichtig: Giorgio Morandi. 

Warum? Er lebte fast sein ganzes Leben in dem Haus, in dem er geboren wurde und hat sich nur mit wenigen Objekten umgeben. Und mehr brauchte er auch nicht. Es geht um die Frage, wie man mit nur wenigen Elementen kreativ sein kann. Morandi hat gezeigt, dass dieser Prozess endlos ist. Er beobachtete die Dinge sehr genau, die er vor sich hatte und zollte ihnen damit Respekt. Wenn man länger hinschaut, wird man bei seinen Werken immer weitere Bedeutungen finden. Genau an diesem Punkt wird es richtig interessant. Die Erkenntnis aus der Beobachtung geschieht vollkommen losgelöst davon, ob es sich um ein Objekt, ein Gemälde, eine Skulptur oder ein Haus handelt. Ich mag das, weil es mehr als nur eine Interpretation zulässt.
Tonus für Particles Gallery, 2010
Welches Material steht Ihnen am nächsten? Das kommt in Phasen. Ich kann mich teilweise über sehr lange Zeit in ein Material vertiefen. Ich mag Holz, ein wunderbares Material mit seiner Weichheit, seinem Duft, seinen Feinheiten: ein so freundlicher Werkstoff, mit dem ich sehr gerne arbeite. Doch ich liebe ebenso Kristall, Silber, Kupfer. Durch meine Erfahrungen im Handwerk weiß ich, was sich in welchem Material und mit welcher Technik am besten umsetzen lässt. Und ich habe den Luxus, ein paar fantastische Handwerker um mich zu haben und seit vielen Jahren mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Bei Ihrem Salzspender Silver Salt Cellar wird das Salz im Inneren des Griffs verstaut und mit einer Handbewegung in eine kleine Schale bewegt, von wo aus es mit den Fingern verteilt werden kann. Was haben Sie im Sinn, wenn Sie alltägliche Handlungen in bewusste Rituale verwandeln? Bei Produkten wie dem Salzstreuer wird ein sinnliches Erlebnis in eine physische Form übersetzt. Dabei geht es um zwei Dinge: Zum einen habe ich mir das Objekt in meinen Händen vorgestellt: wie es sich anfühlt und wie es bewegt wird. Zum anderen geht es um das Zusammenspiel zweier Materialien. Da treffen Kräfte aufeinander, die wir alle kennen und die uns faszinieren. Und doch macht gerade der Aspekt der Bewegung einen großen Unterschied. Das ist fast so wie beim Betreten eines Gebäudes. Wenn wir von draußen nach drinnen wechseln, verändert sich der Klang, die Helligkeit und damit auch der menschliche Rhythmus. Weil sich unsere Ohren und Augen an ein anderes Spektrum anpassen, nehmen wir die Dinge anders wahr. Und genau das passiert, wenn wir mit alltäglichen Produkten ein Ritual vollziehen.

Was ist für Sie im heutigen Produktdesign zeitgenössisch? Ich glaube, das ist mir ein Stück weit egal (lacht). Nein im Ernst: Was meine Arbeiten betrifft, glaube ich nicht, dass sie einen spezifischen Moment haben und genau das Hier und Jetzt wiedergeben. Die Welt wird gerade von einer großen Unsicherheit bestimmt. Das spiegelt sich genauso in der Kunst- wie in der Designszene, wo es einfach keinen speziellen Stil oder Klang mehr gibt, auf den sich alle beziehen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Aber es ist auf jeden Fall nicht uninteressant.

Würden Sie Ihre Arbeiten als zeitlos beschreiben? Viele Dinge, die zeitlos sein möchten, sind es schlussendlich nicht. Man muss auch vorsichtig sein mit Archetypen. Häufig werden sie missbraucht, um etwas Sentimentales zu erzeugen. Archetypen haben sich bewiesen. Wir alle kennen sie, weil sie in unserem kollektiven Gedächtnis schlummern. Doch allein mit Archetypen zu arbeiten, ist langweilig. Ich glaube, dass es im Design einfach ein wenig mehr braucht.

Vielen Dank für das Gespräch.

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