Andreas Dimitriadis

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Text: Katharina Horstmann, 30.06.2010

 
Marken verstehen und vermitteln – das steht an erster Stelle eines jeden Projektes von Andreas Dimitriadis. Der Stuttgarter Designer studierte zunächst Grafikdesign an der Ecole Corvisart in Paris und anschließend Produktdesign in Schwäbisch Gmünd. Nach seinem Abschluss 1995 begann er bei Phoenix Design zu arbeiten und wurde dort im Jahr 2000 Art Director für verschiedene internationale Kunden aus den Bereichen Consumer Electronics, Möbel, Bad sowie Lifestyle Accessories. 2003 wechselte Dimitriadis in die Geschäftsführung und wurde Mitinhaber des renommierten Designbüros, bevor er sich 2007 mit seinem eigenen Studio Platinumdesign im Herzen Stuttgarts selbständig machte. Wir trafen Andreas Dimitriadis im Laufen Forum im Baselland und sprachen mit ihm über Produkte, die Geschichten erzählen, Tunnelblicke und die Bedürfnisse eines Kindes im Badezimmer.


Herr Dimitriadis, Sie haben für Laufen „Florakids“, eine Badserie speziell für Kinder, entworfen, die in diesem Jahr auf den Markt erschien. Wie kam es zu diesem Entwurf?

 
Ausgangspunkt war es nicht, ein großes Waschbecken zu nehmen, es „klein zu machen“ und an die Wand zu hängen, sondern mit dem Produkt eine „Geschichte“ zu erzählen – etwas, das Laufen eigentlich immer von uns möchte. Es ging darum, für Kinder zwischen zwei und sieben Jahren ein Bad zu gestalten, das eben genau dieser Zielgruppe entspricht. Ich habe selbst drei Kinder, daher kenne ich das Thema ganz gut. Zusätzlich haben wir natürlich auch anderweitig recherchiert und sehr schnell verstanden, dass einerseits eine spielerische Welt und Farben eine große Rolle spielen, aber auch eine einfache ikonische Darstellung. So erinnert „Florakids“ an eine Blumenwelt, die Raum für eigene Interpretationen und Phantasie lässt. Neben Farbe und Form spielt aber auch die Funktion eine große Rolle. Deswegen haben wir zum Beispiel einen Toilettensitz mit Griffen entworfen. Denn ein Kind mit zwei Jahren, das in den Vorkindergarten geht, sollte die Möglichkeit haben, sich an die Toilette zu gewöhnen. Ein anderes Beispiel ist die Innenform des Waschbeckens. Sie ist nicht willkürlich, sondern so gestaltet, dass sich drei Kinder an diesem gleichzeitig die Hände waschen können: „Das ist deine, das ist meine Ecke…“
 
Also haben alle Formen einen weiteren, tieferen Sinn?
 
Generell sollte jede Form auch eine besondere Funktion beinhalten. Sie sollte die Kinder ansprechen, aber auch ihre Bedürfnisse erfüllen. Wie mit den Griffen. Auch bei der Formfindung haben wir sehr stark mit Materialien aus dem Umfeld von Kindern gearbeitet. Wir haben sehr viel aus Papier gemacht, um wie ein Kind vorzugehen, das eine Schere nimmt und eine Form ausscheidet, um so seine Welt zu verstehen. Ein Kind denkt nicht dreidimensional oder in komplizierten Formen, es möächte alles möglichst einfach nachvollziehen können.
 
Gibt es eine typische Vorgehensweise, die Ihren Entwurfsprozess bestimmt und auch bei „Florakids“ vonstatten ging?
 
Generell arbeiten wir sehr viel mit Modellen. Denn das Entstehen eines Projektes im Modellbau hat für uns eine sehr große Bedeutung. Wir erarbeiten die Form selten am Rechner, sondern machen das wirklich mit der Hand. Natürlich kann ich am Rechner sehr schnell tolle Dinge über ein fotorealistisches Rendering darstellen, aber das ist nicht unser Ziel. Unser primäres Ziel ist zu verstehen, warum ein Produkt beim Kunden Erfolg hat, warum es besser ist als andere –  und diesen Vergleich erschaffen wir besonders gut mit Modellen.
 
Ihre Kooperation mit dem Schweizer Sanitärhersteller Laufen begann schon vor vielen Jahren. Wie verlief der Prozess der Zusammenarbeit?

 
Es gibt eine gewisse Historie: Das Unternehmen kenne ich schon seit 15 Jahren. Ich habe lange für Phoenix Design gearbeitet, war dort auch vier Jahre Mitinhaber, bevor ich mich mit Platinumdesign 2007 selbständig gemacht habe. Laufen arbeitet sehr strategisch, und das entspricht auch unserer Arbeitsweise. Uns geht es weniger um eine laute Idee, die nach Außen getragen werden soll, sondern vielmehr um die Wünsche und Stärken eines Unternehmens und darum, diese zu verstehen und so deren Zielgruppen überzeugend anzusprechen. Das versuchen wir immer über markantes Design. Bei Laufen gibt es ein hochprofessionelles Designmanagement, das auch strategisch die richtigen Aufgaben stellt, aber eben auch genug Freiräume fürs Innovative und Eigenständige lässt. Während meiner Zeit bei Phoenix Design habe ich Projekte wie zum Beispiel Mimo und Living City als Projektleiter verantwortet. Auch mit Platinumdesign führen wir die intensive Zusammenarbeit weiter.
 
Sie entwerfen nicht nur Sanitärkeramik, sondern auch ganz andere Dinge, wie zum Beispiel Telefone für Siemens Gigaset oder Premiumnähmaschinen für den Schweizer Hersteller Bernina. Gibt es trotzdem einen gemeinsamen Nenner?
 
Wir sind relativ breit gefächert, das macht den gemeinsamen Nenner letztendlich aus. So arbeiten wir morgens an einem Projekt und denken abends vielleicht an ein ganz anderes. Somit bekommen wir keinen Tunnelblick, sondern können mit den verschiedenen Themen spielen. Vielleicht haben wir gestern nach dem perfekten Konzept für Laufen gesucht und gestalten heute ein Telefon für Siemens Gigaset – und denken dabei, dass eine keramische Oberfläche dafür auch eine interessante Option wäre. Und das wiederum bringt Innovation mit sich.
 
Sie nannten gerade als Beispiel Keramik. Fasziniert Sie das Material besonders?
 
Keramik, besonders im Badbereich, gibt einem die Möglichkeit eines 1:1-Erlebnisses. Wenn wir zum Beispiel einen Waschtisch gestalten, dann stehen wir vor dem Modell, bearbeiten die Tiefe und – das ist ein etwas blöder Begriff – töpfern. Wenn ich das Material mit den Händen bearbeite, sehe ich sofort, wie es reagiert und erhalte somit ein Verständnis für den Werkstoff. Wenn ich ein Telefon entwerfe, dann geht es dabei um Technologien, um Tastengrößen und Proportionen. Und natürlich auch um viel Strategie. Bei der Keramik stehen Persönlichkeit, Funktion und auch der Entstehungsprozess sehr stark im Vordergrund. Und das ist unheimlich spannend. Die Keramik hat schon etwas sehr Sinnliches, vielleicht auch etwas Feminines. Ich mag das Humane an dem Material. Es ist nie aggressiv. Denn wenn es aggressiv wäre, hätte es keinen Erfolg.

Keramik ist also das perfekte Material für das Badezimmer?
 
Der Trend des radikalen Purismus, den viele Designer in den letzten vier, fünf Jahren extrem verfolgt haben, geht gerade im Badbereich wieder ein wenig zurück. Die Dinge werden, zumindest im Detail, freundlicher – vielleicht auch putzfreundlicher, was natürlich eine große Rolle spielt. Von daher ist die Keramik das perfekte Material für das Bad. In der Küche finde ich es zum Beispiel vollkommen fehl am Platz. Da geht es um Funktionalität: Ein Topf muss in die Spüle passen, die Oberfläche darf nicht abknallen und kaputt gehen. Es geht ums Arbeiten. Im Badezimmer geht es eher um das „Schweben“ und das „vom Wasser aufgefangen“ werden.
 
An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?
 
An vielen sehr unterschiedlichen. Wir gestalten, wie schon erwähnt, viel im Elektronik- und im Kommunikationsbereich, wie beispielsweise für Siemens Gigaset. Es gibt eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Designmanagement des Unternehmens. Wir arbeiten gemeinsam an Konzepten für die Zukunft, geben der Marke ein unverwechselbares Gesicht und entwickeln dieses stetig weiter. Gigaset ist Marktführer in Europa, und wir versuchen gemeinsam diesen Vorsprung auszubauen. Es geht einerseits um die Konsumierbarkeit, um Universaldesign und um Qualität auf allen Ebenen, aber auch um die Differenzierung: günstig, mittel, teuer – also um sehr viel Strategie. Wir versuchen immer, die Marke sowie deren Alleinstellungsmerkmale und Stärken zu verstehen und diese auch zu vermitteln. Also geht es uns nicht um uns selbst (lacht), sondern immer um den Kunden, die Zielgruppe und das perfekte Produkt. Für Laufen Bathrooms arbeiten wir gerade an einem Projekt, das voraussichtlich auf der nächsten ISH im Frühling 2011 präsentiert wird.
 
Können Sie dazu schon mehr sagen?
 
Die Idee ist ganz klar: Laufen denkt schon lange in Gesamtbadlösungen. Seit Mitte Juni diesen Jahres kann Laufen Keramik und Armaturen an einem Standort entwickeln und produzieren. Dadurch ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. So kann zum Beispiel die Armatur perfekt auf die Keramik abgestimmt werden, was normalerweise nicht so einfach ist, wenn verschiedene Hersteller zusammenkommen. Damit wird das Design das Gefühl vermitteln, aus einem Guss zu sein – aber mehr darf ich nicht verraten.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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