Antonio Citterio

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Text: Jasmin Jouhar, 21.02.2011


Wer Vitra sagt, meint auch: Antonio Citterio. Seit rund 25 Jahren arbeitet der 1950 geborene Designer und Architekt aus Mailand mit dem Schweizer Möbelhersteller zusammen. Im Laufe der Jahre entstanden nicht nur zahlreiche Produkte für Vitras Arbeitsmöbelkollektion wie die Stuhlfamilie AC 4, die Büromöbelsysteme Ad Hoc und Ad One oder der Besucherstuhl Visavis, sondern auch zwei Produktionshallen am Vitra-Standort Neuenburg in Deutschland. Zur Orgatec 2010 stellten Vitra und Citterio ein weiteres Ergebnis ihrer Zusammenarbeit vor: den Bürostuhl ID Chair, der jetzt auf den Markt kommt. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Bürostuhl, sondern um ein ganzes Konzept: Es gibt eine Basis in Form einer neuentwickelten Mechanik-Plattform mit Untergestell und Sitz, die mit zahlreichen Elementen zu verschiedenen, „personalisierten“ Stuhlmodellen kombiniert werden kann. Komfort, Preis, Ästhetik und Funktion bestimmt der Käufer. Zudem bietet Vitra ein Green User Agreement an: regelmäßige Wartung, Recycling und Austausch der Teile bei Bedarf. Wir trafen Antonio Citterio am Vitra-Stand in Köln und sprachen mit ihm über Design für die ganze Welt, vergnügliche Arbeitstage in Basel und wie man Produkte am Leben erhält.


Herr Citterio, welche Idee steht hinter dem neuen Bürostuhl
ID Chair?

Bereits vor mehr als drei Jahren habe wir angefangen, uns mit der Entwicklung des Stuhl-Programms zu beschäftigen. Dabei spielte eine Rolle, dass das Design sich immer mehr der „richtigen“ Wirtschaft annähert. Mit „richtiger“ Wirtschaft meine ich, dass auch Designprodukte wirklich konkurrenzfähig sein müssen. In der Vergangenheit war Design lediglich ein kleiner Bereich des Markts. Jetzt ist Design der Markt. Wenn man sich zum Beispiel ein Auto kauft, dann kauft man es vor allem wegen seines Designs. Genau wie ein Auto ist Design – also Produktdesign, zum Beispiel Büromöbel – aber auch ein industrielles Produkt, und als solches muss es am Markt bestehen können. Deswegen spielt die Strategie der Logistik beim ID Chair eine große Rolle. Es gibt bei diesem Stuhl eine Reihe verschiedener Elemente, und indem Sie die verschiedenen Elemente unterschiedlich kombinieren können, bietet das Konzept Ihnen verschiedene Stuhltypen zur Auswahl. Die Basis bildet aber immer dieselbe Mechanik. In die Mechanik haben wir eine Menge Arbeit investiert, damit sie ganz verschiedene Bewegungsmuster erlaubt. Und zu dieser Basis können Sie verschiedene Lehnen, Sitzflächen und so weiter hinzufügen. Wenn ich über das Konzept spreche, hört es sich ganz einfach und logisch an. Aber tatsächlich war es gar nicht so einfach, dieses dann tatsächlich in ein gut gestaltetes Produkt umzusetzen. Immerhin haben Vitra und ich drei Jahre zusammen daran gearbeitet.
 
Wo liegen denn die Unterschiede zu anderen Bürostühlen?

Schauen Sie sich beispielsweise amerikanische Stühle an: Die zeigen ihre Funktionalität regelrecht vor. Sie sind wie Turnschuhe von Nike. Wir bieten natürlich denselben Komfort, dieselben Eigenschaften, aber auf etwas elegantere Weise.

Das ID Chair-Konzept bietet jede Menge Kombinationsmöglichkeiten – viele verschiedene Modelle, Stoffe, Funktionen. Rund 8.000 Kombinationen sind theoretisch möglich. Aber wie viele davon werden wohl tatsächlich genutzt werden?

Beim ID Chair geht es darum, was der Nutzer will. Die vielen Möglichkeiten sind nur ein Angebot, aus dem man sich das Passende raussucht. Das ist wirklich ein großer Unterschied zu anderen Stühlen. Und nach fünf Jahren kann man sich einfach andere Armstützen oder Rückenlehnen auswählen. Man behält den eigentlichen Stuhl und tauscht lediglich Teile davon aus. Das ist flexibel und persönlich. Auch wieder wie bei Autos, bei denen der Käufer aus einer großen Zahl von Ausstattungsvarianten wählen kann. Und darum geht es auf dem Markt. Wir haben ein Produkt für die ganze Welt entwickelt, das aber an die Bedürfnisse der verschiedenen Märkte angepasst werden kann. Zum Beispiel Japan: Dort sollte der Stuhl nicht allzu hoch sein. In den Niederlanden dagegen sieht es ganz anders aus: Die Leute dort sind sehr groß. Darin liegt die Schwierigkeit, ein Produkt zu entwickeln, das auf der ganzen Welt funktioniert. Universell muss es sein und sich zugleich speziell an lokale Märkte anzupassen.

Die Idee ist also, dass man die Konfiguration eines ID Chair ändern kann, während er in Benutzung ist? Heutzutage ist es in den Unternehmen ja Normalität, dass die Mitarbeiter recht oft wechseln.

Ganz genau. Vielleicht ist die Lehne nach einiger Zeit verschmutzt – dann können Sie sie einfach ersetzen. Oder ein Stuhl soll etwas mehr nach Vorstandsetage aussehen: Sie fügen einfach Armstützen an und tauschen die Rückenlehne aus, und schon haben Sie einen Chefsessel. Dabei geht es auch um Nachhaltigkeit: Wenn man ein Produkt viele Jahre „am Leben halten“ kann, dann ist es nachhaltig. Vitra hat dafür einen speziellen Service, das so genannte Green User Agreement. Beim ID Chair bieten wir alle fünf Jahre eine Überprüfung des Stuhls an. Und nach fünfzehn Jahren kann man den Stuhl kostenlos zum Recyceln an Vitra zurückgeben. Das waren zwei wichtige Aspekte in der Entwicklung: Langlebigkeit und Wiederverwertbarkeit.

Nachhaltigkeit war also ein zentraler Faktor bei der Entwicklung des Stuhl-Programms?

Genau.

Sie arbeiten bereits eine ganze Weile mit Vitra zusammen. Offensichtlich eine sehr erfolgreiche Kooperation. Was ist denn das Geheimnis dahinter?
 
Die persönliche Beziehung mit Vitra ist sehr gut. Bei Vitra geht es um Personen, um Austausch, nicht nur um Marktanteile und Geld. Darum natürlich auch, aber nicht als einziges Ziel der Arbeit. Für mich ist es immer wieder ein großes Vergnügen, nach Basel zu kommen. Das ist immer ein sehr netter Arbeitstag.

Sie sprechen von „wir“, wenn Sie über Vitra reden. Fühlen sie sich als Teil des Unternehmens?

Ja, denn es ist eine Gemeinschaft. Das ist das Geheimnis, warum es sich mit Vitra so gut zusammenarbeiten lässt.

Sie haben bereits zahlreiche Produkte für Vitra entworfen ...
 
... in 25 Jahren!

Gibt es etwas, das all diese Produkte gemeinsam haben? Was sie zu einem „Citterio“ macht?

Eine Gemeinsamkeit ist sicher, dass wir immer viel an der technischen Umsetzung forschen. Und außerdem haben wir bei Vitra eine Vision von der Arbeitswelt. Der Ort, an dem man arbeitet, ist nicht nur einfach ein Arbeitsplatz. Es ist auch ein sozialer Ort. Und da man dort sehr viel Zeit verbringt, denken wir immer auch an die Lebensqualität bei der Arbeit.
 
Vergangenes Jahr zur Mailänder Möbelmesse präsentierten Sie die Sofa-Familie Suita – das war ein wichtiger Beitrag zu Vitras Home Collection. Bedeutete das einen Schritt in eine völlig neue Welt? Oder sehen Sie viele Gemeinsamkeiten zwischen Arbeiten und Wohnen?

Tatsächlich setzen wir Suita auch für Büro-Projekte ein – allerdings in einer härteren Polsterversion. Wissen Sie, die wohnliche, vielleicht sogar gemütliche Ausstrahlung, das gehört zum Geist von Vitra dazu. Auch bei den Arbeitsmöbeln.

Aber denken Sie wirklich, das Büro sollte ein wohnlicher Ort sein? Oder sollte es atmosphärische Unterschiede geben zum Zuhause?
 
Ich meine ja nicht, dass die Leute im Büro Fernsehen schauen, schlafen oder Sport machen sollten. Aber wenn man eine angenehme Umgebung schafft, dann fühlen sich die Leute wohler bei der Arbeit. Und sind nicht so schnell frustriert, als wenn die Beleuchtung schlecht, der Arbeitsplatz laut und kein Raum für Erholung da ist. Schließlich arbeiten die Leute besser, wenn sie sich als Teil eines großen Ganzen fühlen.

Meine nächste Frage ist eher allgemein: Wenn Sie jemand vor die Wahl stellen würde, nur noch als Architekt oder Designer zu arbeiten – wie würden Sie sich entscheiden?
 
Für mich ist meine Arbeit als Architekt und als Designer das Gleiche. Ich baue Bürohäuser und entwerfe die Ausstattung dafür. Und wenn ich für Vitra Möbel entwickle, dann brauche ich auch mein Gefühl für Gebäude. Das ist unmöglich voneinander zu trennen.

Ist das nicht ein sehr italienisches Konzept? Zunächst studiert man Architektur, um dann später als Architekt und Designer zu arbeiten?
 
Das ist wirklich typisch italienisch. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Zwischen den beiden Weltkriegen haben alle Architekten auch Interior Design gemacht. Le Corbusier, Mies van der Rohe. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Disziplinen, immer spezialisierter zu werden.
 
Aber das italienische Modell funktioniert doch nach wie vor sehr gut?
 
Ja, aber auch in Italien ändert es sich mittlerweile. Ich gehöre ja noch einer anderen Generation an. Die Jüngeren studieren heutzutage Architektur oder Design. Die Hochschulen bieten auch in Italien mittlerweile verschiedene Studiengänge an.

Vielen Dank für das Gespräch.

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