Architektur kann einen emotionalen Raum ausbreiten

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Text: Stephan Burkoff, Foto: Enrico Meyer, Uwe Walter, 05.06.2018

Seine Bilder sind düstere und differenzierte Konstruktionen, die Rätsel aufgeben. Und doch möchte Titus Schade, dass man sich mit ihnen wohlfühlt und in sie eindringt. Sie sind ein Abbild seiner selbst und sollen Begleiter sein. Ein Gespräch über Herkunft, zweidimensionale Architekturen und das Verhältnis zum eigenen Werk.

Du bist in Leipzig geboren und aufgewachsen. Welche Rolle spielt deine Heimatstadt für dich? Ich bin sehr gern an dem Ort, an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Es ist wohl die ideale Mischung aus dem Metropolhaften und Kleinstädtischen, die Leipzig seinen speziellen Charme verleiht. Die Stadt hat neben ihrer langen Geschichte eine sehr dichte und lebendige Kunstszene, umrahmt von Institutionen wie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, dem Museum der bildenden Künste, der G2 Kunsthalle, der Kunsthalle der Sparkasse oder auch der Galerie für zeitgenössische Kunst. Zudem bildet die Spinnerei als eine Art Stadt in der Stadt, wo Galerien und Ateliers verortet sind, einen wichtigen Impulsgeber. Heutzutage hat man außerdem die Möglichkeit, binnen Stunden jeden Ort dieser Erde zu erreichen, sodass es auch keinen Grund oder eine Notwendigkeit für einen dauerhaften Ortswechsel gibt. Wenn ich in Berlin, London oder New York bin, dann frage ich mich: Könnte ich hier permanent leben? Für einige Wochen oder Monate wäre das sicher möglich und auch spannend. Ich denke jedoch, dass ich mich durch die dort gegebenen Umstände zu sehr ablenken ließe und auf Dauer nicht wohlfühlen würde. Vielleicht würde die Konzentration auf die eigene Arbeit leiden. Leipzig ist für mich im Endeffekt ein sehr guter Ort, um zu leben und zu arbeiten.

Studiert hast du bei Neo Rauch. Was war das Besondere daran? Manchmal ist es ja so, dass es gute Maler gibt, die aber im Akademischen keine guten Lehrerfiguren abgeben würden. Oder eben kompetente Lehrerpersönlichkeiten, die sich nicht durch ihr bildnerisches Werk auszeichnen. Bei ihm kamen jedoch beide positiven Eigenschaften zusammen. Abgesehen von seiner Bekanntheit, die schon damals weit über Leipzig hinausgewirkt hat, ist er rein formal gesehen und ganz nüchtern betrachtet einfach ein sehr guter und vielseitiger Maler. So hatte man als junger Student ein Vorbild, an dem man sich malerisch abarbeiten wollte – was natürlich nicht immer einfach war und auch zu heiklen Ergebnissen führte. Mit seinem sehr guten Bildgedächtnis, also auch was ikonografische Dinge betrifft, und einer Fähigkeit, die eigene Fantasie in einen fremden Bildkosmos einzubringen, waren die Konsultationen bei ihm immer eine höchst spannende Angelegenheit. Mit dem Diplom war diese Episode dann erst einmal vorbei.

Du warst aber noch als Meisterschüler bei ihm. Das war für mich vielleicht die wichtigste Zeit meiner malerischen Ausbildung, in der man die Möglichkeit hatte, zwei Jahre noch konzen­trierter miteinander zu arbeiten. Nun waren statt 35 Studenten eben nur noch fünf Mitstreiter in der Klasse, und man konnte die Zusammenarbeit intensivieren und einen etwas kollegialeren Umgang miteinander pflegen.

Titus Schade, Die Wolkenausstellung, 2017, Öl und Acryl auf Leinwand, 30 x 40 Zentimeter, Foto: Uwe Walter, © der Künstler und courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Was hat diese Zeit für dich bedeutet? Während der Meisterschülerzeit ist innerhalb meiner Arbeit das Thema der Zweidimensionalität gewachsen – wir sprechen von Malerei, insofern ist das alles zweidimensional, aber was ich meine, ist die Frontalität und das Flächenhafte. Das Bild innerhalb der Malerei als das zu reflektieren, was es ist: eine zweidimensionale Fläche, die trotzdem Raum und Tiefe suggerieren kann. Das war rückblickend eine sehr wichtige Zeit für mich.

In welchem Verhältnis stehen für dich Werk und Künstler? Ich glaube, des Öfteren ist einem als Maler und Urheber des Ganzen gar nicht so genau bewusst, was man da eigentlich macht. Was ich da mache – dieses geordnete Auftragen von Farbe auf die Leinwand – überrascht mich selbst auch immer wieder, vor allem wenn ich die Bilder dann schon nach kürzerer Zeit außerhalb meines Ateliers zu sehen bekomme. Zum Beispiel bei einer Präsentation in der Galerie stellt man mit einem etwas objektiveren Blick fest, was man da im letzten Dreivierteljahr geschaffen hat. Im Atelier stellt sich im Dialog mit den Bildern während des Arbeitsprozesses oft eine Gewöhnung im Blick auf sie ein. Sie hängen dann gewissermaßen noch an der Nabelschnur und sind wie Teile von einem selbst. Mit dem Verlassen der Atelierräume beginnt dann womöglich ihr Eigenleben.

Dann hat dein Werk ein eigenes Wesen und gar nicht mehr so viel mit dir zu tun? Zum Teil – und das ist vielleicht auch ganz spannend, wenn es passiert. Wenn sich die Dinge verselbstständigen. Aber natürlich gibt es ganz viele Bilder, von denen ich sage, das sind Selbstporträts, auch wenn ich persönlich nicht auf ihnen erscheine. Ich begreife auch die Darstellung der Architektur an sich als Porträt, vor allem seitdem ich angefangen habe, die Figur aus den Bildern herauszulösen. Figuren sind gegenwärtig auf meinen Leinwänden nur noch als Abbild oder als Gemälde innerhalb des Gemäldes zu sehen. Aber trotzdem ist jedes Bild, das ich gemalt habe, natürlich immer in Teilen ein Porträt meiner selbst – vielleicht allein schon durch die Art und Weise des malerischen Vortrags.

Was sagt das über dich? Ich hantiere in meinen Arbeiten mit Versatzstücken aus dem Empirischen – möchte aber eine in sich geschlossene Parallelwelt erzeugen, die sich von unserer loslöst und bestenfalls zeitlos darstellt. Ich versuche, Dinge zu kreieren und sie dabei auch zu kontrollieren, ähnlich wie ein Modellbauer, der die Weichen auf seiner Eisenbahnplatte stellt und Bäume und Häuser setzt. Weil man das in anderen Bereichen des Lebens nur schwer kann, suche ich die Ordnung wahrscheinlich in meinen Bildern. Vom Kauf der Materialien bis zur Übergabe an den Galeristen bin ich ja für alles zuständig und alleine verantwortlich. Alles geschieht durch meine eigenen Hände. Und es ist in der Malerei ja so, dass was und wie etwas abgebildet ist, immens mit seinem Urheber verbunden ist – wahrscheinlich wie in keiner anderen bildenden Kunstrichtung.

Das bedeutet, du arbeitest allein? Ja, zumindest alles, was das Schaffen im Atelier betrifft. Ich kann mir das auch gar nicht anders vorstellen. Vielleicht würde ich mir, wenn ich es zeitlich nicht mehr schaffe, die Leinwände bauen und anliefern lassen. Aber da fängt es ja eigentlich schon an. Denn oft habe ich bereits einen Schwung im Pinselstrich der Grundierung und sehe darin schon einen bildnerischen Ansatz – gerade für freiere Kompositionen wie zum Beispiel die der Wolkenlandschaften. Zudem sind die Phasen des Leinwandbauens ein nicht unwichtiger Teil meiner Arbeit. Hier hat man Zeit zu kontemplieren, neue Ideen zu entwickeln. Während dieser handwerklichen Tätigkeit sammle ich Energie für neue Bilder. Ich wüsste also gar nicht, was jemand anderes für mich machen sollte. Erst recht nicht in der Malerei.

Wie lange arbeitest du in der Regel an deinen Bildern? Das ist unterschiedlich. Sie entstehen in Gruppen. Es kann also sein, dass Bild eins, mit dem ich beginne, als Letztes fertig wird – was schon ein halbes bis Dreivierteljahr dauern kann. Nun, wenn ich an einem Einzelbild arbeiten würde, wäre das sicherlich zwischen drei und vier Wochen fertig. Aber oft ist es so, dass meine Bilder eben miteinander entstehen. Was auch von großem Vorteil ist, weil sie alle beieinander sind und sich zusammen entwickeln. Die Malerei ist ein sehr langsames Medium, und man hat so den Korrekturabgleich.

Ein normaler Arbeitstag von Titus Schade? Also ich bin kein Maler, der erst spätabends ins Atelier kommt und erstmal eine Flasche Rotwein öffnet und wartet, bis ihn die Muse küsst. Aber ich bin auch nicht derjenige, der morgens um sieben anfängt zu arbeiten. Das Ganze spielt sich in der Mitte ab. Am Vormittag gibt es die Gelegenheit, alles Organisatorische zu erledigen, E-Mails und so weiter. Gegen Mittag fahre ich in die Spinnerei, esse etwas, gehe vielleicht in die Galerie, wenn es etwas zu besprechen gibt, und dann beginnt die eigentliche Atelierarbeit. Da geht es dann von der ersten Minute an los, so lange, bis sich das Gefühl einstellt, das Tagesziel erreicht zu haben. Die Arbeitswoche erstreckt sich von Montag bis Freitag. Das Wochenende ist heilig und sehr wichtig, um den Abstand zur Arbeit zu finden und zu wahren.

Interessiert dich, wer deine Werke kauft? Das ist schon wichtig. Wenn es jemand wäre, der mir persönlich vollkommen unsympathisch wäre, zum Beispiel aus politischer Sicht, dann würde mir das wahrscheinlich nicht so sehr gefallen. Ich freue mich immer, die Sammler meiner Arbeiten kennenzulernen und mit ihnen zu sprechen. Es ist auch schon vorgekommen, dass jemand Jahre zuvor ein Bild von mir über die Galerie gekauft hat und ich ihn dann erst viel später traf. Dann ist es schön, wenn man von den Käufern hört, dass sie immer noch glücklich mit der einst erworbenen Arbeit sind, und man spürt, dass das Bild bis dato ein guter Begleiter für sie war. Für mich sind es auch schöne Momente, wenn man von Sammlern eingeladen wird und einem eigene ältere Arbeiten dort begegnen, welche man lange nicht gesehen hat, und sie einem vielleicht schon etwas fremd geworden sind.

Titus Schade, Regal I, 2012, Öl und Acryl auf Leinwand, 150 x 200 Zentimeter, Foto: Uwe Walter, © der Künstler und courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Das Bild hat also sein eigenes Leben. Ja, im Idealfall. Die Betrachtung der eigenen Arbeit mit zeitlichem Abstand ist eine interessante Angelegenheit. Denn das Bild kann „älter“, „klüger“ oder „reifer“ sein, als man selbst zu dem Zeitpunkt seiner Entstehung war – oder vielleicht sogar jemals sein wird. (lacht) Und manchmal stellt man sich beim Betrachten einer älteren Arbeit, die man länger nicht gesehen hat, die Frage: Wie habe ich das damals nur gemacht und diesen oder jenen Ansatz überhaupt gefunden? Wie war ich in der Lage, das zu jener Zeit mit meinen malerischen Mitteln zu lösen? Mit zeitlichem Abstand und einem objektiveren Blick kann die eigene Arbeit einen also selbst sogar staunen lassen.

Deine Werke wirken oft sehr düster. Bist du eigentlich ein positiv denkender Mensch? Ich glaube schon, dass ich eher ein Optimist bin. Natürlich habe ich auch meine melancholischen Anwandlungen und ich bin jemand, der mit Bedacht an die Dinge herangeht – also auch in der Malerei. All das fließt natürlich in meine Bilder ein. Ich fühle mich zu diesen obskuren Lichtverhältnissen auch hingezogen, weil Inszenierungen innerhalb der Dunkelheit ihren besonderen bildnerischen Reiz haben. Lichtspiele, wie man sie aus der barocken Chiaroscuro-Malerei kennt.

Lass uns mal über Architektur sprechen. Sie spielt in deiner Arbeit eine besondere Rolle. Welche Kraft geht für dich von der gebauten Umwelt aus? Architektur ist für mich etwas, das schon immer da war. Menschen kommen und gehen, aber bestimmte Gebäude überdauern Generationen. Und das ist eigentlich das Besondere daran. Genau wie bei guten Kunstwerken, im Idealfall sind sie omnipräsent. Gute Architektur, monströse Bauten, ein kleines Fachwerkhaus, diese Dinge überdauern weite Zeiträume, vielleicht bis hin zur Ewigkeit. Und sie bieten natürlich auch Möglichkeit und Anlass zur malerischen Hingabe. Architektur und Perspektive dienen mir dazu, innerhalb des Bildes Raum zu erzeugen, eine Szenerie zu schaffen, in die sich der Betrachter bestenfalls hineingezogen fühlt. Die Architektur ist ein Thema, das mich nicht loslässt. Sie kann Emotionen transportieren und einen emotionalen Raum ausbreiten.

Warum Fachwerk? Vielleicht weil es in meinem Leben bis dahin eine Unterversorgung an Fachwerk gab. (lacht) Es spielt auch eine Rolle, wie man mit der einzelnen Architektur umgeht. Zum Beispiel existiert bei einem Fachwerkhaus eine gewisse Erwartungshaltung, wie es gemalt sein sollte, nämlich vielleicht eher in einer lockeren, althergebrachten Malerei. Der Reiz liegt vielleicht darin, dieses Sujet in eine zeitgemäße Übersetzung zu bringen, zum Beispiel aus Farbverläufen bestehend, geometrisch akkurat, in Verbindung mit Betonbauteilen. Also eine Erwartungshaltung des Betrachters zu unterwandern, sodass plötzlich etwas ganz anderes entsteht. Ausgehend von der Perspektive, die es einem ermöglicht, dem Betrachter einen Raum zu öffnen, war die Architektur für mich schon immer ein wichtiger Ankerpunkt im Bild, auch um Dinge zu ordnen. Und eine Fassade in sich noch einmal zu unterteilen und zu strukturieren, ist aus formaler Sicht einfach reizvoll. Dazu kommen auch ornamentale Aspekte, die interessant sind. Fachwerkhäuser erscheinen mir immer ein wenig tempelhaft oder gar sakral.

Welche Architektur interessiert dich abseits deiner Arbeit? Was in der Neuzeit an Architektur entstanden ist beziehungsweise entsteht, betrachte ich oft sehr kritisch. Gerade in Großstädten gleicht sich heute vieles. Für mich zeichnet sich besonders Gründerzeitarchitektur, die sehr vom Klassizismus geprägt ist, durch harmonische Proportionen und wunderbare Baumaterialien aus. So etwas findet man gegenwärtig höchst selten. Gerade was in den frühen Neunzigern in Leipzig gebaut wurde, sind oft schlimme Objekte, wo man sich fragt, wer das geplant und wer das genehmigt hat. Auch mit zeitgenössischer Architektur tue ich mich oft schwer. Aber auch da gibt es natürlich Ausnahmen.

Was trennt die Kunst von der Architektur und was verbindet sie? Architektur kann natürlich auch kunstvoll sein. Und gut gemachte Architektur ist für mich auch immer ein Kunstwerk. Sie tritt dann über den reinen Zweck hinaus und ist Baukunst.

Wenn du dir wünschen könntest, in einer anderen Epoche zu leben,welche wäre das? Vielleicht im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Romantik. Aber eigentlich interessiert mich an jeder Epoche irgendetwas. Mich faszinieren das alte Rom genauso wie die Biedermeierzeit, die Weimarer Republik oder die Achtzigerjahre…

Wobei die Lebensqualität in den einzelnen Epochen doch sehr schwankt. Ich denke, jede Epoche hat etwas Spannendes. Das zeigt sich meist erst mit ausreichend zeitlichem Abstand. In 500 Jahren wird man vielleicht wehmütig auf unsere Zeit zurück­blicken oder aber sagen, die Mensch­en dort haben im tiefsten Mittelalter gehaust, und es war düster – voll roher Gewalt. Wenn es uns dann noch geben sollte.

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