Are we human?

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Text: Katrin Schamun

Die beiden Architekten und Architekturlehrenden Beatriz Colomina und Mark Wigley untersuchen in ihrem gemeinsamen Forschungsprojekt das Verhältnis von Design und Mensch. Wir sprechen mit ihnen über die Geschichte des Designens, inwieweit das Design uns zu dem macht, was wir sind, und darüber, dass wir unsere Spezies und Lebenswelt einem Redesign aussetzen.

Der Homo Sapiens hat in den letzten Jahrtausenden eine bizarre Welt geschaffen – oder sollte man besser sagen designed? Wie einen Layer legte er sein Design auf die Erde in Form von Wohnstätten, Verkehrswegen und Feldern. Was bedeutet für den Menschen zu designen? Mit dieser Frage beschäftigen sich Beatriz Colomina und Mark Wigley, beide sind Architekten, Theoretiker und Lehrende. Das Paar lebt und forscht in New York City. Beatriz gründete das Programm Media and Modernity im Fachbereich Architektur der Princeton University (New Jersey), Mark ist Professor an der Graduate School of Architecture der Columbia University (NYC). In diesem Jahr war Beatriz Stipendiatin am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Dort in der alten Villa im Stadtteil Grunewald sind wir zu dritt verabredet, um über das Verhältnis von Design und Mensch zu reden. Ihre bisherige Forschung dazu fassen die beiden in dem Buch Are we human? zusammen – den Titel wählten sie auch 2016 für die von ihnen kuratierte Istanbul Design Biennale.

In Ihrem Buch Are we human? gehen Sie den Anfängen des Designs nach und passen den Designbegriff an unsere heutige Zeit an. Was ist Design heute? Beatriz Colomina: Schon zu Beginn unserer Recherche zur Herkunft des Designbegriffs war unser Eindruck, dass sich heute die Bedeutung des Begriffs Design bei den meisten Menschen reduziert auf die Gestaltung von Leuchten, Taschen, Sofas oder Tischen – zusammengefasst auf Möbel und Mode. In unserer Recherche gingen wir weit zurück, zunächst zur industriellen Revolution, den Beginn der Produktion von Massenwaren, dann noch weiter bis zum Beginn der Menschheit.

Sie betrieben Designarchäologie? B.C.: Gewissermaßen. Wir verstanden, dass Design uns zu Menschen überhaupt macht, dass unsere Spezies eng verknüpft ist mit dem Design und der Tätigkeit des Designens. Uns würde es ohne Design gar nicht geben. Die Herstellung von Werkzeugen ist bereits ein Designprozess, und Werkzeuge gibt es seit mehr als drei Millionen Jahren. Die Fähigkeit, überhaupt etwas zu entwerfen und zu schaffen, macht uns zu Menschen, verbunden mit der Fähigkeit, das Geschaffene weiter zu verändern – zu verbessern oder auch nicht. Das Schaffen von nichtbrauchbaren Dingen gehört ebenfalls dazu. Aus diesem Grund können weder Fossilien noch Artefakte des heutigen Alltags in brauchbar oder unbrauchbar, Werkzeug oder Ornament eingestuft werden. Häufiger als man denkt, ist etwas, das wie ein Ornament aussieht, wirklich zweckmäßig und umgekehrt, was wie ein Werkzeug wirkt, ist nur zum Ansehen. Und dazwischen liegt das, was sozusagen der Antrieb des Designprozesses selbst ist.

Es gibt auch Tiere, die Werkzeuge zur Nahrungssuche oder -aufnahme verwenden. B.C.: Ja, in der Tat. Doch der Mensch designed auch völlig sinnlose Dinge, die weniger dem Nutzen als vielmehr ästhetischen Zwecken dienen. Ein Beispiel: Es gibt doch bereits seit langem gut funktionierende Espressomaschinen von italienischen Designfirmen. Warum werden immer wieder neue produziert, mit neuem Aussehen, das zwar teilweise anspricht, aber nicht immer gut funktioniert? So erhitzt sich bei manchen Modellen der Handgriff beim Kaffeemachen so sehr, dass man sich die Hand verbrennt, will man die Kanne von der Platte nehmen. 

Mark Wigley: Die menschliche Spezies ist in der Lage, so viele Dinge zu produzieren, die wenig- oder unbrauchbar sind. Wir stellen so viele Dinge her, die nicht funktionieren, doch manchmal, eher zufällig, funktionieren sie doch – dann heißt es, wir haben sie designed. Es gibt eine große Beschränktheit gegenüber dem Design als Begriff in der Welt. Heutzutage ist alles designed. Im Englischen werden Businesspläne wie auch politische Systeme designed. Der Mensch designed Infrastrukturen und Organismen. Der Begriff wird nicht sehr überlegt verwendet. Es gibt ein Verhältnis zwischen dem Design und dem Denken – dem Design and Thinking. Der Begriff Design ist ein Label, das den Menschen und sein Tun danach aussehen lässt, er hätte alles unter Kontrolle. Doch sind wir im Moment außer Kontrolle. Wir gestalten all diese Dinge für uns und unser Leben, doch in dem Augenblick, indem wir in der Lage sind, unsere Nachkommen designen zu können, sollten wir langsam über die Konsequenzen unseres Tuns nachdenken.

Bisher gab es die Vorstellung, dass Design dem Menschen dienen soll. Doch gerade heute tritt immer mehr zu Tage, dass Design den Menschen umformt, sozusagen: redesigned. M.W.: Nicht nur heute gibt es darüber Debatten. Bereits im 19. Jahrhundert veröffentlichte Samuel Butler in seinem Buch „Darwin among the Machines“, dass die ersten, vom Menschen geschaffenen Werkzeuge als prothetische Erweiterungen ihrer Körper eine Lebensform in eigener Weise entwickeln würden. Technologie selbst entwickle sich zu einer Lebensform – einer mechanischen Lebensform, die Menschen dafür einsetzt, sie zu pflegen. Die Möglichkeit, der Mensch werde ein Supermensch oder fabriziere seinen eigenen Niedergang, stand bereits damals zur Diskussion. Das Bild eines Menschen als prothetisches Wesen, das seine Biologie und Mentalität mit technologischen Layern erweitert, ist einerseits ein Bild aus der prähistorischen Zeit – ein mit Fellen Bekleideter, mit einem Steinwerkzeug in der Hand – und andererseits das Bild einer Zukunft, in der ein menschliches Wesen seinen fleischlichen Körper hinter sich lässt.

Dann braucht der Mensch seinen biologischen Körper nicht mehr und „lebt“ virtuell? M.W.: Der Mensch ist eine sehr instabile Gattung, sogar ein instabiles Sein. Er ist nicht klar definiert als biologischer Organismus, sondern die Begabung, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, macht ihn aus. Je unbestimmter und formbarer die Spezies ist, umso extremer sind ihre Auswirkungen im Redesignen der Erde und sich selbst. Derzeit leben wir bereits in einer Zeit, die als unmögliche Science Fiction betrachtet werden kann. Stellen wir uns nur mal vor, wir würden eine Science Fiction-Geschichte schreiben, in der die Hälfte der Menschheit einen Vertrag abschließt, dass alles, was sie in einem bestimmten elektronischen (Anm. d. Red.: Mark benutzt das englische Wort electronic statt digital) Raum unternimmt, in den privaten Besitz eines Unternehmen übergehen würde. Und dieses Unternehmen würde von einem Teenager geführt werden. Die Nutzer geben ihre Gedanken, die sie ausmachen in den elektronischen Raum ein. Und nicht nur das, umgekehrt beeinflusst dieser Raum die Gedanken seiner Benutzer.

Die meisten Menschen scheint dies nicht zu stören. M.W.: Wir denken überhaupt nicht mehr darüber nach, was wir mit unserer Technologie wirklich tun. In dem Moment, indem wir einen Anruf tätigen oder ins Netz gehen, sind wir kein Individuum mehr, sondern Teil eines Netzwerkes. Der Teenager selbst ist nur Designer dieser Beziehung, doch die Art und Weise, wie Big Data funktioniert, wie genau es Informationen als Muster verarbeitet, können wir Menschen gar nicht mehr begreifen. Design operiert gerade über unser Wissen hinaus. Jedes Mal, wenn ich mein Telefon berühre, wird ein Signal irgendwo zu einem großen Big Data-Lager geleitet. Wir selbst wissen gar nicht mehr, welche von uns selbst produzierten Daten wichtig sind. Aber das ist doch eine Art Gefängnis. Wir befinden uns in dieser von uns selbst verursachten, komplizierten Situation. Diese ist radikaler, als wir denken. Noch immer sprechen wir darüber, dass wir Telefone benutzen, anstatt dass wir von den Telefonen benutzt werden.

Smartphones benutzen uns, sie wissen mehr über unser Verhalten als wir selbst. So lasst uns doch weniger Mensch sein? M.W.: Vielleicht gibt es eine mögliche Zukunft, in der der Mensch weniger Mensch ist, sondern eher wie Insekten, eher wie Wasser, eher Pflanze, eher wie Mikroben – das ist eine sehr radikale Weise zu denken – mehr Natur.

Aber wir sind doch schon ein Teil der Natur? M.W.: Aber wir verneinen es. Schauen wir uns diesen Raum an. Er ist ein menschliches Produkt, das uns vor Natur schützen soll. Die Fenster lassen zwar etwas Licht und Luft hinein, die Natur, die Bäume lassen sie draußen wie auch weitestgehend Mikroben. Alles im Inneren ist gegen Natur entworfen.

B.C.: Aber diese Konditionen hier sind noch gut. Stellen wir uns nur die Räume in Wolkenkratzern vor. Dort können nicht einmal die Fenster geöffnet werden, um ungefilterte Luft in den Raum zu lassen. Das ist doch furchtbar. Jeder Architekt und Designer trägt mit seiner Tätigkeit zu einer Lebensweise bei, sei es mit Gebäuden oder Dingen oder virtuellem Design. Wir sollten uns dabei fragen, was ist für den Menschen gemachtes Design? Und was sind wir? Wie menschlich sind wir?

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