Atelier I+N: Der flexible Tisch

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Text: Dorothea Scheidl-Nennemann

Designer: Atelier I+N, Partner: Girsberger

Unweit des Neuenburger Sees im Schweizer Kanton Neuchâtel betreiben die Designer Ismaël und Nathan Studer das Designstudio Atelier I+N. Geboren und aufgewachsen in der Region, blieben die Zwillingsbrüder nach ihrem Studium für Industriedesign ihrer Heimat treu und widmen sich seit 2011 vorwiegend der Möbelgestaltung. Die ersten Aufträge erhielten die beiden noch über ihren Vater, einen Architekten am Ort. Doch inzwischen realisiert das Studio Projekte für eine internationale Kundschaft. In Zusammenarbeit mit Girsberger entstanden die Massivholztische Barra für den Essbereich sowie Barra Work für den Einsatz im Büro- oder Konferenzbereich. Ein Gespräch über ihre Vorlieben für Ästhetik und Funktionalität, Synergien mit Architekten und Heimvorteile.

Ihr beiden seid Zwillinge und betreibt gemeinsam das Studio I+N. Habt Ihr beim Entwerfen eine unterschiedliche Herangehensweise? Ismaël: Nathan ist mehr der Minimalist und versucht, funktionelle Lösungen zu finden. Ich liebe den Mix aus Kunst und Design. Mich faszinieren handwerkliche und einzigartige Gegenstände, die nur in kleinen Auflagen produziert werden und nicht so sehr in industriellen Dimensionen.

Nathan: Ja, es ist wahr, Du bevorzugst Ästhetik und ich Funktionalität. So ist auch unser jeweiliger Fokus. Alle unsere Arbeiten stehen jedoch in direktem Bezug zu uns beiden. Oft ist es so, dass ich eher an Architekturprojekten oder am Architekturbezug von Projekten arbeite und Ismaël eher an den Objekten.

Euer Studio liegt in dem kleinen Ort La Chaux-de-Fonds in Neuchâtel. Ist das nicht etwas abseits des Designgeschehens? Nathan: Wir arbeiten hauptsächlich in der französischen Schweiz und vor allem hier, wo die Uhrenindustrie angesiedelt ist. Ein Vorteil ist, dass es nicht so viele andere Designer und damit Wettbewerber gibt wie in Basel oder Zürich. Zudem haben wir einen Heimvorteil: Wir sind in Neuchâtel geboren und in Lausanne aufgewachsen. Zum Arbeiten benötigen wir ansonsten vor allem den Computer, Arbeitsfläche und gute Handwerker. Das alles gibt es hier.

Ismaël: Mir gefällt es aber auch, Designer zu sein und gleichzeitig diese ruhige und friedliche Umgebung zu genießen. Hier sprechen wir nicht immer mit allen Leuten über Design. Unsere Freunde sind in ganz anderen Berufen tätig und ich liebe natürlich meinen See. Ich würde nicht in Paris oder New York leben wollen. Ich lebe lieber hier und besuche ab und zu unterschiedlichste Städte. Wir müssen vor allem schauen, gute Handwerker zur Umsetzung unserer Ideen an der Hand und in der Nähe zu haben.

Wie kam es zur Umsetzung der Tische Barra und Barra Work? Ismaël: Als wir gerade an einem Hotelprojekt in Neuchâtel arbeiteten, nahm Girsberger wegen eines anderen Hotelprojekts Kontakt zu uns auf und ein Kollege von Girsberger Customized Furniture kam vorbei. Er entdeckte während seines Besuches einen Besprechungstisch, den wir entworfen hatten und meinte, das könnte etwas für die Girsberger-Kollektion sein. So kam es, dass er den Tisch als Vorschlag im Unternehmen einbrachte und die Entwicklung des heutigen Barra nahm ihren Lauf.

Was faszinierte Euch besonders an der Designaufgabe „Tisch“ und welche Überlegungen standen im Vordergrund? Nathan: Die Einfachheit, der minimalistische und auch preisoptimierte Ansatz waren uns wichtig. Alle Details sollten sehr simpel sein. Unsere ersten Prototypen wurden von Handwerkern hergestellt. Zunächst war die Tischplatte aus keramischem Material. Als Girsberger dieses Projekt aufgriff, kam dann Massivholz zum Einsatz. Es hat eine viel wärmere Ausstrahlung. Uns gefällt auch der Aspekt, dass unser Tisch zunächst ein Konferenztisch war, dann bei Girsberger zum Esstisch Barra und nun im nächsten Schritt zum Konferenztischsystem Barra Work erweitert wurde. Seine Vielseitigkeit im Einsatz überzeugt uns: Einerseits kann eine ganze Familie daran sitzen und er kann als Konferenztisch fungieren.

Ismaël: Wir arbeiten sehr gerne am Thema „Tisch“. Schließlich handelt es sich konstruktiv gesehen auch um eine Art Architektur. Er ist ein wichtiges und großes Objekt in jedem Haus. Die Form von Barra ist archetypisch und archaisch. Es gibt keine dekorativen Elemente. Ich bin sicher, dass dies der wichtigste Aspekt dieses Entwurfsprojektes ist. Barra ist als Objekt selbsterklärend radikal und typisch – er will nicht mehr als ein Tisch sein.

Welche gestalterischen Aufgabenstellungen faszinieren Euch am meisten? Nathan: Es ist sehr schwierig, als Designer Möbel auf den Markt zu bringen. Da gibt es viele kleine Firmen, bei denen Produkte nur eine kurze Laufzeit haben. Bei größeren Firmen ist es schwierig, hineinzukommen – vor allem für junge Designer wie uns. Das Angebot an guten Gestaltern in der Schweiz ist groß und auch wenn das Feedback für uns erfreulich gut ist, denke ich grundsätzlich, dass die Zukunft für unseren Berufsstand darin liegt, Synergien mit Architekten zu nutzen. Sie müssen gute Architektur anbieten und gleichzeitig auch Lösungsvorschläge für die Nutzung und die detaillierten Raumlösungen haben. So kommt es zu ganzheitlicheren Ergebnissen, als wenn Unbeteiligte die Innenräume gestalten.

In Eurem Portfolio gibt es einige Projekte, die in Holz umgesetzt wurden. Spricht Euch dieses Material auf eine besondere Weise an und warum? Nathan: Holz ist ein wunderbarer Werkstoff, der sich leicht und vielseitig bearbeiten lässt. Es fühlt sich gut und warm an. Es ist ein natürliches Material, mit dem wir alle sehr vertraut sind. Natürlich ist auch der Aspekt der Ökologie und Nachhaltigkeit sehr wichtig – vor allem hier in der Schweiz. Wir können viele Lösungen im Bereich der Details oder Verbindungen ohne Schrauben finden.

Barra Work – ist die logische Weiterentwicklung der Idee, dass Arbeiten immer wohnlicher wird und dass auch Möbel im Wohnraum immer häufiger zum Einsatz von Medien und mobilen Endgeräten genutzt wird … Ismaël: Für mich ist es der ultimative Luxus, Raum zur Verfügung zu haben. Wenn Du Raum hast, kannst Du ihn unterschiedlich nutzen. Das mag ich im Privatbereich wie im Büro. Vorbildlich finde ich auch die traditionelle japanische Nutzung von Wohnraum. Hier gibt es nicht viel aber doch einen grossen Raum, der multifunktional ist. Über den Tag hindurch wird er immer neu genutzt. Das gefällt mir. So ein Tisch wie Barra ist eine Anschaffung mit einer klaren Aussage, er wird sein Eigenleben entfalten und dem Nutzer gerade das bieten, was dieser in einem Tisch sucht.

… und ein geeigneter Baustein im Kontext von „New Work"? Nathan: Wir finden offene Raumkonzepte in Büros grundsätzlich gut, weil jeder viel mitbekommt. Barra Work hat hier unbedingt seinen Platz. Aber es sollte auch genügend Privatsphäre und akustischen Schutz geben und unserer Meinung nach benötigt auch jeder seinen eigenen Arbeitsplatz – seine Heimat im Unternehmen.

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