BarberOsgerby

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Text: Katharina Horstmann


Edward Barber und Jay Osgerby (beide Jahrgang 1969) lassen sich nicht auf eine einzelne Disziplin festlegen. Während ihres Architekturstudiums am Royal College of Art in London lernen sie sich kennen und gründen nach ihrem Abschluss 1996 das Büro „BarberOsgerby“ und später, im Jahr 2001, „Universal Design Studio“. Seitdem arbeiten sie erfolgreich an der Schnittstelle zwischen Möbeldesign, Innenarchitektur und Architektur. Neben Arbeiten für Kunden wie Cappellini, Classicon, Established & Sons, Flos und Venini entwerfen sie (Innen-) Architekturprojekte für Stella McCartney, H&M, Paul Smith oder Damien Hirst. Wir trafen Edward Barber und Jay Osgerby in ihrem Büro in London und sprachen mit ihnen über ihre Anfänge im Möbeldesign, den Grund, zwei separate Büros zu betreiben und über die Möglichkeiten limitierter Editionen.
 
 
Herr Barber, Herr Osgerby, stimmt es, dass Sie auf der Londoner Messe „100% Design“ entdeckt wurden?

Osgerby: Wir leider nicht, aber eines unser Möbelstücke (lacht).
Barber: Ja, das stimmt. Das war 1997 mit dem Tisch „Loop“. Nach unserem Architekturstudium haben wir ein Architekturbüro gegründet, und der Tisch war Teil eines Restaurantprojektes. Leider war das Budget nicht besonders groß, und der Kunde konnte sich keine neu angefertigten Möbel leisten. Wir ließen trotzdem einen Prototypen herstellen und zeigten ihn ein paar Freunden, die uns auf die Idee brachten, ihn auf der „100% Design“ zu präsentieren. Der Tisch war jedoch das einzige Möbel, das wir damals hatten und für einen ganzen Messestand etwas zu wenig. Deswegen taten wir uns mit dem Magazin „Wallpaper“ zusammen und entwarfen einen Stand, auf den wir nur den Tisch sowie ein paar Stühle stellten und dessen Wände wir mit den Titelbildern des Magazins tapezierten. Damals gab es erst drei oder vier Ausgaben. Wallpaper stand noch ganz am Anfang und war „the big thing“ – und unser Tisch stand mitten drin. Giulio Cappellini war mit Jasper Morrison auf der Messe unterwegs, sah den Tisch und wollte ihn produzieren.
 
Sind so die meisten Ihrer Entwürfe entstanden? Für Ihre innenarchitektonischen Projekte?
 
Osgerby: Unsere Diplomarbeiten beschäftigten sich mit dem Thema Design. Nach dem Studium haben wir immer wieder versucht, die richtigen Objekte für die von uns gestalteten Räume zu finden, was jedoch sehr schwierig war. So haben wir angefangen, die richtigen Möbel selber zu entwerfen.
Barber: Leider haben die meisten Bauherren niedrige Budgets, und es gibt kein Geld, Dinge selber zu entwickeln. Trotzdem haben wir mit der Architektur nicht aufgehört. Im Gegenteil. Zur den aktuelleren Projekten gehört H&M, für die wir unter anderem Flagshipstores in Los Angeles, Tokio und New York entworfen haben, oder der Stella McCartney-Laden in New York.
 
Heute betreiben Sie zwei Büros: Unter dem Namen „BarberOsgerby“ entwerfen Sie Möbel und Objekte; unter dem Namen „Universal Design Studio“ Architektur. Warum machen Sie diese Unterscheidung?
 
Osgerby: Wenn man an das italienische Modell insbesondere der 1950er und 1960er Jahre denkt: Damals machten Architekten einfach alles, Möbel, Produkt- und Industriedesign wie auch Architektur. Großbritannien gehörte jedoch zu denjenigen Ländern, die die „kleinen Disziplinen“ erfanden. Entweder bist du Produkt-, Industrie- oder Möbeldesigner oder eben Architekt. Unser Büro ist eher eines, wie man es auch heute noch in Mailand finden könnte, eines, wo alle interdisziplinär arbeiten. Die Entscheidung, dem Architekturbereich einen eigenen Namen zu geben, kam unter anderem dadurch, dass die Presse in den 1990er Jahren eine fixe Idee hatte, wer wir sein sollten und durcheinander kam, wer „BarberOsgerby“ ist, beziehungsweise was wir machen. So entschlossen wir uns dazu, die Bereiche zu trennen.
Barber: Ein weiterer Grund war, dass wir bei den meisten innenarchitektonischen Projekten mit großen Namen zusammen gearbeitet haben wie beispielsweise mit Damien Hirst oder Paul Smith. Solche Projekte tragen natürlich auch deren Handschrift, und es ist schwierig, sein eigenes Ding zu machen. So eine Zusammenarbeit ist eher wie ein Workshop. Das ist einerseits sehr interessant, kann aber auch etwas frustrierend sein, denn manchmal entsteht dieses Gefühl, nicht der Autor gewesen zu sei. Mit dem Möbeldesign ist es das genaue Gegenteil. Wenn du dir zum Beispiel die Leuchte „Tab“ von Flos ansiehst, weißt du, dass sie von uns ist. Auch deswegen haben wir dem anderen Bereich einen anonymen Namen geben.
 
Die Bandbreite Ihre Projekte ist weit gefächert. Würden Sie dennoch sagen, dass es einen bestimmten „BarberOsgerby-Stil“ gibt? Oder Produkte, die Ihnen besonders am Herzen liegen?
 
Osgerby: Das ist schwierig zu beantworten. Ich denke die Leuchte „Tab” wie auch der Tisch „Bottle“ für Cappellini gehören dazu. Es sind Projekte, die auf eine sehr einfache Weise entstanden sind. Der Entwurfsprozess der Leuchte war ideal; ihr Konzept hat sich kaum verändert. Ich mag Projekte, die ihre anfängliche Richtung beibehalten. Bei dem „Bottle“-Tisch war es ähnlich.
Barber: Ja, es war buchstäblich ein Zwei-Tages-Projekt, und die Leuchte war sogar ein Ein-Tages-Projekt. Das passiert nur, wenn es schlichte Produkte sind. Denn je länger du am Anfang an einem Projekt sitzt – ich meine während der Konzeptphase, die Entwicklung selbst kann eine Ewigkeit dauern – desto komplizierter und schlechter wird es. Am ersten Tag brauchst du eine klare Idee; und wenn du das schaffst, kann daraus ein überzeugendes Produkt werden.
Osgerby: Man sollte nicht mehr als einen Satz brauchen, um etwas zu beschreiben. Ähnlich ist es bei einer Skizze.
 
Wie würden Sie denn die „Tab“-Leuchte in einem Satz beschreiben?
 
Osgerby: Wohl die beste Leuchte, die es auf dem Markt gibt (lacht). Sie löst die klassische Zeichentischleuchte ab. Die brauchen wir nicht mehr, da eigentlich niemand mehr Zeichentische benutzt, sondern am Computer arbeitet.
Barber: Für uns stand früh fest, dass wir eine Arbeitsplatzbeleuchtung entwerfen wollten. Dabei merkten wir, dass es all diese multifunktionalen Leuchten gibt, die gar nicht mehr so nützlich sind, wie sie es einmal waren. Heute machst du fast alles am Laptop; wenn es dunkel wird, fangen die Tasten an zu leuchten. Nichts ist schlimmer als an einem Computer zu sitzen und zu starkes Licht zu haben, denn dann kannst du den Bildschirm nicht mehr erkennen. Unsere Idee war, die Arbeitsplatzleuchte zu vereinfachen und etwas zu schaffen, das leicht zu bewegen ist. „Tab“ ist eine universale Leuchte. Man kann sie am Bett haben oder in der höheren Version zum Lesen auf dem Sofa benutzen. Sie ist sehr elementar und das macht auch ihren Reiz aus.
 
In den letzten Jahren haben Sie immer mehr Objekte in limitierter Auflage entworfen – sei es für das Londoner Unternehmen Meta, das dem Antiquitätenhändler Mallett gehört, für den britischen Möbelhersteller Established & Sons oder die venezianische Glasmanufaktur Venini. Was fasziniert Sie an diesem Thema?
 
Barber: Ja, wir haben in der letzten Zeit viele Auftragsarbeiten oder One-Offs entworfen. Einige davon waren für öffentliche Gebäude, andere für private Kunden und Galerien. In letzter Zeit wurde auch viel über das Thema „Design-Art“ gesprochen, ein Begriff, der meiner Meinung nach ein schlechter Name ist. Viele Designer haben sich dem Thema aus einem falschen Grund gewidmet – nur, um schnell Geld zu verdienen – und dabei furchtbare Dinge entworfen. Nichtsdestotrotz halte ich Design-Art – oder wie man es auch immer nennen mag – nicht für schlecht. Ganz im Gegenteil, es dient dem Experimentieren. Für die Tische „Iris“ für Established & Sons haben wir beispielsweise mit Farbe und Techniken herumexperimentiert und uns mit der Anodisierung auseinandergesetzt. Damit hatten wir noch gar keine Erfahrung. Wir haben viel dazu gelernt, zum Beispiel, dass die Anodisierung weniger mit Spritzlackierung zu tun hat, als wir am Anfang dachten, sondern eher vergleichbar mit der Fotografie ist. Sie ist auch eine chemische Reaktion. „Iris“ war nie für die Massenproduktion gedacht, gab uns aber die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren, was bei einem in Serie gefertigten Produkt nicht möglich gewesen wäre.
 
So werden Sie zum Produktions-Experten?
 
Osgerby: Industriedesigner verlassen sich bei der Entwicklung eines Produktes oft auf den Hersteller und liefern sozusagen nur die Skizze. Bei den Editionen sind aber wir diejenigen, die den gesamten Prozess verfolgen und die Herstellungsverfahren kennen müssen. Wir müssen also zum Experten werden und das passiert auf dem Weg zum Endobjekt. Es braucht viel mehr als nur eine Skizze auf einer Serviette. Wir müssen den Entwurf von der Idee bis hin zur tatsächlichen Realisierung bringen. Auf diesem Weg lernen wir sehr viel und können Dinge gestalten, wie dies in der Produktion nie möglich wäre. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt des Editionsdesign. Denn nach wie vor sind wir der Meinung, dass Dinge, die in der industriellen Produktion hergestellt werden können, dort auch hergestellt werden sollten.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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