Benjamin Paulin: Für meinen Vater gab es keine Grenzen

21
Text: Norman Kietzmann, 22.05.2018

Partner: Ligne Roset

Seine Freunde dachten früher, sie betreten das Haus von James Bond, dabei wohnte hier Pierre Paulin. Heute kümmert sich sein Sohn Benjamin Paulin um das Werk des 2009 verstorbenen Designers. Ein Interview.

Manchmal wird er sogar mit Serge Gainsbourg verglichen. Der Musik hat sich Benjamin Paulin über dem Rap genähert und unter dem Pseudonyme Le Vrai Ben sowie später unter seinem eigenen Namen Platten aufgenommen. Ebenso pflegt der Sohn von Pierre Paulin (1927–2009) eine Leidenschaft für Design und begleitet heute die Wiederauflagen der väterlichen Entwürfe auf doppelte Weise: Als Serienmodelle für Ligne Roset sowie als limitierte Editionen unter dem Label Paulin, Paulin, Paulin. Wir haben mit dem Multitalent über die Sprache der Polstermöbel und der Rapmusik gesprochen. 

Benjamin Paulin, was war das für ein Gefühl, inmitten der Entwürfe Ihres Vaters aufzuwachsen? Das war natürlich fantastisch. Wir lebten ja nicht nur mit den Möbeln, die in Serie produziert wurden, sondern all den Prototypen: Entwürfe, die für die Fertigung zu kompliziert oder zu teuer gewesen waren – doch gerade deswegen auch spannend waren. Wenn mich Freunde besuchten, dachten sie immer, sie betreten das Haus von James Bond. Dass die Formen vieler Möbel an Tiere erinnern, hat sie für Kinder umso empfänglicher gemacht. Viele Erwachsene haben sich schwer damit getan, diese Art von Phantasie zu akzeptieren.

Warum? Sie mochten es. Aber zum Schluss haben sie kubische Sessel und Sofas gekauft, weil sie Angst davor hatten, sich zu etwas Ungewöhnlichem zu bekennen. Dasselbe gilt für Farben. Auch in der Mode greifen bis heute die meisten Menschen zu neutralen Tönen wie schwarz, weiß oder grau. Das ist nicht schlimm. Die Entwürfe meines Vaters lagen komplett außerhalb der Norm – sowohl von ihren Formen als auch ihren Farben.

Sofa Bonnie von Ligne Roset

Hat sich Ihr Vater explizit als französischer Designer gesehen? Mein Vater hat oft gesagt, dass Frankreich für ihn kein modernes Land ist. Er selbst hat die Moderne über Skandinavien entdeckt. Und er hatte ein großes Faible für das amerikanische Design. Die Entwürfe von Charles und Ray Eames waren für ihn das Ultimative, Frankreich bedeutete immer das Dekorative. Ein französischer Designstil existierte für meinen Vater nicht, weswegen er sich auch nicht als französischer Designer gefühlt hat, sondern als europäischer. Sein Design wurde in Frankreich gemacht, doch mit einer Öffnung gegenüber der Welt. Für ihn gab es keine Grenzen. 

Vor allem die frühen Möbel aus den Fünfzigerjahren zeigen eine ungewöhnliche Strenge. Es gibt mehrere Abschnitte im Design von Pierre Paulin. Die erste Phase begann, als er zwischen 1949 bis 1951 mehrere Reisen in die skandinavischen Länder unternommen hatte. Mein Vater arbeitete damals im Atelier von Marcel Gascoin. Sie wollten die Moderne importieren und haben Möbel für junge Menschen entworfen: Dinge, die funktionell und vielseitig einsetzbar waren und doch immer eine kleine, zusätzliche Delikatesse eingebracht haben.

Es dauerte nicht lange, bis sich Pierre Paulin den organischen Formen zugewandt hat. Den ersten Schritt dahin hat er sogar schon 1955 mit dem Sessel Archi unternommen, der heute von Ligne Roset produziert wird. Es war der erste Sessel, für den ein dehnbarer Stoffbezug verwendet wurde. Als dann die neuen Schäume hinzukamen, hat sich die Sprache der Polstermöbel komplett verändert: Auf einmal waren auch runde, fließende Formen möglich. 

Wie zum Beispiel beim Polsterprogramm Bonnie aus dem Jahr 1975. Ich bin sehr glücklich darüber, dass dieses Programm nun wieder in Produktion ist. Denn es ist anders als die meisten Paulin-Entwürfe, die zwar komfortabel sind, doch eine gewisse Haltung erfordern. Sie sind in ihrer Höhe oft viel niedriger, sodass man nicht den Kopf hineinlegen kann. Doch bei Bonnie kann man regelrecht einsinken. Das Möbel umschließt einen förmlich. 

Warum fühlen wir uns zu solchen Formen hingezogen? Ich denke, weil die Rundungen stets mehr als nur eine Geste waren. Jede Kurve ist zugleich funktionell bedingt und nicht nur ein Werk der Fantasie. Das ist sicher auch der Grund, warum wir heute noch über diese Möbel sprechen und sie als aktuell empfinden. Mein Vater war sehr froh, am Ende seines Lebens Michel und Pierre Roset kennengelernt und sich mit ihnen sich verbunden zu haben. So konnten viele Entwürfe wieder auf den Markt gebracht werden. Parallel zu diesen Serienprodukten fertigen wir über das Unternehmen Paulin, Paulin, Paulin auch limitierte Editionen an, die wir über Galerien verkaufen. So können wir auf zwei Feldern spielen, die nicht in Konkurrenz zueinander stehen, weil sie sich in vollkommen unterschiedlichen Preisebenen bewegen.

Pierre Paulin in seinem Studio

Wurde früher bei Ihnen zuhause viel über das Design gesprochen? Nicht wirklich, weil es für meinen Vater eine Selbstverständlichkeit war. Er war kein Theoretiker. Darum haben wir auch kaum über Design gesprochen. Er wollte keine Thesen aufstellen und sie lautstark verteidigen. Es hat auch keinen Diskurs über die Ästhetik und den Gebrauch geführt, die für ihn stets zusammen gehörten. Diese Zurückhaltung haben einige Leute sogar als aggressiv empfunden. Doch für ihn war es wichtiger, interessante Dinge zu entwerfen, als darüber zu reden. 

Gibt es einen Entwurf, der ihm besonders wichtig war? Er hat den Tisch Cathédral (1981) häufig als seinen wichtigsten Entwurf bezeichnet, weil er für ihn die richtige Einfachheit in der Produktion und die richtige Komplexität in der Konzeption hatte. Er war auch stolz auf den Sessel Mushroom, weil er wie eine Skulptur ist. Dasselbe gilt für den Sessel Tongue, zu dem es eine lustige Geschichte gibt. Denn Anfangs wollte Antifort das Möbel nicht produzieren. Das war 1963. Einige Jahre später hat dann der Sohn des Chefs mit seinen Freunden eine Party gefeiert und alle Kinder haben auf den Prototypen getobt und gesagt, wie fanatisch es ist. Vier Jahre später ist der Sessel dann produziert worden, der mit seiner funktionellen Kurve ein regelrechtes Manifest für das Design meines Vaters war. Ein sehr wichtiges, fast schon revolutionäres Stück, das sofort vom MoMA in New York gekauft wurde.

Trotz aller Design-Infusion sind Sie zunächst in eine andere Richtung gegangen und Musiker geworden. Die Entwürfe Ihres Vaters haben Sie aber dennoch wieder eingeholt. Mit 15 habe ich mit Rap begonnen und bin einige Jahre auf Tournee gegangen. Irgendwann hat mich Rap gelangweilt, weil er ein wenig steril ist und es im Grunde keine musikalische Herangehensweise gibt. Es geht alles über die Texte. Die Musik ist eher ein Art Klang, bei dem es keine Instrumente gibt. Ich habe mich dann stärker für die Komposition entschieden und einige Alben aufgenommen. Doch die Musikbranche ist eine sehr komplexe Welt geworden. Ich mache zwar immer noch weiter, doch eher aus Leidenschaft als aus finanziellen Interessen. Heute kümmere ich mich zusammen mit meiner Frau und mit meiner Mutter vor allem um Paulin, Paulin, Paulin. Wir arbeiten gerade an vielen Ausstellungen und neuen Editionen. 

Gibt es im Paulin-Universum etwas Ungewöhnliches: Etwas, das man nicht erwartet hätte? Ich würde sagen, dass es bislang noch kein Interesse an seinen Arbeiten aus den Achtzigerjahren gibt. Dabei waren diese Dinge sogar avantgardistischer als die aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Nachdem mein Vater mehrere Jahre reines Industriedesign gemacht hatte, hat er zu Beginn der Achtziger das Handwerkliche wiederentdeckt. Er hat zusammen mit Mobilier National eine Kollektion angefertigt, die 1983 im Musée des Arts Décoratifs in Paris gezeigt wurde. Die Dinge besaßen unglaubliche Details und wurden nur in kleiner Auflage produziert, wodurch sie sehr teuer wurden. Pierre Paulin war damit einer der ersten Industriedesigner, der an limitierten Editionen gearbeitet hat. Heute ist das etwas ganz Normales – damals war er seiner Zeit weit voraus.

Weitere Artikel 13 - 18 von 18 Inga Sempé: Mir gefällt die Abwechslung Zuhause in der Kunst: <br />
Erwin Wurm Mia Hägg: Optimierung des Wesentlichen Vom Pferderücken auf den astreinen Boden Johann König: Ich habe den Mittelständler sehr gern Daniel Rybakken: Räumliche Verstärker

Alle Neuheiten der interessantesten Hersteller und Designer auf einen Blick.