Bertjan Pot

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Text: Jasmin Jouhar


Bertjan Pot ist ein Tüftler. Der 1975 geborene Niederländer liebt das Experimentieren mit Materialien und begeistert sich für ungewöhnliche Herstellungstechniken und Detaillösungen. Bald nach seinem Studium an der Design Academy in Eindhoven konnte er erste Produkte für namhafte Unternehmen entwickeln, beispielsweise die mittlerweile zum zeitgenössischen Klassiker avancierte Leuchte Random Light und den Stuhl Carbon Chair, beide für moooi. Er arbeitete bereits für eine ganze Reihe von Herstellern wie Established & Sons, Arco, Montis, Skitsch oder Moustache. Sein Gesicht will Bertjan Pot zwar nicht abbilden lassen, aber über seine Arbeitsweise spricht er gerne. Wir trafen ihn in Mailand und unterhielten uns mit ihm über sechsarmige Pullover, Zebras und die magischen Qualitäten von Licht.


Herr Pot, bei Ihrem neuen Stuhl Jumper für Established & Sons haben Sie eine spezielle Technik angewendet. Können Sie den Prozess erklären?
 
Die berühmten Mützen aus dem Baskenland sind ursprünglich so groß [Pot hält seine Hände 70 Zentimeter weit auseinander und lacht]. Dann werden die Mützen gewaschen und geschlagen – dadurch verfilzen sie und schrumpfen auf ihre eigentliche Größe. Das war ein Ausgangspunkt. Und vor ein paar Jahren habe ich Prototypen eines Stuhls gebaut, den Seamless Chair, für die ich Filz als Bezug benutzt habe. Das war meine Antwort auf die Frage, wie die Zukunft von Polstermöbeln aussehen könnte – nahtlos eben. Allerdings hat es vierzig Stunden gedauert, den Bezug des Stuhls zu filzen – nicht gerade ein industrieller Herstellungsprozess. Aber dann habe ich spezielle Maschinen aufgetan, die Textilien in einem Stück stricken können. Damit war es möglich, einen Stuhlbezug zu stricken, um ihn zu verfilzen. Filz ist nämlich viel widerstandsfähiger als einfaches gestricktes Material. Es nutzt sich weniger ab und ist sogar für den Objektbereich geeignet. Der Bezug von Jumper kommt als sehr lose gestrickter, seltsam geformter Pullover mit sechs Armen aus der Strickmaschine. Dann wird er bei 75 Grad gewaschen und schrumpft um etwa 50 Prozent. So entsteht ein filziger, nahtloser Bezug, der der Sitzschale, den Beinen und den Armlehnen nur noch angezogen werden muss.

Gibt es weitere Vorteile gegenüber traditionellen Arten der Polsterung?

Es ist möglich, ein Muster zu verwenden, das genau zum Stuhl passt. Wir können jeden Teil des Stuhls so einfärben wie es uns gefällt. Beispielsweise können wir Streifen verwenden, was eigentlich sehr komplizert ist. Aber mit dieser Technik lassen sie sich exakt platzieren.
 
Welche Probleme tauchten bei der Entwicklung auf?

Normalerweise wird der Bezug in derselben Fabrik hergestellt wie das Gestell oder zumindest die Schaumpolsterung eines Stuhls. Aber das ging hier nicht, deswegen war das Fine Tuning etwas schwierig.

Ihr Ansatz ist meist sehr materialorientiert. Können Sie erklären, warum?

Generell sind meine besten Produkte die, bei denen ich von einem Material ausgegangen bin und damit gearbeitet habe. Das alleine reicht natürlich noch nicht, es gibt immer auch andere Einflüsse. Im Fall von Jumper kannte ich die spezielle Maschine und hatte bereits seit einiger Zeit mit Strick und nahtlosen Bezügen experimentiert. Ich untersuche gerne, wie etwas gemacht ist und überlege, wie ich es verbessern könnte. Mein Ausgangspunkt ist das Experiment, die Form kommt später.

Zumindest einige Ihrer Entwürfe wirken wie Typen, scheinen eine eigene Persönlichkeit zu haben, etwa der Sessel Lazy Bastard oder auch Jumper. Wollen Sie mit Ihren Entwürfen eine Geschichte erzählen?

Nein, eine Geschichte möchte ich sicher nicht erzählen. Aber eigentlich ist jeder Stuhl per se eine Persönlichkeit, schon wegen der vier Beine und der Nähe zum menschlichen Körper. Ich strebe diese Eigenschaft auch gar nicht direkt an, aber ein Stuhl mit einem starken, eigenständigen Charakter ist eben ansprechender.

Aber es gibt doch immer die Gefahr, zu weit zu gehen. So dass ein Entwurf zu komisch oder zu bildhaft wird?

Wenn man sich zum Beispiel Jumper anschaut, wie er auf einer Messe präsentiert wird – auf einem Podest mit Spots beleuchtet. Da tritt seine Persönlichkeit sehr in den Vordergrund. Mir ist es aber wichtiger, mir den Stuhl in einem Zuhause vorzustellen, als einen Stuhl unter mehreren. In diesem Zusammenhang finde ich Streifenmuster sehr interessant: Einerseits heben Streifen einen Gegenstand hervor. Aber wenn ein paar gestreifte Objekte zusammenkommen, überblenden sie sich gegenseitig und ihre Konturen verschwimmen. Denken Sie an Zebras.

Dieses Jahr haben Sie auch ein neues Produkt für moooi vorgestellt, die Leuchte Revolving Chandelier. Letztes Jahr zur Mailänder Möbelmesse war die Leuchte als limitierte Auflage bei Rossana Orlandi zu sehen. Oder war sie damals schon als Protoyp für die Serienproduktion konzipiert gewesen?

Meiner Meinung nach ist das Beste, was einem Produkt passieren kann, die Massenproduktion. Aber mir ist auch klar, dass manche Ideen vielleicht nicht endlos vervielfältigt werden können. So war es bei Revolving Chandelier:  Die Leuchte wirkt doch ein bisschen wie Weihnachten oder Karneval. Ich dachte, sie sollte nicht zu oft produziert werden. Also entschied ich mich für eine Zwölfer-Auflage und stellte alle Exemplare selbst in meinem Studio her, um alle Details so hinzubekommen, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Gehen Sie immer so vor?

Bei manchen Entwürfen macht man ein paar Zeichnungen, legt die Maße fest und schickt das Ganze dem Hersteller. Dann sind vielleicht noch ein paar Anpassungen am Prototypen notwendig, und das war’s. Aber für einen Entwurf wie Chandelier braucht es eine Menge Experimente, um zu beweisen, dass die Idee wirklich funktioniert und umgesetzt werden kann. Trotzdem dachte ich dabei nie an Serienproduktion, bis Marcel Wanders den Entwurf sah und sagte, dass moooi ihn produzieren wolle. Da war ich sofort überzeugt, denn Chandelier passt gut zu moooi: Sie haben einige solcher „Weihnachtssachen“ im Programm, Sachen, die ein bisschen wild und poetisch sind.

Was denken Sie über die Rolle von limitierten Editionen im Design?

Ich finde das Konzept von limitierten Auflagen gut, denn es erlaubt, spezielle Ideen auszuprobieren, die vielleicht noch nicht reif für den Markt sind. Und im Fall von Revolving Chandelier ist es so, dass die limitierten Exemplare doch besser sind als die aus der Serienproduktion. Wenn etwas im großen Maßstab produziert wird, gibt es immer Details, denen man nicht soviel Liebe und Aufmerksamkeit widmen kann. Wer eine Leuchte aus der limitierten Auflage gekauft hat, hat damit auch einen Anteil an der Entwicklung erworben. Wenn es beim Auflagendesign aber darum geht, etwas in Gold herzustellen, weil man es so teuerer verkaufen kann, ohne dass es das Produkt verbesserte, dann finde ich das schwierig.

Sie haben bereits einige Leuchten entworfen, etwa ein neues Modell für das französische Unternehmen Moustache namens Fold up. Die großen technischen Veränderungen in der Lichtbranche, beeinflussen die Ihre Arbeit?

 
Oh, ja, Revolving Chandelier ist ja ein Kommentar dazu – mal abgesehen davon, dass ich ausprobieren wollte, ob man einen Kronleuchter ohne Glasperlen machen kann, der trotzdem faszinierend und hypnotisch wirkt. Im Chandelier kommen Halogenlampen zum Einsatz: Sie produzieren Wärme in Form von aufsteigender Luft. Dadurch drehen sich die vier Lampenschirme der Leuchte. Die Idee war, etwas mit der „verschwendeten“ Energie der Halogenlampen anzufangen. Generell ist es gut, dass wir alle anfangen, etwas „grüner“ oder nachhaltiger zu denken. Aber ob man dafür unbedingt bei der Beleuchtung anfangen muss? Alle Ersatzlösungen machen nämlich grauenhaftes Licht. Es existiert nach wie vor kein zugleich energiesparendes und das ganze Farbspektrum abdeckendes Licht.

Wie wirken sich die Veränderungen denn noch auf Ihre Arbeit aus?

LEDs haben einige interessante Eigenschaften: Sie sind kleiner und strahlen nur in eine Richtung. Die Lichtquelle kann sehr klein sein, und man ist nicht gezwungen, sie an einem bestimmten Punkt in der Leuchte zu platzieren. Und LEDs halten natürlich länger. Das sind Aspekte, mit denen ich gerade arbeite.

Was fasziniert Sie denn allgemein an der Arbeit mit Licht?
 
Es ist ein wunderbares Material zum Experimentieren, und Experimente mag ich ja. Sich neue Lösungen ausdenken, etwas ausprobieren, es immer und immer wieder probieren … Licht hat besondere Qualitäten, es wird von Oberflächen reflektiert, man kann mit durchscheinenden Materialien arbeiten. Eine Leuchte kann schweben, das finde ich faszinierend – selbst wenn der Leuchtkörper an einem Kabel von der Decke hängt. Eine Leuchte kann auch dünn und zerbrechlich wirken, was mir sehr gut gefällt. Wenn ein Stuhl dünn und zerbrechlich ist und jemand setzt sich darauf, dann hast du ein Problem. Aber wenn eine Leuchte zerbrechlich ist, dann ist das wunderschön. Und bei Licht gibt es immer diesen magischen Moment: Du steckst den Stecker rein, und es leuchtet auf.

Herr Pot, vielen Dank für das Gespräch

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