Bjarke Ingels: Architekten müssen der Zukunft eine Form geben

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Text: Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff
Foto: Cyrill Matter

Seit Netflix und Big Time ist Bjarke 
Ingels auch außerhalb der Architektenwelt ein Star. Auf Instagram folgen ihm mittlerweile über eine halbe Million, darunter auch oma.eu – seine Architektur ist weltweit bekannt. Und jetzt auch in Schweden. Was will Bjarke Ingels?

Sie bauen in New York und Frankfurt, Kopenhagen und Stockholm: Welche Geschichte sollen Ihre Gebäude den Menschen erzählen?
Jedes Gebäude ist eine Resonanz auf eine Reihe von Parametern, das heißt den Möglichkeiten, die sich bieten, aber auch den Herausforderungen. Vielleicht müssen wir hier über das dänische Wort für Design sprechen: „formgivning“, im Deutschen Formgebung. Es bedeutet, Dingen, die bisher noch keine Form hatten, eine Form zu geben. Man gibt der Zukunft also eine Form, von der man sich wünscht, dass sie wahr wird. Ich denke, wir versuchen mit allen unseren Projekten jedem Ort ein bisschen von einer lebenswerten Zukunft zu geben.

Wie äußert sich das in 79&Park?
Auf seine eigene leise Art natürlich. Es ist ja ein Apartmentgebäude, in dem Menschen leben sollen. Gleichzeitig bedeutet das Projekt für uns auch, ein Stück Stockholm mitzugestalten – wobei Landschaft und Architektur miteinander vereint, und die Vorzüge eines Lebens auf dem Land mit den kulturellen Vorteilen eines Lebens in der Stadt verbunden sind: ein schönes Projekt also! Wir haben dazu eine Vielzahl unterschiedlicher Wohnungen und Apartments aus nur einem einzigen Modul-System entwickelt. Durch eine außergewöhnliche Topografie und die Lage geht das nicht gerade kleine Gebäude wirklich in der Umgebung auf. Es ist jetzt sieben Jahre her, dass uns Oscar angesprochen hat, um uns dieses schöne Grundstück zu zeigen. Auf zwei Seiten von einem Park und auf zwei Seiten von der Stadt umgeben, war also schnell klar, dass wir beide Seiten mit dem Gebäude verbinden wollen. Es gibt eine Passage, die es ermöglicht, diagonal unter dem Gebäude durchzulaufen. Und dann haben wir die südwestliche Ecke des Gebäudes abgesenkt und die nordöstliche angehoben: So ergibt sich die Form des Gebäudes. Auf diese Weise wird der Innenhof mit Tageslicht versorgt.

Alle Apartments sind unterschiedlich. Wie ist das Grundrisskonzept entstanden?
Ja, keine Wohnung gleicht der anderen. Bei all seiner organischen Anmutung ist das Projekt dabei überraschend rational. Alles basiert auf einem einzigen Element, das fast unendlich wiederholt wird – ohne dabei Schuhschachteln zu erzeugen. Das Grundraster des Gebäudes haben wir um 45 Grad gedreht, damit man vom gesamten Gebäude eine Aussicht in den Park hat. Die Sichtachsen sind so gewählt, dass trotz der Dichte auch Intimität entstehen kann. Durch die kaskadenhafte Struktur gibt es viele Terrassen und Dachgärten, die sich zum Himmel öffnen. Viele der Apartments sind als Duplex geplant und haben einen eigenen Zugang zum Dach.

Spielt die Größe Ihrer Projekte 
eine Rolle für Sie?
Ich habe auf jeden Fall einen Fehler gemacht, als ich mein Büro BIG genannt habe.

Er lacht.

Aber wir haben gerade in Kopenhagen eines unserer kleinsten und zeitgleich auch eins der größten Projekte fertiggestellt: Das kleinste ist das Noma, ein kleines Dorf aus individuellen Wohnungen und dem sagenhaften Restaurant. Nicht weit davon steht dann das Kraftwerk mit der Skipiste auf dem Dach: ein unglaublich großes Gebäude. Das Schöne an kleinen Projekten ist, dass man alles sehr detailliert kontrollieren und planen kann. Beim Noma haben wir bis zum einzelnen Ziegel und einzelnen Balken jede Position genau bestimmt. Bei großen Projekten muss man mehr in Prinzipien und Werten denken. Aber auch das hat eine Bedeutung. Beides ist wichtig.

Was zählt abseits der Größe?
Wir haben die Tendenz, Dinge nach ihrem Nutzen zu bewerten. Nach ökonomischen Werten, logistischer Effizienz ... Aber Schönheit und Genuss sind auch sehr wichtige Aspekte des Lebens. In der Art, wie wir Entscheidungen im Privatleben treffen, haben die Faktoren Schönheit und Spaß eindeutig mehr Gewicht. Es verliebt sich ja niemand, weil sein Gegenüber besonders effizient oder gewinnversprechend ist. Man verliebt sich, weil man jemanden attraktiv findet.

Worin sehen Sie die größten Hindernisse für eine gute Architektur?
Wenn man nur einen Millimeter vom Gewöhnlichen abweicht, muss man kämpfen: Das ist ein Hindernis, dem wir immer wieder begegnen. Sobald man vom Standard abweicht, wird alles teurer und komplizierter. Es geht also bei Hindernissen nicht mal darum, dass man als Architekt besonders ausgefallene Wünsche haben muss. Häufig genügt schon der Wunsch, eine bessere, abwechslungsreichere Architektur zu schaffen. Es gibt viele gute Gründe dafür. Aber es ist sicher die größte Hürde guter Architektur.

Mögen Sie eigentlich 
Wettbewerbe?

Er grinst.

Nicht so sehr wie Aufträge. Aber bei den meisten Projekten muss man vor einer Beauftragung irgendeine Art von Auswahlprozess durchlaufen. Insofern gehören sie wohl dazu.

Wie sieht Ihr Bild 
von der Zukunft aus?
Die Geschichte des Menschen zeigt uns, dass wir mehr als jedes andere Säugetier in der Lage sind, zusammenzuarbeiten. Durch unsere eigene Kommunikationsfähigkeit, unser Abstraktionsvermögen und die Erfindung des Marktes, noch viel mehr natürlich die Technologie, sind wir Meister der Kooperation geworden. Dadurch werden Probleme immer schneller erkannt und auch gelöst. Das ist meine Perspektive für die Zukunft.

Das klingt sehr optimistisch.
Optimismus ist keine Frage von Naivität oder Hoffnung. Er ist empirisch nachweisbar. Man sieht ja, dass viele Dinge immer besser werden. Und das werden sie nicht automatisch, sondern weil es Menschen gibt, die sich sehr dafür einbringen und zusammenarbeiten, um etwas zu erreichen. Ich finde Optimismus ist eine weitaus ermächtigendere Kraft als Pessimismus. Pessimismus macht selbstgefällig. Dieses Gefühl, alles wird immer schlechter, und man hat keine Chance, etwas an seinem Schicksal zu ändern. Wenn man aber optimistisch ist, dann kann man es schaffen und die Dinge angehen: „Ja, wir machen das und schauen uns an, wie es geht!“ Das motiviert doch, um sich anzustrengen und etwas zu erreichen. Optimismus ist empirisch gesehen valider als Pessimismus, und ich denke, er gibt einem mehr Handlungsspielraum.

Was bedeutet das für Ihre 
Architektur?
Zum Glück gibt es viel Optimismus in der Welt. Architektur ist ja sehr langsam und teuer – sogar teurer als Film. Deshalb gibt es in der Branche eine große Abneigung gegen Risiken. Ein Zögern, etwas zu versuchen, was vorher noch nicht gemacht wurde. Aber jedes Mal, wenn es ein Projekt geschafft hat, all diese Hürden und Hindernisse zu überstehen, und dann wirklich mit einem kleinen Plus an Gestaltung realisiert wird, öffnet sich eine Tür: eine Tür, durch die andere hindurchgehen können. Man kann jetzt mit dem Finger auf Oscar Properties, OMA und auf uns zeigen und sagen: „Schaut, sie haben so etwas in Stockholm gemacht. Das können wir auch!“

Das klingt ebenfalls optimistisch.
Sehen Sie, im Dezember bekomme ich einen Sohn (Anm. d. Red.: Darwin Otero Ingels kam am 21. November 2018 in Barcelona zur Welt). Er wird geboren werden, ohne zu wissen, dass es mal eine Zeit gab, in der man nicht in Kopenhagen auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage Skifahren konnte. Er wird es für gegeben halten, wie viele andere Dinge, an die wir uns in den letzten Jahren erst gewöhnen mussten. Das Jetzt wird sein Startpunkt und übrigens auch der seiner gesamten Generation. Nun stellen Sie sich vor, Sie starten hier und jetzt: Wie weit wird diese Generation fähig sein zu denken?

Die Gestaltung der Zukunft ist 
also Ihr Antrieb?
Ja, auf ganz verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Maßstäben. Wir arbeiten zum Beispiel gerade mit Hyperloop an einem ultraschnellen Transportsystem. Außerdem haben wir aber auch an Studien zur Verbindung der Städte Dubai und Abu Dhabi geforscht, die es erlauben sollen, mit Überschall zwischen diesen Orten hin- und herzureisen. Dabei haben wir in Dubai Vertreter des Ministeriums für Zukunft kennengelernt, die uns dann mit dem Projekt Mars Science City beauftragen haben, für das wir den Prototyp einer möglichen Wohneinheit auf dem Mars entwickelt haben. 3D-Druck aus vor Ort verfügbaren Materialien, eine Ästhetik die nicht so technisch, sondern von der arabischen Kultur abgeleitet ist. Wasserfilter gegen die Weltraumstrahlung. Solche Prototypen sind wichtig für einen Wissensaustausch und die Weiterentwicklung von Ideen – damit man später das echte Haus auf dem Mars bauen kann. Hoffentlich in nicht ganz so ferner Zukunft. Zukunft kann sich aber auch auf ganz andere Tatsachen beziehen. Eines unserer ersten Projekte war das Schwimmbad im Kopenhagener Hafen. Hier wird Zukunft gestaltet, indem ein Hafen so sauber wird, dass man dort schwimmen kann. Neben der Lebensqualität ist das natürlich auch ein ökologischer Beitrag zur Zukunft. Denn wo sich die Fische wohlfühlen, wird es auch den Menschen gefallen und gut gehen.

Klingt gut. Wie schafft man es als Architekt, dass sich die Menschen wohlfühlen?
Es kann einem gelingen, verschiedene Dinge miteinander zu kombinieren und damit Mehrwerte zu schaffen: wie es uns zum Beispiel bei dem Kraftwerk in Kopenhagen gelungen ist. Es hat sich dabei so etwas wie ein eigener Metabolismus gebildet, bei dem in mehrerlei Hinsicht aus Müll Ressourcen werden. Außerdem ist ein Freizeitort entstanden, der neue Erlebnisse schafft – heute und in Zukunft. Es ist also möglich, als Architekt der Zukunft eine Form zu geben. Man kann die Zukunft nicht herstellen, aber man kann ihr ein Zuhause geben. Zukunft ist etwas, das von alleine passiert, alles ändert sich ständig, gesellschaftlich, geografisch, politisch und technologisch. Aber immer wenn die Welt sich ändert, passt das Alte nicht mehr. Es ergeben sich Brüche. Und an diesen Bruchstellen entsteht Raum für etwas Neues. Was früher eine stinkende, giftige Angelegenheit war, ist heute ein sauberer Vergnügungsort.

Bjarke Inges wird um ein Selfie gebeten.

Worin sehen Sie das Geheimnis Ihres Erfolgs als Architekt?
Ich denke, wir geben uns einfach wirklich Mühe. Wir strengen uns wirklich an.

Er lacht.

Kann Architektur Gutes tun?
Yes!

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