Busetti Garuti Redaelli

33

Text: Norman Kietzmann

Gemeinsam kommt man weiter. Manuela Busetti, Andrea Garuti und Matteo Redaelli kennen sich aus ihrer Studienzeit in Mailand. Nach ersten gemeinsamen Projekten haben sie 2007 das Büro Busetti Garuti Redaelli gegründet. Ihre Besonderheit: Sie sind auf Bäder und Küchen ebenso versiert wie auf Wohnmöbel und zählen Unternehmen wie Ligne Roset, Alessi, Franke, Pedrali und Potocco zu ihren Kunden. Ein Gespräch über Freiheit, Ausgeglichenheit und Neugierde.

Ihr entwerft Armaturen und Badkeramik ebenso wie Gasherde, Möbel, Leuchten oder Salzstreuer. Woher kommt diese Bandbreite? Andrea Garuti: Wir wollen uns nicht auf eine Art von Produkten spezialisieren. Nach einiger Zeit geht der Enthusiasmus verloren etwas neues zu entwerfen. Angefangen haben wir im Badbereich, der ja gerade in den letzten zehn Jahren einen großen Wandel erlebt hat. Es gab eine Offenheit gegenüber neuen Ideen, was sehr stimulierend war. Von dort aus sind wir dann in andere Bereiche gegangen. Erst zu Möbeln und dann zu Küchengeräten.

Matteo Redaelli: Natürlich ist es schwieriger, jedes Mal einen neuen Weg zu finden. Jede Typologie ist mit anderen Produktionsweisen, Materialien, Vertriebswegen und Trends verbunden. Doch schlussendlich treffen all diese Produkte in der Inneneinrichtung zusammen – wenn auch nicht in ein und demselben Raum.

Polster- und Tischkollektion Duddy für Pedrali, 2017, Foto: Pedrali 

Ihr wollt euch nicht festlegen lassen? Andrea Garuti: Manche Designer sind für bestimmte Bereiche bekannt, wie das Büro Palomba Serafini für Bäder. Wir wollen uns hingegen nicht festlegen, damit wir unser Know-how um immer neue Felder erweitern können. Auf diese Weise sind wir freier: wie eine durchlässige Membran, die die eine Disziplin mit der anderen verbindet. Natürlich verraten wir damit keine Industriegeheimnisse. Doch die Erfahrungen wandern ganz sicher von einem Bereich in den anderen weiter.

Wie steht es dabei um eine Handschrift? Sucht ihr danach oder wollt ihr sie vermeiden? Andrea Garuti: Sicher gibt es bei vielen Projekten einen ähnlichen Ansatz. Die Produkte sind nicht überzeichnet, nicht dekoriert. Sie sind leicht lesbar und verständlich in ihrer Funktion. Doch wir glauben, dass ein guter Designer verschiedene Stile interpretieren und sie je nach Firma orchestrieren muss. Zum Schluss muss ein Produkt das Unternehmen repräsentieren – nicht die Person, die es entworfen hat.

Matteo Redaelli: Designer wie Karim Rashid haben sich auf einen ganz bestimmten Stil festgelegt, den sie auch nach Jahrzehnten beibehalten. Manchen Firmen gefällt das und sie gehen genau deswegen auf die Designer zu. Unser Ansatz ist offener. Wir wollen uns nicht auf einen Stil begrenzen, um uns verändern und weiterentwickeln zu können. Wir sind nicht gezwungen, uns ständig zu wiederholen. Wir wollen uns keine dogmatischen Regeln auferlegen.

Und wie funktioniert die Zusammenarbeit im Team? Hat jeder ein Spezialgebiet oder ist alles gleich verteilt? Manuela Busetti: Mehr oder weniger: Von der Konzeption über die Projektentwicklung bis hin zu Renderings übernimmt bei uns jeder dieselben Aufgaben. Wir haben sicher einen ähnlichen Geschmack und ein ähnliche Designverständnis. Das macht es einfach, weil wir untereinander nicht viel erklären müssen. Die Kommunikation funktioniert direkt, was die Arbeit sehr angenehm macht.

Andrea Garuti: Unser Ziel ist, so versiert zu sein, dass niemand ersetzbar ist. Gerade bei vielen Projekten ist es hilfreich, nicht nur auf eine Tätigkeit spezialisiert zu sein. Wenn jeder alles kann, funktioniert die Zusammenarbeit horizontaler und ausgeglichener. Als wir angefangen haben, gab es sicher Unterschiede bei der Ausfertigung von Renderings. Doch mit der Zeit sind wir bei diesen Dingen auf einem Niveau angelangt, das wir alle beherrschen.

Ihr arbeitet für italienische, deutsche, französische und skandinavische Hersteller. Gibt es einen Unterschied in der Mentalität? Manuela Busetti: Wir haben gerade heute ein neues Briefing von einer dänischen Firma für ein Projekt bekommen, dass 2019 auf den Markt kommen soll. Allein darin zeigt sich schon der Unterschied zu den italienischen Herstellern. Die Skandinavier planen Projekte auf einer viel längeren Schiene. In der Regel sind es mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit. In Italien denken die Firmen immer an den nächsten Salone del Mobile. Da muss es manchmal auch ganz schnell gehen.

Spiegel Ombré für Ligne Roset, 2016, Foto: Ligne Roset

Was ist besser für die Kreativität: mehr oder weniger Zeit zu haben? Andrea Garuti: Das hängt vom Einzelfall ab. Natürlich ist es einfacher, wenn die Firmen länger planen und wir mehr Zeit haben. Aber es dauert natürlich sehr viel länger, bis wir die Royalties für unsere Arbeit bekommen. Schnellere Projekte werden häufig erst zum Salone del Mobile erst in allerletzter Sekunde fertig. Die Produkte sind dann noch nicht gleich erhältlich, sodass die Kunden noch sechs Monate oder noch länger warten müssen. Bei längerer Vorlaufzeit können gleich auf der Messe die Order geschrieben werden und eine Woche später erfolgt die Lieferung. Beides hat also seine Vorteile. Das Interessante dabei ist, dass man über diese Arbeitsweisen tatsächlich einen guten Einblick in die unterschiedlichen Kulturen erhält.

Worin liegt die größte Herausforderung im Design? Andrea Garuti: Das komplexeste Thema, an dem wir bisher gearbeitet haben, sind sicherlich die Öfen für Bertazzoni. Jede Komponente ist ein Projekt für sich. Und alles muss untereinander abgestimmt werden und passfähig sein. Zudem gibt es auch strenge Auflagen. Doch auch ganz kleine Dinge haben ihren Reiz. Beim Salzstreuer Pizzico haben wir die Geste aufgegriffen, als wenn man mit den Fingern eine Prise Salz verteilt.  Die Form der meisten Salzstreuer ist nicht unbedingt an die Natur des Salzes angepasst. Doch wir wollten eine freiere Bewegung ermöglichen, weswegen wir eine Hülle aus Silikon verwendet haben, die sich je nach Fingerdruck unterschiedlich stark öffnet oder schließt. Ein anderes Thema sind fast vergessene Typologien.

Zum Beispiel? Matteo Redaelli: Für Ligne Roset haben wir den Spiegel Ombré entworfen. Dessen Oberfläche unterteilt sich in vier farbige Felder, die jeweils diagonal aufeinander treffen. Wir haben überlegt, wie ein Spiegel als solcher funktionieren und zugleich eine dekorative Aufgabe im Zuhause erfüllen kann. Als wir ihn entworfen haben, hieß er wegen seiner kräftigen Farben und den dreieckigen Feldern noch Harlekin. Später wurden jedoch gebrochenere, erdigere Farben ausgewählt, weswegen wir ihn Ombré (franz. „schattiert“, Anm.d.Red.) genannt haben. Auch hier konnten wir einer bekannten Typologie eine andere Seite geben. 

Andrea Garuti: Für Ligne Roset haben wir ebenfalls den Kleiderständer Estenda entworfen. Er ist sehr fein aus Holz gearbeitet und als Weiterentwicklung des Stummen Dieners gedacht. Die vertikalen Stäbe sind über metallene Elemente verbunden, sodass sich die Form des Möbelstücks an den Raum anpassen lässt. Auch wenn die Typologie aus heutiger Sicht ein wenig altmodisch wirkt, ist sie im Alltag sehr nützlich. Neben Kleidern lassen sich ebenso Schlüssel und andere Dinge auf einem runden Tablar ablegen. Solche Produkte zu entwerfen, ist für uns sehr viel spannender als den x-ten Stuhl oder das x-te Sofa.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Artikel 13 - 22 von 22 Yabu Pushelberg: Neue Maßstäbe Sebastian Herkner: Von der Seife zur Fliese Studio Truly Truly: Wohnen ohne Grenzen Philippe Nigro: Mut zur Entschleunigung Hanne Willmann Ritva Puotila: Papiergarn ist kein lautes Material Ester Bruzkus: Stehlen ist erlaubt Are we human? Klemens Grund: Möbel und Raum Paola Antonelli: Design ist Politik

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.

Hadid