Carlo Colombo

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Text: Norman Kietzmann


Carlo Colombo geht auf leisen Sohlen. Geboren 1967 in Carimate bei Como, studierte er am Mailänder Politechnico Architektur. Nach seinem Abschluss gründete er 1993 sein eigenes Büro in Carimate und begann als Designer für zahlreiche renommierte Möbelhersteller zu arbeiten, darunter Cappellini, Antonio Lupi, Artemide, Poliform, Moroso, Poltrona Frau oder Zanotta. 2007 übernahm er die Art Direktion des Möbelherstellers Arflex und realisierte zunehmend Interieur- und Architekturprojekte rund um den Globus. Was seine Entwürfe verbindet, sind ihre leichten, fast unscheinbaren Konturen, die die Materialität bewusst zur Geltung bringen. Im Oktober 2011 übernahm der bekennende Vielreisende, der Zweigstellen seines Büros in der Schweiz, Brasilien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und China unterhält, eine Gastprofessur an der Architekturfakultät der Universität Peking. Wir trafen Carlo Colombo in Mailand und sprachen mit ihm über steinerne Schwergewichte, russische Betten und seine erste Monografie.



Herr Colombo, Ihre Büros in Mailand und Carimate erzählen vom Motiv des Reisens: Masken aus Afrika und Figuren aus Indien reihen sich entlang der Wände und lassen die Wirkung eines Arbeitsraumes im Handumdrehen vergessen. Dennoch hält es Sie auch dort nur kurz...

Ja, ich habe noch andere Büros in Lugano, Sao Paulo, Abu Dhabi und Peking. Das Reisen ist ein Teil meines Berufs, da die Nähe zu den Kunden sehr wichtig ist. In Carimate, wo ich auch wohne, mache ich ausschließlich Design. Das Büro ist dafür sehr gut gelegen, denn die meisten meiner Möbelkunden haben ihren Sitz nur wenige Kilometer entfernt. Das Büro in Mailand ist wichtig, um Kunden direkt in der Stadt zu treffen, die nicht die 30 Kilometer mit dem Auto fahren wollen. Vor allem am Morgen ist der Verkehr ein Problem. Wenn ich ein Meeting in Mailand um neun Uhr habe, muss ich ungefähr zwei Stunden vorher in Carimate losfahren. Am Sonntag, wenn die Straßen frei sind, dauert es nur zwanzig Minuten. An den anderen Standorten plane ich vor allem Interieur- und Architekturprojekte.

Die Mailänder Möbelmesse 2012 steht nur noch wenige Tage bevor. Mit welchen Erwartungen gehen Sie an diese Messe?

Wir werden sehen. Denn die Krise ist in Italien und in vielen Teilen Europas noch immer nicht überstanden. Die großen Hersteller werden nicht allzu viele Neuheiten zeigen, sondern lediglich eine überlegte Auswahl an Projekten. Sie wollen nicht zu viel Geld in neue Prototypen investieren und stattdessen lieber ihre Bestseller weiter laufen lassen. Es wird also stärker um Erweiterungen bestehender Produktfamilien gehen sowie Ausführungen in neuen Materialien.

Können Sie ein Beispiel geben?

Das Waschbecken Barrel, das ich vor zehn Jahren für Antonio Lupi entworfen habe, wurde ursprünglich nur in massivem Stein angeboten. Es ist wunderschön, bringt aber über 700 Kilogramm auf die Waage. Es ist zu schwer, um es in einem Altbau aufstellen, es sei denn im Erdgeschoss. Wenn man den Boden nicht durch einen Stahlträger stabilisiert, könnte es wirklich durch die Decke brechen (lacht). Darum werden wir es nun zum ersten Mal in weißem Crystalplant vorstellen, das nur 100 Kilogramm wiegt und deutlich einfacher zu montieren ist.

Auch der Preis dürfe um einiges günstiger sein.


Ja, in Stein kostet das Waschbecken rund 12.000 Euro. In Crystalplant sind es nur 3.000 Euro. Dennoch verkauft es sich in Stein sehr gut. Ich war gerade letzte Woche in der Fabrik zu Besuch. Da standen auf einmal 25 Stück von diesen Waschbecken vor mir. Das hat mich selbst umgehauen. Im Schnitt verkaufen sie rund einhundert Stück im Jahr. Das ist viel, wenn man den hohen Preis bedenkt. In der neuen Version könnten es weit über tausend Exemplare sein. Ich selbst würde allerdings immer Stein den Vorzug geben, sofern es statisch möglich ist. Denn das Material korrespondiert mit der Rolle, die das Badezimmer heute einnimmt. Wenn ich mit meinen Kunden den Entwurf einer neuen Villa bespreche, wollen sie zuerst immer das Badezimmer sehen. Erst danach kommen das Wohnzimmer, die Küche oder der Pool.

Also planen Sie das Haus um das Bad herum?


Vielleicht nicht ganz. Aber in vielen Fällen ist das Badezimmer tatsächlich besser ausgestattet als das Wohnzimmer. Selbst bei Häusern, die nur 100 Quadratmeter groß sind, nimmt das Bad mindestens 12 oder 15 Quadratmeter ein. Früher waren es vielleicht vier oder fünf Quadratmeter. Die Grundrisse haben sich komplett gewandelt und erinnern an die Einrichtung moderner Hotels, wo eine Glaswand zwischen Badezimmer und Schlafzimmer längst zum Standard gehört. Doch nicht nur die Größe hat sich verändert. Die Leute verbringen mehr Zeit im Bad und sind auch bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Was die Höhe der Investition anbelangt, übertrifft das Badezimmer die anderen Räum bei weitem.


Die Durchmischung von Bad- und Wohnraummöbel haben Sie mit dem Regal- und Schranksystem City für Antonio Lupi gezeigt. Farbige Kuben werden dabei von gläsernen Scheiben zum Schweben gebracht. Was hat es mit dem Entwurf auf sich?


Die Idee ist mir gekommen, als ich in Singapur war. Ich wollte die Skyline der Stadt in transparentem Glas nachbilden und habe dann Schränke in unterschiedlichen Größen und Farben eingefügt, um die Wirkung aufzulockern. Doch ich denke, dass es noch viel mehr sein kann als ein reines Aufbewahrungssystem. Ich würde dort gerne auch Wasseranschlüsse und einen Kamin einfügen, um das gesamte Badezimmers in einem System „einzufangen“. Das Regal ist also nur ein Anfang.

Sie sprachen vorhin die vorsichtige Haltung an, die viele Hersteller an den Tag legen. Würden sie sagen, dass auch die Preise sensibler geworden sind?


Nicht unbedingt. Denn eine große Zahl an Menschen ist in dieser Zeit sehr reich. Natürlich ist die Krise spürbar und auch die Reichen schauen, wofür sie etwas ausgeben. Denn sie wollen ihr Geld nicht verlieren, sondern in Dinge investieren, die Bestand haben und eine Wertigkeit besitzen. Wenn man ihnen ein gutes Produkt anbietet mit hochwertigen Materialien, schönen Details und dem richtigen Komfort, lässt sich auch weiterhin viel verkaufen. Das ist wie bei einem Ferrari. Niemand legt sich einen Ferrari zu, nur um ihm unter die Motorhaube zu schauen. Natürlich ist die Leistung wichtig. Doch im ersten Moment zählt die Farbe, die Atmosphäre und das Gefühl. Das sollten wir auch bei Möbeln nicht vergessen.

Also verschiebt sich das Wachstum vor allem ins obere Preissegment?


Immer mehr Firmen entwickeln Produkte sogar speziell für den chinesischen oder russischen Markt. Ich werde auf der Mailänder Messe zum Beispiel ein Bett für Flou vorstellen, dass einfach viel zu teuer wäre, um es in Europa zu verkaufen. Es ist sehr groß und misst zwei mal drei Meter. Das Interessante an diesem Bett ist die Bespannung der Rückwand aus Stoff oder Leder. Wir nennen es „Neues Capitone“ in Anspielung auf das klassische Poltrona-Frau-Muster. In diesem Preissegment sind die Details die halbe Miete. Wenn man eine einfache Bettform mit glattem Leder bespannt, ist es schön. Aber es reicht noch nicht aus, um interessant zu sein. Erst wenn man die Oberfläche des Leders dreidimensional verändert und ein spannendes Detail erzeugt, lässt sich in diesem Bereich Erfolg erzielen.

Anstelle der Form steht somit die Detaillierung der Oberfläche im Fokus?


Absolut. Darum lasse ich von meinen Entwürfen immer sehr präzise Prototypen anfertigen, bevor ich sie den Kunden präsentiere. Anhand einer Zeichnung können sich nur die wenigsten die Qualitäten eines Möbels vorstellen. Es ist entscheidend, die Materialien und Details mit den Händen berühren zu können und nicht nur auf einem Rendering zu erahnen. In der Nähe von meinem Büro in Carimate gibt es sehr viele Handwerker, die über alle möglichen Techniken verfügen. Diese Art von Modellbau ist zwar sehr teuer und zeitaufwändig. Aber es ist wichtig, gleich die richtigen Materialien zu verwenden, um die spätere Wirkung zu simulieren. Lediglich Produkte aus Kunststoff lasse ich aus Holz anfertigen und dann mit weißer Farbe streichen. Denn einen Prototypen aus echtem Kunststoff herzustellen würde genauso viel kosten, wie das Möbel später zu produzieren. Auch Arbeiten aus Glas lasse ich aus Holz bauen und anschließend weiß bemalen.


Wie kann man sich das vorstellen: Sie fahren also immer mit einem Möbelwagen zum Meeting?

Nein, nein! Der Maßstab der Modelle ist immer die Größe, die ich noch in den Kofferraum von meinem Auto hineinbekomme (lacht). Ein Stuhl, eine Leuchte oder ein Beistelltisch können in Originalgröße sein. Betten, Sofas oder große Tische lasse ich im Maßstab 1:5 anfertigen. Für Varenna habe ich gerade eine Küche entworfen, die wir auf der Eurocucina vorstellen werden. Den Prototypen haben wir schließlich doch in Originalgröße gebaut. Denn gerade bei Küchen ist es wichtig, direkt vor ihnen zu stehen, um ihre Proportionen zu beurteilen.

Wie gehen Sie beim Entwerfen vor?


Ich arbeite nicht mit dem Computer, sondern mit Stift und weißem Block direkt vor meinen Kunden. Meine Assistenten übertragen meine Skizzen und Ideen dann auf den Rechner. Meine Arbeitsweise ist nicht linear. Wenn ich glaube, dass eine Idee gut ist, stoppe ich das Projekt für zwei Wochen. Danach schaue ich es mir wieder an. Wenn es mir immer noch gefällt, gehe ich weiter in die Details. Wenn ich noch nicht überzeugt bin, suche ich einem anderen Zugang. Dann stoppe ich wieder für fünfzehn Tage. Das geht immer so weiter. Was mir dabei hilft, sind meine Reisen. Ich bin ständig in der Welt unterwegs und sehe neue Details, sei es in der Mode oder in der Einrichtung von Hotels, Restaurants oder Geschäften. Ich habe immer meinem Block in meiner Tasche mit dabei. Wenn ich dann im Flugzeug sitze, fasse ich die verschiedenen Ideen zusammen. Jede Reise bringt somit immer auch eine neue Idee, die ich in meine Produkte einfließen lasse.

Sie entwerfen zurzeit für über dreißig verschiedene Möbelhersteller, planen Villen, Showrooms, Büros und Restaurants. In Abu Dhabi entwickeln Sie ein Sieben-Sterne-Hotel und in China gestalten Sie die neuen Boutiquen von Fendi und Versace. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens Ihres Büros erscheint Anfang April Ihre erste Monografie.

Ja, es ist mein erstes Buchprojekt. Darüber bin ich natürlich glücklich und unglücklich zugleich. Denn es ist nur 200 Seiten stark und es gibt so viele Projekte, die wir nicht zeigen können. Ich muss also bald noch einen zweiten, dritten oder vierten Band nachlegen (lacht). Aber wir werden sehen. Das ist zumindest der erste Schritt, mit dem das Eis gebrochen wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.


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