Carsten Schelling/Ding 3000

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Text: Claudia Simone Hoff


Das Designbüro Ding 3000 liebt es spielerisch. Deshalb sind die von Carsten Schelling, Sven Rudolph und Ralf Webermann entworfenen Produkte auch immer mit einem gestalterischen Clou versehen. Das kann eine weiß-rote Box sein, in der das alltägliche Kabelgewirr elegant verschwindet, ein getuntes Billy-Regal oder ein Schneebesen, der sich mit einem Kniff zusammenfalten lässt. Wo bei diesen Entwürfen die Grenze zum Kitsch liegt, was ein Blumenstrauß aus gestanztem Kupferblech mit Wien zu tun hat und wie man Flops in Mailand verarbeitet – das hat uns Carsten Schelling zwischen Wiener Schnitzel, Knödel und Kaiserschmarrn mitten in Berlin erzählt.  


Wie kommt es, dass Sie vorrangig Accessoires entwerfen?

Das ist irgendwie automatisch passiert. Als wir uns 2005 selbständig gemacht hatten, haben wir auf dem Salone Sattelite auf der Mailänder Möbelmesse selbst entworfene Möbel vorgestellt. Diese Möbel sind aber nicht besonders gut angekommen. Gleichzeitig hatten wir ein anderes Standbein: Wir haben für Troika, einen deutschen B2B-Artikel-Hersteller, einen Nussknacker entworfen.

Sie haben sich also in Mailand einen teuren Messestand gemietet und niemanden hat es interessiert?

Ja, dort haben wir ordentlich Lehrgeld bezahlt. 2008 waren wir dann wieder dort und haben aus unserem Misserfolg gelernt. Die vorgestellte Animal Tales Collection wurde mit dem Design Report Award ausgezeichnet und wir konnten erste Kontakte zu späteren Kunden knüpfen.

Ist es nicht auch so, dass sich kleine Dinge viel besser verkaufen lassen? Die Produktentwicklung eines Sofas ist ja aufwendiger und kostspieliger als die eines Untersetzers.

Es ist auf jeden Fall finanziell attraktiv, kleine Produkte zu entwerfen, besonders wenn man wie wir von den Lizenzen lebt. Zwar bekommt man für ein verkauftes Sofa einen höheren Lizenzbetrag, dafür werden aber auch nicht so viele Sofas verkauft. Bei den Accessoires sind es die Krümel, die den Kuchen machen.

Es gibt einige bekannte Designer – wie beispielsweise Tom Dixon oder Zaha Hadid – die nun auch kleine Dinge entwerfen und insbesondere im Tableware-Bereich aktiv werden. Ist das ein Trend?

Das nehme ich nicht so wahr. Aber vielleicht ist es so, dass das Prestige früher eher beim Möbeldesign lag. So langsam wird dieses Prestige auch in das Accessoire-Design hineintransportiert. Bei der Architektur ist es ebenso: Jetzt kennt man nicht nur den Architekten, sondern auch den Interior- und Produktdesigner.

Es gibt Designer, die auf jeder Messe und jeder Veranstaltung präsent sind und sich stark über die eigene Person vermarkten. Wo steht Ding 3000 in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten?

Wir sehen uns auch als Autorendesigner.

Apropos Autorendesigner. Sie haben im Büro von Marcel Wanders gearbeitet.

Ja, der hat natürlich Starallüren [lacht]. 2003 habe ich dort ein Praktikum gemacht und 2005 bis 2006 in seinem Büro gearbeitet. Uns interessiert es, Produkte zu entwerfen, die gut sind. Produkte, die eine Geschichte erzählen, Leute zum Lächeln bringen oder Freude bereiten.

Stichpunkt Leute zum Lächeln bringen. Viele Ihrer Produkte sind mit einem gestalterischen Kniff versehen. Lauert da nicht die Gefahr, die Grenze zum Kitsch zu überschreiten? Zeitgenössisches High-End-Design, das ernst genommen werden will, braucht ja heute etwas fast Heiliges, das irgendwo zwischen Bauhaus, HfG Ulm und White Cube rangiert.

Es ist ein schmaler Grad, auf dem man sich bewegt. Darüber haben wir uns viele Gedanken gemacht, gerade auch beim Wien-Souvenir-Projekt. Die Grenze zum Kitsch ist oft eine Gefühlssache, die man kritisch beobachten und in die richtige Richtung lenken muss. Aber der magische Moment – wie ich es nenne – muss ja nicht gleich humoristisch, kein Spaß-Gadget sein. Der magische Moment kann auch eine Material-Wahl oder eine Funktion sein. Wir habe beispielsweise gerade den Schneebesen Beater für den dänischen Hersteller Normann Copenhagen auf den Markt gebracht. Der lebt von dem magischen Moment, dass ich ihn flach machen kann, ohne dass man es ihm ansieht.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Wir haben Normann Copenhagen selbst kontaktiert, hatten zuvor aber schon den Topfuntersetzer Rainbow für die gemacht.

Wie sieht das Prozedere aus? Haben Sie zuerst eine Idee, die dann umgesetzt wird oder kommt das Unternehmen mit einem konkreten Produktvorschlag auf Sie zu?

Das ist von Unternehmen zu Unternehmen ganz unterschiedlich. Konstantin Slawinski beispielsweise kommt direkt auf uns zu und sagt: Wir brauchen ein Produkt, das die Probleme im Haushalt oder in der Küche löst. Oder: Wir brauchen eine Erweiterung der Charge-Box-Serie. Bei Normann Copenhagen gibt es keine Ansagen. Man kommt mit der Idee dorthin und versucht, diese dann gemeinsam umzusetzen.

Wie sieht es aus mit den Details, beispielsweise den Farben?

Die Farben sind bei Normann Copenhagen stark von der Marke geprägt. Darauf haben wir nur wenig Einfluss. Es passt alles stimmig zusammen, der gesamte Auftritt nach außen: das Produkt, das Packaging, der Messestand. Wir liefern nur die Produktidee und begleiten die Produktentwicklung.

Woran arbeiten Sie gerade?

Wir arbeiten an verschiedenen Accessoires für die Kaffee-Welt. Ich kann aber noch nicht verraten, für welchen Hersteller. Es wird aber auf jeden Fall auch Geschirr dabei sein.

Trotz Ihres Flops in Mailand: Möchten Sie sich zukünftig auch im Möbeldesign versuchen?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben gerade einen Stuhl für Skitsch entworfen, der sich in der Endphase der Produktentwicklung befindet. Uns interessiert aber auch das Design von Leuchten – das ist ein Steckenpferd von uns.

Im Auftrag von Wien Tourismus haben Sie – neben Designbüros wie Pearson & Lloyd, Ionna Vautrin und BIG-GAME – am European Home Run teilgenommen. Es ging dabei um den Entwurf eines Wien-Souvenirs, den Sie gerade hier in Berlin vorgestellt haben. Was ist Ihnen zuerst durch den Kopf geschossen, als Sie von dem Auftrag hörten? Mit einem Souvenir verbindet man ja gemeinhin eher billigen Tand aus Fernost als ein gut gestaltetes Designobjekt.

Man denkt natürlich zuerst an Prater und Sissi. Uns ging es vor allem darum, ein Souvenir zu entwerfen, das den Charakter und die Vielfältigkeit von Wien widerspiegelt – und nicht austauschbar ist mit einem Souvenir aus Berlin, Paris oder Rom. Wien lebt ja einerseits von seiner Tradition, aber auch von modernen Elementen wie Architektur und Design.

Trotzdem erweisen Sie mit Ihrem „Strauß“ gestanzter „Blumen“ dem Wiener Design der Jahrhundertwende Referenz. Insgesamt sechzig „Blüten“ haben Sie gestaltet. Neben den Konterfeis von Sigmund Freud und Sissi oder dem Riesenrad des Wiener Praters und Anspielungen auf den Wiener Dialekt habe ich das Logo der Wiener Werkstätte und den Thonet-Stuhl No. 14 entdeckt. Welche Bezüge zum Wiener Design gibt es bei Ihrem Entwurf noch?

Es gibt das Glas, das Adolf Loos für Lobmeyr gestaltet hat [das Trinkservice No. 248 aus dem Jahr 1931; Anm. d. Red.]. Es war eines der ersten Trinkbecher mit einem dicken Boden und im Glasbereich eine große Innovation. Außerdem sind in unserem „Strauß Wiener Blüten“ die Vienna Design Week als Vertreterin zeitgenössischen Designs in Form ihres Logos und moderne Bauten wie das Hotel Topazz, das Gasometer und das MAK vertreten.

Es wurden insgesamt sechs Designbüros aus sechs europäischen Ländern zum Wettbewerb eingeladen. Warum tritt gerade Ding 3000 für Deutschland an?

Die Idee stammt von Lilli Hollein und der Vienna Design Week. Ich denke, es wurde jemand gesucht, der bereits im Accessoire-Bereich tätig war.

Gibt es etwas zu bereuen in Ihrer Karriere?

Ja, gerade einige unserer ersten Entwürfe. Ich sage Ihnen jetzt aber nicht, welche [lacht].

Herr Schelling, ich drücke Ihnen die die Daumen für den Wien-Souvenir-Wettbewerb und bedanke mich für das Gespräch.

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