Christian Haas

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Text: Claudia Simone Hoff, 04.08.2016

Christian Haas ist ein besonnener, ziemlich ruhiger Mensch. Seine Entwürfe indes sind kraftvoll, reflektiert, minimalistisch mit einem Schuss Extravaganz, zuweilen künstlerisch konzeptuell. Der deutsche Designer liebt es zu reisen, und das Handwerk liebt er auch. Er hat zahlreiche Trouvaillen der Glas- und Porzellankunst geschaffen: für Hersteller wie Villeroy & Boch und Theresienthal. Vor kurzem ist Christian Haas von Paris nach Porto gezogen, hat ein Haus gekauft und ein Restaurant eröffnet. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über Aufbruchsstimmung in Portugal, Einrichtungswunschzettel und unbezahlte Prestigeaufträge gesprochen.

Die Sonne scheint und Karimoku New Standard hat sich auf der Möbelmesse in einer Remise mit idyllischem Hinterhof und blühenden Glyzinen inklusive einquartiert. Draußen stapeln sich die Holzhocker des japanischen Labels, innen geht es beinahe künstlerisch zu. Caroline Bajings vom niederländischen Designstudio Scholten & Baijings ist da und winkt hinüber zu Christian Haas. Der sitzt auf seinem Holzstuhl Scout, zu dem es auch einen passenden Tisch gibt, von dem in Mailand eine extra großen Version zu sehen ist. Mit einem Becher grünen Tee ausgerüstet, setzen wir uns nach draußen.

Du bist gerade von Paris nach Porto gezogen. Warum?
Der portugiesische Porzellanhersteller Vista Alegre hatte mich eingeladen, um mir die Produktion zu zeigen. Mir hat es dann so gut gefallen, dass ich öfter privat nach Portugal gefahren und auch mal länger geblieben bin. Ich habe dann beschlossen, ganz dorthin zu ziehen, weil die Lebensqualität sehr hoch ist: das gute Preis-Leistungs-Verhältnis, die freundlichen und offenen Menschen.

Mondo Deli: Christians Restaurant in Porto
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Ist es eigentlich wirklich so melancholisch dort?
Nein, das Melancholische haben die Portugiesen abgeschüttelt, den Nebel des Grauens gibt es nicht mehr (lacht). Porto verändert sich ziemlich rasant, und kulturell passiert dort gerade auch sehr viel.

Du hast nicht nur ein Haus im Zentrum von Porto gekauft, umgebaut und restauriert. Im Erdgeschoss betreibst Du gemeinsam mit Deinem Freund das Restaurant Mondo Deli. Du bist ja ziemlich risikobereit.
Ja, mei (lacht)! Mein Freund hatte die Nase voll vom Modebusiness und wollte sich beruflich verändern. In Paris hatten wir auch schon nach Räumen für ein Bistro gesucht, doch das war uferlos und nicht bezahlbar. Wir hatten also nichts zu verlieren, waren dann auch relativ radikal und haben gleich ein Haus gekauft, was sich im Nachhinein als totaler Glücksfall erwies.

Euer Haus ist sehr schmal und hoch.
Ja, das ist ein wenig wie in Amsterdam. Unsere Straße wurde übrigens in der Mitte des 19. Jahrhunderts von den Engländern bebaut und war die erste Musterstraße in Porto. Die Bewohner konnten sich aussuchen, ob sie ein, zwei oder drei Fensterbreiten haben wollten. Unser Haus ist zwar mit fünf Metern und zwei Fensterbreiten ziemlich schmal, dafür aber 22 Meter tief. Auf vier Etagen verteilen sich 450 Quadratmeter Wohnfläche und ein Garten: Im Erdgeschoss befindet sich das Lokal mit 28 Sitzplätzen, darüber mein Studio, in den zwei oberen Etagen ist unsere Wohnung untergebracht.

Hattest Du eigentlich einen Einrichtungstraum?
Ja, auf jeden Fall. Ich wollte beispielweise einmal im Leben eine Dusche haben, in die ich mich nicht reinquetschen muss – ohne Duschvorhang oder Siebziger-Jahre-Plastik-Kabine (lacht). Außerdem stand auf meinem Wunschzettel: ein begehbarer Kleiderschrank, ein Gästezimmer und ein Gartenhaus für Freunde. Ich mag den Mix zwischen teuer und günstig, auch als Designer.

Was wird im Restaurant serviert?
Alles, was es in Porto nicht gibt (lacht). Tolle asiatische Speisen, arabische Fleischbällchen mit ganz unterschiedlichen Gewürzen, gegrillte Zwiebeln, japanischer Tofu – alles immer als festes Menü, saisonal ausgerichtet.

Du bist als Designer sehr breit gefächert, entwirfst Möbel und Leuchten und bist als Interiordesigner tätig. Ein besonderes Faible hegst Du allerdings seit jeher für die Materialien Porzellan und Glas, wobei unzählige Entwürfe entstanden sind – für Hersteller wie Villeroy & Boch, Theresienthal, Tafelstern, Nachtmann. In Mailand stellst Du ein Projekt für Arita vor, das spannend klingt. Erzähl uns etwas darüber.
Arita ist für Japan das, was Unterfranken für Deutschland ist: die Wiege der Porzellanindustrie, die in diesem Jahr 400 Jahre alt wird. Für dieses Jubiläum hat sich die abgelegene Region für ein Projekt mit den Designern Scholten & Baijings und Teruhiro Yanagihara zusammengetan. Sie haben 16 internationale Gestalter eingeladen – darunter Stefan Dietz, Leon Ransmeier, BIG-GAME –, um mit den Produzenten vor Ort zusammen zu arbeiten. Dabei sind ganz großartige Produkte entstanden, womit sich vor Ort auch wirtschaftliche Hoffnungen verbinden, denn die Region liegt am Boden.
Aus Porzellan geformt: Christian & Arita
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Sind eigentlich die Japaner den europäischen Porzellanherstellern handwerklich voraus?
Auf jeden Fall. Ich habe für das Projekt Arita 1616 etwas entworfen, von dem ich glaube, dass man es hätte in Europa nicht herstellen können: eine multifunktionale Kollektion aus Tellern, Schüsseln und Gefäßen, die von japanischer Gestaltung inspiriert ist, aber überall auf der Welt benutzt werden kann. Das Besondere sind die komplexen Geometrien und subtilen Dekore, wobei die Stücke trotzdem zeitlos wirken. Das Schöne daran: Obwohl das Geschirr in einer Manufaktur hergestellt wird, ist es nicht sehr teuer. Es soll übrigens weltweit verkauft werden und wird auch auf großen Messen wie Maison & Objet zu sehen sein.

Für
Lyngby Porcelæn hast Du die Grenzen von Porzellan ausgelotet. Entstanden ist das Regal The Thinker.
Ja, das stimmt. Das Regal ist übrigens für die Wallpaper-Ausstellung entstanden. Die picken sich für die Ausstellungen ja immer einen Designer heraus, der dann mit einem bestimmten Hersteller zusammenarbeitet. In meinem Fall war das Lyngby Porcelæn – in den dreißiger Jahren ein bekannter dänischer Porzellanhersteller, der irgendwann seine Produktion eingestellt hatte. Der dänische Möbelhersteller Karakter hat die Marke nun vor einiger Zeit wieder aufleben lassen – mit einer sehr limitierten Kollektion, die in Deutschland und Portugal produziert wird, was ich bemerkenswert finde. Mein Projekt war ein sehr schnelles Projekt, was manchmal ja auch nicht schlecht ist (lacht). Ich habe den Leuten von Lyngby Porcelæn gesagt, dass ich alles machen würde – außer Karaffen, Tassen oder Porzellantabletts. Stattdessen: kleine Regale, eine Materialkombination aus Biskuitporzellan und gefaltetem Blech.

Gibt es für solche Projekte eigentlich Geld?
(lacht) Nein, solche Projekte sind reines Prestige, was aber okay für mich ist. Immerhin werden die Produkte produziert und verkauft.

Was braucht man als Designer, um mit großen Herstellern zu arbeiten?
Man sollte natürlich professionell, aber vor allem nett und unkompliziert sein. Man verbringt schließlich viel Zeit miteinander.

Was kommt demnächst?
Für Andreas Murkudis habe ich eine Möbelkollektion mit Regalsystem, Sofa und Beistelltischen entworfen, die in seinem Laden in Schöneberg erhältlich ist und für das Immobilienprojekt Geisberg Berlin individuell angepasst wird. Die gesamte Kollektion wird übrigens bei tollen Handwerkern in Portugal produziert. Darauf bin ich wirklich stolz.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Lissoni