Christophe Pillet

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Text: Norman Kietzmann


Christophe Pillet lässt sich nicht auf eine einzelne Spielart festlegen. Geboren 1959 im zentralfranzösischen Montargis macht er 1985 seinen Abschluss in Architektur und Industriedesign an der Ecole des Arts Décoratifs in Nizza und absolviert anschließend ein einjähriges Post-Graduate-Studium an der Domus Academy in Mailand. Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelt er von 1986 bis 1988 im Büro von Martine Bedin in Mailand sowie von 1988 bis 1993 bei Philippe Starck in Paris, über den er seit 1991 erste Möbelentwürfe für die Firma XO veröffentlicht. Mit seinem eigenen Studio, das er 1993 in Paris gründet, arbeitet er seitdem erfolgreich an der Schnittstelle zwischen Möbeldesign, Verpackungsdesign, Innenarchitektur, Architektur und Bühnenbild. Neben Arbeiten für Kunden wie Cappellini, Driade, Serralunga, Shiseido, Tacchini oder Porro macht er sich vor allem mit seinen Interieurs für zahlreiche Hotels, Boutiquen, Showrooms und Restaurants einen Namen. Wir trafen Christophe Pillet in seinem Büro in Paris und sprachen mit ihm über die Mailänder Möbelmesse 2009, Designstrategien in unruhigen Zeiten sowie das nahende Ende des Besitzes.


Herr Pillet, die 48. Mailänder Möbelmesse ist Ende April zu Ende gegangen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht im Vergleich zu den Jahren zuvor?


Wir haben in diesem Jahr deutlich weniger Projekte als in den Jahren zuvor gezeigt, da viele Hersteller die Anzahl der neuen Produkte zurückgefahren haben. Zwar haben wir sehr viele Möbel entworfen, aber von den Firmen hieß es dann immer: „Wir werden sehen. Im nächsten Jahr gern, aber in diesem noch nicht.“ Der Grund ist natürlich der, dass neue Produkte immer hohe Investitionen verlangen. Und solange nicht sicher ist, ob sich diese in absehbarer Zeit wieder auszahlen, schalten sie einen deutlichen Gang zurück. Das trifft derzeit auf die meisten Hersteller zu. Auf der anderen Seite gibt es Firmen, die genau in diesem Moment möglichst viele Dinge gezeigt haben, um eine besonders hohe Auswahl zu bieten. Die Logik ist also sehr unterschiedlich.

Der Zeitpunkt, sich mit starken Entwürfen von der Masse abzuheben, könnte also im Moment kaum besser sein?

Ja, man sieht diese Entwicklung auch in anderen Bereichen wie beispielsweise dem Automobilsektor, wo der Markt bisher nur von den großen, mächtigen Herstellern beherrscht wurde. Mit dem Beginn der Krise sind plötzlich auch all die ganz kleinen Unternehmen interessant geworden, die sich auf die Entwicklung kleiner, ökologischer Fahrzeuge konzentriert haben, aber bisher kaum beachtet wurden. Ich denke, dasselbe haben wir nun auch in Mailand gesehen.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Herstellern: Mussten Sie bei der Entwicklung neuer Produkte Abstriche machen?

Nein, nicht direkt. Man hat uns beispielsweise nicht angefragt, die Dinge nun einfacher oder komplizierter zu machen als zunächst geplant – glücklicherweise. Dennoch gab es ein größeres Bewusstsein auf unklare Dinge zu verzichten. Die Projekte müssen geradeaus und auf den Punkt gebracht sein. Es geht dabei vor allem um ganz konkrete Fragestellungen: Soll der Fuß für einen Bürostuhl aus Aluminium gemacht werden oder nicht? Und wenn ja: An welcher Stelle holt man dann die Mehrkosten wieder heraus? Für ein Projekt bedeutet dies, mit deutlich höherer Konzentration zu formulieren, was man erreichen möchte.

Was bedeutet das in Bezug auf das Design: Wird der Spielraum für Experimentelles damit nicht deutlich enger?

Ich habe den Eindruck, dass es derzeit eher ein stärkeres Bewusstsein für die Konkurrenz gibt, die in den osteuropäischen oder asiatischen Ländern wächst. Bisher haben selbst in Italien viele Firmen immer geschaut, was es auf dem Markt gibt und dann von den erfolgreichen Produkten an dieser oder jener Stelle kopiert. Das reicht heute aber nicht mehr aus, um zu überleben. Für die Hersteller bedeutet dies, Projekte zu machen, die origineller sind und sich nicht zu leicht kopieren lassen. Es geht dabei weniger darum, ob sie nun verrückt oder weniger verrückt sind. Aber es ist wichtig, dass sie eine wirkliche Identität haben, einen wirklichen Unterschied und klare Merkmale bieten. Die Firmen müssen an dieser Stelle aufhören, Referenzen an andere Produkte zu lancieren und stärker mit eigenen Vorschlägen kommen. Das bedeutet eine ganz andere Strategie, die zugleich aber auch eine Verbesserung darstellt, da sie mehr Originalität fordert. Überleben werden diejenigen Firmen, die diesen Schritt schaffen.

Sie sprachen eben an, dass bereits mehrere Ihrer Möbelentwürfe verschoben wurden. Gleichzeitig scheint Sie diese Entwicklung aber nur bedingt zu treffen, da Sie mit Ihrem Pariser Büro in den letzten Jahren vor allem mit der Planung von Interieurs beschäftigt waren.

Ja, unser Schwerpunkt liegt vor allem auf der Einrichtung von Hotels und Boutiquen. Wir arbeiten gerade an einem Hotel in Saint-Tropez, für das wir auch alle Möbel neu entwickelt haben. Schon seit knapp zehn Jahren entwerfen wir alle Boutiquen der französischen Modedesignerin Catherine Malandrino, ebenso wie die für den britischen Modedesigner John Richmond. Wir planen außerdem weltweit alle Boutiquen für die Pariser Taschenmarke Lancel neu, für die wir gerade Boutiquen in Hongkong, Shanghai und Peking entworfen haben. Ein weiteres kleines Projekt, an dem wir derzeit arbeiten, ist ein Geschäft für Kinderkleidung in Paris. Außerdem entwerfe ich als Kreativdirektor für das Modelabel Lacoste sämtliche Boutiquen als auch Produkte wie Brillen oder andere Accessoires.

Inwieweit findet bei ihren Projekten ein Transfer statt — dass also Erfahrungen aus kleineren Projekten für größere genutzt werden und umgekehrt?


Sehr häufig. Mein eigentliches Experimentierfeld liegt dabei jedoch in meiner Arbeit für den Automobilbereich. Ich entwerfe bereits seit einigen Jahren sämtliche Messestände, mit denen sich Renault auf den großen Automessen weltweit präsentiert. Das sind riesige Konstruktionen, die mit viel Aufwand in Szene gesetzt werden. Das Interessante an ihnen ist, dass sie temporär sind und wir somit neue Materialien, Beleuchtung und Prinzipen ausprobieren können. Wenn ich mit bestimmten Ergebnissen zufrieden bin, kann ich sie für ein Restaurant- oder Hotelprojekt weiterverwenden. Bei sehr kleinen Projekten wie der Boutique für Kinder ist es ähnlich. Dort können wir dann vielleicht weniger in eine technische als eher in eine dekorative Richtung gehen und stärker mit der Atmosphäre spielen.

Die Bandbreite Ihre Projekte ist weit gefächert. Würden Sie dennoch sagen, dass es einen bestimmten „Christophe-Pillet-Stil“ gibt?

Nein, ich suche nicht nach einem bestimmten Stil. Vielleicht habe ich einen, wenn ich einmal 80 Jahre alt bin. Aber im Moment macht es mir Spaß, die Dinge zu tun, die mir in den Sinn kommen. Ich denke aber auch, dass meine professionelle Verantwortung meinen Kunden gegenüber darin liegt, ihnen nicht dieselben Dinge zu verkaufen. Ich kann einer Luxusmarke nicht dasselbe Konzept anbieten wie einer Firma, die Turnschuhe herstellt. Das ist normal. Sicher gibt es Aspekte wie eine bestimmte Art von Einfachheit, die ich bevorzuge, die aber nicht automatisch ein festes Bild vor Augen rufen. Ich würde mich außerdem sehr langweilen, wenn ich immer dieselben Sachen machen würde.

Dennoch lassen sich viele ihrer Entwürfe als sehr organisch beschreiben wie beispielsweise die Chaiselongue „Nouvelle Vague".

Bei einem Stuhl oder einer Chaiselongue, die aus Kunststoff gefertigt sind, muss die Form ein wenig organisch gestaltet werden, um komfortabel zu sein. Dasselbe gilt auch für Entwürfe aus Holz oder Metall. Es ist also in erster Linie ein ergonomischer Aspekt. Im selben Moment muss die Form auch immer eine Attitüde ausdrücken, die graziös, elegant und sensuell sein sollte. Aber es stimmt, ich arbeite gerne mit Kurven.

Worin, würden Sie sagen, liegt heute die Herausforderung im Design?

Ich denke, dass das Design von Möbeln heute noch immer sehr archaisch ist. Wenn man sich anschaut, wie heute ein Sofa gemacht wird, ist das ungefähr so wie in der Architektur einen griechischen Tempel zu bauen. In der wirklichen Welt da draußen, die für mich viel mehr durch das Design von Autos, Mobiltelefonen oder Computern bestimmt wird, ist der Ansatz grundlegend verschieden. Ich versuche meine Herangehensweise an neue Projekte immer so nah wie möglich an diese zeitgenössischen Dinge heranzuführen, die uns im täglichen Leben umgeben, als mich von der überholten handwerklichen Sichtweise leiten zu lassen, aus der heraus die meisten Möbelhersteller noch immer ihre Produkte planen. Das Design von Möbeln hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum weiterentwickelt. Ich sage ja nicht, dass Möbel nun wie Autos geplant werden sollten, aber der Prozess sollte stärker mit der Gegenwart verbunden werden.

Viele Entwürfe, die auf den großen Möbelmessen der letzten Jahre zu sehen waren, spielen jedoch eher mit Referenzen an die Vergangenheit als nach vorn zu schauen. Hat das Design womöglich Angst vor der Zukunft?

In gewisser Weise ja. Denn die Gestaltung der vergangenen 15 Jahre – und das betrifft nicht nur die Möbelindustrie, sondern ebenso den Film, die Musik oder die Mode – ist kaum mehr als ein Remix. Man schaut zurück in die Geschichte und spielt mit Zitaten. Es ist reine Nostalgie. Erfunden wurde in der jetzigen Zeit nicht viel, weil der Glaube an die Zukunft nicht mehr vorhanden ist. Die Erfindungen der Sechziger Jahre wurden von dem Gedanken getragen, dass morgen alles besser sein wird. Heute ist diese Vorstellung nicht mehr so begeisternd, da wir uns nun zum ersten Mal bewusst werden, dass es nicht mehr endlos weiter gehen kann. Die optimistische Zukunftsvision von heute ist die, dass wir nicht besser leben werden, sondern dass wir überleben werden. Darin besteht heute die Herausforderung, an der die Wissenschaft arbeiten muss. Neue Technologien zu finden, die uns erlauben, weiter zu leben. Die Wirtschaft versucht unterdessen nach wie vor, uns mit Referenzen an die Vergangenheit die alten Dinge doch noch ein wenig schmackhaft zu machen.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Wir müssen die Vergangenheit endlich Vergangenheit sein lassen. Das ist vielleicht schade, aber so ist es nunmal. Wenn wir vor der Zukunft Angst haben, können wir nicht in der Gegenwart leben. Das erklärt auch ein wenig die Haltung vieler junger Menschen: „Ich amüsiere mich jeden Abend, auch wenn ich morgen vielleicht keine Arbeit mehr habe. Ich versuche von der Gegenwart zu profitieren.“ Das ist ein wenig die aktuelle Logik. Aber ich glaube, dass die Menschen – vielleicht auch ausgelöst durch die Krise – wieder anfangen werden, sich für die Zukunft zu interessieren. Durch diesen Zwang wird das Interesse an der Wissenschaft als auch an ökologischen Fragen wieder steigen. Gleichzeitig schafft dies auch das Bedürfnis, unsere Umwelt mit anderen Produkten zu gestalten – also eine Art Materialisierung dieser neuen Inspiration. Noch ist dies von der Politik überhaupt nicht verstanden worden. In Frankreich ganz bestimmt nicht. In den USA vielleicht mit Obama ein Stück weit mehr. Um aus den heutigen Problemen herauszukommen, braucht es aber mehr als nur kurzfristige Notfallpläne. Wir müssen wieder anfangen, zu träumen und in neue Dinge investieren. In Europa werden zurzeit noch zu viele Bedenken getragen.

Vor allem in der Automobilindustrie wird derzeit deutlich, wie lange Veränderungen verschlafen wurden, obwohl die Pläne dafür schon seit Jahrzehnten in den Schubladen liegen...

Ja, das ist beschämend. Ich war vor einigen Wochen auf dem Automobilsalon in Genf, wo normalerweise nur die teuren und eleganten Luxuswagen vorgestellt werden. Diesmal war es tatsächlich „low profile“ und überall wurden sparsame Drei- oder Zweiräder präsentiert. Da hat ein dramatischer Wandel stattgefunden. Allerdings glaube ich, dass sich im Automobilbereich auf Dauer auch die Frage des Besitzes ändern wird. Ähnlich wie das Prinzip der City-Bikes, die an Ausleihstationen im gesamten Stadtgebiet ausgeliehen und wieder abgeben werden können. Das Interessante daran wird sein, dass das Auto niemandem mehr gehören und damit auch nicht mehr als Zeichen der Persönlichkeit ihrer Besitzer dienen wird. Das Auto wird also kein Statussysmbol mehr sein, sondern nur noch ein Transportmittel. Die ästhetische als auch gesellschaftliche Komponente fällt damit weg, während die Beziehung zwischen Benutzer und Objekt neu definiert wird. Von den großen Autos, die ein Zeichen von Reichtum sind, geht die Entwicklung hin zu einer kollektiven Idee, bei der es heißt: Ich bin nobel, weil ich teile und nicht nur, weil ich einen teuren Schal trage oder einen großen Wagen fahre. Ich denke, es wird dabei stärker auf eine menschliche Dimension ankommen als allein auf eine konsumorientierte Sichtweise. Das wird den Esprit der Leute verändern. Und das Design hoffentlich auch.

Vielen Dank für das Gespräch.



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