Christopher Jenner

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Michael Franke

Christopher Jenner erzählt mit Räumen Geschichten. Bevor es den gebürtigen Südafrikaner nach längeren Reisen nach London verschlug, hatte er in Kapstadt Industriedesign studiert. Nach Stationen bei Swarovski und einer Agentur für Event-Inszenierungen gründete er 2010 sein eigenes Studio für Interiordesign an der Themse. 2013 wurde er von Eurostar zum Kreativdirektor ernannt, um dem Bahnreisen wieder mehr Profil zu verleihen. Wir trafen Christopher Jenner in Mailand und sprachen mit ihm über zeitreisende Laternen, atmosphärische Ticketschalter und das Übel für jeden Innenarchitekten: Räume aus Glas.

Herr Jenner, während der Mailänder Möbelmesse haben Sie Ihre Lichtinstallation Urbem gezeigt: Ein Cluster gläserner Leuchten, deren Form den Mailänder Straßenlaternen aus dem 19. Jahrhundert nachempfunden wurde. Worum ging es bei dieser Arbeit?
Im 19. Jahrhundert gab es dieses beeindruckende Zusammenspiel aus Industrie und Handwerk. Beide haben sich unmittelbar ergänzt und bis heute relevante Gebäude und Objekte geschaffen. In unserer jetzigen Zeit sind diese Welten voneinander entkoppelt. Wir verfügen zwar über die Technologie. Doch das Handwerk haben wir zurückgelassen. Mit dieser Installation wollte ich beides wieder miteinander verbinden. Die Geometrien der 120 Leuchten, die wir in der Via Sciesa gezeigt haben, sind sehr komplex. Wir haben acht Monate daran gearbeitet, die Verbindungen aus konvexen und konkaven Formen am Computer zu erzeugen. Danach wurden die gläsernen Korpusse von Hand anfertigt. In ihrem Inneren befinden sich LEDs, die von einem drahtlosen Computer im Rhythmus der Musik gesteuert wurden. 

Welche Rolle spielt hierbei das Lokale? 
Es wird zum Schlüssel für die Gestaltung. Schauen Sie: Es macht doch heute keinen Unterschied mehr, ob man in London auf der Bond Street oder in New York auf der Madison Avenue steht. Es gibt überall die gleichen Läden mit den gleichen Produkten und den gleichen Interieurs. Alles überschneidet sich und wirkt austauschbar. Indem wir die Leuchten den historischen Mailänder Laternen nachempfunden haben, bringen wir nicht nur die Emotionen der Vergangenheit in die Gegenwart. Wir liefern einen nachvollziehbaren Grund, warum etwas an einem bestimmten Ort gezeigt wird und anderes nicht. Der Großteil meiner Arbeit dreht sich genau um diese Thematik: Wie können wir die lokale Kultur benutzen, um mit ihr eine Geschichte zu erzählen?

Sein Konzept-Zuginterieur sorgte für Aufsehen.
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2013 wurden Sie zum Kreativdirektor des Eurostar ernannt. Für Aufsehen haben Sie dabei mit einem nostalgischen Kabinen-Interieur gesorgt, das das goldene Zeitalter der Eisenbahnen mit dem Jet-Zeitalter in Verbindung setzt. Welche Geschichten wollten Sie damit erzählen?
Es ging darum, der Reise-Erfahrung von heute wieder ein wenig Magie zu geben. Diese vielleicht etwas altmodische Idee von Gastlichkeit spielt heute überhaupt keine Rolle mehr. Beim Bahnfahren geht es nur noch darum, Menschenmengen von einem Ort an einen anderen zu bewegen. Mit dem Eurostar wollen wir die Reise genauso wichtig machen wie das Ziel selbst. 

Wie genau soll das passieren? Wird das Interieurkonzept tatsächlich in die Realität umgesetzt?
Nein, das wurde auch gleich bei unserer Verpflichtung klar gemacht. Die neuen Züge, die ab 2015 eingesetzt werden, wurden bereits vor drei Jahren bestellt. Daran konnten wir nichts mehr ändern. Hinzu kam, dass das Konzept zunächst auch gar nicht für den Eurostar entwickelt worden war. Eine französische Zeitschrift hatte uns freie Hand gewährt, etwas zu entwerfen. Also haben wir eine alternative Form des Bahnreisens konzipiert. Nach der Veröffentlichung wurde das Projekt von unzähligen Blogs und Webseiten weltweit aufgegriffen. Wir hatten Millionen an Klicks, ohne dass wir davon etwas mitbekommen haben. Erst ein Jahr später ist eine Mitarbeiterin von mir durch Zufall bei einer Recherche darauf gestoßen. Auch die Verantwortlichen vom Eurostar sind so auf das Projekt aufmerksam geworden und haben uns kontaktiert.

Wenn Sie die Züge selbst nicht verändern können: Worin besteht dann Ihre Arbeit?
Wir werden uns alle emotionalen Berührungspunkte der Kunden anschauen. Wir entwerfen an den Bahnhöfen die neuen Lounges und Ticketschalter. Auch das Geschirr und Besteck an Bord der Züge wird von uns gestaltet. Ebenso wird unser Rat bei Farben und Stimmungen eingeholt. Das Ganze ist als ein Prozess über vier bis fünf Jahre angelegt. Die erste sichtbare Veränderung wird es am Ticketschalter an der St. Pancras Station in London geben. Als wir uns den Ort zum ersten Mal angeschaut waren, waren wir selbst schockiert.

Warum?
Weil der Raum komplett verglast war. Ich kann verstehen, warum Architekten Glas verwenden. Aber es ist eine äußere Betrachtung. Wie fühlt sich eine Person in einer Glaskiste am Bahngleis? Irgendwie verloren, oder? Innenräume aus Glas sind das Schlimmste. Sie haben keine emotionalen Qualitäten. Also haben wir einen kompletten Wandel vollzogen. Es ist wichtig, dem Auge einen Halt zu geben. Darum haben wir nur natürliche Materialien verwendet, die man sehen und berühren will. Das ist der erste wichtige Aspekt. Der zweite betrifft die Reise selbst. Der Ort erzählt mit metallenen Wandreliefs und zahlreichen Details von der Passage nach Paris. Darum haben wir Elemente des Jugendstils und viktorianische Gotik als Inspiration genommen und in die Gestaltung des Innenraumes einfließen lassen. 
Seine erste serielle Möbelkollektion für den englischen Badhersteller Drummonds.
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Aber bedienen Sie damit nicht nur die Klischees? 
Sicherlich. Doch das ist notwendig, damit kein austauschbarer Ort entsteht. Sehen Sie: Ein anderes Projekt ist das Ethnografische Museum in Sankt Petersburg, das vor ein paar Monaten eröffnet wurde. In diesem Museum sind historische Kostüme und Trachten aus ganz Russland zu sehen – ein Land, in dem europäische und asiatische Kulturen wie in kaum einem anderen Land der Welt aufeinandertreffen. Jedes Dorf hatte früher eine eigene Art gekannt, seine Kleidung herzustellen. Sie waren Ausdruck ihrer Identität. Darum haben wir bei unserem Interieur auch keinen gewöhnlichen White Cube installiert. Wir vermischen die verschiedenen Einflüsse und erzeugen eine Ästhetik, die exakt zu diesem Projekt gehört und Möbel, Böden und Wandgestaltungen gleichermaßen umfasst.

Es geht also darum, einem Ort seine Rechtfertigung zu geben?
Absolut. Man kann nicht mehr einfach nur etwas machen, weil man ein gutes Gefühl hat. Es muss einen Grund geben, warum die Orte, an denen wir arbeiten, wohnen, reisen oder uns eine Ausstellung anschauen, auf diese oder jene Weise gestaltet sind. Hinzu kommt auch eine ganz praktische Seite. Wenn man auf diese Weise arbeitet, ist der Prozess endlos. Es kommen immer wieder neue Dinge dabei heraus, ohne dass man Gefahr läuft, sich zu wiederholen. Es ist eine Formel, die zu einzigartigen Ergebnissen führt. 

Was wird mit den Leuchten im Anschluss an die Mailänder Ausstellung passieren?
Wir werden sehen. Das Verrückte ist, dass wir überhaupt kein Produkt verkaufen wie bei den meisten Inszenierungen rund um diese Messe. Wir zeigen diese Installation und das war es dann erst einmal. Wir haben aber schon mit einigen Händlern gesprochen, die Interesse gezeigt haben. Vielleicht entwickelt sich daraus tatsächlich eine Kollektion. Bislang haben wir bei unseren Interieurs vor allem in Einzelstücken und Kleinserien gearbeitet. 

Würde Sie der Sprung in die Serie nicht reizen?
Daran arbeiten wir sogar. Wir werden auf der Clerkenwell Design Week im Mai unsere erste Möbelkooperation vorstellen. Drummonds ist ein englischer Hersteller von handgefertigten Badewannen, Waschbecken und Zubehör für das Badezimmer. Ihre Produkte sind bislang sehr traditionell im englischen Country-House-Stil gehalten. Ich habe ihnen vorgeschlagen, das Land in die Stadt zu holen. Genau darum geht es bei dieser Kooperation. Wir nutzen traditionelle Gusseisen-Technik und Schreiner-Arbeiten, um daraus eine zeitgenössische Kollektion mit einer urbanen Ästhetik zu erzeugen. Die Formen sind fluide, aber keineswegs verspielt. Auch sind alle Elemente freistehend und nicht mehr fest in die Wand verbaut. In gewisser Weise schließt sich damit der Kreis. Schließlich standen die Wannen und Waschtische im 19. Jahrhundert auch immer allein. Davon kann ich einfach nicht loskommen (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch.

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