Daniel Rybakken: Räumliche Verstärker

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Text: Norman Kietzmann, 11.12.2017

Partner: Artek

Daniel Rybakken bringt Räume zum Leuchten. Einen Namen hat sich der Norweger vor allem mit innovativen Lichtobjekten für Luceplan, Ligne Roset, e15 und Wästberg gemacht. Mit Artek expandiert der 1984 geborene Osloer nun in den Möbelbereich – und zeigt diese Arbeiten auf der Kölner Möbelmesse imm cologne 2018 zum ersten Mal in Deutschland. Ein Gespräch über gestalterische Freiheit, falsch verstandenen Minimalismus und Mut zur Langsamkeit.

Das nordische Design steht derzeit besonders hoch im Kurs. Warum ist das so? Ich denke, es hat damit zu tun, dass die Leute einfach müde geworden sind vom niederländischen Design (lacht). Nordisches Design ist bodenständiger, einfacher und ehrlicher – Aspekte, die im niederländischen Design nicht ganz so wichtig sind. Da geht es eher ums Konzeptionelle und um Humor. Beim skandinavischen Design steht die Ehrlichkeit der Materialien und die Art und Weise der Konstruktion im Vordergrund. Auch das Zeitlose spielt sicher eine wichtige Rolle.

Zeitlosigkeit ist Zeitgeist? Ja absolut. Wobei wir an dieser Stelle auch das Gegenteil sehen. Einige skandinavische Firmen bewegen das Design fast schon in Richtung Mode. Mir gefällt das nicht so sehr, weil es die Lebensspanne der Dinge reduziert. Ich selbst arbeite sehr langsam und mache nur wenige Projekte im Jahr. Darum versuche ich gegen das Schnelllebige im Design zu arbeiten. Es ist gut, wenn die Dinge nicht zu trendy sind (lacht).

Kleiderständer Kiila für Artek (Detail). Foto: Kalle Sanner und Daniel Rybakken  

In deiner Formensprache finden sich oft geometrische Körper wie Rechtecke und Kreise: Auch sie sind Archetypen ohne zeitliche Einordnung. Als ich damit vor zehn Jahren begonnen habe, war ich fast allein. Wenn man sich jetzt umschaut, arbeiten fast alle jungen Designer bei Leuchten mit diesen klaren zweidimensionalen, grafischen Elementen. Ich glaube, ich muss langsam eine neue Richtung finden (lacht). Natürlich ist es schön, eine eigene Designsprache zu haben. Doch ich möchte nun auch neue Wege einschlagen.

Mit der Kiila-Kollektion für Artek hast du deinen Einstand als Möbelgestalter gegeben, nachdem Du Dich zuvor auf das Thema Licht konzentriert hast. Erzähle uns bitte mehr über dieses Projekt. Ich habe mich nie als einen reinen Leuchtendesigner gesehen, auch wenn ich verstehe, dass die Leute mich so wahrnehmen. In Stockholm habe ich schließlich Artek-Chefin Marianne Goebl getroffen und ihr gesagt, dass ich vorhabe, Möbel zu entwerfen. Und so haben wir angefangen. Die Kleiderständer aus der Kiila-Kollektion sind nicht nur meine ersten Möbelentwürfe. Ich habe auch zum ersten Mal mit Holz gearbeitet. Wahrscheinlich bin ich der letzte nordische Designer, der noch nicht zuvor mit diesem Material gearbeitet hat (lacht).

Warum bist Du erst so spät zum Holz gekommen? Die meisten skandinavischen Designer haben eine Ausbildung als Schreiner gemacht, bevor sie in die Gestaltung gewechselt sind. Ich habe direkt Design studiert und bin nicht so aufs Handwerk fixiert. Als ich das Projekt begonnen habe, wollte ich das Gegenteil von einem dänischen Stuhl machen, bei dem Holzteile verklebt und glatt geschmirgelt werden. Ich wollte etwas anderes als den klassischen Schreiner-Zugang.

Wie sieht Deine Lösung aus? Bei der Kiila-Kollektion gibt es keine Holzelemente, die sich berühren, auch wenn das am naheliegendsten wäre. Was die Kleiderständer zusammenhält, sind allein die Haken aus Metall. Sie verbinden das Holz mit innen liegenden Metallklammern, die den Möbeln die tragende Struktur geben. Unsere Lösung ist sehr einfach. Doch genau das macht sie interessant.

Die Kiila-Kollektion wird im Januar auf der Kölner Möbelmesse imm cologne zusammen mit einem weiteren Entwurf für Artek zum ersten Mal in Deutschland vorgestellt: dem zweigeteilten Spiegel 124°. Dessen Schenkel treffen im namensgebenden Winkel aufeinander und sorgen für überraschende Reflexionen. Ich denke, dass es wichtig ist, den Dingen immer auch etwas Unerwartetes zu geben. Etwas, das ihnen einen Wert verleiht. Wir haben diese vorgefertigten Ideen im Kopf, wie etwas aussehen soll. Bei einem klassischen Spiegel beginnt das Gehirn automatisch, den Weg des Lichts zu kalkulieren. Man weiß genau, was man sehen wird. Genau darum ist es spannend, diese Erwartung zu brechen und aus den starren Bahnen zu werfen. Beim Spiegel 124° steht man davor und sieht plötzlich etwas ganz anderes als sich selbst. In gewisser Weise können wir damit wie ein Kind sehen.

Spiegel 124° für Artek. Foto: Zara Pfeifer 

Der Spiegel verändert die Wahrnehmung des Raumes. Absolut, denn man wird sehr viel aufmerksamer gegenüber den Dingen um einen herum. Ich habe einen Prototypen in meinem Studio und bin immer überrascht, was passiert, wenn ich daran vorbeigehe. Spiegel sind Verstärker des Raums. Wenn man Fotos von ihnen aufnimmt, sieht man keine Spiegel, sondern lediglich die Umgebung. Spiegel sind gewissermaßen haltlos.

Interessant ist hierbei auch die interaktive Komponente: Das Objekt bleibt nicht passiv, sondern reagiert auf den Betrachter. Es gibt jede Menge falsch verstandenen Minimalismus um uns herum, bei dem es nur ums Reduzieren geht. Doch man muss auch etwas hinzufügen. Etwas Verspieltes zum Beispiel. In Paris habe ich 2012 die Installation Layers gezeigt – mit großen Flächen, die an einer historischen Hauswand lehnten. Die Komposition ist in sich selbst sehr minimalistisch. Wenn man nicht das Licht hätte, gäbe es nur große Oberflächen. Doch das Licht erzeugt eine Komplexität, die die Flächen lebendig und interessant macht. Man kann alles andere reduzieren, außer das Konzept! Das ist mein Motto und das versuche ich immer zu befolgen.

Wie sehen Deine nächsten Schritte aus? Ich denke, dass es noch viele Bereiche gibt, in denen wir Designer helfen können. Auch der nordische Zugang sollte für andere Bereiche als nur Leuchten oder Möbel verwendet werden. Ich arbeite gerade an einem Projekt für eine große japanische Elektrofirma. Das wird sehr spannend, auch wenn ich darüber noch nicht sprechen kann. Die Arbeit mit Artek geht ebenfalls voran. Was genau kommen wird, darüber diskutieren wir derzeit noch. Ich stehe auch kurz vor meiner Elternzeit. Anfang des neuen Jahres werde ich erst einmal eine Auszeit nehmen.

Alles Gute dafür und vielen Dank für das Gespräch.

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