Denkmaschinen in Venedig: Dieter Roelstraete

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Mattia Balsamini, Courtesy of Fondazione Prada, 21.09.2018

Wer bitte ist Dieter Roelstraete? Für die Fondazione Prada denkt der belgische Philosoph und Kurator im Prada Thought Council,  das die aktuelle Ausstellung im Palazzo Ca´Corner della Regina entwickelt hat. An den Supererfolg mit Udo Kittelmanns The Boat Is Leaking. The Captain Lied von 2017 anzuknüpfen, erschien sogar den Damen und Herren bei Prada als Herausforderung. Dieter Roelstraete hatte eine Idee.

Seiner Ausstellung Machines à penser, die parallel zur 16. Architekturbiennale in Venedig in der Fondazione Prada läuft, dienen die Rückzugsorte von Theodor Adorno, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein – die alle drei gedanklich keine großen Freunde waren – als Ausgangspunkt, und die Wohnmaschinen von Le Corbusier (Machines à habiter) als Sprungbrett für den Titel. Dieter Roelstraete versteht seine Ausstellung als einen Essay – es geht ihm weder um Architektur noch um Philosophie, sondern um die Kunst. Zum Interview treffen wir uns vor der Hütte von Wittgenstein, einem Nachbau aus MDF, der auf 88 Prozent skaliert wurde. Die Künstler reisen schon ab, Roelstraete hat lange Tage und Nächte hinter sich, seine Müdigkeit sieht man ihm nicht an.

Sie haben eine wirklich ungewöhnliche Ausstellung geschaffen. Wie war das erste Feedback auf Machines à penser? Also, mir hat gerade der Kurator vom US-Pavillon eine SMS geschrieben, dass er es kaum erwarten kann, meine Ausstellung zu sehen, weil jeder in Venedig darüber spricht. Das wirkt ... Nun ja, aber als Kurator dieser Ausstellung wird mir auch niemand erzählen, dass er die Show nicht mag.

Anders gefragt: Sind Sie zufrieden? Sehr! Und zwar aus zwei Gründen: Einmal macht es mich sehr glücklich, dass alle beteiligten Künstler zufrieden sind. Für einen Kurator ist das ja das Wichtigste. Und zweitens war die Eröffnung gestern gut besucht. Manche machen es sich sehr einfach, diese Ausstellung als kompliziert zu charakterisieren – das ist sie meiner Meinung nach gar nicht. Aber diese Art von Vorurteil existiert, wenn man eine Ausstellung über Philosophen erarbeitet. Philosophie gilt sofort als komplex und unverständlich. Purer Quatsch. Diese Show ist eine Kunstausstellung, die einem auch gefallen kann, ohne viel über Wittgenstein, Adorno oder Heidegger zu wissen. Es ist für mich immer sehr befriedigend, wenn ich sehe, dass sich die Leute für eine Ausstellung Zeit nehmen und eintauchen. Es ist eben etwas mehr als eine Augenweide. Die Fondazione Prada hat sich mit solchen sehr reichhaltigen und reflektierenden Ausstellungen einen Namen gemacht, wenn man allein an die letzte Ausstellung mit Anna Viebrock, Alexander Kluge und Thomas Demand denkt. Fondazione-Prada-Ausstellungen gelten als intellektuelle Herausforderungen, was nicht bedeutet, dass sie kompliziert sind. Sie sind durchdacht.

Auch diese Ausstellung erweist sich als sehr vielschichtig. Wie lange haben Sie und Ihr Team daran gearbeitet? Der Ursprung dieser Ausstellung ist etwas kurios. Neben Elvira Dyangani Ose und Shumon Basar bin ich Mitglied im Thought Council der Fondazione Prada, das wie ein Thinktank funktioniert. Wir sind zu dritt und arbeiten als eine Expertenkommission für kuratorische Beratung. Erst im vergangenen Sommer stellte man uns die Frage, was die Fondazione Prada in Venedig parallel zur Architekturbiennale zeigen soll – uns blieb also weniger als ein Jahr Zeit. Die Ausstellung musste sehr schnell entstehen, was aber etwas ist, das Prada sehr gut beherrscht. In der Fashion-Welt herrscht schließlich immer eine enorme Geschwindigkeit. Die Idee zu der Ausstellung ist selbstverständlich älter und schon lange Zeit in mir herangewachsen. Ich habe Philosophie studiert und Wittgenstein, Heidegger und Adorno zählen zu den wichtigen Sternen meines geistigen Firmaments.

 Machines à penser, Fondazione Prada. Foto: Mattia Balsamini, Courtesy Fondazione Prada

Ausgangspunkt der Ausstellung sind Rückzugsorte, Eremitagen und das Exil, in denen die drei Philosophen an ihren Gedanken gefeilt haben. Wie ist diese Idee entstanden? Die Hütte von Heidegger hatte ich mal besucht, die Hütte von Wittgenstein kannte ich natürlich auch, aber dort war ich noch nie, nur in Wien im Wittgenstein-Haus, das er zusammen mit einem Schüler von Adolf Losos für seine Schwester gebaut hatte. Und auch die Skulptur Adornos Hütte von dem schottischen Künstler Ian Hamilton Finlay war mir schon vorher bekannt: Sie wurde zum Schlüssel für die Ausstellung. Als ich also nach einer Idee für eine Show für dieses Jahr gefragt wurde, hatte ich die Idee schon im Kopf. Die erste Ebene der Ausstellung ist die Architektur. Aber die tiefergehenden Fragen beziehen sich auf das Verhältnis zwischen Ort und Denken. Welcher Philosoph suchte sich welchen Ort, um kreativ zu sein?

Interessiert Sie nur der Blick in die Vergangenheit oder auch die heutige Bedeutung der Denkmaschinen? Natürlich beides. Ich bin in einem belgischen Dorf aufgewachsen, mitten auf dem Land. Der ländliche Raum interessiert mich sehr, als ein Ort der Produktion. Zeitgenössische Kunst stellen wir uns immer wahnsinnig urban vor, Kultur denken wir als etwas, das in der Stadt entsteht. Mich fasziniert aber die Idee, nach draußen zu schauen und den ländlichen Raum als einen produktiveren Ort für Kreativität und Reflexion zu verstehen. Es gibt ja heute kaum mehr ein Entkommen vom Internet. Je stärker der Druck dieser Umstände ist, desto mehr wächst auch der Drang, aus diesen auszubrechen – was genau der Ursprung dieser drei Hütten ist. Ich schlage die Hütte nicht nur als architektonische Form vor, sie ist auch ein mentaler Raum, eine Haltung, sie ist eine Einladung, selbst darüber nachzudenken, welche Orte wir brauchen, um klar zu denken. Es geht um das Bedürfnis nach Einsamkeit im heutigen Leben.

Trifft das auch auf die drei Philosophen zu? Die Geschichte von Adorno ist die Geschichte des Exils, bei Heideger und Wittgenstein sieht es anders aus: Ich meine, Martin Heidegger hat sich aufs Land zurückgezogen, Ludwig Wittgenstein ist wahrlich aufs Land geflohen, Adorno hingegen hatte keine Wahl. Er war zum Leben im Exil gezwungen. Dieser Hintergrund der Ausstellung ist eine Art von 21. Jahrhundert-Drama der Migration: ein Drama unserer Zeit. Man sieht daran auch, was Migration für ein Land bedeutet. Aber ich bin überhaupt nicht daran interessiert, Adorno als einen armen Migranten zu porträtieren, man kann ihn nicht mit einem mexikanischen Arbeiter, der über die Grenze nach Amerika flüchten will, vergleichen. Aber er war ein deutscher Jude, der verfolgt wurde und sein Heimatland verlassen musste. Und seine Muttersprache, die er so sehr liebte. Dementsprechend empfinde ich die historischen Gegebenheiten als Themen von heute.

Wie kam denn die Kunst in Ihr Leben? Wie wurden Sie als Philosoph zum Kurator für zeitgenössische Kunstausstellungen? Da mein Vater Künstler ist, gab es für mich quasi keinen Ausweg: Ich bin in der Kunstwelt aufgewachsen. Auch wenn mein Vater eher ein Künstler auf provinziellem Niveau ist, war Kunst immer Teil meines Lebens. Als Teenager interessierte ich mich für Literatur und Philosophie, verliebte mich in Nietzsche und Schopenhauer. Warum Wittgenstein für mich eine wichtige Figur ist? Er war tief überzeugt von der Idee, Philosophie auf das echte Leben zu übertragen: auf wissenschaftliche, medizinische, mathematische oder auch ästhetische Fragen. Die Philosophie hat also für mich ein anderes Verständnis von Kunst geschaffen.

Wenn wir über die Ästhetik dieser Ausstellung sprechen: Im Gespräch mit Architekten kamen wir schnell auf den ungewöhnlichen Maßstab der Hütten: Warum 88 Prozent? Weil es genau in die Räume passt? Nein, der Maßstab ist kein Zufall, und es wird auch erklärt. Da vorne ist eine Skulptur von dem niederländischen Künstler Mark Manders (A Place Where My Thoughts Are Frozen Together, 2001). Er hat mich persönlich sehr beeinflusst – und Heidegger war ein wichtiger Einfluss, um über Mark Manders’ Arbeiten zu schreiben. In vielen seiner Installationen verkleinert Mark Alltagsgegenstände auf 88 Prozent, und diesen Ansatz haben wir in der Ausstellung für die Hütten von Wittgenstein und Heidegger übernommen. Es ist eine mentale Zusammenarbeit zwischen Künstler und Kurator. Die Hütten sind auf diese Weise keine Architektur mehr, aber auch noch keine Skulptur. Sie sind entfremdet, aber kein Modell.   Die Frage nach dem Maßstab hat für uns noch einen anderen Hintergrund. Als Deutsche denken wir bei 88 auch an die rechtsextreme Symbolik der Neonazis, die den achten Buchstaben im Alphabet, das H, als getarnten Hitlergruß verwenden.  Stimmt, natürlich! Ihr macht Scherze! Das ist so witzig! (Pause, er schüttelt den Kopf) Das hat mir niemand gesagt, obwohl wir auch Deutsche im Ausstellungsteam hatten. Ich bin aber auch nicht sicher, ob Alexander Kluge das gewusst hätte...88 (schüttelt noch mal den Kopf). Das ist witzig: Heil Heidegger!

 Machines à penser, Fondazione Prada. Foto: Mattia Balsamini, Courtesy Fondazione Prada 

Wie sehen Sie die Zukunft von Ausstellungen über Kunst und Architektur – heute sind Bilder ja jederzeit zugänglich. Was ist die Idee der Ausstellung in der heutigen Welt? Es gibt eine gewisse Anzahl von bedeutenden Museen in der Welt. Das Centre Pompidou, MoMA, Met, die Tate Modern und die Erimitage: Das sind alles beliebte Touristenziele. Das Museum und das Ausstellungsbusiness sind ein fester Bestandteil der Tourismusbranche. Und in Venedig noch einmal mehr, weil diese Stadt heute nur für Touristen existiert. Kunst ist also etwas, was die Menschen ganz klar wollen. Millionen gehen ins Museum. Es gibt dieses Klischee, zeitgenössische Kunst wäre schwierig und unzugänglich oder albern. Trotzdem pilgern Millionen Menschen jeden Tag zu Mark Rothko oder Barnett Newman, die sehr abstrakte Bilder geschaffen haben. Es existiert also Interesse an Kunst als Erlebnis. Wenn unser Leben gerade mehr und mehr digitalisiert und dematerialisiert wird, erinnert die Kunst uns an das materielle Leben, denke ich. Erinnert man sich an die letzte Documenta: Was war das für eine unglaublich analoge Show für ein digitales Zeitalter! Virtuelle Ausstellungen interessieren doch immer noch sehr wenige Menschen.

Noch eine Frage zu Ihrem Titel, mit dem Sie sich auf die Machines à habiter, also die Wohnmaschinen von Le Corbusier beziehen. Halten Sie Le Corbusier für einen guten Architekten oder für einen guten Künstler oder einen besseren Denker?  Ehrlich gesagt habe ich über Le Corbusier überhaupt nichts zu sagen –mir gefiel nur seine Metapher der Maschine zum Wohnen: Es ist einfach eine extrem schöne Formulierung. Und zur Architekturbiennale hielt ich diese kleine Anlehnung im Ausstellungstitel für adäquat.

Für die damaligen Bewohner sind die Wohnmaschinen sicher nicht so schön gewesen wie das Wort. Nein! Ich weiß das und ich meine es auch wirklich nur metaphorisch, ich bewerte nicht sein Werk. Auch nicht das der Philosophen: Keiner der drei war ein angenehmer Zeitgenosse, es waren allesamt keine netten Menschen. Heidegger war ein Nazi, Adorno ein verbitterter Mann und Wittgenstein war hysterisch. Die Metapher der kalten Maschine passt umso mehr, weil Wittgenstein auch Ingenieur war.

Zurück zur Denkmaschine: An welchen Orten entfaltet sich denn ihr Geist und ihre Kreativität? Ich bin gerade innerhalb von Chicago umgezogen – und bei jedem Umzug beginne ich immer damit, meine Bibliothek einzupacken. Ohne meine Bücher kann ich nicht arbeiten und deswegen würde ich meine Bibliothek auch als Machine à penser bezeichnen – auch wenn sie gerade noch in Umzugskartons deinstalliert ist.   

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