Dieter Rams: Designer sollten nie überheblich sein

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Text: Norman Kietzmann, 17.05.2017

Niemand hat das deutsche Design so radikal verändert wie er: Am 20. Mai 2017 wird Dieter Rams 85 Jahre alt. Norman Kietzmann hat den Designer vor genau zehn Jahren interviewt – umso erstaunlicher, wie aktuell das Gespräch heute noch ist.

„Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.“ Was meinen Sie damit? Für mich war immer entscheidend, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, um Klarheit zu bekommen. Man darf sich nicht von den Dingen, mit denen man sich umgibt, dominieren lassen. Die Dinge sollten zurücktreten können, im Hintergrund bleiben. Erwin Braun, der damals zusammen mit seinem Bruder Artur das Unternehmen Braun geleitet hat, sagte einmal: „Unsere Geräte sollen sein wie ein guter englischer Butler. Sie sollen da sein, wenn man sie braucht und im Hintergrund verbleiben, wenn man sie nicht braucht.“ Besser kann man meine Arbeit gar nicht erklären. „So wenig Design wie möglich“ bedeutet daher für mich die Reduktion der Formensprache. Übertriebenes Design ist kein gutes Design. Das hat auch mit Demokratisierung zu tun, da der Aspekt der Repräsentation nicht mehr im Vordergrund steht.

Die Gestaltung wird heute mehr und mehr von Faktoren wie dem Marketing bestimmt, die mitunter in eine ganz andere Richtung als die Designer drängen. Wie lässt sich dieser Interessenkonflikt unter einen Hut bringen? Indem Vertrauen aufgebaut wird. Ich glaube, dass ich das Glück hatte, sehr früh Unternehmerpersönlichkeiten gefunden zu haben, bei denen ein gegenseitiges Verständnis vorhanden war. Das hat dazu geführt, dass ich mich in einer verantwortungsvollen Position, die ich damals bei Braun hatte, nicht an die Marketingabteilung oder an die technischen Abteilungen gerichtet habe, sondern direkt an den Vorstandsvorsitzenden. Der Einfluss oder die Etablierung des Designs innerhalb des Unternehmens an höchster Stelle ist nicht nur wichtig, sondern Voraussetzung, damit gutes Design gelingt. Freunde von mir, darunter langjährige Designchefs haben mir immer wieder erzählt, dass sie Braun als Argument nutzen konnten, um ihre Position und damit auch ihren Einfluss im Unternehmen zu stärken. Design sollte immer Chefsache sein.

Wenn Sie sich das Design von heute anschauen, was stört Sie dann? Am meisten stören mich diese Beliebigkeitsprodukte, die inzwischen oft den Vornamen „Design“ bekommen. Das ist die Spitze des Eisberges. Hinzu kommt, dass sich jeder, der will, Designer nennen darf. Es gibt heute Hairdesigner, Naildesigner usw. Ich habe irgendwann einmal in New York ein Schild gesehen in einer Bäckerei mit der Aufschrift: „We have the best designed cookies“! Der Begriff „Design“ ist unglaublich ausgefranst. Ich bedaure das sehr, weil das unseren doch so wichtigen Beruf verwässert. Denn unsere Umwelt, vor allem die visuelle Verschmutzung der Umwelt, ist ein wichtiges und ernsthaftes Anliegen.

Produktpalette von Braun, © Rams Archiv
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Würden Sie sagen, man sollte die Berufsbezeichnung Designer ebenso schützen wie Architekt? Ja vielleicht, das wäre dann eine Sache der Verbände. Aber ich glaube, das Kind ist schon in den Brunnen gefallen. Das kann man auch nicht mehr herausziehen. Ich finde das sehr schade. Im Englischen ist dieser Begriff, der ja vom Lateinischen „designare“ kommt, durchaus richtig übersetzt. Im Deutschen ließe er sich höchstens mit Gestaltung übersetzen. Aber wenn man ihn international gebraucht, landet man wieder bei Design. In unserer globalisierten Welt ist es schwierig, solche Dinge zu bereinigen. Dass der Begriff „Design“ in letzter Zeit derart stark strapaziert wurde, ist mehr als bedauerlich.

Dennoch gibt es in den letzten Jahren eine zunehmende Rückbesinnung auf schlichtere und zurückhaltendere Formen, wie sie die Produkte von Apple zeigen. Empfinden Sie diesbezüglich eine gewisse Genugtuung: „Ich hab’s ja schon immer gewusst?“ „Ich hab’s schon immer gewusst“ wäre überheblich. Designer sollten nie überheblich sein. Das habe ich auch immer versucht, meinen Studenten nahe zu bringen. Aber es freut mich natürlich, dass gewisse Tendenzen, wenn auch noch sehr wenige, in diese Richtung gehen, die ich mein ganzes Berufsleben über verfolgt habe. Gerade das enge Verhältnis, dass bei Apple zwischen dem Designer Jonathan Ive und der Unternehmerpersönlichkeit von Steve Jobs besteht, erinnert mich stark an meine Anfänge bei Braun in den Fünfzigerjahren. Es gibt natürlich inzwischen auch andere Designer, die ähnlich arbeiten, wie beispielsweise Jasper Morrison oder Naoto Fukasawa. Letzterer hat mit Muji etwas, wovon wir damals bei Braun nur träumen konnten, nämlich eigene Geschäfte, mit denen er eine breite Masse erreichen kann. Dennoch können Sie gutes Design an zehn Fingern abzählen. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

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