Dieter Rams

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Text: Norman Kietzmann, 21.11.2007


Dieter Rams wurde 1932 in Wiesbaden geboren. Nach seinem Studium der Architektur und Innenarchitektur an der Werkkunstschule Wiesbaden, das er für eine dreijährige Lehre im Tischlerhandwerk unterbrach, ging er 1953 in das Architekturbüro Otto Apel nach Frankfurt. Als er zwei Jahre später zur Braun AG wechselte, kam er mehr und mehr mit dem Thema Design in Berührung. Schon sein erstes Projekt, der Plattenspieler „SK 4“, den er 1955 zusammen mit Hans Gugelot entwarf, erlangte unter dem Spitznamen „Schneewittchensarg“ weltweit Beachtung. Für das Unternehmen Braun wie auch für die gesamte Elektroindustrie begann mit diesem Entwurf zugleich eine neue Epoche der Gestaltung. Das Design wurde einfacher, klarer, übersichtlicher und zog damit einen deutlichen Schlussstrich unter das, was noch als „Gelsenkirchener Barock“ die Wohnzimmer der Nachkriegszeit bevölkerte. Holz wurde gegen Kunststoff und Metall eingetauscht und auch die Farbigkeit der neuen Produkte – weiß, grau und schwarz – entsprach ganz und gar der Auffassung einer zurückhaltenden Erscheinung der Dinge. Mit seinem Hang zur radikalen Vereinfachung wurde Dieter Rams zum Wegbereiter des minimalistischen Designs und hat bis heute Generationen von Gestaltern maßgeblich beeinflusst. Am 15. November 2007 wurde er für sein Lebenswerk mit dem renommierten Lucky Strike Designer Award ausgezeichnet. Wir trafen Dieter Rams im Vorfeld der Preisverleihung in Berlin und sprachen mit ihm über die Einfachheit der Form, den Mut zum Wagnis und warum Design auf der Tagesordnung ganz nach oben gehört.

Herr Rams, Sie haben gesagt: „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich“. Erklären Sie uns bitte, was Sie damit meinen.
Für mich war es immer entscheidend, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, um Klarheit zu bekommen. Man darf sich nicht von den Dingen, mit denen man sich umgibt, dominieren lassen. Dominanz sollte beim Menschen verbleiben und nicht bei seiner Umgebung. Die Dinge sollten zurücktreten können, im Hintergrund blieben. Erwin Braun, der damals zusammen mit seinem Bruder Artur das Unternehmen Braun geleitet hat, sagte einmal: „Unsere Geräte sollen sein wie ein guter englischer Butler. Sie sollen da sein, wenn man sie braucht und im Hintergrund verbleiben, wenn man sie nicht braucht.“ Besser kann man meine Arbeit gar nicht erklären. „So wenig Design wie möglich“ bedeutet daher für mich die Reduktion der Formensprache. Übertriebenes Design ist kein gutes Design. Das hat auch mit Demokratisierung zu tun, da der Aspekt der Repräsentation nicht mehr im Vordergrund steht.
Was macht gutes Design noch für Sie aus?
Natürlich die Selbsterklärungsqualität, die sich durch das Design ausdrückt. Vor allem bei komplexen elektronischen Geräten stellt sich ja die Frage, warum man häufig noch eine Gebrauchsanweisung zu Hilfe nehmen muss, die meistens auch noch ziemlich umständlich formuliert ist. Darin liegt die Hauptarbeit eines Designers. Design ist in erster Linie ein gedanklicher Prozess, bei dem es um Inhalte statt um Äußerlichkeiten geht. Design hat die Aufgabe, die Funktion verständlich zu machen.
Die Gestaltung wird heute mehr und mehr von Faktoren wie dem Marketing bestimmt, die mitunter in eine ganz andere Richtung als die Designer drängen. Wie lässt sich dieser Interessenkonflikt unter einen Hut bringen?
Indem Vertrauen aufgebaut wird. Ich glaube, dass ich das Glück hatte, sehr früh Unternehmerpersönlichkeiten gefunden zu haben, bei denen ein gegenseitiges Verständnis vorhanden war. Dass hat dazu geführt, dass ich mich schon sehr früh in einer verantwortungsvollen Position, die ich damals bei Braun hatte, nicht an die Marketingabteilung oder an die technischen Abteilungen gerichtet habe, sondern direkt an den Unternehmer bzw. später an den Vorstandsvorsitzenden. Der Einfluss oder die Etablierung des Designs innerhalb des Unternehmens an höchster Stelle ist nicht nur wichtig, sondern Voraussetzung, damit gutes Design gelingt. Freunde von mir, darunter langjährige Designchefs haben mir immer wieder erzählt, dass sie Braun als Argument nutzen konnten, um ihre Position und damit auch ihren Einfluss im Unternehmen zu stärken. Design sollte immer Chefsache sein.
Gehört dazu auch mehr Mut seitens der Unternehmer, neue Dinge zu wagen anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen?
Sicher, Risiko gehört zum Leben. Und Risikobereitschaft hat schon immer Erfolge gebracht. Das sehen Sie heutzutage bei Apple. Man muss dabei nur in Kauf nehmen, dass der Erfolg nicht sofort eintritt, sondern nachhaltiger geplant und empfunden werden muss. Ich hatte das Glück, Unternehmerpersönlichkeiten wie die Gebrüder Braun zu treffen, die damals noch sehr jung waren und zweifellos vom Aufbruch der Fünfziger Jahre beeinflusst waren. Als dann 1955 die ersten Geräte von Braun im neuen Design auf der Funkausstellung in Düsseldorf vorgestellt wurden, haben viele Leute vorausgesagt, dass das Unternehmen sehr schnell pleite gehen würde. Und selbst die Ingenieure und Techniker bei Braun zweifelten damals daran, weil sie selbst noch zuhause konservativ eingerichtet waren. Bei Braun war ja das Erstaunliche, dass heterogene Produktgruppen zusammen eine Gemeinschaft gebildet haben, eine gemeinsame Sprache gesprochen haben. Der Wille der Unternehmer hat es letztendlich aber erst möglich gemacht hat.
Dennoch zeigten sich die Kunden den neuen Ideen erstaunlich offen. Ein Umstand, der auch von Seiten der Politik zunehmend unterstützt wurde. Würden Sie sagen, die Politik sollte sich heute dem Thema Design wieder stärker annehmen?
Absolut, das ist sowieso meine Auffassung. Theodor Heuss beispielsweise war Werkbundmitglied, auch der damalige Wirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhardt hat sich für diese Dinge interessiert. Heute kenne ich kaum einen Politiker. Ich weiß, dass sich Gerhard Schröder in seiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen engagiert hat. Er hat damals immer die Sonderausstellung der guten Industrieform Hannover (IF-Award) eröffnet. Als er dann zum Kanzler gewählt wurde, sind jedoch andere Themen in den Vordergrund getreten. Ihm hätte ich schon zugetraut, dass es sich dort mehr engagiert. Aber immerhin hat er sich dafür eingesetzt, dass deutsches Design zur Bestuhlung des Kanzleramtes verwendet wurde. Es sind ja meine Sessel, die dort stehen.
Design hat also auch viel mit der Wirkung nach außen zu tun?
Sicher, als Deutschland zum Beispiel auf der ersten Weltausstellung seit Ende des Krieges 1958 in Brüssel auftrat, haben Sep Ruf und Egon Eiermann auf Anraten der Politik den deutschen Pavillon entworfen. Und überall standen die Geräte von Braun wie zuvor auf der Interbau in Berlin 1957. Das war natürlich auch eine Botschaft. Indem man auf neues Design gesetzt hat, hat man sich damals – obwohl man sich dessen vielleicht noch gar nicht bewusst gewesen war – eine neue Identität gegeben. Das ist viel wichtiger, um glaubhaft zu sein als viel Geld für Werbung auszugeben. Ein Staat muss innerhalb des globalen Wettbewerbs eine eigene Identität vorweisen können. Das ist heute wichtiger denn je. Schließlich sind in der globalen Wirtschaft auch die Länder Unternehmen, die gegenseitig in Konkurrenz zueinander stehen.
Würden Sie sagen, dass die betont zurückhaltende Formensprache der Braun-Produkte eine typisch deutsche Erfindung war?
Nein, das würde ich nie sagen wollen. In den skandinavischen Ländern, allen voran Finnland, ist es schon durch die Ausbildung bedingt, dass die Kinder früh an gute Dinge heran geführt werden. Und das spürt man auch, wenn man dort ist. Finnland hat auch eine gewisse gestalterische Identität als Land. Insofern ist das nicht nur eine deutsche Sache, auch wenn ich es mir wünschen würde.
Sie sind auch bekannt dafür, ein großer Japanfan zu sein…
Das hängt mit meiner zurückhaltenden Auffassung der Dinge zusammen. In gewisser Weise ist sie ja dem Zen verwandt. Die Japaner haben eine angeborene Empfindung für gute Dinge, die noch nicht verschüttet ist. Ich hatte 2005 eine Ausstellung in einem alten Zen-Kloster in Kyoto. Es war erstaunlich festzustellen, wie Japaner darauf reagierten, als sie meine Entwürfe in dieser Umgebung sahen. Das Verständnis für reduziertes Design ist dort viel stärker ausgeprägt.
Im Zen spielt auch der Aspekt der Kontemplation eine besondere Rolle. Gilt dies ebenso für das Design?
Ja, ich habe das vor allem beim Design von Möbeln öfters erlebt. Die Vorstellung der Menschen, reduzierter zu leben, ist immer noch nicht sehr gefestigt, obwohl es heute schon aus ökologischen Gründen notwendig wäre. Die Menschen vermissen dann immer die Gemütlichkeit. Wenn man sich ein bisschen mit dem japanischen Zen beschäftigt, versteht man das eher. Die Japaner sind ja auch sehr viel zurückhaltender in ihrer Art. Das ist etwas, das auch in ihrer Mentalität begründet ist.
Auf der anderen Seite gibt es ja auch das andere Extrem, das vor allem in der japanischen Popkultur zu sehen ist: das Schrille und Extravagante. Liegt darin nicht auch eine Art Ventil zum Reduzierten und Einfachen?
Man darf nicht vergessen, dass es für die junge japanische Generation sehr schwierig ist. Sie wollen sich auch von der Tradition frei machen. Und dann schwankt es oft ins Extreme. So lange es bei Äußerlichkeiten bleibt, geht das ja auch noch. Als wir jung waren, machten auch wir immer mehrere Experimente. Ich beobachte das schon mit großem Interesse aber auch auf etwas zögerliche Weise.
Wenn Sie sich das Design von heute anschauen, was stört Sie dann?
Man meisten stören mich diese Beliebigkeitsprodukte, die inzwischen oft den Vornamen „Design“ bekommen. Das ist die Spitze des Eisberges. Hinzu kommt, dass sich jeder, der will, Designer nennen darf. Es gibt heute Hairdesigner, Naildesigner usw. Ich habe irgendwann einmal in New York ein Schild gesehen in einer Bäckerei mit der Aufschrift: „We have the best designed cookies“! Der Begriff „Design“ ist unglaublich ausgefranst. Ich bedauere das sehr, weil das unseren doch so wichtigen Beruf verwässert. Denn unsere Umwelt, vor allem die visuelle Verschmutzung der Umwelt, ist ein wichtiges und ernsthaftes Anliegen.
Würden Sie sagen, man sollte die Berufsbezeichnung „Designer“ ebenso schützen wie „Architekt“?
Ja vielleicht, das wäre dann eine Sache der Verbände. Aber ich glaube, das Kind ist schon in den Brunnen gefallen. Das kann man auch nicht mehr herausziehen. Ich finde das sehr schade. Im Englischen ist dieser Begriff, der ja vom Lateinischen „designare“ kommt, durchaus richtig übersetzt. Im Deutschen ließe er sich höchstens mit Gestaltung übersetzen. Aber wenn man ihn international gebraucht, landet man wieder bei Design. In unserer globalisierten Welt ist es schwierig, solche Dinge zu bereinigen. Dass der Begriff „Design“ in letzter Zeit derart stark strapaziert wurde, ist mehr als bedauerlich.
Dennoch gibt es in den letzten Jahren eine zunehmende Rückbesinnung auf schlichtere und zurückhaltendere Formen, wie sie die Produkte von Apple zeigen. Empfinden Sie diesbezüglich eine gewisse Genugtuung: „Ich hab’s ja schon immer gewusst?“
„Ich hab’s schon immer gewusst“ wäre überheblich. Designer sollten nie überheblich sein. Das habe ich auch immer versucht, meinen Studenten nahe zu bringen. Aber es freut mich natürlich, dass gewisse Tendenzen, wenn auch noch sehr wenige, in diese Richtung gehen, die ich mein ganzes Berufsleben über verfolgt habe. Gerade das enge Verhältnis, dass bei Apple zwischen dem Designer Jonathan Ive und der Unternehmerpersönlichkeit von Steve Jobs besteht, erinnert mich stark an meine Anfänge bei Braun in den Fünfziger Jahren. Es gibt natürlich inzwischen auch andere Designer, die ähnlich arbeiten, wie beispielsweise Jasper Morrison oder Naoto Fukasawa. Letzterer hat mit Muji etwas, wovon wir damals bei Braun nur träumen konnten, nämlich eigene Geschäfte, mit denen er eine breite Masse erreichen kann. Dennoch können Sie gutes Design an zehn Fingern abzählen. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Minimalistisches Design ist heute wie damals immer noch oft in dem Widerspruch gefangen, deutlich teuerer zu sein als der verspielte Nippes…
Ja, das hängt damit zusammen, dass minimalistisches Design noch immer nicht die Masse erreicht. Und da es in geringeren Auflagen produziert wird, ist es natürlich automatisch teuerer. Massenprodukte müssen wahrscheinlich ganz anders sein als eben die Produkte, die nicht für die breite Masse gemacht werden können. Ob die Masse jemals umzuerziehen ist? Ich habe zu meiner Studenten immer gesagt: „Nehmt Euch für Eure Einrichtung lieber erst einmal Margarinekisten, die braucht Ihr nicht zu kaufen, und spart auf eine gute Sache, die ihr dann das ganze Leben behalten könnt.“ Auch hier gilt das Motto: Weniger aber besser. Die Frage also ist: Wie kann die Menschheit lernfähiger werden? Offensichtlich kann sie es nicht.
Wie sähe die Lösung Ihrer Meinung nach aus?
Das Design hat noch immer nicht den notwenigen Status in der Bildung, damit es bewusster von den Menschen wahrgenommen wird. Aber dieser Umstand ist nicht nur alleine auf dem Gebiet des Alltagsdesigns oder der Architektur zu beobachten, sondern gilt ebenso für die Musik oder die Malerei. Aspekte, die das kulturelle Zusammenleben betreffen, fehlen völlig. Es müsste im Grunde genommen weltweit eine Reform der Ausbildung stattfinden, sonst werden wir in der Architektur und dem Design nach wie vor nur auf kleiner Flamme vorankommen.
Vielen Dank für das Gespräch.

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