Digitale und analoge Heimat

13

Foto: Freunde von Freunden

Partner: USM

Katrin Ohlmer und Dirk Krischenowski brennen für das Internet. Vor 14 Jahren haben sie die Top-Level-Domain .berlin ins Leben gerufen. Dafür gründeten Sie das Unternehmen dotBerlin sowie die Beratungsfirma Dotzon, um auch andere Städte und Unternehmen bei der Einrichtung einer eigenen Top-Level-Domain zu unterstützen. Gleich am Eingang der offenen Büroetage im dritten Stock eines Schöneberger Hinterhauses hängen Plakate aller Einrichtungen, die mit einer .berlin-Adresse werben. Durch den gläsernen Konferenzraum, über schwarze USM-Tische und Regale hinweg kann man einmal durch das gesamte Büro schauen. In angenehmer, fast wohnlicher Atmosphäre, umgeben von großen Grünpflanzen und bequemen Lounge-Möbeln werden hier digitale Produkte verkauft und vermarktet. Wir sprachen mit Katrin und Dirk über ihre Faszination für das Internet, was es mit Top-Lebel Domains auf sich, und warum die analoge Welt doch noch nicht ausgedient hat.

Wann seid ihr das erste Mal online gegangen
? Katrin: Das war in den frühen 1990er-Jahren. Damals musste man mit einem Modem ins Internet, und es gab noch keine Browser. Die erste Anwendung, an die ich mich erinnern kann, ist das Online-Banking. Um das zu nutzen, musste man mit einer Eingabeaufforderung arbeiten und die Befehle eingeben. Das ist also kaum mit den Oberflächen von heute zu vergleichen.

Dirk: Dann hat der Informatiker Tim Berners-Lee das World Wide Web geprägt, wie wir es heute kennen, indem er den HTML-Code entwickelte. Ab Mitte der 1990er-Jahre gab es die ersten Browser und grafische Oberflächen.

Ihr seid beide keine Berliner. Was hat euch hierher gebracht? Katrin: Wir fanden Berlin schon immer gut, weil hier „leben und leben lassen“ gilt. Die Dynamik der 1990er-Jahre, das Clubleben, das war überall spürbar. Also haben wir beide versucht, in Berlin einen Job zu finden. Ich habe unter anderem für einen Software-Hersteller gearbeitet. Schließlich kam der 11. September mit dem Anschlag auf das World Trade Center. Da waren die positiven Zukunftsvisionen erst einmal weg.

Dirk: Mit der Dot-Com-Blase platzten Anfang der 2000er-Jahre auch die Vorstellungen, dass das Internet alle reich machen würde und dass wir alle weniger arbeiten müssten.

Wie ging es dann weiter? Dirk: 2005 haben wir trotzdem ganz naiv eine Internetfirma gegründet. Die Idee war, eine eigene Internetadresse für eine Stadt zu haben, eine eigene Endung. Damit haben wir uns selbständig gemacht. Heute vergeben wir Domains unter der Top-Level-Domain .berlin, die wir selbst betreiben.

5

Wie kommt man auf so eine Idee? Dirk: Damals waren viele Domains schon vergeben, und man hätte sie für viel Geld kaufen müssen. Ich habe mich gefragt, warum Südseestaaten mit 20.000 Einwohnern eine eigene Endung haben, Städte aber nicht.

Katrin: Alle Länder haben eine eigene Endung, eine Abkürzung mit zwei Buchstaben. Das sind sogenannte Top-Level-Domains, der Ursprung der Internet-Endungen. Die sind alle auf einer Liste festgehalten.

Wie habt ihr euer Projekt finanziert? Katrin: Wir haben das ähnlich wie eine Genossenschaft aufgezogen. Für 100 Euro bekam man einen Anteil am Unternehmen. Dann gab es verschiedene Sponsoring-Modelle, und wir haben vorab schon Domains vergeben. So sind über zwei Millionen Euro zusammengekommen. Insgesamt haben wir heute fast einhundert Gesellschafter.

Dirk: 2005 konnte man solch fantastische Projekte noch nicht mit einem Kredit realisieren. Wir wurden von Handwerksverbänden, von Berliner Unternehmern sowie Innungen und vom Stadtmarketing unterstützt. Wenn man zwei oder drei gewonnen hat, dann wollen andere auch dabei sein.

Wie konntet ihr Leute für diese Idee gewinnen? Katrin: Wir haben einen Beirat gegründet. Darin saßen unter anderem die Geschäftsführerin der Top-Level-Domain .de, der Professor, der die erste E-Mail in Deutschland erhalten hat und ein Professor für E-Commerce von der Universität der Künste in Berlin.

Dirk: Der Beirat schätzte unser Vorhaben als machbar ein. Diese Form der Bestätigung ist wichtig, wenn man etwas angeht, das noch niemand zuvor umgesetzt hat.

Aus dieser „Genossenschaft“ entwickelte sich dann Dotzon? Katrin: Ja, das Beratungsgeschäft sollte in einer anderen Gesellschaft stattfinden, und so entstand unsere Firma. Damals waren wir weltweit die erste Unternehmensberatung für Leute, die Bestandteil des globalen Internet werden möchten.

Wie sieht eure Arbeit bei Dotzon aus? Katrin: Wir führen Machbarkeitsstudien durch und beraten Unternehmen dabei, ob es Sinn ergibt, sich um eine eigene Top-Level-Domain zu bemühen oder, ob es dabei Bedenken gibt, wenn ein Unternehmensname einem Stadtnamen sehr ähnlich ist, zum Beispiel. Wenn diese Dinge geklärt sind, dann ist das wie eine Olympia-Bewerbung, die man bei der ICANN einreichen muss.

Euer Unternehmenssitz ist in einer großzügigen und sehr gemütlichen Büroetage in Schöneberg. Wie habt ihr 2005 angefangen? Dirk: Dotzon fing Zuhause am Esstisch an. Später saßen wir in kleineren Räumen gleich gegenüber. Vom ersten Geld, das wir eingeworben hatten, kauften wir uns USM-Möbel. Das Büro war eine klassische Altbauwohnung mit Flügel- und Durchgangstüren, sehr hellhörig also. Irgendwann ging das nicht mehr, weil wir viel telefonien mussten und auch viele Telefonkonferenzen durchführen. Deshalb sind wir 2015 umgezogen.

Der offene Grundriss des Büros erlaubt euch viel Flexibilität. Katrin: Ja, wir halten es offen und kommunikativ. Wenn neue Leute ins Team kommen, haben wir keine Platzprobleme.

Und es hilft sicher, dass die Büromöbel von USM modular sind. Katrin: Genau. Wenn die Schränke voller Aktenordner sind, können wir weitere dazu stellen, schließlich verändern sich mit dem Betrieb auch die Anforderungen. Trotzdem bleiben der cleane Look und die klare Struktur erhalten. Das finde ich für die tägliche Arbeit sehr wichtig. Die klaren Strukturen helfen mir, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ihr vertreibt Produkte für eine hoch vernetzte Welt. Inwiefern benötigt ihr die analoge Office-Landschaft? Dirk: Unsere Prozesse sind zwar weitgehend durchdigitalisiert, aber wir arbeiten noch mit Papier. Noch immer gibt es Kunden, die Rechnungen oder Materialien schriftlich schicken.

Katrin: Wir bemühen uns schon, fast alles digital zu machen. Wir sind ja auch viel auf Konferenzen unterwegs, und ich kann mich mit meinem Rechner von überall auf dem Server einloggen. Die Produkte, die wir verkaufen, sind schließlich auch digital.

Dirk: Interessant ist aber auch, dass wir bei der Vermarktung digitaler Produkte mit einem gezielten, individuellen Postversand am erfolgreichsten sind. Ein einfacher Umschlag mit Flyer bleibt bei den Leuten bis zu sechs Wochen auf dem Schreibtisch liegen. Das ist eigentlich faszinierend. Wir produzieren Papier, um ein digitales Produkt zu bewerben.

Wir haben jetzt viel über das Netz gesprochen. Aber wie gefällt es euch in der nahen Umgebung? Was unterscheidet Berlin-Schöneberg von anderen Stadtteilen? Dirk: Hier gab es nie den Hype wie in Mitte, und die Infrastruktur ist über lange Zeit gewachsen. Das geht in Bezirken, die so schnell groß geworden sind, leicht verloren. Wir wohnen übrigens auch in Schöneberg.

Katrin: Man hat hier Bodenhaftung zu Berlin. Gegenüber ist zum Beispiel Geflügel Albrecht, ein Familienunternehmen, das seit 100 Jahren besteht. Das heißt allerdings nicht, dass hier nichts Neues passiert. Auch wenn wir bestimmt zwei, drei Monate im Jahr nur auf Konferenzen unterwegs sind, kommen wir hierher zurück, und es bedeutet Heimat für uns.

(Das Interview führte Freunde von Freunden für USM)

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.