Doshi Levien: Wir brauchen mehr Design

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Text: Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff, 23.04.2018

Schon Ray und Charles Eames haben ihr Design als Gestalterpaar gelebt, auch Nipa Doshi und Jonathan Levien sind ein unschlagbares Kreativteam. Als sie vor 18 Jahren in London ihr gemeinsames Studio gründeten, wurde im gleichen Jahr geheiratet. Wir trafen beide einen Tag vor dem Salone del Mobile im Mailänder Showroom von Kvadrat, um mit ihnen über ihre neue Kollektion, ihre Farbwelten und den Imperativ der Schönheit zu sprechen.

Ihr entwerft Möbel, aber auch Farben und Textilien: Ist Schönheit für euch als Designer ein Begriff von Bedeutung?

Jonathan Levien: Es ist ein Raison d'Être!

Nipa Doshi: Ja, sie ist das Ziel, aber irgendwie ist Schönheit fast ein verbotener Begriff in der Designwelt. Ich mag die Idee nicht, dass Design Probleme lösen muss. Meiner Meinung nach sind Ärzte, Anwälte oder Berater dafür zuständig. Für mich ist Design ein optimistisches Denken. Ob nun Designer oder Architekten, ich denke, alle gestalten etwas, um etwas Schönes zu gestalten.
Levien: Als Architekt löst man ja auch keine Probleme, man definiert Räume. Das ist doch ein künstlerischer, gestalterische Akt. Natürlich kann man damit Dinge verbessern und gute Funktionen schaffen, aber zunächst geht es doch um einen kreativen Prozess, um gute Gestaltung – das ist der Antrieb.

Still Frames von Doshi Levien im Showroom von Kvadrat in Mailand, 2018. Foto: Matteo Girola
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Seht ihr euch als Designer oder als Künstler?
Doshi: Wir sind Designer, die sehr von Kunst inspiriert werden.
Levien: Ich glaube, du bist eher eine Künstlerin. Aber das würdest du nie zugeben. Die Art, wie du arbeitest, wenn du an Kompositionen sitzt oder mit Ideen in deinem Zeichenblick träumst – auf dieser Ebene ist es kein Design. Design kommt dann später dazu, zwingend, denn wir wollen ja Dinge schaffen, die existieren. Aber der Ursprung ist anders.
Doshi: Wenn man sich beispielsweise Le Corbusiers Bilder ansieht, oder seine Skulpturen, die Tapeten – würde man nicht sagen, er ist ein Künstler? Warum muss man überhaupt einen Unterschied machen? Vielleicht hat er ein Instrument gespielt. Wenn man ein kreativer Mensch ist, kann man alles erschaffen, wenn man sich voll darauf einlässt.

Gerade auf einer Möbelmesse werden unendlich viele neue Entwürfe vorgestellt. Wie erkennt man das, was sich durchsetzt? Was ist für euch gutes Design?
Levien: Ich denke, ein Design mit Tiefe, das Könnerschaft in seiner Kreation und Herstellung verbindet. Eine Idee, die der Designer tief durchdacht hat – was heute nur noch wenige tun – und eine gewisse Ernsthaftigkeit gehören sicherlich auch dazu, damit etwas von großer Qualität entsteht. Man muss dranbleiben.
Doshi: Wir sprechen ja zurecht oft davon, dass zu viele unnötige Produkte hergestellt werden. So viele Produkte! Und wenn man über gutes Design spricht und sich fragt, was gutes Design ist, dann ist doch der eigentliche Punkt, dass es immer noch so viele hässliche Dinge gibt in unserer Welt. Man braucht nur auf die Straße zu gehen, in Geschäfte, Hotels oder in die Praxis eines Arztes – wie hässlich all diese Orte sind. Wir brauchen nicht weniger, wir brauchen mehr Design!

Betrachtet ihr eure Arbeit mit Textilien zwei- oder dreidimensional?
Levien: Für mich ist alles dreidimensional. Nipa entwirft größtenteils in zwei Dimensionen, mit ihrem Zeichenblock und Kollagen. Ich bin eher jemand, der Dinge konstruieren muss, um daran zu forschen. Das unterscheidet uns beide im Denken und Arbeiten. Bei den Textilien für Kvadrat und bei dem aktuellen Messestand haben wir uns tatsächlich gefragt, wie Farben in drei Dimensionen existieren können. Allein das Licht lässt Farben und Strukturen entstehen. Deshalb wollten wir ein Objekt gestalten und Textilien eher raumgebend denken. Die sich überlappenden Loops aus verschiedenen Farben schaffen damit gleichzeitig Räume.
Doshi: Textilien werden ja kaum jemals flach eingesetzt. Sie werden um Körper, Möbel, Objekte, um alles Mögliche drapiert. Sie müssen immer in der dritten Dimension funktionieren – es ist einer ihrer einzigartigen Eigenschaften. Es ist also wichtig, zu überlegen, wofür Textilien verwendet werden sollen. Auch deshalb haben wir uns viel mit Texturen und Mustern beschäftigt. Wann wird eine Textur zu einem Muster? Denn wenn ein Muster entsteht, sind Stoffe für Möbel nicht zu gebrauchen: Kaum jemand möchte ein gemustertes Sofa besitzen.

Erzählt uns etwas über eure neue Kollektion für Kvadrat.
Doshi: Genau genommen sind es zwei Kollektionen von Stoffen. Sie heißen Raas und Lila, was gleichzeitig in Hindi das Spiel der Ästhetik bedeutet. Wir wollten von Anfang an zwei Kollektionen entwerfen, eine eher wohnliche und eine Objekt-orientierte, die aber trotzdem gut zusammen funktionieren. Für mich sind Farben nicht flach. Ich liebe die Idee, dass sich zwei Farben vermischen, sodass, wie bei einem Kratzer, eine hervorscheint.
Doshi Levien: Kollektionen Lila & Raas für Kvadrat, 2018. Foto: Do Art Agency
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Wir sehen hier unendlich viele Muster: Wie seid ihr auf die Farben gekommen?
Levien: Wir haben sie nicht ausgesucht. Man findet sie in keinem Farbfächer: Wir haben sie selbst komponiert.
Doshi: Wir haben uns dafür von alter indischer Malerei inspirieren lassen, aber auch von den Bildern und Tapeten Le Corbusiers, chinesischer Porzellanmalerei oder die Mode der Fünfzigerjahre. All diese unterschiedlichen Referenzen haben wir uns angesehen und dabei entdeckt, dass sie etwas verbindet – trotz der unterschiedlichen Epochen, die sie symbolisieren. Dann haben wir Farben per Hand gemalt. Es waren sicher über 150 einzelne Farbnuancen. Um ein bestimmtes Grün zu erreichen mussten wir oft bis zu fünf Grüns anmischen. Oder das Pink – es hat seinen Ursprung in einem Kleid von Balenciaga. Natürlich haben wir auch sämtliche Kombinationen der Farben gemalt, um zu sehen, wie sie gemeinsam wirken. Man kann Textilien nicht rendern! Für mich ist das Gemalte viel näher dran.

Wie lange hat dieser Prozess gedauert?

Doshi: Ich glaube, es ist die schnellste Kollektion, die es je bei Kvadrat gegeben hat. Wir haben erst im Frühjahr letzten Jahres angefangen. Es war eine intensive Zeit. Wir haben allein vier Wochen mit der Auswahl der Farben verbracht bis schließlich 58 Kombinationen feststanden, aus denen dann hunderte Variationen wurden. So intensiv haben wir uns noch nie mit Farben beschäftigt. Es ist toll, mit Kvadrat zu arbeiten, eben, weil sie mit ihren eigenen schönen Farben arbeiten…

Habt ihr einen Rat an junge Designer?
Doshi: Ich glaube definitiv an Fertigkeiten im Denken und Können im handwerklichen Tun. Etwas selbst zu machen, ist auf jeden Fall wichtig, um zu lernen.
Levien: ... sein Können weiter zu entwickeln. Natürlich auch 3D-Skills, aber auch mit verschiedenen Materialien zu arbeiten, verschiedene Dinge zusammen zu bringen, malen und zeichnen, immer dranbleiben, viel Output produzieren: All das ist wichtig. Aber nicht nur, was die greifbaren Dinge angeht, sondern auch das Denken. Man muss also seinen eignen Zugang zum Design zu finden und nicht modisch sein zu wollen. Und man darf nicht in die Falle tappen, einen Eyecatcher zu entwerfen und diesen Erfolg wiederholen zu wollen. Man muss immer wieder von vorne anfangen!
Doshi: Design hat auch viel mit Beobachten zu tun. Man sollte offen sein. Wenn man es nicht mit Leidenschaft tut, dann sollte man sich einen anderen Beruf suchen. Denn ohne absolute Leidenschaft zum Design wird man in dieser Branche nichts erreichen. Das größte Ziel, was man dann vor Augen haben sollte, ist, irgendwann von dem, was man tut, leben zu können. Wenn man kein Talent hat, kein Können und keine Leidenschaft, dann wird nichts daraus werden. Ich denke, es studieren viel zu viele junge Menschen Design, ohne das zu bedenken.

Was ist euer Highlight auf dem Salone?
Levien: Bis jetzt unser Gespräch! Vielmehr haben wir noch gar nicht erlebt. (lacht)
Doshi: Mein persönliches Highlight auf dem Salone ist immer das Abendessen von Anders (Anders Byriel, Geschäftsführer von Kvadrat, Anm. der Redaktion). Er macht jedes Jahr ein Abendessen für Freunde – es hat überhaupt nichts mit dem Geschäft zu tun. Ich habe dort die unglaublichsten Menschen kennengelernt. Letztes Jahr saß ich neben Raf Simons, davor neben Thomas Demand und David Chipperfield: Menschen, die ich sonst nie kennenlernt hätte. Es ist toll, sich mit diesen Menschen auszutauschen. Überhaupt sind die Menschen, denen man hier in so kurzer Zeit begegnet, das eigentliche Highlight.
Levien: Was soll ich da noch hinzuzufügen?

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