Doshi Levien

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Text: Katharina Horstmann

 
Ihre Entwürfe bauen Brücken zwischen den Welten: Nipa Doshi und Jonathan Levien. Das indisch-britische Designer-Ehepaar lernte sich während des Studiums am Royal College of Art in London kennen und gründete im Jahr 2000 das Büro Doshi Levien. Seitdem arbeiten sie erfolgreich an der Schnittstelle zwischen moderner Technologie und erzählerische Gestaltung sowie Industriedesign und Kunsthandwerk. Neben Möbeln und Objekten für Kunden wie Moroso und Tefal entwerfen sie auch Interaction-Design für Intel oder Schuhe für den Londoner Maßschuster John Lobb. Wir trafen Jonathan Levien in London und sprachen mit ihm über die Möglichkeiten außergewöhnlicher Handwerkstechniken, das bevorstehende Design Festival in London sowie über Tagesbetten in Haute-Couture-Qualität.


Herr Levien, Sie und Ihre Frau Nipa Doshi sind nicht nur privat ein Paar, Sie führen auch gemeinsam das Designstudio Doshi Levien. Wie kam es zu der Entscheidung, zusammen zu arbeiten?
 
Seit unserer Zeit am Royal College of Art haben wir immer davon geträumt, miteinander zu arbeiten. Schon damals ergänzten sich unsere Projekte. Doch nach dem College sind wir erst einmal getrennter Wege gegangen. Ich war drei Jahre bei Ross Lovegrove tätig; Nipa hingegen ging zurück nach Indien und arbeitete dort mit Kunsthandwerkern zusammen. Ihre Idee, indischen Produkten einen zeitgenössischen Ausdruck zu geben und unterschiedliche kulturelle Identitäten miteinander zu verbinden, hat sich auch in unseren aktuellen Konzepten niedergeschlagen. Als Nipa dann wieder zurück nach London kam, haben wir beschlossen, uns selbständig zu machen, zu heiraten und unser Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Verschiedene Aufträge von Tom Dixon, der damals Designdirektor bei Habitat war, gaben uns die Möglichkeit, das Büro Doshi Levien zu gründen.
 
Ihr internationaler Durchbruch kam 2001 mit einem Kochgeschirr für den französischen Hersteller Tefal.
 
Das stimmt. Es ist auch ein Projekt, das unsere Herangehensweise gut illustriert: den Einfluss kultureller Identitäten auf die Industrieproduktion zu unterstützen. Bei einem Besuch in Indien war uns aufgefallen, dass Tefal dort seine Produkte zwar verkauft, sie jedoch kein industriell gefertigtes Kochgeschirr im Angebot haben, das sich an der Kochkultur und der Identität der Inder orientiert. Da wir darin eine Marktlücke sahen, haben wir das Unternehmen nach der Reise kontaktiert und ihm eine Kochgeschirrserie vorgeschlagen, die der regionalen und kulturellen Umwelt in Indien entspricht.
 
Wie das?
 
Die Idee war, authentische Töpfe zu gestalten, die die Menschen in den Ursprungsländern wählen würden. Die Herausforderung war, die praktischen und visuellen Charakteristiken des landestypischen Kochgeschirrs beizubehalten und gleichzeitig neue Materialien für zeitgenössische Geräte zu nutzen. Die in der Masse produzierten Produkte sollten sich anfühlen wie individuell angefertigt. Schließlich existiert die Technologie, die ein Unternehmen wie Tefal benutzt, überall auf der Welt. Heutzutage kann sich ein solches Unternehmen von anderen nicht mehr nur dadurch unterscheiden. Unsere Recherche dazu konnten wir sogar auf den Lebensmittelmärkten der verschiedenen Gemeinden in London machen. So entstand das Projekt für Tefal, in dem letztendlich jeder Topf bedingt durch das Material, die Farbe und verschiedenen Tefal-Logos auf dem Boden – die wir auch gestaltet haben – eine starke kulturelle Identität ausdrückt.
 
Auch Ihre Produkte für den italienischen Hersteller Moroso drücken eine starke kulturelle, insbesondere indische Identität aus…
 
Unser erstes Produkt, das Tagesbett Charpoy, entstand, nachdem Patrizia Moroso Arbeiten von uns gesehen hatte, die wir mit 24 indischen Näherinnen gemacht hatten, die auch Kleidung für Hermès anfertigen. Wie bei den meisten Arbeiten von uns sahen wir bei dem Projekt die Chance, eine Verbindung zwischen zwei Welten – zwischen der Industrieproduktion von Moroso in Italien und dem Kunsthandwerk im westindischen Staat Gujarat – herzustellen. Charpoy ist ein archetypisches Tagesbett – übersetzt heißt es „vier Beine“ – und wird überall in Indien benutzt, egal ob in einem Palast oder kleinen indischen Haushalt. In der europäischen Designszene gibt es kaum Referenzen zu Möbeln beziehungsweise Archetypen aus anderen Kulturen, was ein Manko ist. So nahmen wir dieses archetypische indische Möbelstück und interpretierten es neu. Das Resultat ist eine Kollektion, die per Hand genäht und bestickt wird; die Muster sind dem indischen Brettspiel Chaupar entliehen.
 
Woran kann man denn genau sehen, dass die Betten per Hand genäht wurden?
 
Weil man die Nähte eben nicht sehen kann. Maschinell wäre das gar nicht möglich. Und genau das ist ein Aspekt, der uns in unserer Arbeit interessiert. Denn wir versuchen nicht, ein Handwerk neu zu beleben, das schon durch moderne Technologien ersetzt wurde. Vielmehr wollen wir die Techniken des Kunsthandwerks nutzen, die mit der Maschine oder in einem automatisierten Herstellungsprozess nicht möglich sind. Außerdem möchten wir Brücken zwischen den verschiedenen Kulturen bauen. Bei Charpoy wird jedes Produkt mit dem Datum und den Namen der Frauen, die an ihm gearbeitet haben, bestickt. So schließt sich die Kluft zwischen den Menschen, die es hergestellt haben und denen, die es nutzen.
 
Während der letzten Möbelmesse stellten Sie die Sesselkollektion Paper Planes vor, eine Kooperation zwischen dem Kristallhersteller Swarovski und Moroso. Was hat es damit auf sich?
 
Für Paper Planes haben wir einen Stoff entwickelt, der Kristalle integriert. Sie sind im ersten Moment schwer zu sehen, doch beim zweiten Hinschauen erkennt man sie durch die Reflektion des Lichtes. Wir wollten die Kristalle auf eine subtile Art nutzen – subtil ist vielleicht nicht das richtige Wort, da Kristalle nicht subtil sind. Es gibt so viele Assoziationen zum Kristall, die nicht unbedingt ein Objekt aufwerten. Wir wollten etwas gestalten, das einerseits den Kristall feiert und andererseits zurückhaltend ist. Da der Stoff die Ausgangsbasis des gesamten Entwurfes ist, sollte die Struktur einfach sein, und so haben wir aus einer zweidimensionalen Form ein dreidimensionales Objekt gefaltet. Dazu muss ich sagen, dass unser Büro beziehungsweise unsere Arbeit oft missverstanden wird: Schnell wird angenommen, unsere Entwürfe seien eine Verbindung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Europa und Indien. So einfach ist es jedoch nicht.
 
Wie würden Sie Ihre Arbeit denn beschreiben?
 
Ich würde sagen, es ist definitiv das Treffen von verschiedenen Welten, aber es bezieht sich nicht nur auf den Westen und Osten. Es ist die Idee der Kombination verschiedener Kulturen. Wir versuchen immer, eine Art Reibung in den Dingen, die wir machen, zu schaffen. Und das durch einen Kontrast zwischen Werten, Materialien oder ganz einfach Ideen.
 
Sie sprachen vorhin von London als idealem Rechercheort; ist es auch die ideale Stadt für ein Designbüro?
 
Hier gibt es sehr viele gute Studios. Manchmal kann man sich darüber sehr wundern (lacht). Natürlich ist es eine sehr teure Stadt, sie ist jedoch sehr vielseitig und universal. Und das nährt unsere Denkweise. Geografisch gesehen ist London auch perfekt. Wir leben zwischen Indien und den USA.
 
Nächste Woche beginnt das London Design Festival. Wie sehen Sie die Entwicklung der letzten Jahre?
 
Ich glaube, es gibt immer mehr interessante Ausstellungen. Denn in den letzten Jahren haben viele Designer Eigeninitiative ergriffen und produzieren ihre Entwürfe selbst. Das ist natürlich nicht immer die richtige Formel. Hersteller haben ein Fachwissen, das der Designer nicht hat. Aber viele machen auch sehr einfache Sachen und lancieren diese zum Beispiel auf dem London Design Festival. Und genau diese kleinen Initiativen, die in den kleineren Ausstellungen präsentiert werden, sind am Interessantesten – das aber auch nur, wenn das Ausstellungskonzept stimmt und zum Beispiel durch eine besondere Installation auf den Raum eingegangen wird.

Herr Levien, vielen Dank für das Gespräch.

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