Eames Demetrios

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Text: Norman Kietzmann, 04.10.2017

Kaum jemand vermochte zwischen den Disziplinen zu springen wie Charles und Ray Eames: Architektur, Möbel, Textilien, Grafik und Spielzeuge gehörten ebenso zu ihrem Œu­v­re wie Filme und Austellungsdesigns. Dass ihr Werk nicht in der Versenkung verschwindet, ist ihrem Enkel Eames Demetrios zu verdanken. Im Gespräch eröffnet uns der Direktor des Eames Office seine persönliche Perspektive auf seine Großeltern und Ausnahmegestalter.

Eames Demetrios, im Vitra Design Museum in Weil am Rhein sind zurzeit gleich vier Ausstellungen über das Werk von Charles und Ray Eames zu sehen. Warum ziehen uns ihre Arbeiten noch immer in den Bann? Weil sie nicht über Stil, sondern über Funktion nachgedacht haben. Sie haben versucht, ihre Egos aus ihren Entwürfen herauszuhalten. Viele heutige Designer – und ich möchte keine Namen nennen – wollen vor allem sich selbst in den Vordergrund rücken. Charles und Ray haben sich dafür nicht interessiert. Das letzte woran sie beim Entwerfen eines Stuhles gedacht haben, war die Frage, wie er aussieht. Im Vergleich zu anderen Zeitgenossen haben sie viel weniger Produkte entworfen. Dafür sind noch immer 95 Prozent ihrer Entwürfe in Produktion. Das ist verrückt, wenn man überlegt, wie viele Arbeiten anderer Designer in den Schubladen liegen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Großeltern? Wir haben sie häufig im Büro und in ihrem Haus besucht. Das wichtigste aber war: Für uns waren sie nur unsere Großeltern. Wir wussten, dass sie besondere Menschen sind. Aber wir haben nicht mitbekommen, wie sie vom Rest der Welt gesehen wurden. Charles und Ray sind heute viel berühmter als zu Lebzeiten. Die Vorstellung, dass Designer fast schon wie Stars verehrt werden, gab es damals einfach noch nicht. Wir hatten daher nie das Gefühl, die berühmten Großeltern zu besuchen, sondern außergewöhnliche Menschen, auf die wir heute ganz anders zurückschauen.

Charles und Ray Eames wählen Dias aus. © Eames Office LLC

Dennoch waren Möbel und Objekte sicher ein Thema? Charles und Ray haben uns Enkelkindern eher etwas über das Leben beigebracht. Sie waren überzeugt, dass sich Ästhetik und Alltag gegenseitig durchdringen sollten. Daher wäre es seltsam für sie gewesen, uns nur Designthemen näherzubringen. Sie waren offene und neugierige Menschen und wollten immer wissen, was wir machen. Wir haben viele gemeinsame Picknicks mit ihnen gemacht.

Picknicks? Ja, sie haben das geliebt. Ob während der Mittagspause bei ihrem Büro oder bei sich zuhause: Picknicks waren ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens. Später haben wir erfahren, dass Charles einmal gefragt wurde, ob er mit einem Kind ins Museum gehen würde, um ihm etwas über Kunst beizubringen. Er antwortete darauf: „Vielleicht. Aber ich würde eher ein Picknick machen. Ich möchte, dass das Kind an den Vorbereitungen teilnimmt. Ich würde ihm beibringen, was es für eine Anstrengung braucht, etwas für eine ganze Familie zu machen und dafür zu sorgen, dass alles gut läuft“. Für Charles waren Picknicks immer eine ganzheitliche Erfahrung. Auch die Rolle des Designers war für ihn die eines guten Gastgebers, der auf die Bedürfnisse der anderen einzugehen vermag.

Wie haben Sie das Eames-Haus wahrgenommen? Sie hatten sehr viele Spielzeuge bei sich zuhause. Das war für uns Kinder natürlich wunderbar. Doch sie haben uns nicht nur ihre eigenen Spielzeugentwürfe gezeigt, sondern auch die von anderen. Einmal kam Charles in unser Haus und hat einen Ball mitgebracht, den man auf den Boden werfen konnte und der dann extrem hoch sprang. Er dachte, dass das ein wirklich großartiges Spielzeug ist. Meine Schwester Carla hat dann das erste House-of-Cards-Spiel bekommen. Das Interessante daran ist, dass man mit Bildern spielen und sie neu arrangieren kann, wie wir es heute vom Computerbildschirm kennen. Doch das war vor sechzig Jahren und völlig analog.

Warum haben sich Charles und Ray Eames so stark für Spielzeuge interessiert? In der Galerie des Vitra Design Museums wird diesen Arbeiten eine eigene Ausstellung gewidmet. Wenn Charles und Ray unterrichtet haben, war ihre erste Aufgabe für die Studenten, einen Flugdrachen zu entwerfen. Wenn er fliegt, ist der Test bestanden. Charles wünschte sich immer, dass jedes Designproblem so einfach wäre. Spielzeuge haben Charles und Ray auch als einen Raum für Experimente gesehen. Die Solar Do-Nothing Machine entstand 1957 für die Aluminium Company of America und ist eines der ersten Beispiele für die Anwendung von Solarenergie. Trotz seiner Bedeutung als technologischer Meilenstein war es aber auch ein tolles Spielzeug. Mit dem Hocker-Elefanten haben Charles und Ray das erste Möbel aus Sperrholz gefertigt und diese Erfahrungen dann für andere Entwürfe wie den LCW-Lounge-Chair verwendet. Die Spielsachen waren nicht nur Spielerei, sondern ein ernster Teil ihrer Arbeit.

Charles und Ray Eames, Prototypen für Spielzeug-masken, 1950 © Eames Office LLC

Haben Sie ein Lieblingsobjekt in den vier Ausstellungen? Der Trash Can Chair aus der Powers-of-Design-Ausstellung ist mein Lieblingsobjekt. Charles hatte 1948 die Sitzschale für den Plastic Armchair beim Fiberglashersteller John Willis in Auftrag geben, der dafür 25 Dollar verlangte. Als er wiederkam, sah er, dass Willis zwei Schalen gebaut hatte. Um die Schale zu testen, hatte er sie einfach auf einen Blechmülleimer montiert. Weil Charles aber nur 25 Dollar hatte, überließ er Willis eine Schale, die noch 50 Jahre lang in seiner Werkstatt auf dem Mülleimer stand (lacht). Ich mag diese Geschichte, weil sie einen daran erinnert, dass es Charles und Ray in den späten Vierzigerjahren zwar wirtschaftlich nicht gut ging. Dennoch haben sie bereits diese holistische Designidee verfolgt und Filme, Spielzeuge, Grafik, Textilien, Architektur, Möbel, Ausstellungen und Multimediaarbeiten gemacht – lange vor ihrem kommerziellen Durchbruch. Charles sagte ja immer, dass schlussendlich alles miteinander verbunden ist. Und genau das zeigt sich in ihrer Arbeit wie bei keinem anderen Designer oder Designerpaar.

Wie würden Sie dieses breit gefächerte Œuvre erklären? Ein Grund war sicher eine Reise, die Charles in der Zeit der Großen Depression unternommen hatte. Er ist für acht Monate nach Mexiko gereist und hat sich dort mit Gelegenheitsjobs wie Malern über Wasser gehalten. Er erkannte, dass die Leute wirklich kaum etwas besaßen und doch ein reiches emotionales, kulturelles und spirituelles Leben hatten. Es fehlte einfach nur an Geld. Er hat an diesem Punkt entschieden, dass er persönlich aufhören will, den reinen Lebensunterhalt als Entschuldigung für Dinge zu nehmen, an die er nicht glaubt. Denn damit verschwendet man nur Zeit. Wenn man hingegen an etwas glaubt, ist es selbst nicht schlimm, wenn diese Sache scheitert. Schließlich hat man wichtige Erfahrungen gesammelt und parallel auch noch eine schöne Zeit gehabt. Diese Haltung zieht sich durch die gesamte Arbeit von Charles und Ray.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen? In den Fünfzigerjahren wurden die beiden von der Biermarke Budweiser gebeten, ihr Logo neu zu entwerfen. Das ist normalerweise eine großartige Sache für jeden Designer, weil hier sehr viel Geld im Spiel ist. Denn man entwirft ja nicht nur das Logo, sondern all die Verpackungen und Dinge für die Kommunikation. Das gibt genug Arbeit für mindestens drei Jahre. Nach sechs Monaten sind Charles und Ray zu Budweiser gegangen und haben gesagt: „Das Logo ist großartig. Lasst es einfach so und verändert es nicht!“ Ich liebe diese Geschichte. Denn es gibt nicht viele Designer, die das getan hätten. Doch Charles und Ray haben ihre Verantwortung gegenüber dem Kunden ernst genommen und sich gedacht: Wenn wir als Designer nicht helfen können, ist es besser, einfach nichts zu machen. (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

Charles & Ray Eames. The Power of Design
Vitra Design Museum. Noch bis zum 25. Februar 2018

Ideas & Information. Die Eames-Filme
Feuerwehrhaus. Noch bis zum 25. Februar 2018

Kazam! Die Möbelexperimente von Charles & Ray Eames
Vitra Schaudepot. Noch bis zum 25. Februar 2018

Play Parade. Eine Eames-Ausstellung für Kinder  
Vitra Design Museum Gallery. Noch bis zum 11. Februar 2018

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