Edward Barber

9

Text: Jasmin Jouhar
Foto: Barber Osgerby, Vitra


Die ersten Gewinner der Olympischen Spiele 2012 stehen bereits fest: die britischen Designer Edward Barber und Jay Osgerby. Sie haben die olympische Fackel entworfen – ein Auftrag, der ihnen mehr Aufmerksamkeit beschert hat als jeder andere seit der Gründung ihres gemeinsamen Studios 1996. In der Designwelt sind die beiden studierten Architekten vor allem bekannt für ihre Entwürfe für Firmen wie Flos, Magis, Venini, Cappellini, Established & Sons oder aktuell den Kipp-Stuhl Tip Ton für Vitra. Außerdem realisieren sie unter dem Namen „Universal Design Studio“ Interior-Projekte für Kunden wie das Natural History Museum in London, Mulberry oder Stella McCartney. Ihr drittes und jüngstes Unternehmen „Map“ beschäftigt sich mit Designberatung. Wir trafen die eine Hälfte des vielreisenden Duos, Edward Barber, in Frankfurt, durften ein bisschen die Fackel herumtragen und sprachen mit ihm über britischen Erfindergeist, Sechser im Lotto und Toaster, die wie Flugzeuge aussehen.



Die Fackel für die Olympischen Spiele ist im Auftrag des Olympischen Komitees entstanden – da gab es sicher jede Menge Vorgaben für die Gestaltung.

Das Briefing war ein 80-seitiges Dokument.

Wie viel Spielraum hatten Sie dann überhaupt bei der Gestaltung der Fackel?

Je mehr Einschränkungen, desto besser das Projekt! Wenn einem jemand einen komplett offenen Auftrag gibt und sagt: Entwerf‘ mir irgendetwas, dann ist das schrecklich, weil es keinen guten Grund für das Projekt gibt. Bei der Fackel gibt es so viele Gründe, warum dieses Detail so aussieht und jenes so. Die Höhe, das Gewicht, die Funktionsweise – alles muss für etwas stehen. Die Fackel ist eine Balance aus erzählerischen und technischen Aspekten. Sie muss funktionieren und zugleich ein ikonisch aussehendes Objekt sein. Sie soll Großbritannien repräsentieren, aber auch für unsere Arbeit stehen.

Und wie repräsentiert die Fackel Großbritannien?

Für mich ist Erfindergeist typisch britisch – Briten können gut experimentieren und neue Technologien entwickeln. Ein Beispiel ist die Formel-1-Industrie: Während der Saison gibt es jede Woche neue Entwicklungen, ständig wird geforscht. Und viele der Teams sind in Großbritannien beheimatet. In der Fackel steckt jede Menge neuer Technologie. Die Löcher beispielsweise wurden mit dem schnellsten verfügbaren Laser geschnitten. Überhaupt die Form der Löcher: Da das Blech gebogen wird, dürfen die Löcher an den Ecken nicht rund sein. Sonst würden sie bei der fertigen Fackel falsch aussehen. Einzig ein Hersteller aus der Automobilbranche war in der Lage, die Produktion zu übernehmen.

In den Medien ist die Fackel jedenfalls überall zu sehen …

Es ist unglaublich – das hätte ich nicht erwartet. Denn bei den vorangegangenen Spielen war die Fackel zwar auch oft im Fernsehen, aber das Design war kein Thema. Das ist dieses Mal anders.

Aber was bedeutet das für Sie? Bleiben Sie jetzt für immer die zwei mit der Fackel?

Nein, es ist positiv für uns, weil es glücklicherweise ein gutes Design ist. Und dann diese verrückten Verkäufe auf Ebay. Einige der Fackeln sind dort bereits versteigert worden. Für viel Geld! Die Fackel hat unsere Bekanntheit außerhalb der Designwelt definitiv gesteigert.

Jetzt sind Sie also Berühmtheiten …

Nein, nein, niemand erkennt mich auf der Straße. Die Fackel, die ist die Berühmtheit.

Für Vitra haben Sie einen neuartigen Kipp-Stuhl namens Tip Ton entwickelt. Ging die Initiative von Ihnen aus, oder kam die Idee von Vitra?

Auf unsere Initiative. Die Royal Society of Arts in London beauftragte uns, sie beim Thema Schulstühle zu beraten. Sie waren auf der Suche nach passenden Stühlen für neue Schulkonzepte. Wir haben schnell herausgefunden, dass da Platz für etwas Neues ist, für einen Stuhl, der leistet, was die alten Stühle nicht leisten. Aber noch bevor wir mit dem Design begonnen haben, wussten wir: Wir brauchen einen Partner. Einen Schulstuhl kann man nicht alleine entwerfen. Wir haben uns an Vitra gewendet, weil das Unternehmen für uns tatsächlich das einzige in der Welt war, das infrage kam. Ein Unternehmen, das über die Finanzkraft verfügt, etwas so Herausforderndes zu entwickeln. Vitra hat zudem den notwendigen Vertrieb. Es hat keinen Sinn, einen Schulstuhl zu entwerfen, und dann kommt er nicht dahin, wo er gebraucht wird.

Haben sich Ihre Erwartungen an Vitra erfüllt?

Wir standen ziemlich unter Druck, denn es war unser erstes Projekt für Vitra. Zu Beginn hatten wir wirklich keine Ahnung, wie der Stuhl aussehen könnte. Und natürlich hatte Vitra auch gewisse Erwartungen. Aber die Zusammenarbeit war fantastisch und hat viel Spaß gemacht. Jetzt arbeiten wir gemeinsam an neuen Projekten.

Warum war die Zusammenarbeit denn so gut?

Vitra hat eine große Designkultur. Die Leute dort verstehen etwas vom gesamten Designprozess, vom Konzept über die Entwicklung bis zum Verkauf. Da fehlt es an keiner Stelle. Viele Firmen können Produkte von guter Qualität produzieren. Aber wenn die Idee dahinter nicht stimmt, das Konzept, dann hilft das alles nichts.

Tip Ton ist ein gutes Beispiel für das alltägliche, beiläufige Design, das viele ihre Produkte auszeichnet. Er ist schlicht, eingängig, flexibel – wie erreichen Sie diese Qualitäten?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Keiner weiß das. Es wäre wie ein Sechser im Lotto, wenn man es wüsste. Das wichtigste ist die Recherche. Wenn man gründlich recherchiert, hat man zumindest einen guten Ausgangspunkt. Dann weiß man nämlich wenigstens, wie das Produkt besser nicht werden sollte.

Farben scheinen für Sie eine große Rolle zu spielen.

Ja, Farbe ist uns sehr wichtig. Allerdings sind Farben häufig eine Frage des Marketings. Oft entwerfen wir etwas, und die Marketingabteilung des Herstellers sagt: Das können wir in Pink oder Orange nicht verkaufen. Also machen wir es in Grün, Blau und Schwarz. Aber Vitra ist auch da die Ausnahme, die machen das nicht. Bei Tip Ton haben wir uns zunächst überlegt, welche Farben wohl in Schulen funktionieren würden. Als uns klar wurde, dass der Stuhl universeller einsetzbar ist, haben wir das Farbspektrum erweitert. Normalerweise wählen wir drei bis vier Farben für ein Produkt aus. Bei Tip Ton gibt es acht.

Wie finden oder entwickeln Sie Farben?

In unserer Arbeit versuchen wir, Trends, Moden oder Styling zu vermeiden. Aber bei Farben geht das nicht, die sind flüchtig. Jetzt ist Grün am beliebtesten und morgen schon nicht mehr. Natürlich kann man sich als Designer schwierig geben und auf Pink und Orange setzen, wenn Grün und Gelb angesagt sind. Das mag ein Statement sein und die Aufmerksamkeit der Presse finden. Aber verkaufen kann man ein Produkt so nicht.

Welche Bedeutung hat der Begriff Hidden Design für Sie?

Hidden Design meint nicht zwangsläufig unsichtbar – es geht um Design, das funktioniert. Wenn Sie beispielsweise jemanden bitten, ein Boot zu entwerfen, dann schaut er sich vielleicht das Deck an, die Kabine, das Interior. Unter Hidden Design verstehen wir aber den Rumpf des Bootes. Seine Form macht das Boot schnell, sparsam und wendig. Es geht um das nicht Offensichtliche. Bei einem Flugzeug könnte das die eingebaute Treppe sein, die sich ausklappen lässt. Sie muss unglaublich leicht und zugleich belastbar sein und zudem noch faltbar.

Wenn wir schon von Booten und Flugzeugen reden: Im vergangenen Jahr zeigten Sie in der Galerie Haunch of Venison in London eine Serie von limitierten Objekten, deren Formen aus der Welt der Schiff- und Luftfahrt abgeleitet sind.

Flugzeuge und Raketen und Raumschiffe – Dinge eben, die gestaltet wurden, um perfekt zu funktionieren. Wenn die Nasa ein Raumschiff entwirft, ist es egal, ob es uns gefällt. Es muss es bis zum Mond schaffen. Es geht ausschließlich um funktionale Eigenschaften, so entsteht unserer Meinung nach das beste Design. Dinge, die gestaltet wurden, um zu gefallen, mögen wir eher nicht. Sie kennen diese Sorte Haushaltsgeräte, Toaster beispielsweise. Die sehen aus – Wroooom – wie ein Flugzeug. Ohne jeden Grund. Einen Bootsrumpf kann man nicht eckig machen, sonst schwimmt er nicht. Es muss für alles einen Grund geben.

Wann entwerfen Sie denn mal einen Toaster? Haushaltsgeräte sind ein gestalterisches Desaster.

Weil ihr Aussehen vom Marketing bestimmt wird. Jede Saison muss sich etwas ändern. Wir brauchen einen blauen Toaster. Wir brauchen einen abgerundeten, der freundlicher aussieht. Ein bisschen wie in der Autoindustrie. Es geht um das Styling.

Was ist Ihnen wichtiger – Handwerk oder industrielle Fertigung?

Keines von beidem. Im Idealfall kommen sie zusammen. Zur industriellen Fertigung gehört immer eine gewisse Menge Handwerk. Die Gussform für Tip Ton beispielsweise, 20 Tonnen Stahl, da steckt jede Menge Handwerk darin. Dafür braucht man erfahrene Leute, die wissen, wie so eine Form aufgebaut sein muss. Da kann man sich nicht alleine auf Computer verlassen. Man braucht das Wissen derjenigen, die tatsächlich mit den Materialien gearbeitet haben. Ein paar Mal haben wir während der Entwicklung die Erfahrung gemacht, dass sich Computer und Ingenieure widersprochen haben: Das Programm sagte, der Prototyp funktioniert. Aber die Ingenieure waren skeptisch. Sie behielten recht.


Mehr zum Thema Sport und Olympische Spiele finden Sie in unserem Special.

Alle Neuheiten der interessantesten Hersteller und Designer auf einen Blick.

Dixon