Eero Aarnio

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Text: Katrin Schamun, 28.11.2007

Der Finne Eero Aarnio, geboren 1932 in Helsinki, gilt als Pionier des Möbeldesigns mit Kunststoff. Seine Plastik- und Fiberglasstühle stammen aus den 1960er Jahren, einer Zeit in der das neue Material Kunststoff das Möbeldesign zu verändern begann. Mit seinem Design brachte Aarnio eine neue Generation von Stühlen hervor mit knalligen Farben und organischen Formen bei denen Sitzfläche, Gestell und Fuß zu einer Einheit verschmelzen. Sein 1963 entworfener Ball Chair oder der Bubble Chair von 1968 sind heute Design-Klassiker und in Museen wie dem New Yorker Museum of Modern Art, dem Centre de Pompidou in Paris oder dem Londoner Victoria and Albert Museum ausgestellt. Er selbst ist ausgebildeter Fotograf und studierte von 1954 bis 1957 Industriedesign am Institut of Industrial Arts in Helsinki. Während des Studiums arbeitete er für die bekannten finnischen Designer Ilmari Tapiovaara und Antti Nurmesniemi deren unterschiedliche Einflüsse ihn zu seinem eigenen Stil führten. Wir sprachen mit Eero Aarnio über seine Stuhl-Klassiker, die Entwicklung seiner Designideen und über die Zukunft.
Herr Aarnio, Sie sind sicher wieder viel auf Reisen, seit Ihre Stuhlentwürfe aus den 1960er Jahren wieder so große Erfolge feiern.
Im letzten Jahr habe ich tausende Kilometer auf Deutschlands Autobahnen verbracht, allein in den letzten zwei Wochen fuhren meine Frau Pirkko und ich mit dem Auto von Finnland über Deutschland nach Basel und anschließend nach Brüssel, wo wir uns eine Uhrenausstellung angeschaut haben. Ich entwerfe gerade eine Armbanduhr für Männer. Meine Frau und ich fahren immer mit dem Auto. So reist man am besten und lernt die schönen Länder Europas kennen.
Haben Sie Angst mit dem Flugzeug zu fliegen?
Ich mache mir nichts aus dem Fliegen. Fliegen bedeutet immer Warten und ich hasse es zu warten. Wenn ich eine Reise vor der eigenen Haustür mit dem Auto starte, dann bedeutet das, nur zu reisen, nicht zu warten. Ich ziehe das Autofahren vor. Es ist der beste Weg die Welt zu sehen.
Die Formen Ihrer Möbel zeichnen sich durch eine starke Dynamik aus. Mögen Sie die Geschwindigkeit?
Ich mache alles sehr schnell, auch das Entwerfen. Ich fahre einen Porsche, das schnellste Auto der Welt. Manchmal ist es tatsächlich schneller als wir atmen können. Ich entwerfe auch sehr schnell. Wenn ich eine gute Idee habe, brauche ich nur einen halben Tag für Skizzen und Zeichnungen. Die kopiere ich und sende sie zum Tischler, der eine Reihe von Modellen baut, an denen ich dann weiter entwerfen kann. Alles entsteht in meinem Kopf, in ihm fließt immer Elektrizität. Mein Kopf ist ständig am Netz, er arbeitet viel besser als ein Computer. Im Kopf zu entwerfen ist für mich der schnellste Weg.
Woher nehmen Sie Ihre Inspiration, beispielsweise als Sie den Ball Chair oder den Bubble Chair entwarfen?
Die Inspiration kommt ganz von selbst. Aber der Ball Chair entwickelte sich, wie man so schön sagt, aus der Not heraus. Ich brauchte Möbel für meine Familie, meine Frau und die zwei Kinder. Wir hatten einen Fernseher, Betten und ein Buchregal und benötigten auch einen großen Stuhl zum Fernsehen. Ich entwarf eine ganze Reihe von Stühlen, dachte aber noch nicht an den Ball Chair. Die Stuhlentwürfe wurden dann Schritt für Schritt immer runder in der Form. Einige Monate später saß ich in einem Segelboot, das aus Fiberglas bestand. Damals kam ich zum ersten Mal mit diesem Material in Berührung und als der Stuhl immer runder wurde, erinnerte ich mich daran. Die beste Form für dieses Material ist die Kugel, denn mit einem Minimum an Material wird ein Maximum an Kraft erzielt. Das war die Lösung! Den ersten Prototyp haben wir immer noch zu Hause stehen. Wir haben ihn 1962 selbst gebaut, aus formgepressten Sperrholz, das mit feuchtem Papier umhüllt wurde. Dabei probierten wir verschiedene Papiersorten aus, aber es endete immer mit einer schrumpeligen Kugel, die wir mit Fiberglas beschichteten. Der Stuhl sah wirklich schrecklich aus. Mit einer Schleifscheibe bearbeitete ich die Oberfläche dann so lange, bis sie glatt war. Da Fiberglas so fest wie Metall ist, dauerte es eine Ewigkeit. Aber letztendlich entstand so die erste Schale des Ball Chairs.
Der Ball Chair wurde auf der Kölner Möbelmesse 1966 zum ersten Mal präsentiert. Erinnern Sie sich daran?
Ja, der Stuhl war eine Kuriosität und hatte sofort großen Erfolg. Zu dieser Zeit waren Wandtelefone sehr modern und so kam ich auf die Idee, ein Telefon innerhalb des Ball Chairs anzubringen. Ericsson produzierte damals diese schönen roten Telefone – also rief ich dort an und fragte nach einem Exemplar. Da sie den Stuhl kannten und wertschätzten, schenkten sie mir das Telefon. Wir haben zwei Kinder und im Lauf der Jahre machten sie das Telefon kaputt, so dass ich es für meine Retrospektive in der Kunsthalle Helsinki 2003 reparierte. Heute sitzen meine Enkelkinder im Ball Chair und telefonieren. Als sie es zum ersten Mal benutzten und mit den Fingern eine Nummer mit der Drehscheibe wählten, waren sie ganz begeistert von der Modernität dieses Telefons.
Wie entwickelte sich die Idee des transparenten Bubble Chairs?
Wenn man im Ball Chair sitzt, ist es dunkel und man fühlt sich wie abgeschottet von der Welt. Zuerst wollte ich ein Fenster in den Stuhl schneiden, um Licht hereinzulassen – eine stupide Idee. Dann überlegten wir einen runden Stuhl in der gleichen Größe wie der Ball Chair zu bauen aus dem transparenten Material Acryl. Jedoch ist es bei diesem Material nicht möglich den Fuß zu fixieren, da es sehr dünn, weniger als zehn Millimeter ist. Deshalb beschloss ich, den Stuhl aufzuhängen und bei dieser Lösung ist es geblieben. Anfangs war er noch aus zwei Teilen gefertigt, die in der Mitte zusammengenäht wurden. Aber das sah nicht gut aus. Da kam mir die Idee mit den durchsichtigen Oberlichtern. Also rief ich einen Hersteller an, um zu fragen, ob es möglich sei, diese Oberlichter größer und wie eine Halbkugel geformt herzustellen. Bereits beim ersten Versuch funktionierte es.
Sie haben uns erzählt, dass Sie den Ball Chair aus einem Zufall heraus entwarfen, einfach weil Sie Möbel brauchten. Sind Sie von seinem Erfolg überrascht worden?
Ich habe nicht darüber nachgedacht. Ich wollte meine Ideen in der bestmöglichen Weise umsetzen. Dank des Playboy-Magazins, das meinen Stuhl dreimal auf dem Cover abbildete, ist der Bubble Chair in den USA der meist verkaufte Stuhl meiner Stühle geworden. Und immer sitzt eine nackte Frau darin, ich weiß nicht warum.
Wie kamen Sie auf die Idee für Pony?
Ich habe so viele schöne Ideen in meinem Kopf – Pony ist nur eine von denen, die umgesetzt wurden. Die Idee dafür entstand, als mein ältestes Kind 10 Jahre alt war. Hinter einer Idee stecken allerdings nicht so viele Geschichten wie hinter den Möbelstücken selbst. In Texas beispielsweise gibt es ein Unternehmen, in dem die Geschäftsführer bei wichtigen Gesprächen auf den Ponys sitzen. Diese Geschichte ist wirklich wahr: Erwachsene Männer führen wichtige Gespräche und sitzen dabei auf einem grünen Spielzeug-Pony!
Wie ist der Pastil Chair entstanden?
Aus einem ganz logischen Grund: Der Ball Chair wurde bereits in der ersten Woche nach der Kölner Messe 1966 in 30 verschiedene Länder geliefert. In der Fabrik, in der die Ball Chairs hergestellt wurden, sah ich, wie sie in riesige Kisten verpackt wurden und das Paket eigentlich nur aus einem großen Hohlraum bestand. Also überlegte ich, wie man diesen Hohlraum ausfüllen könnte. Ich entschied mich einen Stuhl zu entwerfen, der exakt in den Hohlraum des Ball Chairs passen würde: Aus dieser Idee entstand der Pastil Chair. So reist er quasi als blinder Passagier preiswert um die Welt.
Wie kamen Sie zum Design?
Ich wollte schon immer eine technische Richtung einschlagen und hatte vor Architekt zu werden. Mich interessiert besonders die moderne Architektur. Ich habe mir viele berühmte Bauten angeschaut: Ein paar Monate nach der Fertigstellung des Guggenheim Museums von Frank O. Gehry fuhr ich nach Bilbao, in den USA habe ich das Fallingwater House von Frank Lloyd Wright angeschaut und die Pyramide im Hof des Louvres von I. M. Pei besuchte ich kurz nach der Eröffnung.
Sie sind ausgebildeter Fotograf. Beeinflusst die Fotografie Ihre Arbeit?
Früher habe ich von der Fotografie gelebt. Neben meinem Studium zum Innendesigner arbeitete ich für die finnische Baubehörde. Ich fuhr viel mit der Vespa umher und fotografierte sämtliche öffentliche Gebäude, die im Süden Finnlands gebaut wurden. Deshalb gibt es von mir hunderte von Fotografien in den finnischen Archiven. Natürlich beeinflusst die Fotografie meine Arbeit, es ist eine andere Art zu gestalten. Nicht mit dem Stift, sondern mit der Kamera. Im Moment fotografiere ich zwar nicht so viel, eine kleine Pocketkamera habe ich allerdings immer dabei.
Sie entwerfen nicht nur, sondern fotografieren und präsentieren Ihr Design auch selbst?
Jemand hat mich einmal als „Renaissance“-Designer bezeichnet, weil ich alles selbst mache. Das kleinste, das ich je entworfen habe, war ein Zahnstocher, das größte ist das Haus, in dem wir leben. Und dann habe ich noch vieles entworfen, das von der Größe her dazwischen liegt: von Möbeln über Tableware bis hin zum Besteck. Unser Haus ist hell mit vielen Fenstern gestaltet – so geht der Blick nach draußen. Die Küche bildet einen Kontrast zum restlichen Haus, denn sie ist vollständig aus Holz gebaut. Natürliche Materialien für Küchen sind am besten: Holz, Stein, Stahl und Glas in Kombination.
Die meisten Ihrer bekannten Möbelentwürfe sind aus Plastik. Verwenden Sie auch Holz oder andere Materialien?
Natürlich. Ich entwerfe hauptsächlich Büromöbel für den größten Büromöbelhersteller Finnlands, Martela. Das interessiert aber fast niemanden, denn es sind gewöhnliche Büromöbel aus Holzfurnier. Ich entwerfe nicht nur Plastikmöbel, sondern auch viele andere Dinge und verwende dabei ganz unterschiedliche Materialien. Doch die meisten Menschen interessieren sich mehr für das phantasievolle, ausgefallene Plastikdesign mit seinen knalligen Farben. Demnächst werde ich für ein eher traditionelles Unternehmen ein Produkt aus Kunststoff entwerfen – das erste Mal in der Firmengeschichte. Seit vielen Jahren schon möchte ich ihre Möbel verändern, sie fröhlicher gestalten, was aber unmöglich schien. Seit ich den Geschäftsführer jedoch zu einem Gang in die Rauchsauna eingeladen habe, hat sich die Situation geändert: Im nächsten Frühjahr werden wir das Ergebnis meines Entwurfs sehen.
Und an welchen Projekten arbeiten Sie noch?
Neben den Bürostühlen entwerfe ich ein Kinderspielzeug für das italienische Unternehmen Magis, für das ich auch Puppy entworfen habe. Puppy ist so erfolgreich, dass es Tag and Nacht produziert wird. Es wird etwas in der Art eines kleinen Puppys oder irgendein anderes Tier entstehen.
Sie sind ein Designer, der bereits zukunftsweisende Produkte entworfen hat. Wie sehen Sie die Zukunft heute?
Ich weiß nicht, was mir in der nächsten Woche einfallen wird. Demnächst bin ich wieder zuhause und entwerfe etwas Neues. Ich habe viele offene Projekte. Die Zukunft ist ein interessantes Thema.
Gibt es ein Projekt, das Sie in Zukunft gern verwirklichen würden?
Ich möchte gern ein Auto für die Stadt entwerfen. Eines, das mit Sonnenenergie angetrieben wird und maximal 200 Kilometer am Tag fahren kann. So stelle ich mir das vor: Das Auto ist mit insgesamt zwei Batterien ausgestattet. Eine wird im Haus durch auf dem Dach angebrachte Sonnenkollektoren aufgeladen, die andere befindet sich direkt im Auto. So ist für die tägliche Energie, die das Auto antreibt, gesorgt. Das Auto selbst kann klein sein, denn es braucht keine riesigen Dachkollektoren wie viele andere Solar-Automobile. Das Auto soll also klein und preiswert sein, damit es viele Menschen kaufen können. Solch ein Auto wird kommen, das ist die Zukunft.
In den 1960er Jahren kam im Design die Idee von Reisen in den Weltraum auf. Hat Sie diese Idee beeinflusst?
Mein Design hat nichts mit Reisen in den Weltraum zu tun, darauf sind die Medien gekommen. Ich erinnere mich, dass der erste Sputnik-Satellit damals ins All flog. Man hat mir sozusagen die Zukunft angehängt und mich dem 1980er-Jahre-Space-Design zugeordnet. Aber meine Ideen hatten damit nichts zu tun, es war schlicht und einfach die Sprache des Materials Plastik. Die Form resultiert aus dem funktionellen Aspekt, denn die Kugel ist die beste und kompakteste Form für Plastik. Funktionalismus kann auf ganz unterschiedliche Weise kreiert werden: Ein Ingenieur würde eine andere Lösung finden als ein Künstler. Ein rein funktionaler Stuhl ist langweilig. Phantasie interessiert jeden Menschen, weil hinter den Gegenständen und den Oberflächen Geschichten erzählt werden. Ich trage unzählige solcher Geschichten in mir und werde noch viele erzählen, da können Sie sicher sein.
Wollen Sie mit Ihren Entwürfen das Leben schöner und fröhlicher gestalten?
Natürlich. Die ersten Exemplare von Tipi, dem kleinen Vogel, wurden in ein japanisches Krankenhaus gesendet, in dem suizidgefährdete Kinder untergebracht sind. In Japan gibt es sehr viele Kinder, die depressiv sind. Die Farben meines Tipis waren ursprünglich Schwarz und Weiß, nun gibt es die Tipis auch in Blau, Rot und Gelb. Mir gefallen sie in Schwarz und Weiß zwar besser, aber Farbe ist für Kinder wirklich wichtig.
In den 1970er Jahren hatten sie Kontakt mit Designern wie Verner Panton. Gab es damals einen Austausch zwischen den Designern, sprachen Sie über Ihre Produkte und Ideen?
Ich habe Verner Panton einmal getroffen. Vor etwa 20 Jahren waren wir in derselben Jury in Belgien. Mit Charles Eames habe ich 1950 in einem Parkrestaurant in Helsinki einen Kaffee getrunken, das ist ein halbes Jahrhundert her. Und ich habe auch George Nelson und Alvar Aalto getroffen. Aber jeder hatte seine eigene Firma, das waren Ein-Mann-Unternehmen. Im Lauf der Jahre haben mich einige gefragt, ob sie mit mir zusammenarbeiten könnten. Aber ich arbeite lieber allein, da fühle ich mich ein bisschen wie ein Schriftsteller, der auch immer allein arbeitet.
Und Sie haben auch nie an einer Universität gelehrt?
Während der Ausstellungseröffnung „Eero Aarnio – Retropop, Phantasie und Tagträume“ im Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften in Berlin fragten mich mehrere Personen, ob ich gern lehren würde. Ich sagte ihnen, dass das nicht mein Job wäre. Und ich mache immer nur das, was ich möchte. Ich bin ein freier Mann und mag es frei zu sein. Ich kann nein sagen!
Vielen Dank für das Gespräch.
Austellung: „Eero Aarnio – Retropop, Phantasie und Tagträume“
Ort: Felleshus, Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften, Rauchstr. 1, 10787 Berlin-Tiergarten
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag 10.00 - 19.00 Uhr
Samstag - Sonntag 11.00 - 16.00 Uhr
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