Ellen van Loon

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Text: Stephan Burkoff, 06.08.2018

Ellen van Loon arbeitet seit 20 Jahren für OMA in Rotterdam. Ihr jüngstes Projekt ist gleichzeitig schon ziemlich alt und überrascht nicht bloß durch seine Größe. Bei einem Besuch im Blox in Kopenhagen, das sich als „urban space“ versteht, erzählt die Architektin mit einem fröhlichen Lächeln und unschlagbarem Charme von versteckten Zielen ihrer Projekte, ihrer Liebe zum Theater und der Freude an Komplexität.

Im Mai wurde Blox eingeweiht, es hat mehr als zehn Jahre in Anspruch genommen, dieses Projekt zu realisieren. Was waren dabei die größten Herausforderungen? Es gab einige Herausforderungen. Wir hatten uns eine große Aufgabe gestellt: Nämlich ein Gebäude zu entwerfen, das zugleich auch Teil der Infrastruktur ist. Dass eine vierspurige Straße durch das Gebäude führt, hat den Planungsprozess schon ein bisschen verkompliziert (lacht). Nicht weniger herausfordernd war es, dieses Konzept von der Stadt genehmigt zu bekommen. Und auch der Bau war nicht trivial. Aber wir versuchen immer, es uns nicht leicht zu machen.

Fällt es dir leicht, nach so langer Zeit des Planens ein Projekt loszulassen? Es ist sehr hart. Der schwierigste Augenblick ist immer, wenn der Auftraggeber die Türen schließt und wir als Architekten nicht mehr so einfach reinkommen. In den vergangenen viereinhalb Jahren konnte ich hier, wann immer ich wollte, überall herumlaufen.

Wie darf man sich die Arbeit als langjährige Partnerin bei OMA vorstellen? (Lacht) Ich versuche nur Projekte zu machen, zu denen ich Lust habe. Das klingt vielleicht etwas luxuriös ... Aber ich habe die Möglichkeit, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die mir Spaß machen. Ich interessiere mich beispielsweise nicht so sehr für Wohnungsbau, sondern mehr für öffentliche Bauten, Museen, Theater. Und auch wenn ich an einem nicht öffentlichen Gebäude beteiligt bin, versuche ich es immer für die Menschen zu öffnen.

Foto: Rasmus Hjortshøj

Kannst du dafür ein Beispiel nennen? Als wir die Rothschild Bank in London entwarfen, was als jüdisches Bankhaus ein Hochsicherheitsthema ist, haben wir öffentlich zugängliche Flächen mitgeplant. Zuerst gab es dafür natürlich keine Zustimmung, aber am Ende haben diese Interventionen auch die Kultur des Auftraggebers verändert. Man kann daran sehen, dass Gebäude auch ihre Nutzer und deren Verhalten beeinflussen können. Architekten versuchen natürlich immer, ihren Auftraggebern mehr zu geben, als sie eigentlich wollten. Damit können sie in Teilen steuern, wie sich die Auftraggeber später in ihren Gebäuden bewegen. Das gefällt mir am Architektenberuf. Für mich sind Gebäude soziale Räume. Und ich kann von mir behaupten, nie ein Gebäude ohne eine Bar geplant zu haben. Sogar bei Rothschild sind überall im Gebäude geheime Bars untergebracht.

Mit wie vielen Projekten bist du parallel beschäftigt? Es sind wahrscheinlich immer etwa vier bis fünf reale Projekte. Und dazu kommen dann noch Wettbewerbe.

Ist es nicht schwierig, zwischen so vielen verschiedenen Projekten zu springen? Das hängt natürlich von deren Größe ab. Außerdem sind nie alle Projekte in derselben Phase. Am Anfang haben wir immer eine lange Recherche- und Entwurfsphase. Wenn dann die Ausführung beginnt, sind die Anforderungen völlig anders definiert. Wobei wir währenddessen natürlich auch noch hier und da entwerfen – aber der Schwerpunkt liegt dann eher darauf, mit den Baufirmen um Details zu streiten (lacht).

Was macht OMA so besonders und erfolgreich? Keine Ahnung! Die Sache ist, ich arbeite dort seit 20 Jahren. Alles was wir dort tun, ist für mich Normalität. Ich glaube, wir haben einfach keine Angst. Egal wie verrückt unsere Ideen sind, wir glauben immer daran, dass es funktioniert. Als ich anfing mit der Casa da Música, hatte ich bereits einige Erfahrung gesammelt. Aber das Projekt hat mich zunächst in Angst und Schrecken versetzt. Ich dachte, ich würde es niemals schaffen. Doch dann ist mir klar geworden, dass ich keine Angst haben muss. Ich musste mein Hirn benutzen und ich konnte mich auf mein Team verlassen. Wir arbeiten bei OMA mit verdammt guten Leuten und auch mit sehr guten Ingenieuren zusammen. Und es ist sicher auch das endlose Verlangen, Neues zu wagen, dass uns antreibt.

Würdest du sagen, du hast einen spezifischen Stil? Nein, ich sehe ganz klar eine Evolution in meinen Entwürfen. Wenngleich es Journalisten gibt, die meinen, man erkenne meine Projekte an bestimmten Details.

Foto: Rasmus Hjortshøj

Was würde Vitruv mit seiner Forderung nach Firmitas (Festigkeit), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit) zu Blox sagen? Beim Thema Nützlichkeit denke ich an Nachhaltigkeit. Blox ist extrem nachhaltig geplant. Wir haben von Anfang an die strengen dänischen Nachhaltigkeitsanforderungen für 2025 im Auge gehabt, die sehr hoch sind. Der Energieverbrauch des Gebäudes ist also sehr gering. Wo immer es möglich war, haben wir für eine natürliche Ventilation gesorgt. Aber ganz ehrlich, was für mich im Sinne der Nachhaltigkeit wichtig ist, sind zwei Dinge: Das eine ist der geringe Energieverbrauch, was für Ingenieure bedeutet, dass man möglichst keine Fenster öffnen kann, weil sonst Energie verloren geht. Demgegenüber steht aber das Bedürfnis, dass jeder gerne frische Luft mag, nicht? Es geht also auch darum, eine Umgebung zu schaffen, in der sich Menschen wohlfühlen. Wenn ich ein sehr nachhaltiges Gebäude plane, das die Menschen aber schrecklich finden, dann ist das auch nicht besonders nachhaltig. Man muss ein Gleichgewicht finden. Denn die meiste Energie wird sowieso für das Bauen an sich und all die Materialien verbraucht – nicht beim Betrieb. Über Schönheit hingegen denke ich nicht so viel nach, eher schon über Spannung (lacht). Ich denke, wenn ein Gebäude dynamisch und interessant für seine Nutzer ist, dann ist es schön. Natürlich kann man über Farben diskutieren, aber das interessiert mich nicht so sehr. Es geht für mich eher um die Erfahrung, die ein Gebäude vermittelt.

Du bist in deinem 20. Jahr bei OMA. Was ist die wichtigste Erfahrung, die du in dieser Zeit machen konntest? Die Casa da Música ist mit Sicherheit eines meiner wichtigsten Projekte. Es war aber auch das erste Projekt, das ich allein verantwortet habe bei OMA und das einzige, was ich zu dieser Zeit bearbeitet habe, sodass alle Kraft und alle Gedanken dort eingeflossen sind. Was ich mag an dem Projekt, ist, dass man nicht sofort erkennt, was es für ein Gebäude ist. Trotzdem ist es sehr sensitiv in der Art, wie man sich ihm nähert. Durch die Zusammenarbeit mit den Theaterleuten, die Räume ohne Wände erschaffen, habe ich eine ganz neue Art, Räume zu betrachten, gelernt. Sie benutzen Licht, sie benutzen Schatten, Farben ... ihr ganzes räumliches Denken ist völlig anders
als das eines Architekten. Seitdem habe ich überhaupt keine Probleme mehr mit den Übergängen von Räumen. Dem Wechsel von Tageslicht zu künstlichem Licht. Offenheit und Grenzen. Und es ist ein Theater. Theater sind meine Lieblingsprojekte. Wenn ich könnte, würde ich nur Theater bauen. Deine Projekte sind fast alle ziemlich groß.

Könntest du dir auch vorstellen, kleinere Projekte zu entwickeln? Aber natürlich! Ich habe auch das Maggie’s Centre in Glasgow geplant, das nur etwa 400 Quadratmeter hat.

Das war dein kleinstes Projekt? Ja, das stimmt. Der Grund dafür ist, dass ich mich für Komplexität interessiere. Ich liebe Puzzles. Je komplexer ein Projekt ist, desto mehr Freude macht es mir. Ich könnte auch ein Haus für eine Familie planen. Aber das ist schwierig. Bei großen Projekten habe ich deutlich mehr Freiheiten im Konzept. Bei privaten Bauherren gibt es mehr Diskussionen. Sie kennen den Maßstab (lacht). Eine größere Komplexität gibt mir die Chance, Probleme zu lösen, die kein anderer hätte lösen können. Es ist also für mich persönlich so eine Art Flucht in die Freiheit. Beim Blox bin ich mir sicher, dass der Bauherr nie ein echtes Bild davon hatte, wie sich das Gebäude anfühlen würde, wenn es fertig ist. Sie hatten fürchterliche Angst, dass es sich wie eine kalte U-Bahnstation anfühlen könnte. Aber ich habe gesagt: „Nein, es wird wunderschön!“ Ich musste es dann erst bauen, damit sie es verstanden haben.


Ellen van Loon arbeitet seit 1998 im Office for Metropolitan Architecture, seit 2002 als Partnerin. Sie leitet vor allem Großprojekte, zu ihren wichtigsten Projekten gehören neben Blox in Kopenhagen die Niederländische Botschaft in Berlin (2003), die Casa da Música in Porto (2005), die New Court, der Hauptsitz der Rothschild Bank in London (2011), De Rotterdam (2013) und das G-Star-Raw-Hauptquartier in Amsterdam (2014).

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