Email fürs Bad

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Text: Katharina Horstmann

Partner: Bette

Dominik Tesseraux geht den Dingen auf den Grund. Für den Potsdamer Produktdesigner steht die Frage nach dem Warum immer an erster Stelle. Seit nunmehr einem Jahrzehnt arbeitet er mit seinem Büro Tesseraux + Partner für den Badspezialisten Bette und lotet gemeinsam mit dem ostwestfälischen Familienunternehmen die Grenzen der Stahlumformung und des Emallierens aus. Wir trafen Dominik Tesseraux zusammen mit Bettes Marketingleiter Sven Rensinghoff in Potsdam und sprachen mit ihnen über ihre Zusammenarbeit und über das Potenzial von glasiertem Titanstahl.

Herr Tesseraux, Sie arbeiten seit zehn Jahren mit Bette zusammen. In dieser Zeit haben Sie das Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes aufgemöbelt und Badelemente in wohnliche Gegenstände transformiert. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden? Dominik Tesseraux: Wir wurden von Bette zu einem Designwettbewerb eingeladen. Wir hatten uns dabei intensiv mit dem Sortiment von Bette beschäftigt und die aus unserer Sicht fehlenden Sortimentsbausteine aufgezeigt. In den ersten Jahren der Zusammenarbeit wurden diese Themen dann alle umgesetzt und weiterentwickelt. Uns ist wichtig, dass neue Produkte evolutionär gedacht werden und sie das Unternehmen auf verschiedensten Ebenen, also beispielsweise in der Fertigung, beim Marketing oder auch im Vertrieb, voranbringen. Auch die Nähe zum Nutzer der Produkte steht für uns natürlich immer im Fokus.

Mittlerweile gibt es ein sehr großes Repertoire – vom minimalistischen Design über ornamentale Dekorationen bis hin zu Textilverkleidungen. Welche Strategie haben Sie verfolgt? DT: Ein wesentlicher Ansatz der neueren Sortimentsstrategie ist, dass wir versuchen, ein neues Design in verschiedene Architekturen und Zielgruppen zu bringen. Am Beispiel einer Badewanne kann das bedeuten, dass wir eine Innenform als Einbauwanne, eine sogenannte Highline-Version, freistehende, also Silhouette-Wanne, bis hin zum Interior-Spektakel darstellen, wie beispielsweise BetteLux Shape. Installateur, Badplaner und Innenarchitekt werden gleichermaßen angesprochen. Das Interior-Thema zahlt auf die Marke ein und kann gut kommuniziert werden. Bei einer Auflösung der architektonischen Grenzen von Bad zu Wohnraum sind diese Produkte dann echte Charaktere, ähnlich wie Sofas oder Regale.

Sven Rensinghoff: In den darauffolgenden Jahren ist dieser Gedanke durch die Couture-Stoffverkleidung oder auch durch die Ornament-Variante ausgebaut worden. Genau das ist es auch, was an unserer Zusammenarbeit so viel Spaß macht, Themen konsequent weiter zu treiben und dabei immer wieder die Frage zu stellen, wo können wir die nächste Grenze überschreiten?

Wie ist das technisch umsetzbar? SR: Bei neuen Ideen rufen die Kollegen in der Konstruktion und Fertigung natürlich nicht immer Hurra, aber ihr Ehrgeiz ist schnell geweckt und sie nehmen die Herausforderung gerne an. Es kommt oft vor, dass uns schon vier Wochen nach Dominiks erster Präsentation ein Muster zum Entwurf vorliegt. So können wir sehr schnell bewerten, ob die Idee funktioniert, wie sie wirkt und, ob sie marktfähig ist. Das Schöne dabei ist, nicht nur neue Produkte herzustellen, sondern uns als Unternehmen auch in der Fertigung weiterzuentwickeln und ganz neue Lösungen anbieten zu können.

Dieses Jahr haben Sie auf der ISH zwei neue Produkte in ungewohnter Form vorgestellt. Können Sie dazu etwas Näheres sagen? DT: Die kreisrunde Badewanne BettePond und der Waschtisch BetteCraft runden das Portfolio nicht nur formal ab, sie sind auch strategische Bausteine für die Erschließung neuer Märkte. Ein für Bette stetig wachsendes Segment sind Produkte im Premiumbereich. Der ikonische Wert und die handwerkliche Qualität eines Produktes sind in diesem Segment ganz besonders wichtig. Die Umsetzung beider Produkte hat Bette in der Fertigung zu neuen Wegen gezwungen. Größere Pressen und neuartige spezielle Umformwerkzeuge wurden notwendig. Für uns als Gestalter ergeben sich daraus nun wieder neue Möglichkeiten. (schmunzelt)

SR: Mit dem runden Waschbecken Craft haben wir eine Form geschaffen, die so bisher weder aus glasiertem Titanstahl noch aus Keramik möglich war. Uns ging es darum, einen Waschtisch mit besonders filigranem Rand zu entwickeln, der auch von Keramikherstellern gerne gewählt wird – ohne ein „Me-Too“-Produkt zu erzeugen. Wir wollten also ein eigenständiges Produkt schaffen, das die Besonderheiten des Materials wirklich nutzt, und das ist uns gelungen. Dank der Stabilität unseres Materials Stahlemail konnten wir eine Schale in Materialstärke mit konvexer Außenform herstellen, die dem Waschtisch einen besonderen Charakter verleiht.

Worin liegt die Herausforderung, mit glasiertem Titanstahl zu arbeiten? DT: Stellen sie sich ein Stück Stahl mit knapp drei Millimeter Stärke vor in einer Größe ähnlich einer Spanplatte. Fest, stur und irgendwie auch ohne jegliche Emotion. Dann wird dieses Stück Stahl in der Presse verformt und danach mit Email überzogen. Das Ergebnis ist ein haptisches Erlebnis, langlebig und hoch emotional. Die Verwandlung finde ich inspirierend, und es immer wieder aufs Neue eine Gratwanderung zwischen Chance und …

SR: … kariertem Maiglöckchen, wie auch immer man das sehen will.

DT: Wirklich neue Ansätze erfordern aber gerade dieses Ausloten. Das geht natürlich nur, wenn das Unternehmen nicht ausschließlich auf Taktung ausgerichtet ist.

SR: Natürlich müssen wir auch wirtschaftlich arbeiten und haben in den Produktionsabläufen einen Fokus auf Taktung. Aber dadurch, dass wir ein Familienunternehmen und keine börsennotierte Firma sind, verfügen wir über mehr Freiheit, bestimmte Dinge zu wagen, um diese langfristig zum Erfolg zu bringen. Letztendlich gibt es trotz des größeren Produktionsaufwandes viele Argumente, die für glasierten Titanstahl sprechen. Es ist ein echtes Material mit einer Glasoberfläche, das besonders pflegeleicht und langlebig ist. Leider ist vielen der Unterschied zwischen Acryl, Mineralguss und glasiertem Titanstahl nicht bekannt, und sie sehen nur die formalen Unterschiede. Da besteht noch viel Aufklärungsbedarf.

In den vergangenen Jahren wurde viel über die Entwicklung des Badezimmers zum Wohnraum gesprochen. Hat sich dieser Wandel denn wirklich vollzogen? DT: Nein, ich denke nicht. Der Standardfall sind immer noch kleine Bäder, in denen meist auch zwischen Badewanne und Duschwanne entschieden werden muss.

SR: Der Ursprung dieser Entwicklung liegt im Hotelsektor, in dem Schlafraum und Bad zusammengewachsen sind. Daher kam auch die Vermutung, dass sich das im Privatbereich durchsetzen würde. Dennoch hat das Badezimmer in den letzten Jahren unheimlich an Stellenwert gewonnen, da sich das Körper- und Gesundheitsbewusstsein geändert hat.

DT: Ich glaube, den nächsten Entwicklungsschub wird es geben, sobald sich die Architektur verändert.  Momentan ist im Bad alles noch sehr starr und steif, geprägt durch Installationsgewohnheiten und -bedingungen, die in meinen Augen nicht zeitgemäß sind – ähnlich wie bei der Elektroinstallation. Ich halte es für notwendig, dass die Schnittstelle zu den Produkten neu gedacht wird. Im Anschluss werden sich dann auch die Produkte deutlich verändern.

Welche Produktentwicklung kommt für Sie als nächstes? SR: Ich denke, eine große Herausforderung für die Zukunft wird sein, Produkte einfacher zu machen. Es gibt weniger Nachwuchs im Handwerk. Dementsprechend geht es nicht nur darum, schöne Endprodukte herzustellen, sondern vor allem, es Planern und Handwerker einfacher zu machen, diese zu verbauen.

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