Enrico Fratesi/ GamFratesi

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Text: Jasmin Jouhar

Sie haben sich angeschlichen. Zunächst tauchte ihr Name nur hier und da auf. Und plötzlich: Omnipräsenz. GamFratesi haben mit ihren präzisen und intelligenten Entwürfen die Designszene rasant erobert. Die Dänin Stine Gam und der Italiener Enrico Fratesi, beide ausgebildete Architekten, sind auch Guest of Honour der heute beginnenden Stockholmer Möbelmesse 2014. Mit ihrer Installation und Lounge für die Messe haben sie sich eingereiht in die illustre Reihe ehemaliger „Ehrengäste“ wie Patricia Urquiola, Ronan und Erwan Bouroullec, Naoto Fukasawa, Konstantin Grcic oder Oki Sato von Nendo. Wir trafen Enrico Fratesi in Köln während der imm cologne 2014 und sprachen über Mikroarchitektur aus Möbeln, das Blau Indiens und Produkte, die uns ein Lächeln schenken.

Der dänische Möbelhersteller Gubi präsentiert hier in Köln euren neuen Stuhl Beetle. Sowohl sein Umriss als auch sein Körper wirken weich.
Wenn man den Stuhl anschaut, soll er einem ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, wie eine Hülle. Deswegen haben wir uns von der Anatomie eines Käfers inspirieren lassen. Sie kommt dem sehr nah, was wir erreichen wollten. Wir haben die Rückenlehne etwas größer als üblich gemacht, damit sie mehr Komfort und Schutz bietet. Und das Gestell erinnert natürlich auch an Käfer. Es ist besonders dünn und federt komfortabel.
 
Was mir noch aufgefallen ist, ist die humorvolle, etwas exzentrische Ausstrahlung des Stuhls.
Wir setzen uns nicht zusammen und nehmen uns vor, etwas Humorvolles zu entwerfen. Das kommt ganz von selbst. Wir würden auch eher von verspielt sprechen. Wenn ein Produkt verspielt ist, dann ist es emotional und schenkt uns ein Lächeln. Uns ist es wichtig, dass ein Entwurf mit dem Benutzer interagiert. Wir haben unser Ziel erreicht, wenn ein Produkt ein gutes Gefühl, einen guten Spirit vermittelt.

Warum sollen eure Entwürfe mit dem Benutzer in Kontakt treten?
Wenn Sie eine Beziehung zum Produkt aufbauen, dann wollen Sie es wirklich und behalten es auch. Dann ist es nachhaltig, weil Sie es nicht so schnell wegwerfen. So kann man etwas Nachhaltiges schaffen, ohne nachhaltige Materialien zu benutzen.

Den Stuhl habt ihr auch benutzt, um das neue Restaurant Verandah im Restaurantkomplex Standard in Kopenhagen auszustatten.
Das war ein großartiger Auftrag für uns – es gab dieses wunderbare Gebäude aus den dreißiger Jahren direkt am Kanal, das lange Zeit leer stand. Und genauso wie bei unseren Produkten ging es uns auch dabei darum, dass sich die Gäste geborgen fühlen – wir wollten eine intime, sanfte Atmosphäre schaffen. Alle Objekte im Restaurant sind abgerundet, es gibt keine kantigen Ecken. Im Gegensatz zur strengen, kubischen Architektur. Und die Gäste finden verschiedene Situationen vor – es gibt kleine Tische für zwei Personen, man kann auf dem Sofa essen oder an der Bar.

Der Restaurantkomplex Standard am Kopenhagener Hafen.
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Das Interior des Verandah ist eine Kombination aus traditionellen und neuen Elementen, es gibt die historische Architektur, aber es wirkt trotzdem nicht sentimental oder retro, sondern sehr zeitgenössisch.
Man wandelt auf einem schmalen Grat, wenn es um Retro-Look geht. Wenn man zu deutlich wird, dann merkt man leicht, dass etwas alt aussehen soll. Eine schwierige Balance. Da das Verandah ein indisches Restaurant ist, haben wir Objekte aus Indien verwendet. Allerdings haben wir uns dabei nicht am folkloristischen Indien orientiert, das wäre zu naheliegend gewesen. Uns hat das koloniale Erbe interessiert. Deswegen haben wir auch Blau verwendet statt dem klassischen Rot und Orange.

Wie wichtig sind denn generell traditionelle Einflüsse für eure Arbeit?
Nur wenn man die Traditionen und Referenzen gut kennt, kann man zukunftsweisend sein. Es ist unmöglich, mit einem Entwurf bei null anzufangen. Außerdem haben Stine und ich unterschiedliche kulturelle Hintergründe, die Kombination der unterschiedlichen Traditionen macht die Arbeit noch interessanter. Wir denken nicht nur in eine Richtung.

Aber wie funktioniert die Verbindung der verschiedenen Einflüsse im tatsächlichen Designprozess?
Beim Entwerfen sagen wir jedenfalls nicht: Lass’ uns ein bisschen was Dänisches nehmen und ein bisschen was vom Italienischen. Stine und ich sind sehr eng, weil wir sowohl im Beruf wie auch privat ein Paar sind. Deswegen haben wir eine sehr symbiotische Arbeitsweise. Oft wissen wir gar nicht, wer was zu einem Projekt beigetragen hat – es passiert ganz natürlich. Auch wenn wir mittlerweile so viel zu tun haben, dass wir Projekte unter uns aufteilen müssen, versuchen wir deshalb jedoch, so viel wie möglich zusammen zu machen.

Gibt es trotzdem Entwürfe, bei denen ihr einen starken italienischen Einfluss seht? Oder auffällige dänische Referenzen, die auf Stine zurückgehen?
Wenn Sie sich zum Beispiel bei Beetle die Verarbeitung anschauen, das Material, die Polsterung – das ist stark vom nordischen Design beeinflusst. Aber dann gibt es wiederum starke konzeptionelle Aspekte wie die sehr dynamische Struktur beim Stuhl Masculo oder die Kombination mehrerer Elemente – das ist dann der italienische Einfluss.

Viele eurer Produkte wirken alltäglich, sie sind nicht ausgefallen und laut.
Das ist uns sehr wichtig. Wir möchten nicht, dass ein Produkt sagt: Bang, hier bin ich. Es sollte einem schon etwas sagen, aber auf diskrete und charmante Art. Das ist übrigens Gestalter-Gesetz in Skandinavien.

Wie erreicht ihr diese Einfachheit und Normalität?
Proportionen sind wichtig – die Produkte dürfen nicht zu groß sein. Bei Beetle beispielsweise ist die Schale etwas größer, damit er bequem ist – aber nicht zu groß! Die Beine sind ziemlich dünn und nicht so expressiv. Sie schreien nicht.
Der Stuhl Beetle für den dänsichen Hersteller Gubi (2013).
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Ihr seid
beide ausgebildete Architekten. Warum arbeitet ihr jetzt als Designer?
Wir waren schon immer sehr ins Detail verliebt. In der Architektur kann man aber in so kleinem Maßstab gar nicht arbeiten. Wir haben immer kleiner und kleiner gearbeitet, und als wir bei Produkt- und Möbeldesign angekommen waren, fühlten wir uns richtig. Und auch wenn wir die Architektur lieben und Interior- und Ausstellungsprojekte machen: Produkte werden immer der Schwerpunkt unserer Arbeit sein.

Gibt es Vorbilder? Architekten, die als Designer arbeiten, sind ja sowohl in Dänemark wie in Italien sehr einflussreich.
(Lacht) Es gibt nicht das eine große Vorbild, nein.

Ein Punkt, der vielleicht auch etwas mit den Details zu tun hat, ist der Maßstab. Eure Produkte haben einen sehr menschlichen Maßstab.
Wir sagen manchmal, dass wir mit Möbeln Mikroarchitektur bauen. Nehmen Sie beispielsweise den Arbeitstisch, den wir für Ligne Roset entworfen haben: Er sieht aus wie ein kleiner Raum. Wir möchten Intimität erzeugen. Denn wir sind andauernd abgelenkt, von Medien, von Informationen. Es kann sehr schwierig sein, sich zu konzentrieren oder einen Rückzugsraum zu finden. Wir wollen die Menschen nicht zwingen zu entspannen, aber wir wollen ihnen mit unseren Entwürfen helfen, ein wenig Intimität zu finden. Dabei ist auch die Kombination der Materialien sehr wichtig: Auf der Außenseite kann zum Beispiel ein anderer Stoff sein als auf der Innenseite, so dass unterschiedliche Räume definiert werden.

Wie beispielsweise bei dem kleinen Sofa Haiku?
Außen ist der Stoff bei Haiku dicker und gröber. Und innen ist er dünner, weicher, dort wo Sie ihn mit Ihrem Körper direkt berühren. Oder auch die Kedernaht bei Beetle: Sie ist ein grafisches Element, aber sie markiert auch eine Grenze zwischen dem Raum des Benutzers und der Welt darum herum.

Vielen Dank für das Gespräch.

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