Eoos - Rituale und Werkzeuge

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Text: Oliver Elser

Wenn EOOS auftritt, werden Plakate geklebt, wie sonst nur bei Konzerten bekannter Rockbands. Ihr Refrain: Unsere Kultur weiterbringen.
Ein Gespräch mit den drei Designern in Wien.
"Rituale treten immer dann auf, wenn eine Gesellschaft sich in einer Krise befindet"
DL: Eines der ersten Serienprodukte, das EOOS gestaltet hat, war eine Art Kelch für den Energy-Drink "Red Bull" [Bull Spike, 1997]. Um daraus trinken zu können, muss man die Dose auf einen Dorn schlagen, der aus dem Kelch emporragt. Dann spritzt das Getränk heraus. Ein ziemlich gewalttätiger Akt, oder?
Bergmann: Wenn Sie eine Nuss aufmachen, müssen Sie auch Gewalt anwenden.
DL: Schon, aber das Aufschlagen der Dose erinnert doch stark an die Trinkspiele unter Jugendlichen, etwa, dass man mit einem Schraubenzieher von unten eine Bierdose einsticht und dann "auf Ex" austrinken muss. Ein ähnliches Ritual habt Ihr für den Red-Bull-Kelch erfunden. Auch bei anderen Eurer Arbeiten spielt das Ritual eine große Rolle.
Bohmann: Was uns an "Bull Spike" besonders gut gefällt, ist dass sich beim Trinken der Dorn gegen einen selbst richtet. Das war ein sehr wichtiger Aspekt. Mit der Gewalt wird sehr ironisch umgegangen.
Gründl: Rituale treten immer dann auf, wenn eine Gesellschaft sich in einer Krise befindet. Dann formuliert sie ein Ritual, um die Krise abarbeiten zu können. Bei dem Red-Bull-Gefäß ist diese Krise sozusagen "das Überleben". Man trinkt Red Bull, um zu überleben. Das haben wir überspitzt dargestellt, mit dem Einschlagen der Dose.
DL: Hat einer von Euch heute bereits ein Ritual vollzogen?
Bohmann: Nein.
Bergmann: Nein.
Gründl: Nein. Ein Ritual setzt unserer Ansicht nach nicht nur voraus, dass man Handlungen vollzieht, die für einen selbst bedeutungsvoll sind. Um von einem Ritual zu sprechen, muss diese bedeutungsvolle Handlung eine gewisse gesellschaftliche Wirkung oder Bedeutung haben.
"die Grenze zwischen dem Büro- und dem Wohnbereich attackieren"
DL: Der Kelch ist zugleich eine Art Werkzeug. Dieser Aspekt charakterisiert ebenfalls viele Eurer Arbeiten: Sie sind Werkzeuge, um ein Problem zu lösen.
Bohmann: Es geht uns um Handlungen. Das Handeln ist wichtiger als der Gegenstand selbst.
Gründl: Unser Ziel ist es, die Möglichkeiten von Objekten zu erweitern und damit die damit verbundenen Handlungen und Einsatzgebiete. Mit dem Sofa, auf dem wir hier sitzen [Living Platform 400, Walter Knoll] haben wir begonnen, die Grenze zwischen dem Büro- und dem Wohnbereich zu attackieren. Ein Sofa ist doch ein Sofa und was ein Wohnsofa sein soll, das wissen wir nicht. Das Modell wurde für die Abgeordnetenbüros in Berlin ausgewählt, denn es lässt sich ganz intuitiv in eine Liege verwandeln. Insofern ist es ein Werkzeug, das dazu dient, den Wohn- oder Arbeitsbereich neu zu nutzen.
DL: Gleichzeitig sind Eure Entwürfe nie einfach nur "praktisch". Hier neben dem Sofa steht ein Sessel, der ebenfalls von Walter Knoll hergestellt wird [Crystal, Walter Knoll] und der an einen Thron erinnert.
Gründl: Bei allen Objekten denken wir sehr gründlich darüber nach, woher das Objekt eigentlich kommt. Wir versuchen, die Geschichten und Bilder zu finden, die hinter den Objekten stehen. Diese Geschichten werden neu formuliert, um eine literarische Qualität in ein Projekt hinein zu bringen. Wir nennen dieses Verfahren die poetische Analyse. Die Geschichte des Sitzens beginnt ja nicht erst mit den industriell hergestellten Sitzmöbeln des 19. Jahrhunderts. Der Thron gehört ganz selbstverständlich auch dazu.
"Licht ist selbst ein Material, ein unglaublicher Werkstoff"
DL: Was für Geschichten können durch Licht oder die Form einer Leuchte erzählt werden? Auf der "Light & Building 2006" habt Ihr den Prototyp einer neuen Leuchte für Zumtobel [Tempura, Zumtobel] vorgestellt. Erstmals wird die LED-Technologie als Ersatz für die bisherigen Halogenstrahler-Systeme einsetzbar.
Gründl: Das Außergewöhnliche an der Verwendung von LEDs ist die Verfügbarkeit von unterschiedlichen Lichttemperaturen und -stimmungen. Das Leuchtmittel bei unserem System Tempura besteht aus sechs Modulen mit jeweils vier LEDs in den Farben rot, grün, blau und weiß. Die Lichtfarbe jedes Strahlers lässt sich individuell mischen. Aber LEDs haben noch eine sehr viel dramatischere Eigenschaft: Sie tendieren zu einer Tiefe von Null, d.h. das Licht wird in naher Zukunft, mit der Weiterentwicklung von LED- zu OLED-Leuchten, lediglich von einer flachen Scheibe abgestrahlt werden. Das hat uns bereits bei der Tempura beschäftigt. Der massive Körper des Strahlers wäre aufgrund der extrem flachen Bauweise der LEDs gar nicht nötig. Er dient lediglich dazu, die entstehende Hitze zu bewältigen.
Bergmann: Durch diesen technologischen Sprung werden sich Leuchten in naher Zukunft in andere Bauteile intelligent integrierten lassen. Die Lichtquelle reduziert sich auf einen dünnen, leuchtenden Film, den ich überall auftragen kann.
Gründl: Man kann näher an die Objekte heranrücken, die beleuchten werden sollen. Die Lampe als eigenständiges Objekt kann dadurch in Frage gestellt werden. Es lässt sich nicht zuletzt auch Strom sparen.
"Mann kann nicht einen Flagship-Store auf die gerade aktuelle Werbekampagne abstimmen..."
Bergmann: Licht ist ja selbst ein Material, ein unglaublicher Werkstoff, so wie Beton oder wie Stein. Licht ist nichts Immaterielles, wie immer wieder behauptet wird. Durch Licht kann man andere Materialien ersetzen, man kann Teile von Räumen oder Fassaden auflösen. Beim Flagship-Store [A1 lounge] für den Mobilfunkanbieter A1 in Wien haben wir eine Fassade realisiert, die nur aus Licht und Nebel besteht. Der klassische Architekt denkt genau in der anderen Richtung. Es geht ihm um Konstruktion, um Stahl und Glas. Uns geht es um Technologie, die aber nicht unbedingt ausgestellt wird und sichtbar sein muss. Wenn wir über Fassaden nachdenken, dann sehen wir fallende Bodennebel, wie man sie in Japan über Zedernwäldern findet. Solche abstrakten Bilder sind Werkzeuge für große Firmen, große Marken, die ihnen weiterhelfen, neue Gebiete zu betreten.
DL: Das Innere des A1-Shops besteht vorwiegend aus sehr viel leerem, weißem Raum.
Gründl: Wir hatten 600 Quadratmeter Platz, um etwas auszustellen, was eigentlich in einem Bauchladen auch darstellbar wäre. Also haben wir versucht, verschiedene Bilder für diese Marke zu finden, von denen auszugehen ist, dass sie die Marke auch in Zukunft repräsentieren können. Auch Marken verändern sich ja. Ein Flagship-Store soll unserer Meinung nach die Markenkernwerte so abstrakt darstellen, dass seine Gültigkeit selbst dann noch erhalten bleibt, wenn sich andere Teile des Markenauftritts wandeln. Man kann nicht einen Flagship-Store auf die gerade aktuelle Werbekampagne abstimmen, dann ist er in einem Jahr schon veraltet. Was die Zeit überdauert, so war unser Ansatz, das ist das Geheimnisvolle, die verheißungsvoll schimmernde Aura, die jede Zukunftstechnologie umgibt. Deswegen die Nebelfassade. Die Technologie bricht durch eine Nebelwand, so wie Lichtstrahlen sich durch Gewitterwolken bahnen.
DL: Aber der Kunde will doch auch konkrete Produkte sehen.
Gründl: Dafür haben wir einen Tisch entworfen, so wie ein Tisch am Markt, wo die Äpfel und Birnen liegen. Nur dass man auf diesen speziellen Tisch Dinge hinlegen kann, die sich eigentlich gar nicht anfassen lassen, wie Klingeltöne oder bestimmte Service-Pakete. Der Kunde nimmt statt eines Einkaufswagens einen gläsernen Quader [Ghosthandy] mit auf den Weg, der die ausgewählten Produkte mittels RFID-Technologie speichert. Der Quader, wir nennen ihn Kristall, ist ein Symbolkörper, damit man den Klingelton von der Stelle, wo man ihn ausgesucht hat, zur Kasse tragen kann.
DL: Seht Ihr das als ironische Geste, wenn die Kunden im 21. Jahrhundert mit einer Art gläsernem Kristall bewaffnet durch den Laden streichen?
Gründl: Wenn man Technologie auf die Spitze treibt, wird sie plötzlich wieder magisch und das ist der Punkt, der uns interessiert. Ein Kristall war immer etwas, was den Menschen extrem fasziniert hat und wo er Dinge hineinprojiziert.
"Wir entwickeln Werkzeuge für Architekten, damit sie ihre Architektur überhaupt bauen können.
DL: Bei den diversen Flagship-Stores für Adidas [Adidas Originals], Armani und andere habt Ihr die Rolle von Architekten übernommen, gleichzeitig grenzt Ihr Euch von deren Denkweise ab. Ist das Verhältnis von Designern und Architekten ein konfliktreiches Terrain?
Bergmann: Ohne Designer kann ein Architekt gar nicht mehr arbeiten. Wir entwickeln Werkzeuge für Architekten, damit sie ihre Architektur überhaupt bauen können. Wenn wir beispielsweise für Matteo Grassi ein Bestuhlungssystem für Kinos oder Theater entwickeln [Kube, Matteo Grassi], dann bieten wir dem Architekten ein Werkzeug, dass er niemals selbst generieren könnte, außer er investiert, so wie wir, drei bis vier Jahre Entwicklungszeit.
DL: Beeinflusst so ein Werkzeug, konkret also dieses Möbelprogramm, Eurer Meinung nach die Architektur?
Bergmann: Ja natürlich. Mit dem Kube-System kann der Architekt zur Ursprünglichkeit von antiken Theatern zurückkehren, wo die Ränge der Zuschauer nur durch Steinvolumen bestimmt waren. In geschlossenem Zustand ist es archaisch, bloß eine fliegende Lederwand, ein Zitat von großen Steinblöcken. Auf denen ist ja auch nicht der Abdruck des Menschen sichtbar, das wäre langweilig. Unser Sitzsystem ist ein autonomes Objekt, das es dem Architekten ermöglicht, klare Räume zu bilden, mit präzisen Kanten. Trotzdem findet der Besucher dort den vollen Komfort, wenn er den Sitz aufklappt und sich hinsetzt.
Gründl: Es ist ja mitunter so, dass wir an den Möbeln länger entwickeln, als...
Bergmann: ... als die Architekten an einem Gebäude. Ja, es ist so!
"..ein poetisches Umfeld schaffen, aus dem heraus wir dann Produkte auskoppeln.."
DL: Kommt es vor, dass ein Auftrag an Euch herangetragen wird und Ihr entscheidet, dass es sinnvoller wäre, etwas ganz anderes zu tun?
Bergmann: Das ist immer wieder vorgekommen. Die Firma Duravit hatte beispielsweise eine Eckbadewanne bestellt [Paiova, Duravit]. Wir wissen aber bis heute nicht, wozu eine Eckbadewanne eigentlich gut sein soll. Wir haben dann eine Badewanne gemacht, in der zwei Personen gemeinsam über das Wasser schauen können. Sie ist an einem Ende so breit, dass zwei Erwachsene bequem nebeneinander sitzen können und läuft zu den Füßen spitz zu. Ein Riesenerfolg.
DL: Es gibt noch eine weitere Wanne für Duravit [Sundeck, Duravit]. Was war da das Briefing?
Gründl: Da gab es keinen speziellen Auftrag. Manchmal arbeiten wir so, dass wir uns ein poetisches Umfeld schaffen, aus dem heraus wir dann Produkte auskoppeln, so wie Singles aus einer Langspielsplatte ausgekoppelt werden. Wir haben für Duravit ein Idealbadezimmer entworfen, das aber gar nicht formal gedacht war, sondern als Ansammlung von Konzepten. Es ist ein poetisches Szenario, das so weit gedacht ist, dass es sinnlos wäre, es konkret zu bauen. Daraus ist die Idee entstanden, dass eine Wanne auch eine Funktion haben kann, wenn sie nicht zum Baden verwendet wird. Man kann sie auch als Liege verwenden. Wir kommen nicht zu solchen Themen, indem uns jemand sagt, bitte macht uns jetzt eine Badewanne mit Abdeckung.
DL: Bitte gebt mir noch ein weiteres Beispiel für solche selbst gestellten Aufgaben.
Gründl: Die Eckbank für Walter Knoll [Together, Walter Knoll] hat sich aus dem fünften oder sechsten Auftrag entwickelt, ein Sofa für diesen Hersteller zu entwerfen. Wir haben gesagt, wir möchten lieber über das zeitgemäße Sitzen nachdenken und darüber, dass die Küche heute immer mehr zu einem Teil des Wohnbereiches wird. Nur gibt es keine geeigneten Sitzmöbel für einen Esstisch, der zugleich Küchentisch ist. An dem man also nicht nur isst, sondern auch gemeinsam Speisen zubereitet. Die Lösung war eine neue Interpretation der Eckbank, denn dieses zu Unrecht vergessene Möbelstück ist die flexibelste Möglichkeit, an einem solchen Tisch zusammen zu kommen.
DL: Hat der Hersteller das Konzept auf Anhieb verstanden?
Gründl: Die Bank wäre fast nicht auf den Markt gekommen.
Bergmann: Jetzt wird eine neue Fabrikhalle gebaut, weil die Nachfrage so groß ist.
"Mit Menschen, denen Kultur egal ist, können wir nicht arbeiten."
DL: Ihr arbeitet durchweg in einem sehr exklusiven Bereich. Warum?
Gründl: Die Beobachtung ist richtig. Man muss aber wissen, dass wir uns eine sehr aufwändige Arbeitsweise zugelegt haben.
Bergmann: Mit unserer poetischen Analyse, mit unserer Art, sehr grundlegend die Dinge zu hinterfragen, drei Jahre an einem Sofa zu arbeiten...
Gründl: ... sind wir nur synchronisierbar mit Unternehmern, die selbst einen kulturellen Anspruch haben. Mit Menschen, denen Kultur egal ist, können wir nicht arbeiten. Und wir haben den Anspruch, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die auch die Produktion von Produkten bewusster angehen als es sonst üblich ist.
DL: Herr Gründl, Sie haben einmal formuliert, dass Marken so unscharf seien wie Menschen. Was ist damit gemeint?
Gründl: Letztlich ist unsere Arbeitsweise die Antwort auf diese Frage. Wir versuchen, mehrere Lesarten eines Produkts oder Konzepts zu ermöglichen. Marken sind wichtig, aber der Markenglaube irritiert uns auch. Wir beraten große Marken, aber Markengurus sind wir nicht. Was wir tun, das ist kulturelle Dienstleistung. Wir wollen unsere Kultur weiterbringen. Marken sind ein Mittel, das zu tun.
Bergmann: Letztlich geht es um den Kompromiss: Wenn wir ein Produkt fertiggestellt haben und der Auftraggeber sagt, dass trifft zu 100% seine Vorstellungen und wenn gleichzeitig wir sagen können, das ist 100% EOOS, dann ist es ein gutes Ergebnis.

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