Eric Jourdan

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Text: Norman Kietzmann, 21.02.2017

Für ihn beginnt alles mit einer Zeichnung. Éric Jourdan nimmt Stift und Papier zur Hand und stürzt sich in ein Spiel aus Kurven und Geraden, das allein der Laune seiner Hand entspringt. „Ich bin kein Konzeptionist“, sagt der 1961 geborene Designer. Und doch sind seine Entwürfe alles andere als banal – sie verbinden visuellen Komfort mit einer Prise Imperfektion. Ein Gespräch über Louis Quinze und Memphis, Philippe Starck und Luigi Colani.

Monsieur Jourdan, worin besteht die größte Dummheit, die man bei der Einrichtung einer Wohnung machen kann?
Wenn alles Design ist, wird man verrückt (lacht). Das ist der pure Alptraum! Man muss einem Interieur mehr Freiheiten lassen – sonst sieht es aus wie in einem schlechten Filmset. Man sollte auch nicht zu viele Möbel besitzen. Das ist genauso fürchterlich. Am Wichtigsten sind in einer Wohnung Zeichnungen, Fotos und Gemälde an den Wänden. Wenn alles kahl bleibt, ist es entsetzlich. Genauso wichtig ist die Beleuchtung, die möglichst punktuell sein soll. Wenn sie nicht stimmt, ist alles ruiniert! 

Wonach würden Sie die Möbel auswählen? 
Entscheidend ist die Mixtur von unterschiedlichen Zeiten und Stilen. Denn genauso ist auch das Leben! Ich habe bei mir zuhause ein Sofa von George Nelson, das meine Eltern in den Fünfzigerjahren gekauft haben und es ist immer noch in einem perfekten Zustand: Das ist unglaublich! Ich würde mich nie davon trennen wollen. Direkt daneben steht ein Schrank aus dem 17. Jahrhundert. Das passt wunderbar! Es ist schön, mit vielen unterschiedlichen Dingen zu leben. 

Sitzprogramm Riga für Ligne Roset, 2017
Es geht also darum, in die Geschichte zurückzugehen?
Genau. Ich bin ein Designer, der in der Gegenwart arbeitet. Ebenso gefallen mir aber auch alte Möbel der Kunsttischlerei. Es gibt nichts Schöneres als Louis-Quinze-Sessel. Die sind einfach fantastisch! Ich hatte in dieser Hinsicht aber auch Glück. An der École des Arts Décoratifs in Paris haben wir die gesamte Geschichte des Möbeldesigns gelernt und nicht erst beim Thonet-Stuhl oder dem Bauhaus angefangen, wie es in vielen Hochschulen der Fall ist. Für mich ist es bizarr, den Blick auf das 20. Jahrhundert zu verengen.

Momentan herrscht ein enormes Interesse an der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wie schauen Sie auf diese Periode?
Sie ist natürlich sehr wichtig und es gibt auch viele spannende Entwürfe aus dieser Zeit. Doch das lässt sich für jede Dekade sagen. Selbst die Achtzigerjahre, die ja lange verschrieen waren, kommen wieder. Ich selbst habe in dieser Zeit studiert. Und Memphis war natürlich riesig – heute erlebt es ein Revival. 

Auch bei Memphis ging es um den Blick in die Geschichte. 
Kultur bedeutet, die Vergangenheit zu akzeptieren. Man muss mit ihr leben, auch wenn man etwas Zeitgenössisches macht. Es gibt keine Spontanität. Egal was wir tun: Wir setzen immer an einer Stelle an, an der es schon etwas gibt. Das ist genau wie mit der Musik. Als ich jung war, habe ich Led Zeppelin gehört. Und genau diese Platten hören die Zwanzigjährigen heute wieder. Was gut gemacht ist, altert nicht. Höchstens die, die es gemacht haben. Die Musiker von Led Zeppelin sind ja schon über siebzig. Und auch die alten Punks sind über sechzig. Da bekommt man fast Angst (lacht).

Wie verorten Sie an dieser Stelle Ihre eigenen Entwürfe? Für Ligne Roset haben Sie jüngst das Polsterprogramm Riga entworfen, das sanft geschwungene Sessel und Sofas umfasst. 
Ich möchte dem zeitgenössischen Design historische Referenzen zurückgeben, die immer auch ein Stück weit dekorativ sind. Das ist natürlich etwas Urfranzösisches. Ebenso wie die Idee der Eleganz. Ich mag das Leichte, Feine und Raffinierte. Dieser Sessel ist fast schon zu raffiniert. Vielleicht hätte ich sehr brutalistische Füße machen sollen, um einen Kontrast zu setzen. Man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird. Es ist wichtig, die Eleganz mit einem gewissen Rhythmus zu verbinden, der ihr eine leichte Brechung gibt. Die Dinge sollten niemals zu perfekt sein: Nur so bekommen sie Charakter. Wenn alles gleich und austauschbar ist, wird es sehr traurig.

Worin liegt in diesem Fall die Imperfektion?
Ich beginne jedes Projekt mit unzähligen Zeichnungen. Es ist nicht ganz einfach, hohe Sessel zu entwerfen, die auch schön aussehen. Diese großen Volumen zu bändigen, ist wirklich eine Herausforderung. Wenn ich zeichne, verliere ich mich in der Zeichnung. Ich kann Stunden damit verbringen, immer wieder dieselben Details zu überarbeiten. Und genau an dieser Stelle korrigiere ich die Dinge, wenn sie mir zu glatt erscheinen. Ich bringe sie ein wenig aus dem Gleichgewicht. Ich bin kein Konzeptionist. Und auch kein radikaler Designer. Ich gehe an jedes Projekt über die Zeichnung heran. Sie ist das, was meine Entwürfe zusammenhält. 

Sie haben nach Ihrem Studium für Philippe Starck und Luigi Colani gearbeitet. Was haben Sie von ihnen gelernt? 
Frei zu sein! Natürlich hat Colani fürchterliche Dinge gesagt und viele Kollegen als Nichtskönner bezeichnet. Er war politisch absolut inkorrekt. Aber er hat einen Sinn für die Freiheit gehabt. Er wollte sagen, dass in der Natur keine geraden Dinge existieren. Deswegen muss auch das Design den Kurven folgen. Er hat visionäre Autos und Flugzeuge entworfen. Doch seine Möbel waren immer fürchterlich. Ein Möbel muss nicht schnell sein. Colani hat wie ein Bildhauer gedacht, wie ein neuer Rodin. Philippe Starck hat ihn dafür bewundert, obwohl er schon damals eine sehr barocke Seite hatte. Für die beiden zu arbeiten, war auf jeden Fall eine spannende Erfahrung.
Skizze für das Tischprogramm Liam für Ligne Roset, 2017
Gibt es andere Designer, die Sie beeinflusst haben?
Ettore Sottsass war außergewöhnlich. Ich habe ihn einmal getroffen und mit ihm gesprochen. Auch er war ein freier Mann. Er hat für Olivetti hochindustrielle Produkte entworfen und gleichzeitig mit Handwerkern gearbeitet und all die verrückten Memphis-Sachen gemacht. Vico Magistretti ist ebenfalls sehr wichtig für mich, weil er die schönsten Zeichnungen angefertigt hat. Es sind reine Arbeitsskizzen, die überhaupt nicht dafür gedacht waren, sie auszustellen. Doch die sind wirklich wunderbar. Ich glaube, dass Arbeitszeichnungen ohnehin die schönsten Zeichnungen sind. 

Woran arbeiten Sie gerade?
Ich gestalte nicht nur Möbel und Objekte, sondern ebenso Leitsysteme. Dafür arbeite ich mit dem Deutsch-Schweizer Rudi Baur zusammen. Wir haben zum Beispiel die Schilder für die Außenanlagen der Cité Universitaire in Paris oder für den französischen Pavillon auf der Buchmesse in Frankfurt im vergangenen Herbst gestaltet. Neben meinen seriellen Arbeiten entwerfe ich häufig auch Möbel für Privatkunden, die sich eine Spezialanfertigung wünschen.

Mit welchen Vorgaben gehen diese Kunden auf Sie zu?
Sie lassen mir die Freiheit, ihnen etwas vorzuschlagen. Das ist interessant, weil Entwerfen immer auch Psychoanalyse ist. Man muss die Kunden verstehen und erahnen, was sie haben möchten. Viele meiner Kunden sind Sammler und leben mit unzähligen Gemälden. Daher ist es wichtig, die Möbel eher diskret zu halten. Wenn hinter einem Sofa ein riesiger Baselitz hängt, macht es keinen Sinn, ein verrücktes Design zu wählen. Auch hier geht es darum, eine angemessene Lösung zu finden. Das finde ich sehr spannend.

Vielen Dank für das Gespräch. 

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