Francisco Gomez Paz

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Text: Norman Kietzmann, 28.08.2009


Francisco Gomez Paz geht seinen eigenen Weg. Geboren 1975 in Argentinien, macht er seinen Abschluss in Industriedesign 1998 an der Universidad Nacional de Cordoba in Spanien und zieht anschließend nach Mailand, wo er an der Domus Academy 1999 seinen Master absolviert. Nach vier Jahren gemeinsamer Arbeit mit dem Designer Paolo Rizzatto gründet er 2004 sein eigenes Studio in Mailand, in dem er bis heute alleine arbeitet. Untergebracht in einer ehemaligen Fabrik mit idyllischem Vorgarten ist es Arbeitsstätte und Wohnhaus in einem – um während der Arbeit auch Zeit für seine Familie zu haben. Neben Arbeiten für Unternehmen wie Luceplan, Artemide, Driade, Danese oder Olivetti macht er sich vor allem mit der zusammen mit Alberto Meda entwickelten „Solar Bottle“ international einen Namen. Das Projekt zur Reinigung von Trinkwasser in Entwicklungsländern gewinnt nicht nur 2007 den renommierten Index-Design-Award, sondern schafft es auch auf Anhieb in die ständige Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Wir trafen Francesco Gomez Paz in seinem Mailänder Studio und sprachen mit ihm über optische Kronleuchter, historische Pferdesättel und mehr Verantwortung im Design.



Herr Gomes Paz, mit Ihrer Leuchte Hope haben Sie den klassischen Lüster von seiner Schwere befreit und aus filigranen High-Tech-Linsen gefertigt. Was war die Idee für diesen Entwurf?




Ich wollte die Qualität eines traditionellen Kristallleuchters in eine moderne, zeitgemäße Form übersetzen. Die Idee eines Leuchters besteht darin, das Licht einer einzelnen Lichtquelle durch Elemente aus Kristall zu vervielfältigen. Linsen zu verwenden, lag daher für mich nahe, da sie die Wirkung des Lichts auf ähnliche Weise steigern können. Ich schaute mir dann vor allem „Fresnel“-Linsen genauer an, die speziell für den Einsatz in Leuchttürmen entwickelt wurden. Ihr Aufbau unterscheidet sich grundlegend von denen herkömmlicher Linsen, da ihr Querschnitt bei gleicher Brennweite deutlich schmaler ausfällt. Unnötiges Material und Gewicht werden auf diese Weise vermieden, während das Licht auf ähnlich stärke Weise gebündelt wird. Ich fand es spannend, dieses Konzept auf einen modernen Leuchter zu übertragen.

Auch in der Frage der Materialität sind Sie andere Wege gegangen und haben für die Linsen einen Film aus Kunststoff verwendet.

Ich denke, dass es das Projekt smarter macht, wenn ein so einfaches Material wie Kunststoff plötzlich eine festliche Erscheinung bekommt. Es ist wie die Umkehrung seiner bisherigen Wirkung. Auch wenn die Leuchte zunächst recht einfach aussieht, ist ihr Aufbau sehr komplex. Am Anfang haben wir die Linsen noch im Spritzgussverfahren hergestellt und um die Lichtquelle herum positioniert. Doch die Ergebnisse waren nicht von der Qualität, die wir uns erhofft hatten. Wir haben unsere Strategie dann insofern geändert, dass wir für die Linsen einen Film aus Kunststoff verwendet haben. Er bietet nicht nur von seiner Optik her eine enorm hohe Qualität, sondern macht den Leuchter auch deutlich leichter und kompakter für den Transport. Die gleiche Menge an Spritzgussteilen hätte ein fast fünfmal größeres Volumen verursacht. Darum haben wir uns schließlich auf dieses Konzept festgelegt. Alle technischen Details der Leuchte habe ich komplett selbst entwickelt. 

Ein noch immer seltener Ansatz im Design. Schließlich überlassen die meisten Gestalter den Ingenieuren diese Aufgabe.


Ja, das ist sehr schade. Denn im Grunde ist es die einzige Art, ein Projekt voran zu bringen. Wenn man nicht in der Lage ist, die technischen Details mit einzubeziehen, wird auch das Gesamtergebnis deutlich schwächer sein. Auf der anderen Seite ist es auch nicht einfach, da man sehr viel Zeit in jedes Projekt investieren muss. Ich versuche aber dennoch, auf diese Weise zu arbeiten. Darum nehme ich auch nur wenige Projekte an pro Jahr und gehe dafür umso stärker in die Details.

Woher kommt Ihr Interesse an der technischen Seite des Designs?


Vielleicht weil ich schon als Kind immer gerne meine kaputten Spielzeuge repariert habe. Mein Vater war Architekt und ich habe auch viel Zeit in seinem Büro verbracht. Ich denke aber, dass die Grenze zwischen der Arbeit eines Designers und der eines Ingenieurs ohnehin fließend ist. Sie gehören für mich beide zusammen. Denn als Designer muss man nicht nur in der Lage sein, die Bedürfnisse der Menschen zu verstehen, sondern auch bis ins Detail ausgearbeitet Lösungen entwickeln können. Ein Designer ist in gewisser Weise Psychologe, Philosoph und Erfinder in einer Person. Ich glaube daher auch nicht an das Genie, das eine Zeichnung macht und jemand anderes muss daraus ein fertiges Produkt entwickeln. Vielleicht mag das möglich sein, aber es ist sehr schwer, auf diese Weise ein Projekt mit Tiefe zu erreichen. Außerdem lässt sich nur auf diesem Wege sicher stellen, dass das Projekt auch wirklich so wird, wie man es sich vorgestellt hat.

Ein weiteres Projekt von Ihnen ist die „Solar Bottle“, die Sie zusammen mit Alberto Meda für den Einsatz in Entwicklungsländern entwickelt haben. Die Flasche mit einem auffallend schmalen Querschnitt nutzt die desinfizierende Kraft der Sonnenstrahlen, um verunreinigtes Trinkwasser wieder zu reinigen. Inwieweit ist das Projekt vorangeschritten, seitdem sie es 2007 erstmals vorgestellt haben?

Es ist komplizierter geworden, als wir anfangs gedacht haben. Denn es ging nicht nur darum, die Form der Kunststoff-Flasche in einem Guss erzeugen zu können. Wir brauchten auch ein Material, der durchlässig für die UV-Strahlen der Sonne ist, um das Wasser reinigen zu können. Die Kunststoffe, mit denen man bisher eine solche Form hätte herstellen können, haben dies aber nicht zugelassen. Als wir das passende Material schließlich gefunden haben, waren wir sehr glücklich. Leider ist die Flasche aber noch immer nicht in Produktion, da die Frage der Distribution noch nicht gelöst ist. Es muss ein System gefunden werden, um die Flaschen vor Ort in Afrika zu verteilen und sicherzustellen, dass sie auch diejenigen erreichen, für die sie bestimmt sind. Von Europa aus können wir das nur schwer beeinflussen. Darum brauchen wir Leute vor Ort, die sich um diesen Verteilungsprozess kümmern. An diesem Punkt sind wir noch immer nicht weiter gekommen. Gleichzeitig merken wir, dass wir als Designer das Projekt allein nicht weiter entwickeln können. Ob und wie schnell die „Solar-Bottle“ umgesetzt wird, hängt nun vor allem von politischen Entscheidungen ab.

Sie haben mit diesem Projekt gezeigt, wie sich auch Designer mit gezielten Lösungen für globale Probleme engagieren können. Wie würden Sie die Aufgabe des Designs beschreiben?


Design ist für mich eine ganz bestimmte Art zu denken. Es geht darum, sich Problemen anzunähern und Ergebnisse zu erzielen. Bei Projekten wie diesen hat man wirklich das Gefühl, mit der eigenen Profession etwas zu erreichen und das Leben vieler Menschen verbessern zu können. Eine Leuchte oder einen Stuhl zu entwerfen, mag einen als Designer zwar auch glücklich machen, weil man eine neue Idee auf den Markt bringen kann. Aber mit einem Projekt wie diesem kann man tatsächlich Menschen das Leben retten. Das ist eine ganz andere Dimension. Ich denke, das Design muss auch in diese Richtung denken und nicht nur Produkte für die Elite im Sinn haben.

Woran mag es liegen, dass viele Gestalter vor diesem Thema noch zurückschrecken?

Vielleicht weil sie nicht immer den richtigen Kanal finden, um ihre Ideen umzusetzen und vertreiben zu können. Dass Alberto und ich für die „Solar Bottle“ 2007 den Index-Design-Award gewonnen haben, hat uns zwar geholfen und dem Projekt viel Aufmerksamkeit gebracht. Aber dennoch haben wir die Flasche noch immer nicht in Produktion. Es ist nicht einfach, herauszufinden, wohin man als Designer gehen und an wen man sich wenden muss mit einer Idee. Wenn man als Designer dagegen eine Idee für eine Leuchte hat, weiß man ganz genau, an wen man sich wenden muss. Aus diesem Grund fließt die meiste Energie in kommerzielle Projekte, auch wenn sich jeder Designer bestimmt Gedanken über ganz andere Themen macht. Das macht es so schwierig, Energie in diese Art von Projekten zu investieren. Der Prozess ist einfach zu unübersichtlich.

Im Jahr 2002 haben Sie für Ihre Chaiselongue „Apero“ mit lokalen Handwerkern in Ihrer Heimat Argentinien zusammengearbeitet. Worum ging es bei diesem Projekt?

Der Vorschlag dazu kam von der Organisation „Sumampa“, die sich hier in Mailand um die Förderung und Vermittlung von Handwerk aus Argentinien einsetzt. Es war die Zeit der schweren wirtschaftlichen Krise im Land. Wir wollten mit diesem Projekt kleinen Handwerksbetrieben die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten auch international vertreiben zu können, da sie in Argentinien kaum noch etwas verkaufen konnten. Durch den Zugang über das Design konnten wir ihre Arbeiten auch anderen Kulturen zugänglich machen.

Auffallend ist vor allem die Art der Verarbeitung, mit der die Bezüge aus Leder vernäht wurden...

Ja, wir haben eine Technik genutzt, die normalerweise für die Verarbeitung von Pferdesätteln zum Einsatz kommt. Es ist eine alte Tradition der in der Gegend, in der ich geboren bin. Sie stammt direkt von den Gauchos, die diese Sättel seit Jahrhunderten in einer unglaublich hohen Qualität herstellen. Ich habe ihre traditionelle Nähtechnik auf die Chaiselongue übertragen. Sie verfügt über eine sehr leichte Struktur aus einem Stahlrahmen, über die das rohe Leder gespannt und schließlich vernäht wurde. Wenn das Leder trocknet, zieht es sich zusammen und spannt sich auf den Rahmen fest. Auf diese Weise entsteht eine sehr leichte und zugleich stabile Struktur. Insgesamt haben wir 50 Exemplare hergestellt, die nach Australien, Dänemark, England oder Italien verkauft wurden.

Worin lag für Sie dabei der Unterschied zu Ihren übrigen Projekten, die Sie aus einem betont industriellen Ansatz heraus entwickelt haben?


Im Grunde war der Unterschied gar nicht so groß. Denn egal, ob man mit Ingenieuren in einer Fabrik spricht oder mit Handwerkern, die nach Jahrhunderte alten Methoden arbeiten. Man muss in beiden Fällen versuchen, sie zu verstehen und mit ihnen gemeinsam zu einem Ergebnis zu kommen. Man muss sich auf sie einlassen können. Das kann manchmal sehr einfach, aber manchmal auch extrem schwierig sein, da jeder in seiner eigenen Welt lebt. Darum habe ich mich bei diesem Projekt auch ganz dem Rhythmus der Handwerker angepasst. Wir haben um sechs Uhr morgens angefangen zu arbeiten und sind gemeinsam zu den Rinderfarmen gefahren, um die Häute der Tiere einzeln auszusuchen. Auch wenn einige Schritte bereits industrielle Züge annahmen, war der Anteil des Handwerklichen noch immer sehr hoch. Es war eine Erfahrung, aus der ich viel gelernt habe.

An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Im Moment entwickele ich die „Hope“-Leuchte weiter zu einer Familie aus Decken-, Wand- und Bodenleuchten. Hinzu kommen noch einige Möbelentwürfe, die sich allerdings noch in einem sehr frühen Stadium befinden. Insgesamt sind es nicht viele Projekte, an denen ich gleichzeitig arbeite. Vielleicht zwei bis drei pro Jahr. Denn ich habe mich entschlossen, allein zu arbeiten. Mein Studio ist zugleich mein Wohnhaus, sodass ich meine Familie die ganze Zeit um mich habe. Es ist nicht einfach, dies auf einem größerem Maßstab zu übertragen und an Dutzenden von Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Denn man fängt automatisch an, nicht mehr Designer zu sein, sondern Manager zu werden. Ich mag diese Idee nicht. Bis heute habe ich es geschafft, auch allein weiter zu kommen. Es ist eine Wahl, mit der ich sehr glücklich bin. 



Vielen Dank für das Gespräch.

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