Gabriele Siedle

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Text: Katharina Horstmann, 21.12.2009


Sie ist die erste Frau in der Geschäftsführung eines Unternehmens, das schon seit sieben Generationen in Familienbesitz ist: Gabriele Siedle. Sie leitet die S. Siedle & Söhne Telefon- und Telegrafenwerke, die europaweit zu den führenden Herstellern der Gebäudekommunikationstechnik zählt. Das traditionsreiche Unternehmen stellt alles her, was der Verständigung im und am Haus dient – von Türsprechanlagen und Beleuchtungen bis hin zu Briefkästen und Leitsystemen. Wir trafen Gabriele Siedle in Berlin und sprachen mit ihr über die Schwelle als Ort des Übergangs, die Virtualität im Haus und die Vorteile altmodischer Griffe und Schalter.

 
Frau Siedle, vor kurzem haben Sie ein Symposium zur „Architektur der Schwelle“ an der ETH Zürich mitorganisiert. Was hat es damit auf sich?
 
Organisiert wäre übertrieben; wir haben das Symposium unterstützt und begleitet. An der ETH haben Kultur- und Medienwissenschaftler über die Schwelle diskutiert, und zwar in einem viel umfassenderen Sinn, als wir das kennen. Gerade deshalb haben wir uns engagiert: um ein Phänomen, mit dem wir uns seit Jahrzehnten beschäftigen, auf völlig neue Weise kennenzulernen. Das Symposium hat sich mit Schwellensituationen auseinandergesetzt, die mit der Tür oder dem Eingang auf den ersten Blick nicht viel zu tun haben. Wir haben gelernt, dass auch Jalousien, Fahrstühle und sogar Filmleinwände Schwellen sein können: Orte des Übergangs. Wir wollten unseren Horizont erweitern und unser Geschäftsfeld von neuen Standpunkten aus betrachten. Nicht immer nur unter einem rein technischen Blickwinkel und unter dem Diktat der Machbarkeit, der Vermarktung und der Umsatzprognosen. Wer innovativ sein will, braucht Inspiration, und die bekommen wir nicht im Entwicklungslabor, sondern im offenen Diskurs.
 
Welche Bedeutung hat denn die Schwelle für Ihr Unternehmen genau?     
 
Wir leben von ihr. Siedle baut seit mehr als 70 Jahren Türsprechanlagen. Unsere Produkte sind eine Art moderner Türhüter, sie bewachen die Schwelle. Aber unser überlieferter Schwellenbegriff reicht nicht mehr aus. Er ist zu eindimensional, zu stark technisch geprägt. Denn Innovation ist nicht mehr ausschließlich technologisch definiert, sondern auch kulturell. Wenn wir auch in Zukunft an der Schwelle präsent sein wollen, müssen wir verstehen, wohin sie sich entwickelt. Wie gestalten Architekten die Schwelle? Was erwarten die Menschen von ihr? Das müssen wir wissen, um die richtige Technik anbieten zu können. Das geht weit über das Klingeln, Sprechen und Türöffnen hinaus, das man landläufig mit Siedle assoziiert.
 
Der Begriff „Schwelle“ wird manchmal auch etwas negativ aufgefasst. Manche Architekten mögen mit ihm die Neuinterpretation von Archetypen durch die Postmoderne assoziieren und bevorzugen Begriffe wie Schnittstelle oder Interface. Wie sehen Sie das?
 
Interface mag modern klingen, ist aber ein viel enger gefasster Begriff als die Schwelle. Eine Türsprechanlage zum Beispiel ist zweifellos ein Interface oder eine Schnittstelle. Zwischen Mensch und Gebäude, zwischen privatem und öffentlichem Raum, zwischen Innen und Außen – wie Sie wollen. Dieses Interface ist aber eine Installation an einer Grenzlinie und damit an einer spezifischen Form der Schwelle. Über derart eingeschränkte Definitionen sind wir bereits hinaus. Eine Schwelle kann ebenso gut ein allmählicher Übergang sein. Deshalb erscheint mir der Begriff durchaus angemessen.
 
Vor 75 Jahren präsentierte Siedle den ersten Türlautsprecher. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert? Oder: Was waren die Meilensteine?
 

Natürlich gab es zahlreiche technische Verbesserungen und Verfeinerungen. Sie entstehen oft, wenn neue Materialien oder neue Verarbeitungsmöglichkeiten verfügbar sind. So werden die Produkte immer besser, erfüllen aber prinzipiell die gleiche Funktion. Solche Neuerungen will ich gar nicht nennen, es wären auch zu viele. Ein wirklich radikaler Schritt dagegen war die Modularität, die wir Mitte der 1980er Jahre mit Siedle „Vario“ eingeführt haben. Diese Innovation hat nicht nur unsere Branche verändert, sondern die kollektive Vorstellung, wie eine Türstation auszusehen hat. Heute gibt es kaum noch Hersteller, die anders arbeiten. Das modulare Prinzip hat sich durchgesetzt, und es ist noch lange nicht ausgereizt. Wir arbeiten ständig daran, es weiter zu verfeinern und zu erweitern. Sie können heute die gesamte Installation am Eingang in Siedle-Systeme integrieren, von der Beleuchtung bis zur Zutrittskontrolle. Architekten oder Bauherren erhalten einen Gestaltungsspielraum, der früher undenkbar gewesen wäre.
 
Inwieweit haben sich die Anforderungen an Gebäudekommunikation in den letzten Jahren verändert? Und was bedeutet das für Siedle?
 
Die Anforderungen haben sich vor allem sehr weit differenziert. Auf der einen Seite machen wir nach wie vor einen Großteil unseres Umsatzes mit Sprechen und Klingeln, also mit Funktionen, die schon vor 70 Jahren gefragt waren. Auf der anderen Seite vernetzt sich die Gebäudekommunikation mit der Gebäudeautomation, der Telekommunikation oder der Mediensteuerung. Wir müssen dieses ganze Spektrum, das sich mit zunehmender Geschwindigkeit weiter ausdifferenziert, bedienen können, und das innerhalb einer einheitlichen Ästhetik und mit dem Qualitätsanspruch, den man von Siedle erwartet.
 
Wie sieht es mit der Virtualität aus? Wie gehen Sie mit diesem Thema um?
 
Schon heute ist vieles virtuell. In manche Haushalte kommt kein Gas- oder Stromableser mehr, stattdessen ist der Zähler per Datenleitung direkt mit dem Versorger verbunden. Heizungen, Klimaanlagen oder Alarmsysteme kommunizieren online mit ihren Herstellern, WLAN-Netzwerke stellen sogar kabellos Verbindungen her. Hausbesitzer ahnen manchmal gar nicht, wie löchrig ihre Schwelle geworden ist. Aber solange es Wände, Türen und Räume gibt, werden Menschen hindurch wollen, nicht nur virtuell, sondern ganz real. Dafür brauchen sie Kommunikation, Sicherheit, Information und Orientierung. Unser Geschäftsfeld ändert sich, aber es wird nicht verschwinden.
 
Siedle wirbt mit einer zeitlosen Ästhetik und dadurch mit der Langlebigkeit der Produkte. Woran erkennen Sie, ob ein neues Design ein Klassiker wird?
 
Türkommunikation ist kein Lifestyle-Produkt, sondern ein Investitionsgut. Eine Siedle-Anlage hält Jahrzehnte, und genauso lange muss die Gestaltung gültig bleiben. Einfach ist es nicht, kurzlebige Moden von langfristigen Trends zu unterscheiden, aber bisher ist es uns gut gelungen. Das ist hauptsächlich das Verdienst von Eberhard Meurer, unserem Designchef. Er arbeitet nach Designprinzipien, die auf Reduktion, Funktionalität und Ergonomie beruhen. Außerdem muss er immer übergreifend gestalten, denn Siedle stellt kaum Solitärprodukte her, sondern Systeme; alles muss zueinander passen. Das hilft, modische Schnellschüsse zu vermeiden, aber letztlich brauchen Sie Gespür und Intuition. Siedle hat einen exzellenten Designer und gibt ihm die Freiheit, die er braucht. Vielleicht ist das schon das ganze Geheimnis.
 
Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist in letzter Zeit in aller Munde. Was verstehen Sie darunter?
 
Wirtschaften mit Verantwortung für unsere Umwelt, unseren Standort und unsere Mitarbeiter. Was Produkte angeht: Nachhaltig sind Produkte, die lange halten und repariert oder ersetzt werden können, wenn sie kaputt gehen. Auch nach Jahrzehnten. Das ist zugleich ein Investitionsschutz für unsere Kunden.
 
Gibt es eine Entwicklung auf die Sie besonders stolz sind?
 
Auf alle, mit denen Siedle etwas grundlegend Neues eingeführt hat. Davon gibt es einige. Wenn Sie mich persönlich fragen, dann ist es unser High-End-System Siedle-Steel, dessen Einführung ich maßgeblich vorangetrieben habe. Jede Steel-Anlage wird nach den Vorgaben ihres Auftraggebers als Unikat konfiguriert und gebaut. Das System wurde sehr erfolgreich und ist heute einer unserer Wachstumsträger.
 
Sie bieten „maximale Gestaltungsfreiheit“ und machen auch Sonderanfertigungen. Was waren Ihre seltsamsten Sonderanfragen?
 
Von den meisten bekomme ich wahrscheinlich gar nichts mit. Unsere Außendienstmitarbeiter fangen echte Skurrilitäten schon im Vorfeld ab. Immerhin wollte einmal jemand eine Anlage mit Kunstleder bezogen haben, und das haben wir auch auf Machbarkeit geprüft. Wenn möglich, verwirklichen wir jeden Kundenwunsch. Dazu gehören zum Beispiel Kameras und Tasten, die besonders hoch angebracht sind für LKW-Führerhäuser oder besonders tief für Rollstuhlfahrer. Wir beschriften in Blindenschrift oder lackieren in Wunschfarbe. Briefkästen können wir mit Fingerabdrucklesern ausstatten oder mit Kameras, die den Inhalt auf einem Monitor zeigen. Ganze Abteilungen befassen sich bei Siedle mit kundenspezifischen Anpassungen, und wir sind dabei, diesen Bereich weiter auszubauen.
 
Stichwort: „My Home Is My Castle“ – Könnten Sie bitte darauf näher eingehen?
 
Das Zuhause als Rückzugsraum, als Hort der Sicherheit und Geborgenheit. Dieses Bedürfnis ist eine unserer besten Geschäftsgrundlagen, denn es ist virtuell kaum zu befriedigen. Andererseits gibt es auch den gegenläufigen Trend zu Gebäuden, die sich immer weiter öffnen, den Besucher willkommen heißen und an sein Ziel führen. Auch dafür brauchen wir die richtigen Produkte.
 
Wie sieht denn Ihr Zuhause aus?
 
Klassisch modern, und soweit vernetzt und automatisiert, wie es technisch möglich war, als wir gebaut haben. Das bringt einerseits viel Komfort und Sicherheit, aber es macht uns auch abhängig. Spätestens wenn mal etwas nicht funktioniert, sind wir angewiesen auf die Menschen, die diese Technik beherrschen. Dann wünsche ich mir manchmal altmodische, mechanische Griffe und Schalter, die ich auf Anhieb und ohne Anleitung bedienen kann.
 
Was können wir sonst noch von Ihnen lernen?
 
Ratschläge für jede Lebenslage habe ich nicht. Aber was die Technik angeht, mit der wir uns umgeben, kann ich die Leitlinie unserer Produktentwicklung sehr empfehlen: Technik wird nur dann als Fortschritt empfunden, wenn sie uns das Leben erleichtert, statt es komplizierter zu machen.
 
Vielen Dank für das Gespräch.


Gabriele Siedle zur Architektur der Schwelle und dem Schwellen-Raum auf den Kölner Passagen 2010:

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