Giulio Iacchetti

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Text: Norman Kietzmann


Giulio Iacchetti entwirft Dinge, die das Leben ein Stück einfacher machen. Geboren 1966 im norditalienischen Cremona studiert er am Mailänder Politecnico Architektur und gründet 1992 sein eigenes Büro für Industriedesign in Mailand. 2001 gelingt ihm mit „Moscardino“, einer ungewöhnlichen Kombination aus Löffel und Gabel, der internationale Durchbruch. Als bisher jüngster Designer nimmt er für diesen Entwurf nicht nur den italienischen Designoscar „Compasso d‘Oro“ entgegen, sondern gelangt auch auf Anhieb in die wichtigsten Designsammlungen der Welt. Das Verschmelzen und Neudefinieren von Funktionen hat er sich seitdem immer wieder bei seinen Entwürfen zu eigen gemacht, die er für zahlreiche italienische und internationale Hersteller entwirft. Wir trafen Giulio Iacchetti in seinem Mailänder Studio und sprachen mit ihm über kulinarische Werkzeuge, katholische Fruchtsäfte und Mandolina-Töne zur Mittagspause.


Herr Iacchetti, seit dem Siegeszug der Gabel vor dreihundert Jahren haben sich unsere Essensgewohnheiten im Grunde kaum verändert. Mit Ihrer Löffel-Gabel-Kombination „Moscardino“ haben Sie dagegen eine verblüffend unkonventionelle Form von Besteck entworfen. Wie ist die Idee zu diesem Produkt eigentlich entstanden?

Ich hatte darüber nachgedacht, ein passenderes Besteck für den Aperitivo zu entwickeln. Der Aperitivo hat sich in den letzten Jahren zu einer neuen Tradition hier in Mailand entwickelt, bei der man in den Abendstunden kleine Snacks und Speisen zum Cocktail serviert bekommt. Das Problem dabei ist nur: Man hat zum Essen immer nur eine Hand frei, da man in der anderen den Drink hält. Das wollte ich vereinfachen mit einer praktischeren Art von Besteck. So entstand die Idee, Gabel und Löffel miteinander zu kombinieren, um verschiedene Speisen mit demselben „Werkzeug“ essen zu können. In der ersten Version war er noch aus einem sehr konventionellen Kunststoff gefertigt, der ihm auch die beige, leicht gelbe Färbung gegeben hat. Für die aktuelle Version haben wir einen neuen Kunststoff gefunden, der auch in weiß und schwarz erhältlich ist.

Wie waren die Reaktionen, als Sie den Entwurf zum ersten Mal vorgestellt haben?

Am Anfang haben die Leute die „Moscardini“ immer gekaut und mit nach Hause genommen. Dabei ist es ja eigentlich ein Weckwerfprodukt. Es ist es in diesem Sinne auch ein nachhaltiges Produkt geworden, auch wenn es zunächst gar nicht so geplant war: Anstatt es weckzuwerfen, haben die Leute es behalten und zuhause weiter verwendet. In den Bars, die die „Moscardini“ verwendet haben, ist die Zahl der Aperitivo-Gäste seitdem spürbar gestiegen. Auch aus dieser Sicht war der Entwurf sehr erfolgreich.

Die Kombination von unterschiedlichen Funktionen scheint Ihnen zu liegen. Für Ihre Sonnenbrille „4occhi“ haben sie eine Sonnenbrille mit einer Brille aus transparenten Gläsern zusammengeschmolzen.

Ich bin selbst Brillenträger. Es hat mich immer gestört, wenn man aus der Sonne in einen dunklen Raum kommt und ständig die Brille wechseln muss. Wer keine Brille braucht, nimmt einfach seine Sonnenbrille ab. Aber als Brillenträger muss man immer erst noch nach seiner anderen Brille suchen. Das kann mitunter eine ziemlich lästige Angelegenheit sein. Darum wollte ich den Aufwand an Bewegung reduzieren. Es reicht nun ein einfaches Drehen, für das man auch nur eine einzelne Hand braucht. Vor allem ältere Leute profitieren von diesem System, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht eher sehr jung und modisch aussieht. Es ist ein Produkt, das über seine eigentliche Funktion hinausgeht und für den Benutzer einen zusätzlichen Nutzen bietet. Ein Plus. Dennoch gehört auch ein Stück Mut zum Tragen dazu, da sich der Gesichtsausdruck mit den vier Gläsern natürlich deutlich verändert.

Für Gesprächsstoff haben Sie auch mit Ihrer Zitronenpresse „St. Peter“ gesorgt, die Sie in Anlehnung an das Ensemble aus Petersdom und Petersplatz in Rom gestaltet haben.

Der Hintergrund für dieses Projekt ist eine spezielle Steuer, die in Italien jeder an den Vatikan zahlen muss. Sie heißt „Otto per mille“ und bedeutet so viel wie „Acht auf Tausend“. Das ist schon ein wenig seltsam. Ich meine, die Welt kennt Calvin, Luther und die Reformen, für die sie gesorgt haben. Aber noch immer müssen wir in Italien diese Steuer zahlen, ob wir nun in die Kirche gehen oder nicht. St. Peter ist das Symbol für Rom und auch der Ort, an den wir diese Steuer zahlen. Mit den eigentlichen Absichten des Glaubens hat das meiner Meinung nach wenig zu tun.

Haben Sie dem Papst schon ein Exemplar geschickt?


(lacht) Nein, noch nicht. Aber zu Weihnachten werde ich diesmal daran denken. Vielleicht sollte ich die Presse auch an den Souvenir-Ständen in Rom vertreiben. Mal schauen, was die Kirche dazu sagt.

Mit Ihrer Fliegenklatsche „Bye Bye Fly“ haben Sie ein weiteres Produkt entworfen, mit dem man sich erfolgreich zur Wehr setzen kann. Die Struktur folgt dabei den Straßenzügen der Mailänder Innenstadt.

Ja, sie ist auch eine spezielle Art von Souvenir. Es gibt einfach unglaublich viele Moskitos und Fliegen in Mailand. So viele, wie sonst in keiner anderen Stadt Europas (zeigt auf seine Mückenstiche am Arm). Doch auch sonst hat sich Mailand sehr gut angeboten, da der Grundriss der Stadt noch immer den historischen, konzentrischen Kreisen folgt. Dieser ist der Struktur nicht unähnlich, die normalerweise für eine Fliegenklatsche verwendet wird. Die Mailänder haben nun ein passendes Werkzeug, mit dem sie zurückschlagen können.

Sie verbinden Ihre Entwürfe häufig mit einem Nutzen, der über ihre eigentliche Funktion der Dinge hinausgeht. Wie würden Sie die Aufgabe des Designs beschreiben?


Für mich liegt die Aufgabe des Designs darin, kleine Geschichten zu erzählen. Diese sind allerdings nicht damit abgeschlossen, dass man ein Produkt kauft und es bei sich in die Wohnung stellt. Es geht darum, eine Geschichte bei denen zu initiieren, die es benutzen. Einen Anstoß zu geben, mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Das eigentliche Ziel des Designs liegt für mich daher in der Kommunikation, die es zwischen Menschen auslöst. Ich glaube, das ist auch der rote Faden, der sich durch meine Projekte hindurchzieht.

In der Mailänder Triennale haben Sie im Juni 2009 eine Ausstellung mit zahlreichen neuen Entwürfen und Prototypen gezeigt. Darunter auch einen Tisch, für den Sie Bücher als Fuß verwendet haben. Ein Plädoyer für mehr Interaktion im Design?

In gewisser Weise ja. Denn wir haben sehr spezielle Bücher dafür verwendet, die allesamt von dem Journalisten Bruno Vespa stammen. Er ist in Italien sehr bekannt für seine Bücher, die er als Hofberichterstatter über die Politik von Berlusconi schreibt. Einfach fürchterlich. Viele bekommen diese Bücher als Geschenk zugeschickt, aber keiner mag sie lesen. Ich glaube, in jedem italienischen Bücherschrank finden sich mehrere seiner Werke – allesamt noch eingeschweißt und ungelesen. Ich dachte mir: Die Bücher sind so überflüssig, dass sie sich höchstens als Unterlage für einen Tisch verwenden lassen. Schließlich sind sie auch schön dick, sodass man gar nicht so viele von ihnen braucht für einen Tisch. Wir haben für die Ausstellung dann in einem Second-Hand-Shop mehrere seiner Bücher gekauft. Sie sahen alle noch brandneu aus. Die Idee zu diesem Projekt ist also schon eine sehr italienische. Aber wahrscheinlich finden sich in jedem Land ein paar Autoren, deren Bücher sich auch als Tischbein eignen (lacht).

Wie gehen Sie an neue Projekte heran?

Am Anfang steht für mich immer die Neugierde. Neugierde für Dinge, für Menschen und die Art und Weise, wie sie mit den Dingen umgehen. Neugierig zu sein, bedeutet für mich auch, Produkte zu hinterfragen und sie auf andere Weise umzusetzen. An diesem Punkt beginnt für mich ein Designprojekt. Achille Castiglioni hat zu uns als Studenten am Mailänder Politecnico immer gesagt: „Wenn Ihr nicht neugierig seid, gebt auf!“ Und noch etwas hat er uns mit auf den Weg gegeben: den eigenen Blick nicht zu begrenzen und sich zu früh auf etwas zu spezialisieren. Darin liegt auch das klassische italienische System: Man wird Architekt und kann danach im Grunde alles entwerfen: von Möbeln über Gebäude bis zur Planung einer ganzen Stadt. Ich glaube, dass dieser universelle Ansatz auch mich sehr stark beeinflusst hat.

Was war das Ungewöhnlichste, das Sie bisher entworfen haben?

Kaffeebiskuits. Auch wenn dies zunächst ein wenig seltsam klingt, war es dennoch kaum anders, als eine Form aus Keramik herzustellen. Nur der Maßstab war natürlich ein anderer. Die Aufgabe lag darin, in der klassischen rechteckigen Form von Biskuit zu bleiben und sie gleichzeitig so zu gestalten, dass sie Assoziationen an Kaffee weckt. Ich habe den Keksen daher eine oktogonale Form gegeben, wie sie auch die Bialetti-Kaffeemaschinen besitzen. Die Oberfläche erinnert mit ihrer löchrigen Struktur an den herausnehmbaren Filter im Inneren der Maschine. Ich wollte so auf zweifache Weise an dieses Gerät verweisen, das in keinem italienischen Haushalt fehlen darf.

Gibt es ein spezielles Produkt, das Sie gern noch entwerfen würden?

Einen Elektrobass vielleicht. Ich spiele selbst auch Bass, allerdings nicht in einer Band, sondern nur für mich allein. Ich habe schon als Kind sehr früh Trompete gespielt. In meinem Studio habe ich eine ganze Reihe von Instrumenten. Neben einem Bass auch eine Gitarre und eine Mandolina. Das klingt jetzt fast schon wie ein Italien-Klischee, aber manchmal spiele ich zur Mittagspause wirklich auf meiner Mandolina – wenn wir alle gemeinsam Pizza essen. Ohje (lacht)...

Vielen Dank für das Gespräch.

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