Giulio Ridolfo

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Text: Norman Kietzmann und Hannah Bauhoff


Giulio Ridolfo gilt als Meister der Farben. Geboren 1962 im norditalienischen Udine studiert er an der Domus Academy in Mailand Mode und schließt 1985 das Studium mit einem Master ab. Schon früh beginnt er für Unternehmen wie Tods, Hogan oder Gianfranco Ferré als Farb- und Textilberater zu arbeiten. Dabei spezialisiert er sich immer mehr auf das Gebiet des Möbel- und Interieurdesigns. Zu seinen heutigen Kunden zählen Vitra, Moroso, Fritz Hansen oder Kvadrat, für die er umfassende Farbkonzepte entwickelt. Was Giulio Ridolfo von seinen Kollegen unterscheidet, ist seine unkonventionelle Herangehensweise: Anstatt mit einer klassischen Farbpalette, die den gesamten Farbkreis umfasst, arbeitet er mit einer Vielzahl von kleinen Fundstücken, Mustern und Texturen. Diese fügt er ähnlich einem Patchwork zu einer auf den Kunden angepassten und hoch individuellen Farbauswahl zusammen. Als Mitglied des Trendboards der Kölner Möbelmesse 2009 entwickelt er zusammen mit den Designern Stephen Burks, Arik Levy, Eero Koivisto und dem Journalisten Marcus Fairs die Trendbibel der diesjährigen Messe. Wir trafen Giulio Ridolfo in Köln und sprachen mit ihm über Farbe als zweite Haut, nationale Identitäten und die Farbe von Berlin.


Herr Ridolfo, Ihrer Expertise in punkto Farbe vertrauen immer mehr Unternehmen aus dem Design- und Interieurbereich. Was fasziniert Sie an dem Thema Farbe?


Für mich ist vor allem an der Aspekt der Haut interessant, die jedes Objekt umgibt, als wäre sie ein Kleid, ein Mantel oder Gesicht. Das hängt sicher damit zusammen, dass ich einst Mode studiert habe und mich seitdem erst nach und nach mit anderen Bereichen im Design beschäftige.
 Farbe hat immer etwas mit Haut zu tun, denn man kann nicht über Haut sprechen, ohne auch über Farbe zu sprechen. Farbe ist für mich dabei eine Anwendung der Haut. Wenn ich einem Objekt eine Farbe gebe, nutze ich meine eigene Sensitivität. Zugleich gibt es aber eine gewisse Art von „innerem“ Licht, das jedes Objekt von sich ausstrahlt. Es geht also nicht nur darum, einem Gegenstand eine Palette von zehn ausgesuchten Tönen überzuziehen, sondern ihn und seine Umgebung gemeinsam zu betrachten und daraus ein System von Farben zu entwickeln.

Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?

Man muss sich natürlich zuerst die Form des Gegenstandes anschauen und überlegen, in welcher Umgebung er auftreten soll, zum Beispiel wie er auf einer Messe präsentiert werden soll. Aus diesen Überlegungen entwickele ich einen ersten Ansatz. Dann beginne ich, die Farben „aufzufächern“ und in verschiedene Facetten aufzuteilen, um daraus zum Schluss eine Art „Farb-Rezept“ für das jeweilige Produkt zu finden. Farbe ist also immer eine gezielte Anwendung, die eine ganz bestimmte Funktion besitzt. Ich denke, dass ein gut durchdachtes Projekt erst dann entsteht, wenn Farbe mit der Form des Gegenstandes gemeinsam entwickelt wird.

Woher nehmen Sie Ihre Einflüsse?

Eine gute Übung ist zum Beispiel das Leben auf der Straße zu beobachten und zu sehen, wie die Leute gekleidet sind. In den Dimensionen, der Quantität von Schwarz oder bestimmten Tönen, welche Taschen tragen die Frauen und welche die Männer? Für mich ist das eine gute Übung, um Farben anzuwenden. Ich sammle auch sehr viele Dinge: kleine Objekte, Bilder oder Ähnliches. Wichtig ist auch, sich die helle und die dunkle Seite einer Farbe anzuschauen. Denn jede Farbe, auch die sehr hellem, bekommen im Dunkeln eine ganz spezielle Erscheinung. Ich verändere dazu zum Beispiel die Richtung der Lichtquelle.

Farbe kann mitunter auch sehr aufgesetzt wirken...

Das stimmt. Was ich sehe, auch hier auf der Kölner Möbelmesse, ist sehr oft eine undurchdachte Anwendung von Farbe nach dem Motto: „Lasst uns Farbe verwenden, um das Objekt heller oder lauter zu machen.“ Das ist in meinen Augen nicht ausreichend. Es gibt eine ganz bestimmte Reihe von Farben, die helfen, den Charakter eines Objektes zu vermitteln. So kann ein Stuhl von seiner Form her eher gedeckte Farben brauchen, ein andere dagegen eher eine transluzente. Es geht dabei nicht nur um die Farbe an sich, sondern die Art und Weise, wie diese mit dem Licht reagiert. Das ist entscheidend. 
Was ich immer häufiger tue, ist dabei auf ein Minimum zu gehen. Das heißt, es muss für eine Farbe einen ganz bestimmten Grund geben. Das ist weniger eine Frage von persönlicher Wahrnehmung als eine Frage der Idee des jeweiligen Projektes.

Was wäre zum Beispiel ein Grund für eine Farbe wie Türkis?

Türkis könnte bei einem Projekt mit dem Bedürfnis nach einem offenen Himmel verbunden sein. Dann, wenn eine besondere Verbindung zwischen Drinnen und Draußen erwünscht ist. Es könnte aber auch die Farbe eines Steines sein. Türkis ist ja zunächst ein Stein und erst dann eine Farbe. Auf der anderen Seite sind Farben immer auch ein Statement und mit einer ganz bestimmten Zeit verbunden. War 2008 Orange dominierend, kommen nun mehr und mehr organische Farben ins Spiel, ein Stück weit auch sehr seltsame Farben.

Seltsam auf welche Weise?

Farben, die wie Suppe aussehen. Ein Stück weit auch undefinierbar und dreckig in ihrer Anmutung sind. Schlammige, erdige Töne eben. Manche von ihnen können sehr außergewöhnlich wirken, wenn sie mit der Komplexität der Situation verbunden sind. Die Brüder Bouroullec zum Beispiel sind sehr clever darin, Farbe bei ihren Entwürfen einzusetzen. Sie wissen schon beim Entwurf eines Gegenstandes, in welcher Farbe sie ihn später mehr oder weniger haben wollen. Das schafft zugleich eine Art farbliches Motiv für ihre Produktion. Auf diese Weise haben sie sich eine ganz eigene Palette an Farben entwickelt. Zum Beispiel könnte man sich keinen Entwurf von ihnen in einem Zitronengelb vorstellen. Die Farben von Hella Jongerius sind dagegen sehr alphabetisch, sehr holländisch. Ich würde sagen, ein Stück weit auch sehr unharmonische Farben, sodass ein Bruch entsteht. Aber dies ist ihre Art, Farben anzuwenden.

Inwieweit spielen bei Farben Nationalitäten eine Rolle?

Natürlich stehen Farben immer vor einem kulturellen Hintergrund. Hella Jongerius verstärkt mit ihren Farben ihre holländische Attitüde und macht sie zu einem ganz bewussten Statement. Ich bin dagegen freier in der Wahl meiner Farben. Ich mag es, eine Palette an verschiedenen Farben zu schaffen und nicht immerzu dasselbe Farbsystem zu reproduzieren.

Wie ist es mit Konstantin Grcic? Benutzt er „typisch deutsche“ Farben in seinen Projekten?

Nein, ich denke Konstantin ist schwarz. Aber es ist ein wundervolles Schwarz, weil es die beste Farbe für ihn ist. Ich sage das aus Respekt vor ihm, denn er arbeitet sehr aus der Form heraus, sehr grafisch. Farbe ist dabei nur ein zusätzlicher, aufgesetzter Wert. Die Qualität der Farben, in denen zum Beispiel der „Myto“-Stuhl daherkommt, rufen bei mir gar nichts hervor. In Schwarz oder einem dunklen Grau finde ich ihn dagegen wundervoll.

Was ist die Farbe von Deutschland?


Auf der schlimmen Seite ein Beige. Auf der guten Seite eine wundervolle Qualität von Schwarz. Beide Seiten sind sehr wichtig. Beige ist zum Beispiel die Farbe der Taxis. Diese Art von unglaublichen Farbtönen gibt es in Italien nicht. Wir haben auch nicht das Licht, sie auf ähnliche Weise zu sehen. Die Farbe von Italien könnte dagegen vielleicht ein sehr helles Grau mit einem Blau sein.

Kennen Sie Berlin? Und welche Farben hat die Stadt?

Ja, ich war ein paar Mal in Berlin. Und ich mag die Farbe von Berlin. Es ist die wundervolle Farbe des Stahl gemischt mit kräftigen Farben. Berlin hat für mich viel von Indien und Afrika – in der Stadt gibt es sichtbar viele Einflüsse anderer Kulturen. Und es gibt offensichtlich ein großes Bedürfnis nach Licht, denn viele Häuser, die renoviert wurden, sind hellgelb gestrichen. Insgesamt würde ich sagen: Berlins Farbe ist die Mischung aus der Farbe des dunklen polierten Stahls, das sehr hart bei Gebäuden, aber angenehm weich auf seine Umgebung wirkt gepaart mit diesen kräftigen Farben. Das ergibt einen spannenden Kontrast.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Ich arbeite zurzeit an einem sehr speziellen Projekt, das vor sechs Monaten begann. Ich wurde von dem Stuttgarter Architekturbüro Heinle Wischer und Partner gefragt, die Gemeinschaftsräume in einem Krankenhaus in Ulm zu gestalten. Das ist für mich ein neues Thema, denn die soziale Anwendung von Farbe ist etwas vollkommen anderes als bei einem Möbel, das für das private Heim bestimmt ist. Die relevante Frage für die Gestaltung ist hierbei: Wie kann man Gesundheit kreieren? Oder zumindest eine Atmosphäre, die diese fördert?

Wie sah Ihre Lösung aus?

Ich habe zum Beispiel für die Kantine – die ja ein sehr wichtiger Raum ist – Farben ausgesucht, die eng mit dem Genuss von Essen zusammenhängen. Essen ist ja nicht nur Ernährung, sondern soll ja auch Spaß machen. Wir haben als Kontrast ein Rot und eine Eisfarbe gewählt – eine Kombination aus Tomatenrot und Farbe von frischem Wasser. Wir haben dann verschiedene Aspekte diskutiert: Wie ist die Reflexion des Rot beschaffen? Ist sie opak, glänzend oder transluzent? Aus diesen Überlegungen entstand dann eine Atmosphäre, in der man das Essen besser genießen kann. Ich fahre deswegen morgen weiter zur Baustelle, um zu sehen, ob das Konzept aufging oder wir noch etwas ändern müssen.

Manche Menschen, so genannte Synästhetiker, sind auch in der Lage, beim Hören von Musik konkrete Farben zu visualisieren. Sehen Sie auch Farben, wenn Sie Musik hören?

Ja, ich kenne das und finde, es ist ein gutes Training zur Sensibilisierung für Farben. Das kann man übrigens auch mit Hilfe von Yoga üben. In der Yoga-Philosophie heißt es, dass jedes Chakra im Körper einer Farbe entspricht. Um Farben wahrzunehmen ist daher Yoga eine sehr gute Sache.

Machen Sie Yoga?

Ich selbst praktiziere Yoga, aber nicht um mehr Farben wahrzunehmen. Ich nehme Farben einfach auf. Allerdings denke ich, dass jeder von uns in der Lage ist, Farbe wahrzunehmen. Das viel komplexere Thema ist nur, ob wir es uns auch zutrauen. Viele Menschen erlauben sich nicht, mit Farben zu spielen und sie als eine Möglichkeit des Ausdrucks zu begreifen.

Gibt es überhaupt „falsche“ Farben?

Keine Farbe ist prinzipiell falsch. Höchstens die Beziehung zu ihrem Gegenstand könnte falsch sein. Sie könnte zu klar, zu präzise sein oder den Wert eines Objektes mindern. Aber ich sage niemals prinzipiell, dass diese oder jene Farbe falsch sei. Vielleicht kann ich die Qualität einer Farbe verbessern oder etwas Präziseres aus ihr herausfiltern. Denn: Warum existieren Farben? Farben setzen die Dinge in Beziehung zueinander. Sie existieren nicht losgelöst voneinander. Selbst die Farbe des Himmels ist nicht nur eine einzelne Farbe sondern setzt sich aus ganz vielen verschiedenen zusammen. Doch wenn man Farben beurteilt, spielen Vorurteile eine große Rolle – wie auf jedem Gebiet.

Welche ist eigentlich Ihre Lieblingsfarbe?

Meine Lieblingsfarbe ist die Farbe der Atmosphäre. Dabei ist es keine bestimmte Farbe. Es gibt Momente von speziellem Licht und einer speziellen Schwingung des Lichtes, die ich sehr mag. Zum Beispiel einen grauen Tag am Meer. Denn das Grau viel mehr als nur eine graue Mauer, der graue Tag hat auch ein helles Blau. 
Ich mag die Natur, und ich mag das Künstliche. Ich mag auch die Farbe von LEDs – am Liebsten sogar mit natürlichem Licht zusammen. Kurzum: Ich bin einfach neugierig.

Vielen Dank für das Gespräch.















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