Greg Lynn

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Text: Norman Kietzmann


Greg Lynn ist der Vordenker des Blobs. Geboren 1964 in Ohio, studiert er an der University of Ohio sowie an der Princeton University Architektur und Philosophie und sammelt von 1987 bis 1990 erste praktische Erfahrungen im Büro von Antoine Predock Architects in Los Angeles. Entscheidend sollte für ihn jedoch die Zusammenarbeit mit dem New Yorker Architekten und Theoretiker Peter Eisenman sein, in dessen Büro er bis zur Gründung seines eigenen Studios „Greg Lynn Form“ in Venice, Kalifornien, 1994 tätig ist. Schon zu Beginn der Neunziger Jahre veröffentlicht Lynn zahlreiche Texte und Bücher zum Thema Hybridität und liefert dem neuen, computergenerierten Entwerfen den bis dato fehlenden theoretischen Hintergrund. Als Vorreiter der so genannten „Blob-Architektur“ wird Lynn fortan mit zahlreichen Professuren beauftragt, darunter an der ETH in Zürich, der Hochschule für angewandte Kunst in Wien sowie der Yale University in New Haven. Während der Architekturbiennale 2008 in Venedig überrascht er mit einer Serie ungewöhnlicher Tische, deren Sockel aus recyceltem Kinderspielzeug gefertigt wurden – und gewinnt den Golden Löwen für die beste Installation. Wir trafen Greg Lynn am Morgen nach der Preisverleihung in Venedig und sprachen mit ihm über die Biennale 2008, Spielzeug als Baumaterial der Zukunft sowie die Orientierungslosigkeit der gegenwärtigen Architektur.


Herr Lynn, mit Ihren "recycled toy furnitures" haben Sie den Golden Löwen der Biennale 2008 gewonnen. Hatten Sie damit gerechnet?

Auf keinen Fall. Dafür waren die Sachen, die ich gemacht habe, eigentlich zu einfach. Ich habe die Ausstellung im Grunde dazu genutzt, an etwas zu arbeiten, an dem ich sonst vielleicht nicht gearbeitet hätte. Etwas, das ansonsten nicht so sehr meine Aufmerksamkeit erhalten hätte. Ich hätte eher gedacht, dass etwas Spektakuläreres den Löwen gewinnen würde. Denn allein schon von ihrer Größe her gesehen sind meine Objekte sehr klein. Andere haben viel Zeit damit verbracht, große Installationen zu errichten. Dennoch hoffe ich, dass meine Installation die Menschen provozieren wird und sie darüber nachdenken lässt, wie solch seltsame Dinge wie Spielzeug für die Architektur genutzt werden könnten. Natürlich freue ich mich über den Preis, aber erwartet habe ich es wirklich nicht.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Die meisten, die mir gratuliert haben, waren Freunde und Kollegen, mit denen ich schon seit längerem über dieses Projekt geredet habe. Sie waren deshalb natürlich neugierig und überrascht, es zu sehen. Manche sagten, dass sie zwar die Idee mögen würden, die Objekte selbst aber hässlich fänden – solche Kommentare kamen da – aber ich denke, der wirkliche Test ist vielmehr der, welche Auswirkungen das Projekt in zehn Jahren haben wird. Das kann man bei der Eröffnung einer Ausstellung ja nie wissen. Darum ist es auch für eine Jury nicht leicht, so etwas auszuwählen. Die Meinungen waren also sehr verschieden. Doch für mich geht es auch gar nicht darum, Dinge zu entwerfen, von denen jeder sagt: „Oh, die sind aber schön.“ Ich finde es viel spannender, wenn manche sie mögen und andere eben nicht. Doch da es in diesem Fall Spielzeugteile waren, haben sehr viele Besucher davon Bilder gemacht. Es gab also auch einen gewissen Spaß-Faktor. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass eines meiner früheren Projekte jemals so viele Leute angezogen hat.

Was ist Ihr Eindruck von der diesjährigen Biennale?

Zur Anfangszeit der Biennale gab es nur wenige inhaltlich Beteiligte, denn die Kuratoren wurden oftmals für mehrere Jahre beauftragt, sodass es eine gewisse Kontinuität gab. Bei den letzten fünf oder sechs Biennalen war es eher ein Experiment mit rotierenden Zuständigkeiten. Alle haben versucht, sich möglichst stark voneinander abzugrenzen, was für mich eine nicht so gute Idee ist. Ich denke, wenn diese Biennale hier die erste von mehreren wäre, wäre sie gut. Was ich wirklich mag ist, dass sie nicht so systematisch wie beim letzten Mal konzipiert ist, als es um das Thema Stadt ging. Es erlaubt unterschiedliche Stimmen. In dieser Beziehung halte ich diese Biennale für eine sehr starke Biennale. Andererseits hätten viele Architekten mit ihren Arbeiten noch weiter gehen können, als sie es getan haben. Sie haben sich nicht so sehr gefordert, doch im Grunde ist es jedes Mal ein wenig so. Ich denke, die Biennale ist in den letzten vier Jahren ein wenig von ihrer Spur abgekommen. Diese Biennale hat sie nun wieder gefunden.

Sollte die Biennale provokativer werden?

Ja, ich denke, sie sollte wieder ein wenig so werden wie vor zwanzig Jahren. Damals war sie ein Platz, an dem Leute debattiert und Vorschläge für die Zukunft gemacht haben. So sollte die Biennale sein – und keine Messe, wo alle bekannten Namen ihre Projekte verkaufen. Sie sollte daher weniger eine Ausstellung im klassischen Sinn sein als vielmehr ein Forum oder eine Konferenz. Zwar hat sie sich dem in diesem Jahr schon ein wenig angenähert, doch sollte sie in Zukunft noch weiter verändern oder weiter in diese Richtung sich verändern.. Schließlich gibt es zurzeit keinen anderen Ort als Venedig, an dem so etwas stattfinden könnte.

Wie sieht es mit theoretischen Fragen aus? Schließlich lautet das von Kurator Aaron Betsky festgelegte Thema "architecture beyond builing"?

Es war im Grunde weniger Architekturtheorie, die Aaron Betsky mit dieser Ausstellung meinte. Ich denke, es ging ihm vielmehr um Experimente in der Konstruktion. Darum hat auch diesmal Frank O. Gehry den Löwen für sein Lebenswerk bekommen. Aber es stimmt, dass die Theorie bei früheren Biennalen viel mehr eine Rolle gespielt hat. Der Grund dafür mag sein, dass die Biennale früher auch nicht so sehr für die breite Öffentlichkeit als vielmehr nur für die Architekten selbst gemacht war. Es gab damals noch wirkliche Streits zwischen den Postmodernisten, den New York 5 und all diesen Gruppen – richtige Reiberein mit starken Auseinandersetzungen. Aber heute das ist ganz anders. Es ist viel schwieriger geworden, unterschiedlicher Meinung zu sein als noch vor 20 Jahren.

Erklären Sie uns bitte, was es mit Ihren "recyceled toy funitures" auf sich hat, für die Sie auch den Goldenen Löwen gewonnen haben?

Als mich Aaron gebeten hat, Vorschläge zu machen, habe ich ihm zunächst mein Blobwall-System gezeigt. Dieses besteht aus lauter Kunststoffbausteinen, die auf unterschiedliche Weise zusammengesetzt werden können. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich daraus gerne ein Gebäude machen würde. Aaron meinte dann aber, dass er sich eher etwas vorgestellt hätte, das stärker kulturell ausgerichtet ist und sich um Wohnen und das Zuhause dreht. Mir fiel in diesem Moment wieder ein, dass ich für die einzelnen Bausteine des Blobwall-Systems ursprünglich recyceltes Kinderspielzeug verwenden wollte. Wir sind dann weiter in diese Richtung gegangen. Die Arbeitsweise war im Grunde wie eine Art Pingpong zwischen Aaron und mir. 

Wie kamen Sie eigentlich auf das Thema Spielzeuge?

Der wahre Grund ist natürlich der, dass ich Kinder habe. Sie sind zwar jetzt schon ein wenig älter, aber mich haben diese großen Kunststoffobjekte schon immer interessiert. Ich fand daran sehr spannend, dass es als Material für den Innen- wie Außenbereich verwendet werden kann und zudem auch noch sehr günstig, sehr leicht und außerdem recyclebar ist. Ich habe dann öfters darüber nachgedacht, wie man Kunststoff als Baumaterial verwenden könnte und fand die Idee interessant, Spielsachen, Mülleimer oder andere Kunststoffobjekte als Bausteine zu verwenden. Ich fing also an, weiter an dieser Idee zu arbeiten. Das Projekt läuft jetzt schon seit ungefähr zwei Jahren.

Wurden die verwendeten Spielsachen vorher modifiziert oder eins-zu-eins übernommen?

Ja, wir haben an ihnen nichts vergrößert oder verkleinert. Sie sind so, wie man sie im Laden kaufen kann. Das eine ist ein kleines Klettergerät für Zweijährige, ein anderes ein Schlitten in Form einer kleinen Ente. Wir haben sie dann in eine Maschine gestellt und digital gescant. Anschließend haben wir sie neu zusammengestellt und die Intersektionen im Innenleben der Spielsachen von einem Robotter schneiden und anschließend neu zusammensetzen lassen. Manche der Objekte sind in ihrem Sockel mit einem hoch verdichteten Schaum gefüllt, damit sie stabil genug sind und nicht umfallen.

Was war das Ziel hinter dieser ungewöhnlichen Art von Recycling?

Ich wollte damit auf unterschiedliche Weise über Struktur und Konstruktion nachdenken. Ich denke, es gibt sehr viel Energie, die in Stahl steckt. Denn Stahl ist vielleicht das am meisten industrialisierte Baumaterial unserer Zeit. Wenn man ein Gebäude aus Stahlrahmen errichtet, wird jedes Teil zuvor in einer Fabrik angefertigt, geschnitten – meistens auch mithilfe von Robotern – alles ist sehr technisch und industriell. Glas ist ebenfalls industrialisiert, wie auch bestimmte Beton-Paneele. Was bis heute am Wenigsten industriell geprägt ist, ist Mauerwerk. Also die klassische "Brick & Block Industry". Ich habe mich dann gefragt, ob es nicht einen anderen Weg gibt, mit Mauermerk umzugehen und es weniger im Sinne seiner Materialität als vielmehr im Stapeln einzelner Objekte zu sehen. Ich habe mir dann die Struktur von Bienenwaben oder Zellen angeschaut und über einen strukturell stabilen Hohlziegel nachgedacht. Es müsste so geschaffen sein, dass wenn man ihn aufschneidet und mit einem anderen verbindet, automatisch ein neues bienenwabenähnliches Gehäuse entsteht. So kam ich auf die Idee, Kunststoffhohlkörper wie Spielsachen zu benutzen, sie aufzutrennen und auf neue Weise zusammenzufügen. Ich habe dann mit meinem Team einen Turm gebaut, der eine Grundfläche von zehn mal sieben Meter hatte und acht Meter hoch war. Er war selbst tragend, freistehend, außerordentlich stabil und zudem sehr leicht. 15 Personen konnten ihn bequem davontragen.

Die verwendeten Kunststoffspielsachen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Formensprache sondern ebenso in ihrer poppigen Farbigkeit von herkömmlichen „Baumaterialien“. Inwieweit verändert dies die Wahrnehmung?

Was ich an den Spielzeugtischen besonders mag, ist dass sie wie barocke Skulpturen aussehen – ein wenig wie der Trevi Brunnen mit all diesen vielen unterschiedlichen Figuren, die von einer großen Form zusammengehalten werden. Man sieht einerseits die Masse als Ganzes und doch bleibt jede individuelle Form erkennbar. Es ist fast ein wenig so wie in den Gemälden von Giuseppe Arcimboldo. Der Charakter der einzelnen Elemente und der Charakter des Ganzen sind dabei vollkommen verschieden. Ich mag das sehr. Bei meinen Objekten findet sich zusätzlich ein gewisser Grad an Wiederholung wieder. So tauchen manche Details an mehreren Stellen auf, damit erkennbar bleibt, dass es sich um ein industrielles Produkte handelt.

Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht so aussieht…

Ja, denn ich finde den Trend absolut lächerlich, dass viele Designer ihre Möbelentwürfe als Kunst verkaufen. Denn viele davon funktionieren einfach nicht. Als ich zum Beispiel den Ravioli -Stuhl für Vitra gemacht habe, fragte mich damals Rolf Fehlbaum (Kreativdirektor und Firmeninhaber von Vitra, Anm. der Redaktion), ob ich nicht einen Art-Chair machen wolle. Ich hatte ihm zuvor gesagt, dass ich gerne etwas aus Titan machen würde. Er sagte dann: „Oh ein Titan-Stuhl. Der ist kalt im Winter, heiß im Sommer, er hat scharte Kanten, an denen man sich schneiden kann. Außerdem ist er sehr leicht, sodass der Stuhl sehr viel Lärm erzeugen wird, wenn man sich auf ihm sitzt. All diese Aspekte bedeuten, dass niemand darauf sitzen möchte. Aber schön könnte er sein." Also schlug er vor, einen Art-Chair zu entwickeln. Doch das wollte nicht ich nicht. Ich wollte einen richtigen Stuhl entwerfen. Ich denke, zuviel von den Dingen, die Messen wie der "Design Miami-Basel" zu sehen sind, funktionieren überhaupt nicht.

Weil sie nicht für die industrielle Produktion gedacht sind...

Ja, denn sie unterliegen keinerlei funktionalen, ergonomischen oder ökonomischen Kriterien, wie sie echte Möbel zu erfüllen haben. Ich fand es aber viel interessanter, Möbel zu entwerfen, die einerseits funktional sind, andererseits auch eine gewisse popkulturelle Qualität haben und ein Stück weit ironisch sind. Von der Serienreife sind meine „recyceled furnitures“ aber noch weit entfernt, da sie alle einzeln per Hand montiert werden mussten. Ich dachte anfangs auch, es wäre deutlich einfacher. Doch es fehlt momentan einfach eine passende Software, mit der sich das Zusammenfügen der einzelnen Bauteile präzise berechnen lässt. Um das Projekt weiter voran zu bringen, müssten wir also zuerst diese fehlende Software entwickeln.

Der Computer und die neuen 3D-Programme haben die von Ihnen mit entwickelte Blob-Architektur erst möglich gemacht. Gleichzeitig haben Sie mit Ihren Büchern immer wieder auch auf theoretischer Ebene zu diesem Thema Position bezogen. In der heutigen Architekturszene scheint dieses Zusammenspiel aus Theorie und Praxis dagegen kaum noch eine Rolle zu spielen...

Es stimmt schon. Vielleicht nicht so sehr meine Generation, doch diejenigen, die vor zehn Jahren studiert haben, konzentrieren sich mittlerweile fast ausschließlich auf den Computer und all die praktischen Fragen. Es gibt also heute eine ganze Generation, die im Grunde gar nicht weiß, warum sie die Dinge, die sie macht, überhaupt macht. Alles, worüber sie reden, ist welche Software sie benutzen. Ich fühle mich dafür auch ein Stück selbst mit verantwortlich, wenn nicht sogar schuldig. Ich habe immer versucht zu sagen, was die Konzepte hinter den Werkzeugen sind. Aber der Fokus lag in all meinen Büchern immer sehr stark auf den Werkzeugen. Ich denke, in den nächsten Jahren muss diese Generation auf kultureller, historischer und architektonischer Ebene selbst eine Antwort finden. Oder sie braucht jemanden, der von außen kommt und es ihnen abnimmt. Aber im Moment, sehe ich diese Person noch nicht. Es gibt einfach nicht genug Historiker und Theoretiker mehr, die große Debatten möglich machen. Es könnten also zehn schlechte Jahre werden, wenn die Architekten nicht anfangen, wieder selbst nachzudenken und miteinander darüber zu reden.

Sollte das Motto der nächsten Biennale vielleicht heißen: „Less nerds more words“?

(Lacht.) Ich weiß nicht. Vielleicht.

Vielen Dank für das Gespräch.


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