Günter Horntrich

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Text: Katrin Schamun, 30.04.2008

Die Themen, mit denen sich Günter Horntrich bevorzugt beschäftigt, sind Design und Nachhaltigkeit. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Design und Ökologie an der KISD in Köln und Gründer des Büros Yellow Design. Schwerpunkt von Horntrichs Lehre ist zurzeit die Bionik, die zukünftig eine große Rolle im Design spielen wird. Horntrich entwirft nicht nur Produkte für das Bad, sondern ist auch als Unternehmensberater tätig. Wir sprachen mit ihm über den inzwischen inflationär genutzten Begriff Wellness, das veränderte Bewusstsein unserer Gesellschaft gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit und über die sich vermeintlich widersprechenden Themen Ökologie und Design.
Herr Horntrich, was sagen Sie zum heutigen Baddesign?
Betrachtet man die heutigen Bäder, dann sind Luxus, Pomp, Schwülstigkeit und Überdimensioniertheit zu erkennen. Vielleicht entwickelten sich diese luxuriösen Bäder durch den Wellness-Gedanken, der ja über die letzten Jahre hinweg gepflegt wurde. Aber Wellness wird meiner Meinung nach immer falsch in Design umgesetzt: mit organischen Formen, sehr amorph.
Wieso hat Wellness für Sie nichts mit organischen Formen zu tun?
Wellness ist ein viel gebrauchter Begriff, der eine starke Verallgemeinerung erfährt. Inzwischen gibt es, neben Bad und Wellness, auch Wellnessmarmelade und Wellnesswasser. Wellness kann zurückgeführt werden auf: Den Körper in den Mittelpunkt stellen. Das bekannteste Beispiel, Wellness in Architektur umzusetzen, ist Peter Zumthors Therme in Vals. Dort finden sich sehr klare Formen, da ist nichts amorph.
Was ist für Sie Wellness?
Wellness ist eigentlich die Zurückführung auf körperliche und geistige Funktionen. Das bedeutet, Zeit zu haben, also eher „slow food“ und nicht „fast food“ zu sich zu nehmen, sich den Elementen hinzugeben und die Körperlichkeit wieder in den Vordergrund zu stellen. Insbesondere wirkt sich dies auf die Planung des häuslichen Heims aus. Was ist der Mittelpunkt einer Wohnung? Ist es eher das Badezimmer oder die Küche? Bisher war ein Badezimmer immer irgendeine Station der Sauberkeit. Wellness hat mit Sauberkeit nichts zu tun, sondern mit Pflege und Entspannung.
Als Designer entwerfen Sie Produkte für Wellness im Bad. Sie arbeiten als Berater und Designer und lehren außerdem an der Köln International School of Design (KISD).
Ja, ich habe zwei Leben. In dem einen leite ich seit 1992 das Lehrgebiet für Ökologie und Design an der KISD in Köln, das andere Leben ist die Arbeit in meinem privaten Büro. Das Design hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Heute entwirft man nicht nur Produkte für ein Unternehmen, sondern bindet Design in eine bestimmte strategische Funktion ein. Das Unternehmen entscheidet, wohin es sich mit seiner Produkt- und Warenwelt in den nächsten Jahren entwickelt und welche Markenwerte es besitzt. Andere Fragen beziehen sich auf den Fachhandel: Wo werden die Badewannen verkauft? Was passiert parallel dazu im Baumarkt? Design ist nicht nur der Entwurf einer Badewanne, sondern eben auch – und so verstehen wir Design – eine strategische Optimierung der Produkte für die Zukunft.
Zu Ihrem zweiten Leben als Professor: Wie ergänzen sich Theorie und Praxis?
Die Lehre an der KISD basiert auf Projektunterricht. Wir arbeiten im Team zusammen an Projekten und lösen bestimmte Aufgaben – eine ähnliche Herangehensweise wie in der Wirtschaft. Auch dort sitzen unterschiedliche Spezialisten zusammen und versuchen ein Problem zu lösen. Es ist sehr inspirierend für mich und auch für die Studenten, praxisbezogen zu unterrichten. Hinzu kommt die Internationalität, wodurch Projekte unter anderen Vorzeichen angegangen werden und ein kultureller Konsens zu Stande kommt. Auf das Bad bezogen: Ein Bad in Finnland wird anders sein als eines in Italien oder Japan.
In Japan gibt es eine sehr traditionelle Badekultur.
Ja, sie ist sehr an Maße gebunden: Es gibt dort höhere Wannen, in denen die ganze Familie badet. Den Körper reinigen und sich wohlfühlen hat einen ganz anderen Stellenwert. In unserer Kultur wurde zu der Zeit, als es noch die Dorfsauna oder das Gemeinschaftsbad gab, auch in einer anderen Weise ein Bad genommen als heute. Das Reinigen hatte einen ganz anderen Stellenwert.
Was ist für Sie Design und was macht gutes Design im Bad für Sie aus?
Ich denke, dass viele Sachen sehr technisch orientiert vermarktet werden. Und für mich steht die Frage der Nützlichkeit, der Funktion und der Technologie nicht unbedingt an erster Stelle, sondern die Frage der Sprachregelung – also die Semantik. Sagt mir ein Wasserhahn wie er funktioniert? Aber zunehmend werden die technischen Raffinessen in den Vordergrund gestellt, wie bei einer Armatur beispielsweise die Strahldichte: kleiner Strahl, mittlerer Strahl oder die Art der Mischer und so weiter. Das kann man mit der Entwicklung eines Automobils mit seinen elektrischen Scheibenhebern, Verstellungssitzen oder der Sitzheizung vergleichen – das ist zwar schön, aber zum Fahren braucht man es nicht unbedingt. Die Struktur des Bads verkommt auf ähnliche Weise, aber ich glaube, es wird eine Rückbesinnung geben. Die ersten Tendenzen hat man eigentlich schon auf der vergangen ISH in Frankfurt gesehen. Das Bad wird einfacher, überschaubarer und wieder sinnlicher. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist die Materialität. Ich denke, es gibt eine gewisse Sehnsucht nach einer materialgerechten Verarbeitung. Wenn Holz, dann das richtige Holz, kein Imitat, und das muss ich dann eben auch pflegen. Ich glaube, dass der Konsument eher das Echte wieder gern hat, das Reale. In einer sehr mobilen, in einer sehr virtuellen Welt wächst sein Bedürfnis, sich wieder einzuordnen in Dinge, die er archetypisch einfach kennt.
Die Rückbesinnung zur Natur…
Natur - das ist eine philosophische Diskussion: Gibt es überhaupt noch Natur? Und was ist Natur? Das wird sehr unterschiedlich gesehen. Die Natur, die wir hier haben, ist ja keine ursprüngliche Natur mehr. Sie wurde über die Jahrhunderte geprägt vom Menschen. Das wird auch in der gesamten Umwelt- oder Ökologie-Debatte wieder klar. Es ist keine politische Diskussion, die wir führen, wie in den 1970er Jahren mit der Ökologie. Heute geht es um die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Und für was geben wir unser Geld aus? Kaufe ich ein Hemd für 9,90 Euro oder eines für 30 Euro und das habe ich einfach zwei Jahre länger und es trägt sich gut auf der Haut? Das ist eine ganz andere Lebenseinstellung und hat wiederum mit Material zu tun: Wo kommt es her? Wer hat es verarbeitet? Mit allen Sinnen leben, essen und natürlich auch sich pflegen. Und da spielt das Wohnen und Baden auch eine große Rolle.
Die Bedeutung von Nachhaltigkeit wächst?
Heute spielt Nachhaltigkeit eine große Rolle. Die 17jährigen gehen mit der Frage der Nachhaltigkeit, der Langlebigkeit und des Umweltbewusstseins ganz anders um als wir in den 1980er Jahren. Damals war es ein völlig neues Terrain und wir haben noch jeden Aluminiumjoghurtdeckel voller Stolz gesammelt. Aber unser Bewusstsein hat sich verändert. Damals sind Firmen, die Stoffe aus ökologischem Anbau vertrieben haben, bankrott gegangen, denn keiner wollte aufgrund ihres Aussehens die Produkte kaufen. In der Zwischenzeit gibt es auch große Unternehmen, die ökologische Materialien produzieren. Aber nicht nur, weil sie ökologisch sind, sondern weil es ökonomisch sinnvoll ist. Eigentlich hat uns eine Sinnkrise erfasst – ein Überdruss am Überfluss. Wir haben im Grunde genommen alles, und zwar doppelt und dreifach. Irgendwann stellt sich die Frage: Was ist denn das Richtige von dem, was wir haben? Was brauchen wir überhaupt noch? Und das führt uns dann natürlich zu den richtigen Fertigungsmethoden, zum richtigen Material, produziert aus der Region etc. Es ist ein Wertewandel im Konsumentenverhalten festzustellen.
Ist das ein Thema in Ihrem Lehrgebiet?
Mein Lehrgebiet ist Ökologie und Design. Zwei Bereiche, die an einer Schnittstelle stehen. Design ist eigentlich kontraproduktiv, denn wenn man irgendetwas gestaltet, verbessert oder trendiger, sprich farbiger oder leistungsfähiger macht, dann geschieht das aus dem Grund, den Verkauf anzukurbeln. Bei einem Überfluss von Produkten müssen die Marktsegmente erweitert werden und das kann nicht ökologisch sein. Deswegen widersprechen sich Ökologie und Design und deswegen müssen wir über andere Dinge nachdenken: Wie werde ich zukünftig reisen? Wie werde ich zukünftig essen? Wie werde ich zukünftig kommunizieren? Wie verändert sich die Welt? Was macht der demographische Wandel? Das sind Grundlagen, um die richtigen Produkte zu gestalten - und keine ökologischen. Was sind eigentlich ökologische Produkte? Solche aus Holz? Es ist zu kurz gedacht, dass man Produkte ansehen könne, sie seien ökologisch.
Ein Produkt ist ökologisch, wenn es lange hält?
Genau dass ist ein Grundthema gewesen in der Tradition der Designer vom Bauhaus und der HfG Ulm: Produkte zu entwerfen, die funktional sind, gut für den Verbraucher, die nicht kaputt gehen, sich klar erkennen und erklären lassen, aus dem richtigen Material gemacht sind und zu einem günstigen Preis angeboten werden. Also ich möchte jetzt nicht sozialistisch werden, aber das sind die Grundthesen. Wir Designer sind ein bisschen verkommen in den letzten Jahrzehnten, in denen wir Produkte entwarfen, die immer schneller, bunter, amorpher und emotionaler wurden. Es ist immer sehr schwierig, wieder auf alte Werte zurück zu kommen. Aber ich sehe gerade dort auch eine gute Diskussion, weil im Zusammenhang mit der Umwelt der Nachhaltigkeitsfaktor natürlich noch ein anderer, sehr wichtiger Begriff ist, mehr als es die Ökologie war.
An welchen konkreten Forschungsthemen arbeiten Sie derzeit in Ihrem Lehrgebiet?
Wir bieten zu unterschiedlichen Themen Projekte an. In den letzten Jahren beschäftigte uns sehr das Thema Bionik: Wie baut Natur? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Statik und Materialität in der Natur, oder Mimikri: täuschen, verstecken und warnen. Es gibt unterschiedliche Arten von Bionik mit denen wir uns befassen. Ein Projekt, in dem Studenten Stühle gestalten, heißt einfach nur „Sitzen“. Dort fließen Aspekte der Natur ein wie beispielsweise Materialvolumen, Statik oder die Stapelbarkeit. Bionik hängt natürlich sehr stark mit neuen Materialien und der Nanotechnologie zusammen. In Zukunft wird sich noch einiges in dieser Richtung entwickeln, denn diese Materialien besitzen ganz neue Eigenschaften. Mit ihnen werden wir auch Produkte kreieren können, die man sich teilweise noch gar nicht vorstellen kann, wie etwa Schwimmanzüge mit Haifischhaut oder die Entwicklung von Konstruktionsprogrammen, die von Bäumen abgeschaut werden. Der Lotuseffekt wird in diesem Zusammenhang immer gleich als erstes angeführt. Dabei können Oberflächen wie bei einer Lotuspflanze nicht verdreckt werden, da der Schmutz nicht haftet.
Und zum Thema Wasser, was wird es Neues geben?
Wir arbeiten gerade im Büro an einem bionischen Forschungsprojekt mit der Fragestellung, ob man einem Fluss die Bewegung des Wassers ansehen kann und wie es abfließt. Die Bionik wird auch in diesem Bereich noch einige Dinge verändern. Aber das geht nur mit neuen Materialien und neuen Fertigungsmethoden und die sind im Moment noch sehr teuer.
Vielen Dank für das Gespräch.

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