Hadi Teherani

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Text: Norman Kietzmann, 12.04.2010


Hadi Teherani denkt über Bürogebäude längst hinaus. Geboren 1954 in Teheran, kommt er im Alter von sechs Jahren nach Deutschland und studiert von 1977 bis 1984 Architektur an der Technischen Universität Braunschweig. 1991 gründet er zusammen mit Jens Bothe und Kai Richter das Architekturbüro BRT Architekten in Hamburg. Zu ihren Markenzeichen gehört eine Vorliebe für gläserne Fassaden genauso wie der Einsatz intelligenter Gebäudetechnik. Neben Bürogebäuden wie dem „Berliner Boden“ oder dem schiffsähnlichen „Dockland“ in Hamburg planen sie drei Kranhäuser im Kölner Hafen (BRT Architekten zusammen mit Linster-Architekten)
, die Firmenzentrale von Tobias Grau in Hamburg, bis hin zu Interieurs für den römischen Herrenschneider Kiton. 2003 gründet Hadi Teherani ein Designbüro unter seinem eigenen Namen und entwickelt mit seinen heute über 20 Mitarbeitern Möbel, Leuchten, Fußböden oder Interieurs. Wir trafen Hadi Teherani in Köln und sprachen mit ihm über die Rückkehr der Teppichfliese, seine Erfahrungen als Modedesigner und spindelartige Vogelhäuser.


Herr Teherani, neben Ihrer Arbeit als Architekt haben Sie sich immer auch dem Design gewidmet. Mit Ihren Kollektionen “Scale“ und „FreeScale“ haben Sie die gute alte Teppichfliese wieder aufleben lassen. Ein Thema, um das die meisten Architekten normalerweise einen weiten Bogen machen.


Es stimmt, der Teppichfliese sind wir Architekten nicht wohl gesonnen. Denn wenn man einen schönen Boden hat, warum soll man den zerstückeln? Man hat das Gefühl, dass seine Wertigkeit dabei verloren geht. Auf der anderen Seite ist die Fliese notwendig, weil viele Gebäude doppelte Böden haben und man so schnell an einzelne Stellen herankommt oder Bereiche auswechseln kann. Im Grunde hat die Teppichfliese sehr viele Vorteile, von der Lieferung bis hin zur Reparatur. Aber gerade in Deutschland ist der Widerstand sehr hoch. Teppichfliesen kommen nur dann zu Einsatz, wenn es nicht anders geht und selbst dann höchst widerwillig. Im Ausland gibt es dagegen weniger Berührungsängste, wo Teppichfliesen in 80 Prozent aller Bürogebäuden eingesetzt werden und somit weit häufiger als „normale“ Teppichböden oder Naturböden aus Stein oder Holz.

Was ist der Grund für diese Vorbehalte?

Weil sie bisher ein langweiliges, genormtes Format hat – so wie eine Betonfliese auf dem Gehweg. Das ist nicht sexy. Wenn wir schon größere und flexiblere Formate hätten, würde sie viel öfter eingesetzt werden. Natursteinböden, auf das Format einer klassischen Teppichfliese von 30x30 oder 40x40 Zentimetern beschnitten wären, würden ebenfalls an Wirkung verlieren. Ein Boden bekommt erst dann eine Großzügigkeit und einen eigenen Habitus, wenn er über in einem größeren Format verlegt wird.

Mit Ihren Teppichfliesen „Scale“ haben Sie bereits in diese Richtung gearbeitet und Maße von 50x50, 50x100, 25x100 und 100x100 Zentimetern eingeführt.

Ja, denn durch diese Grundform kann man einen Strichcode oder unzählige andere Muster zusammenstellen. Indem man andere Farben und Oberflächen verwendet, lässt sich ein individueller Teppich kreieren, den man sonst nicht kaufen kann. Durch das Baukastensystem entsteht ein Mehrwert – weil es unendlich anwendbar ist und sich auch in der Anmutung deutlich von standardisierten Teppichfliesen unterscheidet.

War dieses System noch an ein orthogonales Raster gebunden, setzen Sie mit „Free Scale“ auf eine diagonale Form. Ein Effekt, der früher bereits in Brasserien und Caféhäusern angewandt wurde, um Räume optisch zu vergrößern.


Ja, sie bildet dadurch eine eigenständige Struktur und sieht gar nicht aus wie eine Teppichfliese. Sie prägt sich optisch besser ein und erhält durch die geänderte Fließrichtung eine höhere Dynamik. Man kann sie zum Ende hin auch offen auslaufen lassen und somit Übergänge zu anderen Böden herstellen. Sie ist ein Werkzeug, das in seinen Vorgaben offen ist. Die Anordnung der Fliesen kann präzise geplant werden oder aber auch am Computer einem Zufallsprogramm unterworfen werden. Während der Entwicklung haben wir festgestellt, dass sie sich auch preislich kaum gegenüber einer herkömmlichen Teppichfliese unterscheidet. Das macht es umso verwunderlicher, dass etwas Ähnliches bisher noch nicht auf dem Markt ist.

Welche Rolle spielt der Boden bei der Gestaltung von Räumen?

Der Boden ist genauso wichtig wie die Wand und die Decke. Die Anforderungen, denen er gerecht werden muss, sind jedoch sehr unterschiedlich. Wenn man einen harten Boden verwendet, ist es wichtig, eine schallschluckende Decke einzusetzen, um die Akustik hinzubekommen. Wenn man mit neuen Systemen arbeitet wie der so genannten Bauteil-Aktivierung, können wir keine abgehängten Decken verwenden. In diesem Fall muss die Betondecke Speichermasse für die Wärme oder Kälte sein, die aus den durchlaufenden Wasserleitungen abgegeben wird. Da die Decke somit automatisch hart bleibt, muss der Teppich dies wieder ausgleichen. Es ist daher immer wichtig, verschiedene Optionen bei Bodenbelägen zu haben. An Teppichböden führt vor allem in Bürogebäuden oft kein Weg vorbei. Holz- oder Steinböden würden hierfür nur in Frage kommen, wenn sie den Schall auf ähnliche Weise wie Textil schlucken würden. Doch davon sind wir noch weit entfernt.

Als Sie anfingen, als Architekt zu arbeiten, waren Sie parallel auch als Modedesigner tätig. Sind Sie über die Stofflichkeit der Teppichentwürfe nicht auch ein Stück weit zu Ihren eigenen Ursprüngen zurückgekehrt?


Da kann man sogar noch weiter zurückgehen. Ich komme ja aus Persien. Mein Vater war Händler und hatte seinerzeit immer ein Lager voll von Teppichen. Ich bin also mit ihnen aufgewachsen. Als ich 1990 in Köln mein erstes Architekturbüro eröffnet habe, hatte ich natürlich kein Geld. Nachdem dann ein Laden im selben Haus frei wurde, habe ich versucht, parallel auch in der Mode zu arbeiten. Dieses Ganzheitliche ist mir sehr wichtig, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Architekten sind immer ein wenig ernst und verwalten die Moral in der Gestaltung. Dabei sollten auch sie sich öffnen. Gestaltung ist für mich ein Gesamtkunstwerk, das über die Disziplinen hinweg greift und ebenso das Design von Möbeln, Türklinken oder Beleuchtung mit einschließt wie die Architektur. Es ist wichtig, auch Dinge zu tun, die nicht zu unserem eigentlichen Beruf gehören.

Wie intensiv waren Ihre Ausflüge in die Mode: Haben Sie die gesamten Kollektionen selbst entworfen?

Ich habe die Kollektionen entworfen, die Stoffe gekauft, eingefärbt, alles. Nach drei, vier Jahren habe ich jedoch mit der Mode aufgehört und mich nur noch auf die Architektur konzentriert. Ab 2003 habe ich dann neben dem Bauen auch mit dem Produktdesign begonnen. Es macht mir Spaß, in unterschiedlichen Maßstäben zu arbeiten: auf der einen Seite 500 Meter lange Häuser zu bauen und auf der anderen Seite winzige Dinge zu entwerfen wie eine Leuchte.

Mit Ihrem Drehstuhl Silver und seiner aus Edelstahl geformten Außenschale haben Sie einen neuen Standard in der Gestaltung von Bürostühlen gesetzt. Was war für Sie der Auslöser, einen Drehstuhl zu entwickeln?

Das ist doch der Traum eines jeden Architekten. Unsere Vorbilder sind Le Corbusier oder Mies van der Rohe und sie haben alle Stühle gemacht. Da bekommt man natürlich auch Lust, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt. Die Entwicklung der Stuhlreihe war eine große Investition für den Hersteller. Mit einer Pause von einem halben Jahr hat die Entwicklung fast dreieinhalb Jahre gebraucht. Wir haben in dieser Zeit die gesamte Technik neu entwickelt. Es gibt nicht ein einziges bestehendes Bauteil auf dem Markt, das wir verwendet haben. Selbst auf das Design der Rollen haben wir ein Patent.

Anders als bei ihrem Architekturbüro Bothe, Richter, Teherani (BRT), das stets als Partnerschaft auftritt, entwerfen Sie ihre Designobjekte unter ihrem eigenen Namen. Warum dieser Schritt?

Vielleicht hat das auch mit Hamburg zu tun. Wenn man wie ich viel in der Medienlandschaft arbeitet, hört man immer wieder jemanden sagen: Du bist eine Marke! Ich sagte dann immer wieder: Nein, das möchte ich gar nicht. Als Marke aufzutreten, tut der Architektenkammer immer etwas weh, schließlich darf man ja als Architekt keine Werbung machen. Doch im Design hat dieser Schritt für mich Sinn gemacht. Wir sind derzeit zehn Personen im Bereich des Industriedesigns. Hinzu kommen noch zehn Innenarchitekten, die nun auch unter einem gemeinsamen Dach sitzen.

Eine Architektur im Kleinen haben Sie mit Ihrem Vogelhaus „Baya“ entworfen. Was hat es mit diesem Entwurf auf sich?

Es ist aus Holz gefertigt und besitzt eine spitze, spindelartige Form, die man in den Boden stecken oder von einem Baum herabhängen kann. Die Idee kam von den Webervögeln aus Südafrika, deren Nester über eine ähnliche Form verfügen. Auch hier fand ich den Sprung in den Maßstäben sehr spannend: Wenn man auf der einen Seite Gebäude für Menschen baut, ist es eine gute Abwechslung, ebenso welche für Vögel zu planen. Gleichzeitig ist die Form auch ein komplexes Designobjekt, für das wir wetterfestes Plantagen-Teakholz und Edelstahl verwendet haben.

Welche Art von Produkten würde Sie noch interessieren: vielleicht ein Fahrzeug oder ein Schiff? Mit Ihrem Bürogebäude „Dockland“ im Hamburger Hafen haben Sie ja bereits in eine deutlich maritime Richtung eingeschlagen.

Vor kurzem habe ich eine Studie zu einer Motoryacht entwickelt für die Werft "Blohm & Voss", die aber nicht weiter verfolgt worden ist. Auch an Segelbooten würde ich gerne arbeiten oder vielleicht ein Flugzeug einrichten. Doch der nächste Schritt geht eher in den kleineren Maßstab: Wir entwickeln derzeit eine Schmuckkollektion für Montblanc, die Mitte des Jahres auf den Markt kommen soll.

Vielen Dank für das Gespräch.

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