Hanns-Peter Cohn - Net´n´Nest

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Text: May-Britt Frank, 02.10.2006

Seit Jahrzehnten gilt Vitra als ein Trendsetter unter den Möbelherstellern: Für den Wandel unserer Wohn- und Arbeitswelten fand das Unternehmen immer wieder interessante Lösungen. Auch das Arbeiten in der Wissensgesellschaft regt zu neuen räumlichen Konzeptionen an. Die These: Der „Open-Space“ mit seiner flexiblen Struktur kehrt zurück in die modernen Unternehmen. Mit dem Großraumbüro vergangener Jahrzehnte und seinem freudlosen Arbeitsalltag hat diese Entwicklung aber nicht das Geringste zu tun, wie Vitra mit dem frischen Konzept „Net´n´Nest“ zur Orgatec im Oktober beweisen wird. Wir trafen Vitra-CEO Hanns-Peter Cohn vorab in Weil am Rhein.
DL: Herr Cohn, wie sieht das Büro der Zukunft aus?
Cohn: Wir glauben, dass das Büro als Ort der Administration und Verwaltung nicht bestehen bleibt. Dies wird in den zentraleuropäischen Ländern einfach zu teuer werden. Einfache Routinearbeiten werden ausgelagert und zu Dienstleistungsunternehmen nach Indien oder nach Osteuropa abwandern. Was hier bleibt, ist eine kreative und kundenorientierte Arbeit.
In Zukunft wird der Großraum mit der „Bench“- dem Tisch, an dem mehrere Mitarbeiter sitzen - das Bild der Büros bestimmen. Das ist der moderne Bildschirmarbeitsplatz, über den eine blitzschnelle Informationsbeschaffung möglich ist. Verarbeitung der Informationen und Diskussion finden ebenfalls hier statt. Dadurch können schneller Entscheidungen getroffen werden. Wir kennen das aus Architekturbüros, Werbeagenturen oder Händlerräumen bei den Banken. Projekte und Entscheidungen werden in Teamwork durchgepowert. Alle Kreativenergien werden auf den Punkt gebracht, um Effizienz, Produktivität und Wettbewerbsvorteile zu erreichen. Dies erfordert, dass die Teams zusammensitzen und eng miteinander kommunizieren. Dies nennen wir Networking.
Auf der anderen Seite gibt es Zonen des Rückzugs, des informellen Gesprächs und der Entspannung. Dies bezeichnen wir als Nesting. Nesting kann bereits beim individuellen Arbeitsstuhl beginnen. Rückzugsmöglichkeiten bieten temporäre Einzelarbeitsplätze, Sofas Abschirmungen für vertrauliche Gespräche/Telefonate und Konferenzzonen.
DL: Nun sind Großraumbüros in Deutschland ja nicht besonders beliebt. Woran liegt das?
Cohn: Es gibt völlig unterschiedliche Formen von Großraumbüros. In Deutschland ist man bereits in den 70er Jahren an die Realisierung dieser großdimensionalen Raumkonzepte gegangen. Doch gibt es oft progressive Entwicklungen, die noch nicht in ihre Zeit und die Umstände passen. Sei es, weil Akustik, Klimatisierung und Licht nicht optimal abzustimmen waren. Auch die IT Nutzung hatte einen anderen Stellenwert als heute. Vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif für derartige Konzepte. So arbeitete man sich damals in der Bürohierarchie nach oben, um u. a. einen separaten Raum zu haben. Wenn es soweit war, hatte man es geschafft, war Gruppenleiter oder stellvertretender Abteilungsleiter. Der eigene Raum war ein Prestigeobjekt und wer will sich das nehmen lassen? Aus diesen Gründen bekam der Großraum ein schlechtes Image. Aber diese Entwicklungen sind inzwischen stark rückläufig.
Vitra vermeidet den Begriff Großraumbüro. Wir sprechen von: Open Plan, Open Space, Net´n´Nest. Damit möchten wir ausdrücken, dass der Büroraum heute etwas anderes ist: Ein Marktplatz der Kommunikation, man könnte auch sagen, ein Park Office. Er ist wie eine Landschaft angelegt, mit unterschiedlichen Zonen, verschiedenen Höhen und einem angenehmen Farbkonzept.
DL: Die Arbeitsbedingungen von heute bedeuten also: flache Hierarchien und offene Raumkonzepte?
Cohn: Wir sehen die Arbeitswelt relativ hierarchielos und diszipliniert. Prinzipiell halten wir bei Vitra auch von limitierten Arbeitszeiten wenig. Es gibt bestimmte Aufgabenstellungen, die erfüllt werden müssen. Sind sie erfüllt, dann ist es gut. Sind sie es nicht, muss länger gearbeitet werden. Modelle, die irgendwann einmal aufgestellt wurden und dann auch ihre Richtigkeit hatten, passen nicht mehr in eine moderne Welt. Heute führen die Unternehmen eine „open door“ Politik. Sie zeigen, wer sie sind. Ihre Coporate Identity wird von innen nach außen und von außen nach innen gelebt. Und dazu gehören Offenheit, Transparenz, Klarheit und Kommunikationsfähigkeit.
DL: Und was ist nun das Besondere an Net´n´Nest?
Cohn: Net´n´Nest ist ein Konzept. Es wird in Form von Komponenten umgesetzt, die man je nach Bedarf individuell zusammenstellt. Das heißt, jedes Büro sieht anders aus, da es auf unterschiedliche Komponenten zurückgreift. Aber letztendlich wird immer das Gleiche erreicht: Networking, Kommunikation, messbare Effizienz. Dabei wird der individuelle Arbeitsplatz räumlich eingeschränkt. Unser Konzept sieht vor, dass dies zugunsten inspirierender und komfortablen öffentlichen Zonen geschieht, die von den Mitarbeitern benutzt werden.
Man kann das recht gut in unserem eigenen Büro, dem Network-Office, in Weil am Rhein sehen. Der elementare Unterschied zwischen dem Konzept, das wir auf der Orgatec in Köln zeigen werden, und dem Network-Office besteht darin, dass unsere Bürolandschaft eine Mischung aus unseren Produkten und aus individuell erstellten Einbauten ist. Auf der Messe werden wir sowohl die Möbel für das Networking, wie Tische und Stühle zeigen als auch die Einbauten, die in Zukunft nicht mehr individuell gebaut, sondern als Serienprodukte erhältlich sein werden.
DL: Wieso geben Sie dem Konzept einen neuen Namen?
Cohn: Net´n´Nest setzt sich zusammen aus Networking und Nesting und drückt diese nur am gelebten Beispiel nachvollziehbaren Prozesse des Arbeitens im Open Space sinnvoll aus.
Ich habe folgende Erfahrung gemacht: Früher führte ich unser Network-Office oft auch an Wochenenden vor, wenn niemand im Büro war und arbeitete. Ich habe das Konzept erklärt, aber in den Augen der Menschen gesehen, dass sie es nicht verstehen. Nach einiger Zeit kam ich zu dem Schluss, dass sich die Menschen das gelebte Büro anschauen müssen, um zu sehen, wie es funktioniert: zum Beispiel den Geräuschpegel, der dabei entsteht. Sie schauen auch in die Gesichter und beobachten, ob diese verbissen sind oder entspannt.
In unserem Network-Office arbeiten alle Mitarbeiter in einem Raum zusammen, das ist das Network. Möchte sich jemand einmal zurückziehen, kann er sich in die Bibliothek, die Cafeteria oder in einen separaten „Raum im Raum“ setzten. Er kann aber auch eine Partie Billard spielen oder auf einem Sofa sitzend Kaffee trinken und sich mit einem Kollegen unterhalten. Diese Rückzugsbereiche nennen wir das Nesting.
DL: Wie begegnen Sie den Anforderungen von Lärmbelästigung, ungenügender Beleuchtung und ausreichender Klimatisierung beim Open-Space Konzept?
Cohn: Natürlich wird mit lärmsenkenden Materialien gearbeitet. Sei es im „Storage“, also im Schrankbereich, sei es beim individuellen Ausbau in der Decke oder durch die Böden. Außerdem führt das Arbeiten im Großraum dazu, dass die Menschen sich wesentlich disziplinierter verhalten. Denjenigen, der am Telefon schreit, gibt es nicht mehr. Er würde sich unmöglich machen. Auch auf die optische Erscheinung der Menschen hat es eine Wirkung: Sie ziehen sich besser an. Sie gehen anders miteinander um, weil man sich mehr oder minder öffentlich bewegt.
Zum Licht: Wenn Sie unsere Benches sehen, sind dort Zwei-Komponenten-Beleuchtungen integriert, sowohl nach oben abstrahlend als auch nach unten auf den Arbeitsplatz gerichtet. Außerdem spricht nichts dagegen, wenn ein Mitarbeiter zusätzlich seine eigene Leuchte hat.
Der dritte Faktor ist die Klimatisierung. Sie ist eigentlich viel wirkungsvoller, wenn sie auf einen Großraum abstrahlt, als wenn sie in mehrere Zimmer unterteilt ist.
DL: Ist die Aufteilung in feste und frei wählbare Arbeitsplätze ein funktionierendes Modell?
Cohn: Absolut. Denken Sie daran, dass die meisten Arbeitsplätze gar nicht rund um die Uhr ausgelastet sind, sei es durch Urlaub oder Krankheit, Mitarbeiter, die nur zeitweilig vor Ort sind, oder andere, die beim Kunden arbeiten, brauchen keinen festen Tisch. Dafür empfehlen wir non-territoriale Zonen, also Arbeitsplätze, die nicht einem bestimmten Mitarbeiter zugewiesen sind.
Ich selbst arbeite hauptsächlich bei Vitra in Biersfelden/Schweiz. Wenn ich in Weil am Rhein bin, wähle ich einen Platz an der Bench, packe meinen Computer aus und beginne zu arbeiten. So kann ich ohne festen persönlichen Arbeitsplatz, beispielsweise die Zeit zwischen zwei Meetings überbrücken.
DL: Für wen ist das Net´n´Nest Konzept interessant?
Cohn: Klar ist: Das Büro muss effizienter werden. Seit Jahren werden in der Produktion Kaizen-Prozesse angesetzt, um die Effektivität zu steigern. Das ist an den Büros weitestgehend vorbeigegangen.
Deutschland und andere Länder Zentraleuropas werden durch die Globalisierung gezwungen, sich umzustellen. Schauen Sie sich heute die Dax-Unternehmen an. Diese bekommen durch ihre sich verändernde Inhaberstruktur einen immer internationaleren Einfluss. Die Welt ist global geworden und Deutschland ein Exportland. Wir haben große Konkurrenz u. a. in China, Indien, der Türkei. Dort arbeiten junge Menschen, die zum Teil hervorragend ausgebildet sind. Sich darauf nicht einzustellen, ist tödlich. Neue Büroorganisationen bilden eine gute Möglichkeit, auf diese neuen Entwicklungen einzugehen. Die Zukunft liegt im Network, in der Zusammenarbeit für eine gemeinsame Leistung.
DL: Sie werden das Network-Office umbauen, wenn die Produkte von Net´n´Nest auf dem Markt sind. Testen Sie Ihre Produkte und Konzepte immer an den eigenen Mitarbeitern?
Cohn: Ja, wir leben, was wir sagen. Das Network-Office bei Vitra ist bereits im sechsten Jahr. Wir müssen nach Innen leben, aber nach Außen verkaufen. Daher muss es immer auf dem allerneuesten Stand sein. In unserem konkreten Fall heißt die Aufgabenstellung: Wir müssen mehr Personen unterbringen, statt derzeit 80 Mitarbeiter werden es in Zukunft 90 sein. Doch der Komfort für jeden soll sich nicht verändern. Deshalb müssen wir umbauen. Das bringt natürlich Investitionskosten mit sich. Umgerechnet auf die höhere Effektivität durch motivierte Menschen sind sie jedoch gering.
DL: Sie arbeiten weltweit mit Unternehmen zusammen. Geht der Trend allgemein in Richtung „Open-Space“?
Cohn: Absolut. Ich bin viel unterwegs und sehe diesen Trend überall: Break the walls. Wände sind etwas, das behindert. Offenheit ist das, was inspiriert. Wir können in der westlichen Welt nur durch Teamspirit, nicht durch Einzelkämpfer und Selbstdarsteller wirtschaftlich vorankommen. Dafür müssen wir bessere und effektivere Voraussetzungen schaffen. Net´n´Nest gelingt dies auf der räumlichen Ebene.

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.