Harri Koskinen

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Text: Norman Kietzmann


Harri Koskinen tritt in die Fußstapfen der großen Meister. Geboren 1970 im finnischen Karstula, studierte er an der Alvar Aalto Universität in Helsinki Design und gründete 1988 sein Büro Friends of Industry. Einen Namen machte er sich 1996 mit der Leuchte Block für Designhouse Stockholm, die auf Anhieb in die ständige Sammlung des MoMA aufgenommen wurde. Seitdem entwirft er Möbel für Artek, Uhren für Issey Miyake, Tabletts für Alessi, Leuchten für Muuto oder Vasen für Venini und übernahm 2012 die kreative Leitung von Iittala. Wir trafen Harri Koskinen in Helsinki und sprachen mit ihm über kristalline Landschaften, Alvar Aaltos Schatten und die erste automatische Garage in Finnland.


Herr Koskinen, im Januar 2012 sind Sie zum Designchef des Glas- und Geschirrherstellers Iittala ernannt worden, einem finnischen Nationalheiligtum. Hätten Sie damit gerechnet, als Sie noch in Helsinki Design studiert haben?


Auf keinen Fall. Auf uns Studenten wirkten die großen Meister wie Tapio Wirkkala, Kaj Franck oder Alvar Aalto unerreichbar. Und dann ging es ganz schnell. Ich kam 1996 direkt nach meinem Abschluss zu Iittala und habe dort ein Praktikum gemacht. 1998 haben sie mich als Inhouse-Designer angestellt. Vier Jahre bin ich dort geblieben. Viele Dinge haben sich seitdem verändert. Denn Iittala ist nicht mehr nur ein Glashersteller, sondern führt ebenso Arbeiten aus Keramik oder Stahl im Programm. All diese Bereiche muss ich nun dirigieren und noch ein wenig größer machen. Ich kann mich also nicht beschweren (lacht).

In welche Richtung wollen Sie den Glasbereich in Zukunft bewegen?

Die Methoden, nach denen Glas auf industrielle Weise hergestellt wird, haben sich in den letzten einhundert Jahren kaum verändert. Und viele handwerkliche Verfahren, wie die Mundblastechnik, reichen sogar mehrere Jahrhunderte zurück. Ich denke, dass wir heute mehr Innovation brauchen. Darum stecken wir viel Zeit und Aufwand in die Recherche nach neuen Techniken und neuen Eigenschaften des Materials. Auch Konzepte, wie Glas in anderen Anwendungen eine Rolle spielen kann, schauen wir uns an. Hinzu kommen ganz praktische Belange wie eine höhere Beständigkeit gegen Hitze.

Die Verarbeitung von Glas ist handwerklich und industriell zugleich.


Ja, die Möglichkeiten sind enorm vielseitig. Das macht Glas auch so spannend. Oft ist ein Spiel von wenigen Sekunden, das eine Form komplett verändert. Ich habe neulich fünf Designer zu einem Workshop bei Iittala eingeladen, und wir haben direkt mit den Glasbläsern zusammenarbeitet. Wenn man sieht, wie sie vorgehen, kommen automatisch neue Ideen. Wir wollten herausfinden, wie sich Glas auf andere Weise behandeln lässt.

Das klingt nach einem überaus kooperativen Prozess...

Ja, die Glasbläser sind großartige Personen. Sie sagen offen heraus, ob etwas gut ist oder nicht und wie sich etwas verbessern lässt. Natürlich haben sie auch ihren ganz eigenen Geschmack, den man nicht immer teilen muss (lacht). Aber wenn sie einem sagen, dass etwas neu ist und wirklich sinnvoll ist, dann ist das schon bemerkenswert. Die meisten Glasbläser arbeiten tagtäglich mit dem Material und sind mit der Zeit auch reichlich abgeklärt. Es ist ein gutes Gefühl, wenn sie sich für etwas begeistern können.

Den handwerklichen Aspekt der Glasherstellung haben Sie auch auf Murano kennengelernt, wo Sie seit 2001 mit Venini zusammenarbeiten. Während der Helsinki Design Week haben Sie eine Serie von Arbeiten für die Galerie Forsblom vorgestellt, die ebenfalls auf Murano angefertigt wurden. Was hat es mit diesen Entwürfen auf sich?

Es sind meine privaten Arbeiten, die unabhängig von Iittala entstanden sind. Seitdem ich dort Designchef bin, darf ich nicht mehr für andere Hersteller Tableware entwerfen. Doch limitierte Serien und Einzelstücke sind weiterhin erlaubt. Die Arbeiten sind im Studio von Pino Signoretto auf Murano angefertigt worden. Sie wurden nicht geblasen, sondern in mehreren Schichten aus flüssigem Glas zusammengefügt. Wir haben sowohl Farben als auch transparente Schichten verwendet. Einige Leute haben in ihnen Landschaften gesehen. Man kann sie aber auch nur als abstrakte Ebenen wahrnehmen.  

Wie würden Sie den Unterschied zwischen der Glaskultur in Finnland und der von Murano definieren?

Muranoglas ist anders zusammengesetzt. Es besteht aus Zutaten, die wir in Finnland nicht haben und die das Material weicher machen. Der entscheidende Unterschied ist, dass man Muranoglas über mehrere Stunden bearbeiten und verändern kann, ohne dass es bricht. Das finnische Glas ist rigider und härter, sodass man es nicht allzu lange verformen kann. Es kann zwar auch mundgeblasen werden, doch insgesamt ist es eher für die Massenproduktion geeignet und weniger für künstlerische Arbeiten.

Nicht nur bei Iittala sind Sie in die Fußstapfen von Alvar Aalto getreten, sondern ebenso mit Ihrer Möbelkollektion Lento für Artek. Hat Ihnen der Meister beim Entwerfen über die Schulter geschaut?

Ich lasse meine Arbeit nicht von Aalto stören (lacht)! Natürlich war er ein großartiger Meister. Aber es ist besser, seine Entwürfe einfach für sich stehen zu lassen und ihnen etwas Eigenes entgegenzusetzen. Um zu überleben, muss ein Unternehmen heute eine Variation an unterschiedlichen Entwürfen anbieten können. Auch die Möbel von Tapio Wirkkala wurden ja nun in die Kollektion aufgenommen.

Der Lento-Sessel verfügt über eine auffallend breite Sitzschale mit abgerundeten Ecken. Wie haben Sie deren Form bestimmt?


Wir haben in meinem Studio einige Test-Sitze aus Wellpappe und später dann auch aus Sperrholz angefertigt. Als wir dann den ersten Prototypen angefertigt haben, war die Sitzschale beinahe perfekt. Wir haben im Anschluss lediglich den Radius der Kanten um fünf Millimeter vergrößert. Das war alles. Schwieriger war vielmehr die richtige Position der Sitzschale zu finden. Bei unserem Prototypen waren die Beine zwei Zentimeter weiter vorne angeordnet. Irgendetwas sah immer falsch an diesem Möbel aus, bis jemand auf die Idee kam, die Schale etwas weiter nach hinten zu rücken. Und plötzlich hat es funktioniert (lacht).

Auch vor schwerem Gerät schrecken Sie nicht zurück: Für den finnischen Hersteller Arctic Machine haben Sie ein Streufahrzeug entworfen, das diesen Herbst auf den Markt kommt.

Werkzeuge und große Maschinen sind faszinierend. Ich denke, dass ich mich eines Tages viel stärker auf diesen Bereich konzentrieren sollte. Es gibt dort noch so viele Dinge zu verbessern. Das haben wir auch bei diesem Streufahrzeug bemerkt. Die Lösungen von Arctic Machine sind zwar führend für diese Anwendung. Aber keine Lösung, die auf dem Markt ist, ist wirklich perfekt. Denn noch immer werden lediglich normale Trucks umgerüstet, anstatt das gesamte Fahrzeug zu entwickeln.

Was also haben Sie genau entworfen?


Die Einheit, die auf einen existierenden Lastwagen aufgesattelt wird, sprich den Container und den Verteiler am Heck, der den Sand, das Salz oder die Flüssigkeit auf die Straße verstreut. Unsere Aufgabe lag darin, das Volumen des Containers so weit wie möglich zu vergrößern und eine Lösung zu finden, wie er stabiler und somit langlebiger wird. Schließlich sind diese Maschinen im Winter täglich im Einsatz. Darum haben wir Stahlträger verwendet, die den Kunststoff-Container wie ein Käfig ummanteln. Auch die Position der Leiter haben wir verändert, damit der Fahrer leichter auf den Container steigen kann. Es ging darum, die gesamte Funktionalität für den Nutzer neu zu gestalten. Das Unternehmen hatte in den letzten Jahren eine gut gefüllte Datenbank mit zahlreichen Studien und Testversuchen angelegt. So wussten wir ziemlich genau, wie diese Fahrzeuge bedient werden und konnten sicher sein, nicht am Bedarf vorbei zu planen.

An welchen Projekten arbeiten Sie noch zurzeit?


Mein größter Kunde ist im Moment die „Stiftung für finnische Innovation“, für die wir an sechs verschiedenen Projekten arbeiten. Das größte davon ist die erste automatische Autogarage in Finnland, die 2013 in Helsinki eröffnen wird. Wir entwerfen für sie das gesamte Interface. Also sämtliche Dinge, die eine Person bemerkt, wenn sie ihr Auto in einer Garage parkt. Obwohl der Ort später von sehr vielen Menschen genutzt wird, soll der Eindruck entstehen, dass es sich nicht um eine fremde, sondern vielmehr die eigene Garage handelt. Denn nur so fühlt man sich sicher, sein Auto dort stehen zu lassen und bekommt beim Einparken das Gefühl, zuhause anzukommen.

Vielen Dank für das Gespräch.



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