Henning Figge

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Text: Jasmin Jouhar, 15.01.2016

Henning Figge verkörpert par excellence, wofür sein Unternehmen steht: Der Europa-Chef von Haworth wirkt offen und dynamisch. Und sein Büroalltag spielt sich an ganz verschiedenen Orten und Arbeitsplätzen ab – eine Mobilität, wie sie die Forscher uns allen prophezeien. Wie passend, dass wir uns in Haworth’ erstem Coworking-Space OffX in Berlin getroffen haben. Zum Gespräch über tote Büros, eine amerikanisch-italienische Liaison und warum die besten Sitzmöbel aus Deutschland kommen.
    
Warum unterhält Haworth einen Coworking-Space in Berlin? Ihr Geschäftsfeld ist ja eigentlich ein anderes.
In Coworking-Spaces findet die neue Art der Arbeit statt. Uns interessiert, wie sich das entwickelt. Was verändert sich und welche Auswirkungen hat das eigentlich auf die Produkte, die wir herstellen, die Räume, die wir kreieren? Daher haben wir uns mit dem Thema Coworking beschäftigt, schon bevor wir einen eigenen Space hatten. Hier befand sich früher unser Showroom. Allerdings ist eine Ausstellung für mich ein totes Büro, da passiert nichts. Wir wollen unseren Kunden Arbeitswelten nahebringen, und dazu braucht es auch Menschen, die in diesen Arbeitswelten arbeiten. Hier sind immer Leute, etwa für Meetings oder um konzentriert zu arbeiten. Außerdem ist das ein Pilotprojekt – wenn sich das rechnet, kann das durchaus zu einem eigenen Geschäftsfeld für uns werden. Wie in der Computerindustrie: IBM hat früher die Hardware hergestellt, heute machen sie Beratung und Dienstleistung.

Das ist also ein Labor, ein Testfeld?
Auf jeden Fall!

Wenn ich als Kunde mit Ihnen mein Büro planen möchte, kann ich dann auch hierher kommen und mir Ihre Produkte ansehen?
Ja, die Räume sind eingerichtet mit unseren Produkten und auch denen unserer Partner wie Interface, Philips oder Ecophon. Aber nicht mit dem Ziel, möglichst große Vielfalt zu zeigen, sondern um die richtigen räumlichen Applikationen anzubieten. Für Meetings, für konzentriertes Arbeiten oder für Workshops.

Die Räume wurden im Juni 2015 eröffnet. Wie läuft das Projekt denn an?
Es läuft gut an, insbesondere die Meeting-Räume werden sehr stark genutzt. Unser Konzept hat einen höheren Anspruch und setzt auf Design. In diesem Segment gibt es auch andere Anbieter, die richten sich an Business-Kunden oder etwas arriviertere Start-ups. Wir haben noch nicht so viele Coworker, die hier als Singles hinkommen – es braucht seine Zeit, bekannt zu werden. Aber es läuft bislang erwartungsgemäß.

Haworth unterhält in Berlin einen eigenen Coworking-Space namens OffX.
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Wer bucht denn die Flächen konkret?
Klassischerweise sind das Menschen, die in Berlin leben, deren Arbeitgeber hier aber keinen Standort hat. Oder Leute, die lediglich für eine gewisse Zeit hier sind, um projektbezogen zu arbeiten. Es gibt auch Unternehmen, die beispielsweise bei der IFA ausstellen, zwei Wochen vorher anreisen und bei uns ein Backoffice einrichten.  

Haworth propagiert das Third Office, das Arbeiten unterwegs. Aber wie viele Menschen betrifft das wirklich? Arbeiten die meisten nicht jeden Tag am selben Platz?
In meinem eigenen Alltag gibt es kaum eine Woche, in der ich nur an einem Ort wäre. Ich muss aber durch meine Position sehr viel reisen. Deswegen habe ich auch in keinem unserer Standorte mein eigenes Büro. Meine Homebase ist meine Aktentasche und mein Koffer. Natürlich wird es auch künftig viele Unternehmen geben, die eher traditionell organisiert sind. Aber man hat heute dank der Technologie die Wahl, wo man arbeiten will. Zum anderen wird die Wirtschaft globaler, viele Unternehmen haben immer mehr Standorte, das Reisen wird also eher zunehmen. Damit stellt sich die Frage, wie viele Arbeitsplätze überhaupt an einem Standort gebraucht werden.

Wie sieht der ideale Arbeitsplatz aus?
Den idealen Arbeitsplatz gibt es nicht. Oder anders: Der ideale Arbeitsplatz ist eine Ansammlung von vielen unterschiedlichen Arbeitsplätzen, die den jeweiligen Bedürfnissen gerecht werden. Denn Wissensarbeit ist heute vielfältig und abwechslungsreich.

Dass die Vielfalt so wichtig ist, ist ein Leitbild die Büromöbelbranche. Aber wie weit sind diese Arbeitsplatzkonzepte tatsächlich in den Unternehmen angekommen?
Jedes neue Projekt orientiert sich daran. Mittlerweile wird beispielsweise viel Zeit und Geld in Meetingbereiche investiert. Aber da meistens nur alle sieben bis zehn Jahre neu eingerichtet wird, dauert es noch ein paar Jahre, bis diese Konzepte überall angekommen sind.

Wie übersetzen Sie bei Haworth neue Ideen und Konzepte in konkrete Produkte?
Büros und Arbeitsräume werden immer wohnlicher – das sehen Sie auch in der Gestaltung dieses Coworking-Spaces. Die Leute verbringen viel Zeit an ihren Arbeitsplätzen, deswegen versuchen wir, mehr residential look and feel in die Büros zu bringen. Das wirkt sich auch auf die Produktentwicklung aus. Wir haben in den vergangenen Jahren den Fokus sehr stark auf collaborative furniture gelegt, auf Möbel für informelle Zusammenarbeit. Etwa Sofas, kleine Sessel, Tischchen, Screens, die Privatheit erzeugen können. Das ist ein Ergebnis der Beobachtung, wie sich Arbeitsweisen verändern. Ein anderes Thema ist die Ergonomie. Früher hatte ein Unternehmen vielleicht eine Steh-Sitz-Arbeitsplatz-Lösung. Heute gibt es viele Möglichkeiten für Steh-Sitz-Arbeitsplätze. Es muss nicht immer ein per Elektromotor höhenverstellbarer Tisch sein. Es kann ja auch ein Sideboard sein, das eine entsprechende Höhe hat. Oder ein zusätzlicher Besprechungstisch, der hoch- und runtergefahren werden kann, um den Rücken zu entlasten.

Haworth ist ein großes, internationales Unternehmen mit amerikanischen Wurzeln. Welche Bedeutung hat der Standort Deutschland?
Der deutsche Markt ist der drittgrößte weltweit, nach Nordamerika und Japan. Schon alleine dadurch hat Deutschland einen hohen Stellenwert im Konzern. Zudem ist Deutschland neben Italien das exportstärkste Land in der Möbelindustrie. Der deutsche Markt, die deutsche Ingenieurskunst beeinflusst die Gestaltung von Büroarbeit weltweit. In der Sitzmöbelentwicklung ist Deutschland sogar weltweit führend. Haworth nutzt Deutschland sowohl als Entwicklungs- wie als Produktionsstandort weiter. Gerade Sitzmöbel kommen bei uns hauptsächlich aus Deutschland.

Warum? Woanders ließe sich vielleicht günstiger produzieren…
Ja, deswegen produzieren wir nicht ausschließlich in Deutschland, sondern auch in Portugal und Polen. Aber bei uns gibt es eine sehr hohe Produktivität und ein großes Know-how, und der größte Markt liegt direkt vor der Tür – also zugleich die geringsten Logistikkosten. Das müssen Sie an einem anderen Standort überhaupt erst einmal wettmachen – deswegen bin ich überzeugt, dass Deutschland Produktionsstandort bleiben wird. Nicht nur für Haworth, sondern insgesamt in der Industrie.  

Seit rund zwei Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen Haworth und der italienischen Poltrona-Frau-Gruppe, zu der auch die Marken Cassina und Cappellini gehören.
Das ist für alle Marken der Gruppe eine Win-Win-Situation. Weshalb? Mit unseren neuen Schwestermarken verfügen wir nun über ein reichhaltiges Portfolio an wohnlichen Produkten, die wir sonst alle hätten selbst entwickeln müssen.

Treffen mit der Poltrona-Frau-Gruppe und Haworth nicht zwei ganz unterschiedliche Unternehmens- und Designkulturen aufeinander?
Es gibt selbstverständlich Unterschiede. Ich würde die aber eher als gegenseitige Befruchtung sehen. Und es gibt viele Gemeinsamkeiten. Haworth ist immer noch ein Familienunternehmen, die Poltrona-Frau-Gruppe war lange ein Familienunternehmen. Darin ähneln wir uns, in der Leidenschaft, die ein Familienunternehmer investiert. Unser CEO Franco Bianci ist ein Italiener, der in Amerika lebt und entsprechend empfänglich ist für das italienische Design. Er hat zum richtigen Zeitpunkt gesehen, dass dessen Einfluss auf das amerikanische Design zunimmt, dass das Design überhaupt immer internationaler wird. Wir entwickeln schon seit einigen Jahren mit Studio Patricia Urquiola Produkte, die zum Teil sogar zuerst in den USA und dann erst in Europa eingeführt werden.

Und wie kommt die Zusammenarbeit mit Patricia Urquiola im Markt an? Verkaufen sich Produkte wie Open Nest?
Die werden sehr gut aufgenommen. Sie verkaufen sich so gut, dass wir die Produkte jetzt auch hier in Europa produzieren. Die ersten kamen noch aus den USA. Wir wollen gemeinsam mit Studio Urquiola zeitgenössischer werden. Und wir merken schon, dass das genau der richtige Schritt ist, mehr auf Wohnlichkeit, auf Haptik und Farben zu setzen. Das kommt sehr gut an.

Bedeutet das, dass Bürostühle auch mal in anderen Farben als Schwarz oder Grau bestellt werden und die Tische nicht nur in Weiß oder Hellgrau?
Die Anzahl der Farbeinsprengsel nimmt zu.

Aber von einem sehr niedrigen Niveau…
In Deutschland sind wir da besonders konservativ. In Frankreich oder den Benelux-Ländern war Farbe immer schon wichtiger. Am klassischen Arbeitsplatz geht es bei uns noch recht schwarz-weiß zu. Aber bei den Kommunikationszonen sind auch die deutschen Kunden mittlerweile mutig.

Vielen Dank für das Gespräch.

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