Hertel & Klarhoefer

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Text: Norman Kietzmann & Cordula Vielhauer


Gemeinsam sind sie stark. Peter Christian Hertel (*1968) und Sebastian Klarhoefer (*1966) studierten an der TU Berlin sowie am Instituto Universitario di Architettura in Venedig unter Aldo Rossi Architektur. Bereits während ihres Studiums begannen sie, ihre ersten Möbel zu entwerfen. Nach ihrem Diplom 1996 und 1994 arbeiteten beide in verschiedenen Berliner Architekturbüros und waren sich schnell einig: raus aus der „Maschine“ und hinein in die Selbständigkeit. 1999 gründeten sie ihr Büro Hertel & KlarhoeferAgentur für Gestaltung an der Spree und entwerfen seitdem für renommierte Unternehmen wie Ligne Roset, Classicon, Flötotto, Authentics oder Zeitraum. Was ihre Arbeiten verbindet, ist ein Gespür für klare, kompromisslose Formen, die dennoch eine spielerische Seite nicht missen lassen. Betten lassen sich in die Höhe stapeln, Regale ins Endlose erweitern, und selbst einen Papierkorb haben sie mit gekonnter Faltung zum Tanzen gebracht. Wir trafen Peter Christian Hertel und Sebastian Klarhoefer in Köln und sprachen mit ihnen über die Macht des Faktischen, Angst vor Farbe und den Quereinstieg als Chance.


Herr Hertel und Herr Klarhoefer, auf der Kölner Möbelmesse 2012 haben Sie mit Tricolore ein flexibles Aufbewahrungsmöbel für Ligne Roset vorgestellt. Die Stärke des Systems liegt in der Reduzierung auf lediglich drei Komponenten. Was hat es mit dem Entwurf auf sich?


Sebastian Klarhoefer: Unsere Grundidee war eine Apfelschütte. Das ist ein traditionelles Möbel aus Norddeutschland, das nach oben geöffnet ist wie eine Kiste. Diese flachen Module werden übereinander gestapelt und dienen als Ablage. Das Prinzip haben wir in drei Module mit drei verschiedenen Höhen und drei verschiedenen Farben übersetzt, die sich wie ein Baukasten miteinander kombinieren lassen. Der gestalterische Pfiff ist, dass der obere oder untere Abschluss fehlt – je nachdem, wie man die Kuben hält. Dadurch unterscheidet es sich von den üblichen Kastenmöbeln.

Peter Christian Hertel: Die Kuben werden durch kleine Stahlstifte miteinander fixiert, ohne kraftschlüssig verbunden zu sein. Indem die Elemente um 180 Grad gedreht werden, kann aus einer nach oben offenen Ablage ein Abschluss für ein Sideboard werden, auf dem sich etwas abstellen lässt. In dieser Klarheit wird das System auch optisch stärker. Lego ist vielleicht das falsche Wort. Doch als wir in unserem Studio die Prototypen fotografiert haben, haben wir automatisch begonnen, mit ihnen zu „spielen“. Allein aus diesen drei Komponenten ergeben sich sehr viele Möglichkeiten.

Ist geplant, die nach vorn geöffneten Kuben um Türen zu ergänzen?

Peter Christian Hertel: Es verwässert viele Entwürfe, wenn alles möglich ist. Wenn wir Türen in sie hineinsetzen, landen wir ganz schnell bei einem System- oder Kastenmöbel, das wir eigentlich vermeiden wollten. Wir sehen den Entwurf eher als ein offenes Regal, mit dem die Kunden die Dinge zeigen, die sie in sie hineinstellen. Türen und Schübe dienen eher für Gegenstände, die man verstecken möchte.

Die Kuben stehen in Weiß, Dunkelgrau und Grau-Braun zur Auswahl. Warum haben Sie auf kräftige Farbtöne verzichtet?

Peter Christian Hertel: Weil wir Architektur studiert haben. Wenn man sechs Jahre lang an der TU war, hat man eine Hemmung für sein ganzes Leben (lacht).


Sebastian Klarhoefer: Der Architekt nimmt doch immer schwarz, weiß oder anthrazit. Weil er sich nicht traut, und Farben natürlich auch polarisieren. Herr Sauerbruch mit seinem Umwelt-Bundesamt ist ja wirklich die Ausnahme in der Branche. Auch das ist eine Architektur, die stark polarisiert.

Peter Christian Hertel: Wir haben jetzt Produkte bei zwölf verschiedenen Firmen. Wenn Farben angeboten werden, ist es immer dasselbe. Der Handel sagt: Wir brauchen Farben. Doch wenn wir nachher in die Lizenzabrechnung schauen, machen die Farben nur zehn Prozent vom Umsatz aus. Hinzu kommen ganz praktische Gründe. Denn ein Regal ist anders als ein Sessel. Einen Sessel kaufe ich auch in Rot. Ein Regal muss ich irgendwie mit dem Raum verheiraten. Wir wissen nicht, ob der Kunde ein Eichenparkett, einen modernen Nussbaumboden oder einen Teppich hat. Darum muss das Möbel zu allen Varianten passen.

Gab es für den Entwurf ein Briefing?

Peter Christian Hertel: Nein, das war eine Idee von uns. Es ist einfacher so zu arbeiten. Natürlich hat man ein höheres Risiko, dass man daneben schießt. Aber man ist frei und trifft seine gestalterischen Entscheidungen selbst. Die Schwierigkeit bei einem Briefing ist, dass der Auftraggeber etwas Spezielles im Kopf hat, das er selbst nicht formulieren kann. Dafür braucht er einen Designer, der diese Idee in eine dreidimensionale Form übersetzt.

Sebastian Klarhoefer: Gestern waren wir bei einer Firma für Outdoor-Möbel, die unsere Mappe gut fand und von einem Stapelbett aus Holz begeistert war, das wir 2007 für Zeitraum entworfen haben. Sie meinten dann, dass sie gern eine Sonnenliege in demselben Look hätten. Das ist natürlich eine heikle Aufgabe, denn wir können uns ja nicht selbst kopieren. Außerdem muss eine Sonnenliege eine Neigung haben, während das Bett vollkommen flach ist. Es ist schwierig, etwas Neues vorzuschlagen, wenn der Kunde schon ein Bild vor Augen hat und alle Vorschläge in eine bestimmte Richtung lenken will. Dann besteht die Gefahr, dass ein Entwurf zerredet wird.

Sie haben beide Architektur studiert. Warum haben Sie das Bauen aufgegeben und sich nun allein für das Design entschieden?

Peter Christian Hertel: Das ist die Macht des Faktischen. Wir haben beide als angestellte Architekten gearbeitet. Ich habe bei KSP angefangen und einige Projekte in Berlin mitbetreut. Das war ein unglaublich harter Job für einen jungen Architekten, der mich viele Nerven gekostet hat. Ich kam mir immer vor wie in einer großen Behördenmühle und musste ständig „Prügel einstecken“, weil etwas auf der Baustelle nicht fertig wurde. Nach zwei Jahren habe ich gesagt: Das mache ich nicht mein Leben lang. Es gab in diesem Büro auch keine Mitarbeiter über 48. Entweder hatten sie einen Herzinfarkt, die Branche gewechselt oder sich selbständig gemacht. Letzteres haben wir beide dann auch getan und zwei Jahre lang versucht, als Architekten Fuß zu fassen. Mit dem Design hatten wir mehr Erfolg.

Sebastian Klarhoefer: Das Problem ist, dass man in der Architektur bis Fünfzig nicht ernst genommen wird. Da gilt man als junger Architekt, dem ein Bauherr ein 30-Millionen-Euro-Projekt nicht anvertrauen möchte. Als Designer kann man schon mit Dreißig ernst genommen werden. Wir hatten mit unserem allerersten Produkt, dem Regalsystem Webweb für Zeitraum, einen recht großen Erfolg. Es ist 1999 auf den Markt gekommen und läuft immer noch. Da haben wir gemerkt, dass das Design mehr Spaß macht und man sich wirklich auf das Entwerfen konzentrieren kann.

Peter Christian Hertel: Wenn man Architektur zu studieren beginnt, möchte man natürlich entwerfen. Aber in der Realität ist die Arbeit zu zehn Prozent kreativ und macht zu neunzig Prozent keinen Spaß. Der Rest besteht aus Ärger mit der Baustelle, telefonieren, Kosten planen und solchen Sachen. Beim Design ist auch nicht alles ein Zuckerschlecken. Aber zumindest macht die Arbeit zu fünfzig Prozent Spaß, und die anderen fünfzig Prozent verbringt man mit den lästigen Pflichten.

Auch wenn Sie das Bauen aufgegeben haben: An welcher Stelle kommt dennoch der Architekt durch?

Sebastian Klarhoefer: Ich glaube, dass der Quereinstieg einen im Kopf viel freier macht. Als Architekt denkt man mehr als Generalist, wie sich ein Problem lösen lässt. Bei Designern ist der Ansatz oft künstlerischer. Ihnen fällt es oft schwerer, über den Tellerrand einer Idee hinauszuschauen und umzudisponieren, wenn es Probleme mit der Umsetzung gibt. Was uns von der Architekturausbildung geblieben ist, ist der Modellbau. Da wir sehr viele Modelle aus Pappe bauen mussten, fällt es uns leicht, von unseren Möbeln Prototypen anzufertigen. Der Material-Ausstatter Modulor in Berlin hat an uns wahrscheinlich schon Millionen verdient (lacht). 


Peter Christian Hertel: Vor allem der Modellbau hat uns zum Erfolg verholfen. Denn die Firmen sind extrem verwöhnt. Es gibt heute so viele Designer und es werden immer mehr, die ihnen ständig neue Entwürfe schicken. Mit einem Rendering kann man kaum noch überzeugen, weil diese Darstellungen einfach viel zu inflationär sind. Dadurch ist der alte Architekturmodellbau von Vorteil. Dass wir zu Ligne Roset mit einem Prototypen-Modell von unserem Stuhl Rocher gegangen sind, hat sie sehr beeindruckt. Das Angenehme war, dass sie nicht angefangen haben, am Entwurf herum zu diskutieren und Vorschläge brachten, dieses oder jenes Detail zu ändern. Sie haben einfach ja gesagt und den Stuhl in Produktion genommen.

Was macht den Erfolg eines Möbels aus?



Peter Christian Hertel: Im Design ist es wie beim Fußball. Es ist großartig, wenn es läuft und die Zahlen stimmen. Doch man kann keine Produkte entwerfen, die nur Aufmerksamkeit erzeugen, sich aber nicht verkaufen lassen. Das geht nicht. Das kann vielleicht bei einem von zwanzig Entwürfen passieren, aber sonst kippt das Ganze. Auch braucht man einen langen Atem. Denn zwischen dem Entwurf eines Produkts und dem Zeitpunkt, an dem das Geld fließt über die Lizenzeinnahmen, liegen ungefähr zwei Jahre. Da muss man entweder schon lange im Geschäft sein und Einnahmen aus früheren Projekten beziehen oder etwas vorab zur Seite gelegt haben.

Sebastian Klarhoefer: Vor allem die Franzosen beherrschen die Kunst, einen Hingucker zu entwerfen, der sich trotzdem verkaufen lässt. In Deutschland – das merken wir ganz stark bei den Designstudenten, die zu uns zum Praktikum kommen – ist die Designausbildung häufig sehr abgekapselt vom Markt. Wir wissen das selber aus der Architektur. Man wird in den jungen Jahren, in denen man empfänglich ist, auf eine Stilschiene gesetzt, die sehr konzeptionell ist. Ob in der Architektur oder im Design: Etwas zu entwerfen, das „konsumig“ oder gut verkäuflich ist, gilt bei den Professoren eher als pfui. Das ist schade, weil ein Produkt nicht nur den Verstand überzeugen muss, sondern ebenso den Bauch.

Peter Christian Hertel: Wir sagen dann immer zu unseren Praktikanten: „Nackenmassage, macht Euch mal locker!“ (lacht) Nein, im Ernst: Das ist ja wirklich so und kommt ganz eindeutig durch die Unis. Die Leute sind schließlich nicht so auf die Welt gekommen.

Vielen Dank für das Gespräch.



Unser Special zur imm cologne 2012 finden Sie hier.

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