Shin Azumi

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Text: Hannah Bauhoff und Tanja Pabelick
Foto: Azumi / a studio


Shin Azumi, 1965 im japanischen Kobe geboren,
erforscht, beobachtet – ja, befasst sich regelrecht mit seiner Umgebung – und findet dadurch Ideen für seine Entwürfe. Er erklärt diese Art, sich dem Thema Design zu nähern, mit seiner Biografie: Denn als er vor zwanzig Jahren von Japan für sein Industriedesign-Studium am Royal College of Art nach London zog, konnte er kaum Englisch sprechen und verstand bestimmte Verhaltensweisen nicht. Er studierte die europäische Designgeschichte, war beeindruckt ­ von den Designklassikern, deren Formensprache so zeitlos war und deren Wesen von der ganzen Welt verstanden wurde. Doch statt zu blockieren, fand er seinen eigenen Weg, sich der Umwelt zu nähern und sie zu formen. Nach dem Studium gründete Shin Azumi mit seiner damaligen Partnerin Tomoko 1995 das Studio Azumi und machte mit einer Tableware-Serie auf sich aufmerksam. 2005 trennten sich die Wege der Beiden. Seitdem setzt Shin Azumi seine Arbeit unter dem Namen „a studio" fort. Wir haben ihn während seines Workshop-Aufenthalts in Boisbuchet kennengelernt, wo er uns von Herausforderungen des Designs, seiner Haltung gegenüber Gegenständen und seiner ungewöhnlichen Sammlung erzählte.

Sie bezeichnen Ihre Marotte, Unordnung auf dem Tisch nicht zu ertragen, als Motivation für Ihre erste Tableware-Kollektion „Snowman“. Woher kommt diese Eigenart?

Für mich hat das etwas mit der Würde des Lebens und des Menschen zu tun. Wenn ich entwerfe, versuche ich immer ein Lebensumfeld zu gestalten, das möglichst elegant ist. Denn unsere Umgebung nimmt Einfluss auf unsere Psyche: Wir reflektieren alles, was wir sehen und erleben. Wenn ich also die Unordnung beseitige und ein komfortables Lebensumfeld schaffe, dann sorge ich auch für eine Art Würde. Diesen Punkt beziehe ich bei allen meinen Entwürfen ein. Ich reorganisiere das Chaos und suche eine logischere Lösung.

Japanisches Design ist in Europa häufig ein Synonym für eine reduzierte und minimalistische Formensprache – es wirkt „aufgeräumt“. Sollte Design die alltägliche Unordnung aufräumen?

Die Menschen können nicht nur im Minimalismus leben. Wir brauchen genauso das Chaos, die verrückten, ausgeflippten Dinge. Deswegen halte ich es für vermessen, Menschen einseitig zu beurteilen, denn wir alle bewegen uns immer in einem gewissen Spannungsfeld. Ich will zumindest nicht als Fundamentalist für das Design von Salz- und Pfeffermühlen wahrgenommen werden. Wir bewegen uns wie ein Pendel, unsere Emotionen tendieren naturgemäß mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. Ich denke, dass diese Bewegung den Menschen interessant macht. Wenn die menschliche Natur auf einen Aspekt reduziert wird, dann fehlen viele andere Kriterien. Japan ist ja auch nicht nur aufgeräumt. Tokyo ist beispielsweise bunt, lebhaft und chaotisch.

Wo sehen Sie denn in Ihrer Gestaltung die Unordnung?

Meine Objekte sind klar gestaltet. Ich persönlich bin aber eher unordentlich. Wenn das Lebensumfeld chaotisch ist, sollte das einzelne Objekt einer Ordnung folgen. In manchen meiner Arbeiten versuche ich, diese beiden Gegenpole – Ordnung und Unordnung – zu vereinen. Etwa bei meiner Büromöbel-Kollektion „Flow Furniture“. Da Büros in Japan normalerweise streng gegliedert sind, für mein Verständnis zu durchorganisiert, habe ich mich an der Strukturierung und Möblierung von Gärten orientiert und so ein organisiertes Durcheinander geschaffen, das für eine wohnliche und ungezwungene Atmosphäre sorgt.

Neue Möbel-Typologie zu entwickeln und sich von den traditionellen und etablierten Vorbildern zu lösen ist eine schwere Aufgabe…

Viele Designer im Möbelbereich halten lieber am Gewohnten fest, orientieren sich an der Geschichte und bauen mit ihren Entwürfen darauf auf. Eine ganz neue Stuhlform zu etablieren, die bleibt und zum Klassiker wird, ist eine gewaltige Herausforderung. Denn wenn ich auf die Designgeschichte blicke, dann frage ich mich: Warum noch ein neuer Stuhl? Aber gerade diese Herausforderung macht Gestaltung interessant – ich versuche, mich dieser Aufgabe immer zu stellen.

Welche Möbeldesigngeschichte nehmen Sie als Maßstab: die japanische oder die europäische?

Ich glaube, da gibt es gar nicht so einen großen Unterschied. Japanische Stuhlkultur – okay, wir leben die meiste Zeit auf dem Boden. Es gibt also keinen wirklichen Bedarf an Stühlen: Wir benutzen eine Futonmatte oder einen Hocker. Ich schaue mir daher in erster Linie die europäischen Möbel an – vermutlich mit einem ziemlich neutralen Blick - und versuche, den Charakter des Stuhls zu erfassen. In den ersten fünf Jahren hatte ich übrigens nicht das Selbstvertrauen, einen Stuhl zu entwerfen. Ich konnte zwar einen Stuhl zeichnen oder bauen, aber eigentlich habe ich die physische und psychologische Funktion eines Stuhls nicht verstanden. Ich glaube, mein Verständnis der europäischen Stuhlkultur war einfach nicht gut genug. Ich hatte ein wenig Angst, ein so komplexes Produkt zu designen. Als ich dann anfing, Möbel zu entwerfen, war ich zunächst ziemlich selbstkritisch. Aber nach und nach bekam ich eine Vorstellung, was in Bezug auf einen Stuhl wichtig ist.

Was ist denn wichtig?

Das ist schwer in Worte zu fassen. Ein Stuhl ist ein dreidimensionales, physikalisches Objekt. Man muss ihn benutzen, anfassen, besitzen, darauf sitzen. Der direkte Kontakt zum Möbel, ein Teil von ihm zu werden, ist für mich wichtiger als eine Skizze oder eine Beschreibung. Deswegen versuche ich, während der Entwicklung immer ein Modell zu bauen, ein Komfortmodell zum Beispiel, das so nah wie möglich an meiner Vorstellung ist. Aber manchmal drückt erst das Endergebnis, das reale Objekte aus, was ich meine. Nicht immer kann ich die tatsächliche Sinnlichkeit eines Objektes vorher vermitteln. Ich muss meinen Stuhl mit dem Körper wahrnehmen. Der direkte Kontakt zum Objekt kann nie ersetzt werden.

Sie benutzen alle Sinne, wenn Sie sich mit Objekten auseinander setzen. Welche Bedeutung hat die Materialwahl in diesem Kontext?

Ich bin nicht sehr materialorientiert und stoße eher zufällig darauf. Meine Inspirationen finde ich im Alltag. Ich denke viel über die kleinen, alltäglichen Dinge nach. Dabei beobachte ich genau, sehr genau: mich selbst, andere und die Dinge um uns herum. Wenn ich etwas Interessantes finde, denke ich sofort über neue Einsatzgebiete nach. Ich habe immer einen ganzen Vorrat an Ideen. Mit den Beobachtungen geht es los, das Material kommt später dazu. Aber da ich weiß, wie wenig ich auf Materialien achte, zwinge ich mich manchmal, diese aufzuheben und zu analysieren – mit allen Sinnen.

Sie wohnen in London, einer Stadt mit vielen Facetten und vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Inwieweit beeinflusst das Leben in einer solchen Metropole Ihre Arbeit?

Die Vielfalt ist das Aufregende an einer so großen Metropole. London besteht eigentlich aus mehreren kleinen Städten, die von unterschiedlichen Kulturen und Nationen bewohnt werden. In einen anderen Stadtteil zu gehen, ist wie Verreisen. Für mich ist es interessant zu beobachten, welche Gemeinsamkeiten ich dabei finde. Da Unterschiede immer offensichtlich sind, versuche ich herauszufinden, was wir miteinander teilen. Wenn es mir gelingt, diesen Faktor zu identifizieren und in ein Produkt zu übersetzen – das ist fantastisch.

Ihr Barhocker "Lem" für „LaPalma“ verkauft sich auf der ganzen Welt. Wann ist ein Produkt für Sie erfolgreich?

Ich bemühe mich, dass sich meine Produkte nahtlos in jeden kulturellen Kontext fügen. Ich verfolge diesen Ansatz bei jedem Produkt, aber nicht jedes meiner Produkte wird auf diese Weise akzeptiert oder ist kommerziell so erfolgreich wie der Barstuhl. Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Gegenstand fortbesteht. Deswegen mache ich mir bei meinen Arbeiten viele Gedanken zur Funktionalität und Schönheit. Produktdesign ist ein Medium, und man sollte nicht nur den kurzen Moment sehen, in dem es gekauft wird, sondern die ganze Zeitleiste seiner Existenz betrachten, die vielleicht bis zur nächsten Generation reicht. Mein Traum ist es, dass meine Produkte Teil des alltäglichen Lebens werden. Daher interessiert mich die Dynamik der Massenproduktion. Weil sie sich jeder leisten kann. Und wenn es gut funktioniert, wird ein Produkt konsequent benutzt. Das Objekt überlebt vielleicht seinen Besitzer, und es wird an die Kinder und Enkel weitergegeben. Bei der Gestaltung von Alltagsgegenständen ist es deshalb essentiell bei gleicher Funktion die einfachste Lösung zu finden und mit minimalem Materialeinsatz zu arbeiten – und dadurch den Preis niedrig zu halten.

Das klingt sehr nach dem Ansatz von Dieter Rams ...

Stimmt, Dieter Rams ist einer meiner Helden. Ich habe ihn noch nicht getroffen, aber eines Tages werde ich ihn wohl mal  treffen und mit ihm sprechen. Vielleicht über Uhren, denn ich habe ein paar Braun-Uhren.

Sie scheinen Alltagsgegenstände zu lieben. Da liegt die Frage nahe, ob Sie etwas sammeln...

Ja, ich habe eine große Sammlung. Ich sammle Scheren. Mich interessiert ihr simpler Mechanismus – und dass es eigentlich nur einen kleine Nische für funktionale Verbesserungen gibt. Und trotzdem findet man so viele verschiedene Lösungen – es gibt Scheren, die von oben schneiden oder solche, die sich durch das Papier ziehen – barrierefreie Scheren sozusagen. Gerade erst habe ich eine verrückte Schere gefunden: Mit drei Schneideblättern, die man als Schredder benutzen kann. Scheren haben mit ihren Klingen und ihrer sozialen Bedeutung eine Art rührende Schönheit. Meine liebste Schere kommt übrigens aus Deutschland – und ich werde richtig wütend, wenn jemand sie einfach benutzt.

Immer wieder geht es Ihnen um Würde, Schönheit und Eleganz von Alltagsgegenständen – und immer weniger um Funktionalität...

Stimmt. Als ich anfing, als Designer zu arbeiten, ging es mir immer um die Funktionalität der Produkte. Ich werde ein bisschen älter und werde müde, wenn ich mir immer nur Gedanken über Funktionalität mache. Ich habe gerade in den letzten Tagen viel über Eleganz und Schönheit nachgedacht. Über diese beiden Aspekten würde ich gern noch viel mehr erforschen – und darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Was macht diese Begriffe aus? Das würde ich gerne beantworten.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Erste Annäherungen und Antworten auf diese Frage gibt Shin Azumi mit seiner Rauminstallation, die in der Ausstellung „Super Squat“ in der Zeit vom 19. bis zum 27. September 2009 parallel zur Designmesse „100% London“ zu sehen sein wird.
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