Inga Sempé: Mir gefällt die Abwechslung

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Text: Stephan Burkoff und Jeanette Kunsmann, 15.05.2018

Die Designerin Inga Sempé ist weit entfernt von Standesdünkel und eitlem Denken. In Mailand hat sie uns ihren neuen Stuhl für Mattiazzi erklärt und nebenbei auf entwaffnende Art ihre eigene Position in der Arbeitswelt und rund um die Emanzipation umrissen.

Was kannst du uns über deinen neuen Sessel für Mattiazzi erzählen? Die Aufgabe war, einen neuen Sessel zu entwickeln, der sich auch für den Contract-Bereich, also Restaurants und Wartezonen, eignet. Ich wollte einen Stuhl entwerfen, auf den man nicht einfach Kissen legt, um ihn bequemer zu machen. Seine Holzstruktur besteht aus einem mehrlagigen Rahmen, der von massiven Eschenbeinen getragen wird. Die Polsterung sollte Teil der Konstruktion sein und ist im Grunde mit dem Stuhl verwoben. Seine Armlehnen sind niedrig, damit man ihn gut unter den Tisch schieben kann. So ist er bequem und praktisch zugleich.

Was ist für dich gutes Design? Gutes Design entsteht für mich aus guter Funktionalität, gepaart mit Ästhetik und qualitätsvoller Produktion. Die beste Funktionalität und das beste Design bedeuten nichts ohne die entsprechende Expertise für eine effiziente Herstellung.

Was gefällt dir am Designberuf? Was mir gefällt, ist die Abwechslung. Heute arbeite ich an einem Stuhl, morgen an Keramikfliesen, dann an einer Leuchte oder ich entwerfe, wie kürzlich, die Medaille für den Paris-Marathon. Es ist toll, immer wieder neue Themen zu haben, über die man nachdenken kann. Ich reise auch gern und mir gefällt die Arbeit in anderen Ländern, wie Italien oder Skandinavien.

Bienvenue für Mattiazzi, Foto: © Mattiazzi

Was gefällt dir nicht daran? Ich hasse es, wenn mich Unternehmen für ein Design anfragen, weil sie meinen, sie bräuchten jetzt mal einen Entwurf von einer Frau. Entweder braucht man einen guten Designer oder eben nicht. Außerdem ist es immer schlecht, wenn man keinen direkten Kontakt zu den Entscheidern in einem Unternehmen hat. Ich finde es schrecklich, alles Mögliche in riesigen Verteilern zu diskutieren. Ich möchte möglichst direkt mit allen Ansprechpartnern kommunizieren können.

Das Gender-Thema ist ja gerade sehr virulent. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass es nicht so viele erfolgreiche Designerinnen und Architektinnen gibt? Zuallererst vielleicht, weil man glaubt, Frauen hätten keine Ahnung von Technik. Das ist natürlich Quatsch. Aber es dauert, bis solche Vorurteile verschwinden. Frauen werden eher damit beauftragt ein paar schöne Kissen zu entwerfen, als ein technisches Problem zu lösen. Außerdem dauert es einfach sehr lange, bis man es im Design so weit gebracht hat, dass man davon leben kann. Wenn man dann zwischendurch Kinder bekommen möchte, braucht es einen Mann, der wirklich mit einem teilt – also vor allem die damit verbundenen Aufgaben. Davon gibt es einfach nicht so viele. Es liegt natürlich auch an den Frauen, dass sie sich mit Männern zusammentun, die Sexisten sind. Es sind doch immer noch die Frauen, die das Essen kochen und den Tisch decken. Wenn ich zu einem Essen lade und nach dem Essen steht keiner der anwesenden Männer auf, um zu helfen, dann bleibe ich einfach auch sitzen.

Du machst keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Designern?
 Natürlich nicht! Ich habe die Nase voll von Journalisten, die anrufen, weil sie eine Geschichte über weibliche Designer machen wollen. Das ist das Allerletzte. Niemand würde doch ein Feature über farbige Designer machen, oder? Warum dann speziell über weibliche? Nein, ich finde, es sollte immer um das Design gehen. Ganz egal, welchem Geschlecht der Urheber angehört.

Es gibt heute einen gewissen gesellschaftlichen Druck, die Frauen besonders zu berücksichtigen. Aber dann passiert es auf eine sehr misogyne Art. Man hört Fragen wie, was sagst du als Frau zu diesem und jenem, du als Mutter, möchtest du nicht auch mal Kindermöbel entwerfen oder stimmt es, dass Frauen die sensibleren Designer mit mehr Gefühl für Farbe und Haptik sind? Jasper Morisson würde niemand so etwas fragen.

Deine Eltern sind die dänische Malerin Mette Ivers und der französische Grafiker Jean-Jacques Sempé. Was haben sie dir mitgegeben? Von meinem Vater ganz speziell, dass man sich nicht mit anderen vergleichen soll, erst recht nicht mit den großen Meistern seines Fachs. Wenn man immer nach den wirklich Erfolgreichen schaut, kann man nur scheitern. Deshalb lese ich keine Kritiken zu meiner Arbeit. Ich würde mich auch nie selber googeln. Dinge zu lesen, die Leute, die ich nicht kenne, über mich schreiben, ergibt für mich keinen Sinn. Ich finde es wichtig, nicht zu sehr auf die Meinung anderer zu achten. Natürlich ist das etwas anderes bei Menschen, die einem etwas bedeuten. Von meiner Mutter habe ich gelernt, dass man immer dranbleiben muss. Dass man die gleiche Zeichnung immer und immer wieder machen muss, bis sie besser wird.

Entwurfskizzen von Inga Sempé, hier: W103 für Wästberg
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Siehst du ein Comeback des Handwerks? Ich denke schon. Wenngleich ich auch denke, dass das weniger mit einem Interesse für das Handwerk zusammenhängt, als damit, dass bestimmte Käufer gern etwas sehr Besonderes haben wollen. Ohne sich dabei wirklich für die Herstellungstechniken zu interessieren. Es soll eben nicht von der Stange sein. Ich bin aber auch kein Spezialist für das Thema. Diese Diskussionen über Kunst, Design und Handwerk – ob es nun das eine oder andere ist, welches mehr wert ist und so weiter –  langweilen mich. Ich will einfach gute Objekte entwerfen, ganz egal, welche Techniken dabei zum Einsatz kommen und wie das Ergebnis aufgenommen wird. Auch diese ständigen Vergleiche zwischen Designern und Architekten: Ich finde das einfach lächerlich.

Du bist mit Ronan Bouroullec verheiratet. Sprecht ihr zuhause viel über die Arbeit? Es kommt darauf an. Manchmal ist man als Designer mit Problemen beschäftigt, die für andere einfach lächerlich oder schwer nachvollziehbar sind. Eine Schraube, kleine Dinge, die anderen unwichtig erscheinen, können für uns sehr wichtig sein. Da ist es schon gut, sich austauschen zu können. Aber diese Frage hättet ihr Ronan auch nie gestellt.

Doch!

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