Ingo Froböse

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Text: Cordula Vielhauer, 11.10.2010


Wir kennen ihn aus dem Frühstücksfernsehen und aus seiner Sendung „Sportschlau“: Ingo Froböse, Jahrgang 1957, aktiver Sportler und Professor für Sportmedizin, ist unter anderem Leiter des Zentrums für Gesundheit an der Sporthochschule in Köln. Seine Mission: uns sowohl die Wichtigkeit von als auch die Freude an Bewegung zu vermitteln. Neben der sportmedizinischen Forschung beschäftigt er sich intensiv mit Arbeitsplatzgesundheit und ergonomischen Aspekten bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen. So war er bei der Entwicklung des Stehsitzes Stitz und des Bürosessels On von Wilkhahn beteiligt. Wir besuchten ihn in Köln und sprachen mit ihm über Bierbänke, Mausarme, unterschätzte Fußsohlen und die Zukunft der Büroarbeit
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Herr Froböse, die fünf Stockwerke zu Ihrem Büro bin ich gerade mit dem Fahrstuhl gefahren. Ein Treppenhaus gab es gar nicht zur Auswahl. Wünschen Sie sich eine andere Architektur, gerade für Bildungs- und Arbeitsräume?

Auf jeden Fall! Ich verstehe nicht, dass man in vielen Bürogebäuden direkt auf den Fahrstuhl zuläuft und nicht auf das Treppenhaus. Die Treppenhäuser sind oft so dunkle, muffige, als reine Fluchtwege gestaltete Orte, der Fahrstuhl dagegen blitzt vor lauter Chrom. Die Architektur der klassischen Bürogebäude ist ein Problem, da muss eine ganz neue Typologie her. Deshalb würde ich mir die Arbeitssituation immer als Gesamtkonzept vorstellen: Bewegtes Arbeiten fängt schon beim Eingang an.
 
Meinen Sie mit dem bewegten Arbeiten das „bewegte Sitzen“, das heute als Erfolgsmodell im Büro gepriesen wird?

Sitzen allein ist nie verantwortlich für gesundheitliche Probleme, vielmehr ist es die gesamte Situation, die sich ein Mensch schafft, die ihn gesund oder eben krank macht. Ich glaube, man hat zuletzt viel zu stark auf das Sitzen fokussiert. Wir verhalten uns jedoch insgesamt viel zu inaktiv. Um gesund zu bleiben, sollte man eigentlich zehn- bis zwölftausend Schritte täglich gehen. Im Durchschnitt gehen wir aber nur vier- bis fünftausend Schritte am Tag. Daher müssen wir heute eine Situation schaffen, die eben nicht noch komfortabler ist. In der Vergangenheit hat man versucht, die Bewegung ins Büro über das Sitzen hineinzubringen. Aber das hat den großen Nachteil, dass es nur eine passive Bewegung ist, die durch den Stuhl ausgelöst wird. Man erhoffte sich dadurch eine reflektorische Gegenbewegung des menschlichen Organismus’. Aber das funktioniert nicht, weil diese Bewegung nur in ganz kleinen Dimensionen, in ganz kleinen Räumen und Bewegungsamplituden vollzogen wird.
 
Was ist denn mit den lange Zeit viel gepriesenen Sitzbällen?
 
Das ist das andere Extrem, hier wird plötzlich ein Trainingsgerät zum Möbelstück gemacht. Auf Dauer kann man auf einem Sitzball aber nur 20 bis 30 Minuten sitzen, dann sackt man in sich zusammen. Das ist also keine Alternative. Für mich ist das beste Sitzmöbel immer noch die Bierbank. Warum? Weil sie eben dazu anregt, sich zu bewegen, aufzustehen. Denn die große Gefahr bei Bürostühlen, die man in 35 verschiedenen Varianten einstellen kann, ist: Irgendwann wird man so komfortabel gestützt wie in einem Korsett. Alle Bewegungsimpulse werden unterbunden, weil alles so schön festgestellt ist.
 
Sie haben eine Studie gemacht zum Stehen und Sitzen. Was waren denn die Erkenntnisse daraus?
 
Wir haben für Wilkhahn den Stehsitz Stitz analysiert unter dem Aspekt: Wie wirken sich Veränderung und dynamische Reizsetzung auf den Organismus aus? Beim normalen Sitzen hat man nur am Gesäß eine Belastung. Beim „Stehsitzen“ kommt noch die Belastung der Fußsohle hinzu. Und diese Belastung unterhalb der Fußsohle ist eigentlich die natürliche Form der Belastung, weil dadurch der gesamte Körper einen Reiz erfährt. Und was haben wir festgestellt? Dass sich durch diese Reizsetzung unterhalb der Fußsohle das gesamte neuromuskuläre System, also das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, deutlich optimiert. Dieser Reiz kommt beim reinen Sitzen gar nicht vor. Den brauchen wir aber im Alltag, weil unser Gehirn ihn erwartet.
 
Hat das auch etwas damit zu tun, dass man beim Stehsitzen stärker die Balance halten muss?
 
Ja. Koordination, das neuromuskuläre Zusammenspiel, besteht aus zwei verschiedenen Parametern: Bewegungsgenauigkeit und Bewegungsschnelligkeit. Wenn man also ein Möbel entwickelt, mit dem man das „Innere“ des Menschen beeinflussen möchte, muss man an diesen beiden Schrauben drehen. Das tut der Stitz, indem er plötzlich eine Gegenbewegung von mir verlangt, eine schnelle Reaktion, die ich präzise ausführen muss. Denn wenn ich überschießend reagiere – zu kurz oder zu weit –, erhalte ich ein Ungleichgewicht. Das möchte der Körper nicht. Ich darf ihn jedoch auch nicht in ein stabiles Gleichgewicht bringen, da dies den Körper zur Bewegungsstarre verleitet. Das wäre zwar eine Balance, sie lässt aber die Muskeln und alles andere verkümmern. Der Organismus verkümmert ja sofort sehr stark, wenn man nicht aktiv ist. Muskeln verlieren 35 Prozent ihrer Kraft bei nur sieben Tagen Inaktivität. Unser Grundproblem ist heute, dass die Menschen viel zu wenig Muskulatur haben. Das liegt an den fehlenden Herausforderungen im Alltag, gerade auch im Beruf. Das kann das Sitzen aber eben allein nicht alles wettmachen.

Was wäre die Lösung?

Ich würde mir innerhalb eines Büros nicht nur bewegtes Sitzen wünschen, sondern eine Gesamtlösung, die mich zur aktiven Bewegung anregt: Darin wäre eben nicht alles so um mich herum gruppiert, dass ich mich mit einem rollenden Stuhl zum Fax oder zum Drucker bewege, sondern dass ich aufstehen muss. Das heißt, dass ich beispielsweise beim Telefonieren stehe oder dass ich ins Nachbarbüro gehe und mit meinem Kollegen direkt spreche, anstatt eine Mail zu schreiben. Das ist auch für das soziale Klima vorteilhaft, welches die Gesundheit ebenfalls enorm beeinflusst.
 
Es gibt aber auch Bewegungen, die dem Körper schaden: Der schmerzhafte „Mausarm“ oder auch das RSI-Syndrom (Repetitive Strain Injury) rührt ja von Mini-Bewegungen, die dem Körper schaden. Was passiert da genau?
 
Schmerzen entstehen ja immer im Gehirn, nie an der Stelle, wo man sie fühlt. Das Gehirn entscheidet darüber, ob man Schmerzen empfindet oder nicht. Setze ich ein Körperteil wiederholt einem Reiz aus, spricht man von der sogenannten Schadenssummationshypothese – wie in der Industrie: Immer wiederkehrende, gleichförmige Reize führen dazu, dass die Regeneration einer Struktur nicht mehr ausreichend möglich ist. Das führt zu einer chemischen Veränderung, bei der beispielsweise ein Gebiet unterversorgt ist. Im Bereich des Mausarms haben wir Entzündungen im Bereich des Sehnenansatzes, weil die Sehne immer wieder gereizt wird und nicht mehr die Möglichkeit hat, sich zu erholen. Das heißt, es gibt eine biochemische Veränderung, die der Körper mit einer Entzündung heilen will. Dann schickt der Körper ein Signal nach oben ins Gehirn: „So, Gehirn, jetzt müssen wir was tun! Entscheid dich mal, sollen wir nicht Schmerzen produzieren, damit sich der Mensch endlich mal anders verhält?“

Was kann man tun?
 
Man muss auf sich achten. Ich würde mir wünschen, dass wir körperliche Beschwerden nicht negieren. Wir fokussieren gerade am Arbeitsplatz unsere Aufmerksamkeit nur auf unsere Aufgaben. Im schlimmsten Fall stieren wir auf den Monitor und merken gar nicht, dass wir den Körper völlig unterversorgen. Bei der üblichen vorgebeugten Sitzhaltung schafft man es gerade noch, den oberen Teil der Wirbelsäule mit Sauerstoff zu versorgen, aber unten liegt alles im Koma. Wer auf seine Körpersignale achtet, erreicht schon viel. Rituale helfen dabei: sich in regelmäßigen Abständen zu recken und zu strecken. Hinterher arbeitet man viel effizienter. Also: Beachtung des Organismus, Beachtung von Veränderung, Beachtung von körpereigenen Signalen. Der Körper spricht ja ständig mit uns, wir müssen ihm nur zuhören. Das ist zwar zunächst eine Fremdsprache, man kann sie aber lernen, indem man genau hinhört: „Was will er jetzt?“

Welche Rolle spielt Stress bei der Arbeit?
 
Stress verstärkt Symptome, insbesondere, wenn es negativer Stress ist. Es kommt zu hormonellen Kaskaden innerhalb des Organismus’, die sich in den geschwächten Strukturen niederschlagen. Das Tückische ist eben, dass hier die geschwächten Bereiche noch mehr geschwächt werden: Bei Bildschirmarbeitern ist das oft der Schulter-Nacken-Bereich, bei Managern sind es meist Herzprobleme. Die geschwächten Bereiche können Stress am schlechtesten kompensieren. Daher sollte man sich verschiedene Strategien angewöhnen. Vor schwierigen Gesprächen hilft es, zunächst tief durchzuatmen. Die Atmung entspannt uns. Wichtig ist auch, dass man aus dem „Hamsterrad“ ausbricht. Man sollte sich immer wieder Freiräume schaffen - ganz konsequent. Jeder Mensch braucht Muße, und die muss gefüllt sein mit Nichtstun. Für den Organismus gibt es nichts Besseres als so eine Mußestunde. Es gibt eine schöne Geschichte von Loriot, bei der die Frau immer fragt: „Was machst du denn?“ Und der Mann sagt: „Nichts.“ Darin ist das sehr schön auf den Punkt gebracht. Der Organismus lebt von zwei Polen: Anspannung und Entspannung. Beide braucht er  gleichermaßen. Gefährlich ist bei der Büroarbeit oft die Kombination von gleichzeitiger körperlicher Bewegungslosigkeit kombiniert mit starker Anspannung, also Stress beispielsweise bei Termindruck. Das durch den Stress produzierte Hormon Adrenalin wird eigentlich ausgeschüttet, um uns zur Flucht, buchstäblich zum Wegrennen vor Feinden zu motivieren. Da wir uns aber nicht bewegen, wird es nicht abgebaut.
 
Was wünschen Sie sich von den Bürogestaltern oder auch Herstellern, die in wenigen Wochen zur Orgatec zusammenkommen?
 
Ich wünsche mir Arbeitssituationen, die mehr unseren biologischen Bedingungen angepasst sind. Wir sind nun mal natürliche Wesen. Wenn es die Umwelt draußen nicht schafft, dieser Natur zu entsprechen, würde ich mir wünschen, dass die Arbeitssituation dieser Natürlichkeit in irgendeiner Weise entspricht. Was bedeutet das? Dass ich Zonen der Anspannung und der Entspannung schaffe. Dass ich mir Gedanken mache, wie ich Bewegung innerhalb der Arbeitssituation fördern kann. Bewegung ist keine Belastung, sondern eine Grundvoraussetzung zum Überleben! Arbeitgeber und Arbeitsplatzgestalter müssen sich klar werden darüber, dass man Bewegung integrieren muss, damit die Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Und gerade vor dem Aspekt des demographischen Wandels sehe ich noch kein Konzept der Büromöbelindustrie oder der Architekten, das unseren veränderten gesellschaftlichen Bedürfnissen – denen der Jüngeren und der Älteren – Rechnung trägt. Es gibt kein Mehrgenerationen-Büro. Jede Generation hat aber unterschiedliche Ansprüche. Ich würde mir wünschen, dass man solch ein Konzept enwickelt.
 
Kennen Sie dafür ein Beispiel?
 
An einer Universität in Dänemark habe ich erlebt, dass Vieles davon schon realisiert wird. Dort werden im Arbeitsleben auch soziale Kontakte und Kommunikation gefördert. Gesundheit hat schließlich sehr viel mit sozialen Kontakten zu tun. Man sollte sie nicht als störend brandmarken. Wir müssen weg vom rein funktionalen, hin zu einem die Natürlichkeit des Menschen berücksichtigenden Leben und Arbeiten. Funktionalität ist schön, aber sie muss sich unserer Natur anpassen. Unsere Biologie muss zum Maßstab für Gestaltung werden, denn unsere Biologie können wir nicht verändern – auch nicht durch Design.
 
Herr Professor Froböse, vielen Dank für das Gespräch.

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

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