Intellektueller Provokateur: Michele De Lucchi

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Text: Katharina Horstmann, 22.03.2018

Partner: Artemide

Michele De Lucchi ist als einer der Mitbegründer der einstigen Avantgardebewegung Memphis eine etablierte Größe in der Designwelt. Seine Entwürfe nehmen den Menschen als Ausgangspunkt und folgen dem Wunsch, dessen Leben zu vereinfachen. Anlässlich der Erfolgsgeschichte seiner Leuchte Tolomeo sprachen wir mit dem italienischen Architekten über das Geheimnis ihrer Anziehungskraft, die Jagd nach Inspiration und den Sinn von intellektueller Provokation.

Michele De Lucchi, seit 30 Jahren zählt die Tolomeo zu den meistverkauften Leuchten weltweit. Wie kam es zu dem Entwurf? Die Tolomeo ist aus dem Wunsch heraus entstanden, eine Leuchte für meinen Zeichentisch zu entwerfen, an dem ich damals noch viele Stunden am Tag verbrachte. Ich besaß eine Naska Loris, eine wunderschöne Armleuchte mit externer Sprungfeder, an der an sich nichts auszusetzen war: außer dass sie nicht mein eigener Entwurf ist.

Worin unterscheidet sich die Tolomeo von anderen Leuchten? Eine Leuchte mit Arm zu entwickeln, ist die größte Herausforderung, die es in der Leuchtenwelt gibt. Man muss den Leuchtenschirm mit nur einer Hand überall hinbewegen können, und er muss dort auch ohne weitere Anstrengungen bleiben. Mit der Tolomeo habe ich eine Leuchte entworfen, die im Prinzip das System der Naska Loris übernimmt, die Sprungfeder jedoch im Inneren versteckt und deren Spannung über ein sehr dünnes Kabel aufrechterhält. Diese Technik ist vom Fischfang inspiriert – davon, wie die Fischer über ein Seil das Netz nach oben und unten manövrieren. Eine weitere Besonderheit ist die Form des Leuchtenkopfes, die einem umgestürzten kegelförmigen Töpfchen ähnelt. Der Sockel sitzt seitlich am Schirm. Ein ebenso dynamisches wie funktionales Detail, da die Wärme der Glühbirne auf diese Weise ganz einfach über ein Loch im oberen Teil des Leuchtenkopfes austreten kann.

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Im Laufe der Jahre ist aus einer Tischleuchte eine große Leuchtenfamilie hervorgegangen. Worin liegt der Erfolg der Tolomeo? Ich denke, die Tolomeo steht für eine technische Einfachheit, die heute mehr denn je notwendig ist. Sie vereint Technik mit Genügsamkeit und wirkt dabei sehr vertraut. Das hat etwas Beruhigendes. Zudem ist sie nicht nur für eine Funktion bestimmt, sondern eignet sich für überall: zuhause wie im Büro, im Wohnzimmer wie in der Küche.

Als die Tolomeo entstand, waren Sie Mitglied der Bewegung Memphis, der auch der Artemide-Gründer Ernesto Gismondi angehörte. Inwieweit wurde Ihre gestalterische Entwicklung davon geprägt? Nach meinem Architekturdiplom in Florenz bin ich nach Mailand gegangen, um für Ettore Sottsass zu arbeiten. Ettore stellte mich Olivetti vor, dem bekannten italienischen Unternehmen für mechanische Maschinen, Schreibmaschinen und später Elektronik, dessen Chefdesigner ich letztendlich wurde. Darüber hinaus lud er mich ein, bei Memphis mitzumachen. Ich war damals 30 Jahre alt und hatte zwei Perspektiven innerhalb meiner Profession. Auf der einen Seite stand eine sehr industrielle Tätigkeit. Auf der anderen Seite gab es mit Memphis diesen künstlerischen, kulturellen, avantgardistischen Ansatz, mit dem wir die Rolle des Designers und Architekten in der Gesellschaft hinterfragten. Ist er ein Techniker, ein Ingenieur, der Objekten eine gute Form verleiht? Oder ist er jemand, der mehr auf den Lebensraum und die Lebensqualität der Menschen achtet? Es war ein anthropologischer Ansatz.

Wie hat sich die Rolle des Gestalters seitdem verändert? Mit Sicherheit haben Architekten und Designer heute eine größere soziale Verantwortung. Das liegt daran, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Sie wird heute sehr vom Markt bestimmt. So ist es auch der Markt, der den Wert eines Objektes festlegt, und es findet viel Manipulation statt. Andererseits gibt es viele Möglichkeiten, den Dingen tatsächlichen Wert zu verleihen – mithilfe unserer Vorstellungskraft. Das Wichtigste beim Entwerfen von Objekten ist, ihnen einen abstrakten Wert zu geben und nicht nur einen praktischen. Eine Art Sinn, eine Daseins­berechtigung.

Seit ein paar Jahren gibt es eine Art Memphis-Revival. Wie bewerten Sie diese Tendenz? In den Achtzigerjahren haben wir mit Memphis zum ersten Mal eine Verbindung zwischen Design und Mode geschaffen. Mode und Design folgen eigentlich sehr unterschiedlichen Regeln. Mode ändert sich fortwährend – praktisch alle sechs Monate –, während Design von Menschen geschaffen wird, die an die Unendlichkeit denken. Mode spiegelt außerdem sehr die Epoche wider, aus der sie stammt, zitiert dabei jedoch gerne die Vergangenheit. Seit Memphis nutzt auch das Design dieses Stilmittel. Heute ist Memphis wieder in Mode, nächstes Jahr vielleicht nicht mehr, in fünf Jahren redet keiner mehr davon, und in sechs Jahren ist es dann wieder in aller Munde (schmunzelt).

Memphis hat die Designwelt radikal verändert. Brauchen wir auch heute noch radikales Design? Ja. Wir werden immer radikales Design brauchen. Den Status quo infrage zu stellen, ist eine starke Triebfeder der Innovation. Wenn wir die Dinge nicht diskutieren, können wir keine Fortschritte machen. Intellektuelle Provokation ist deshalb sehr weise, und die Gelehrten von heute sind im Grunde Provokateure. Radikales Design und radikale Architektur öffnen uns die Augen.

Verstehen Sie sich eher als Architekt oder als Designer? Wenn man Gebäude entwirft, dann gestaltet man den Lebensort der Menschen. Design ist ein Teil davon. Wenn Studierende mich also fragen, ob sie lieber den Schwerpunkt auf Architektur oder Design legen sollen, dann sage ich: „Architektur“. Denn sie vermittelt eine umfassendere Vision der Dinge.

Neben Ihrer Tätigkeit als Designer und Architekt sind Sie auch künstlerisch tätig. Worin besteht für Sie das verbindende Element zwischen den Disziplinen? Ich entwerfe Objekte. Auch meine architektonischen Entwürfe sind eigentlich Objekte, ebenso wie meine Kunstwerke oder meine Leuchten. Die Herausforderung besteht darin, Objekte zu schaffen, die eine Anziehungskraft besitzen, eine gemeinsame Stärke. In meiner Arbeit ergänzen sich Kunst, Design, Architektur, Interieur, Fotografie, Film und Literatur – als Objekte im digitalen Zeitalter.

Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben? Die Idee hinter vielen Entwürfen ist, die einfachen Dinge noch einfacher zu machen. Oft erscheint das Leben eigentlich schon bequem, und dennoch kann man wichtige Elemente optimieren. Das ist sehr stimulierend. Für Architekten und Designer kann es jedoch auch zum Problem werden, Inspiration zu finden. Mir hilft da die Kunst. Sie lässt mich Dinge sehen, für die ich sonst blind wäre. Heutzutage ist die Rolle der Kunst, weniger zu repräsentieren, als vielmehr zu entdecken. Künstler, vor allem experimentelle, sind eigentlich Jäger. Sie gehen auf die Jagd nach Dingen, die übersehen werden. Kunst entsteht auch oft, weil man noch nicht wirklich weiß, was man erschaffen möchte. Wenn man arbeitet, ohne eine exakte Vorstellung zu haben, Stück für Stück, Gedanke für Gedanke, dann muss man mit den Händen arbeiten. Wenn man hingegen mit 3D-Druck arbeiten möchte, braucht man eine ganz präzise Vorstellung, eigentlich einen fertigen Entwurf. Das mache ich erst, wenn ich schon genau weiß, was ich tun möchte. Das passiert aber eher selten (lacht).

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